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Opfer von Andrei Tarkowski ist einer der imposantesten Filme in der europäischen Filmgeschichte: weil er intelligent und dringend zugleich ist.

Der schwedische Schauspieler Erland Josephson spielt im Film von Andrei Tarkowski die Rolle von Alexander.
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Bild: Der schwedische Schauspieler Erland Josephson spielt im Film von Andrei Tarkowski die Rolle von Alexander. / Gorup de Besanez (CC BY-SA 4.0 cropped)

18. September 2020

18. 09. 2020

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Seit er sich aus seinem Beruf der Schauspielerei zurückzog, lebt Alexander (Erland Josephson) mit seiner Familie abgeschieden auf einer skandinavischen Insel. Besonders schöne Stunden verlebt er mit seinem Sohn, dem er viele Geschichten erzählt und mit dem er eine Leidenschaft für japanische Kultur teilt, weswegen er am Morgen seines eigenen Geburtstages einen toten Baum pflanzt, um den sich die beiden nun jeden Tag kümmern. Auf dem Weg nach Hause erhält Alexander ein Telegramm durch den Postboten und guten Freund Otto (Allan Edwall), mit dem er eine eher unerquickliche Unterhaltung über die Philosophie Nietzsches hat.

Daheim laufen derweil die Vorbereitungen für das Abendessen und die ersten Gäste treffen ein, die Alexander zu seinem Ehrentag herzlich gratulieren. Insbesondere Ottos Geschenk, eine alte Karte Europas, sorgt für grosse Begeisterung bei Alexander und seinen Gästen, jedoch versetzt der ohrenbetäubende Lärm einiger Düsenjets sowie eine Fernsehmeldung alle Anwesenden in grosse Angst, denn es ist von einem grossen Krieg die Rede, der jeden Moment ausbricht. In seiner Verzweiflung betet Alexander schliesslich zu Gott und schwört, alles, was ihm lieb ist, zu opfern, sofern Gott diese Katastrophe abwendet.

Glaube und Hoffnung

Dieser letzte Film des sowjetischen Regisseurs Andrej Tarkowskij widmete er, wie der Abspann verrät, seinem Sohn „mit Hoffnung und Vertrauen“ vielleicht auf eine bessere Welt, in welcher die Realitäten des Kalten Krieges keine Rolle mehr spielen würden. Als dann wenige Wochen nach der Premiere des Films das Reaktorunglück von Tschernobyl passierte, sah der Regisseur seine grössten Ängste bestätigt, die ihn auch während der Arbeit am Film antrieben. Diese Befürchtungen und vorsichtigen Hoffnungen bilden das Fundament eines Films, den der Regisseur selbst als eine „poetische Parabel“ beschrieb auf den Glauben und die Opferbereitschaft der Menschen in Zeiten grösster Verzweiflung.

Wie bei so vielen Filmen wirkt jedes Bild in Tarkowskijs Werk aufgeladen, reich an Bedeutung und unterschiedlichen Deutungsebenen, weshalb es auch im Falle von Opfer viele verschiedene psychologische Interpretationsansätze gibt. Bereits die Geste des Einpflanzens des toten Baumes umfasst die Leitgedanken dieses Films, des Todes und des neuen Lebens. Passend dazu übernehmen Vater und Sohn Verantwortung für diesen Baum, eine Aufgabe, die aber, wie wir später sehen werden, vor allem dem Sohn, liebevoll stets „Jungchen“ genannt zufällt. Dieses symbolische Erbe wird an den Sohn übergeben, womit sich für seinen Vater ein Kreislauf schliesst, der scheinbar in diese Tatsache Trost findet im Angesicht des Todes, der für uns alles unausweichlich ist.

Hierbei verbindet Tarkowskij die Bilderwelten des Glaubens mit sehr philosophischen Betrachtungen, die in gewisser Weise im Kontext der Entstehungszeit auch zu verstehen sind. So fragt sich Alexander beispielsweise, ob der Mensch auf spiritueller Ebene mit dem durch ihn herbeigeführten technologischen Fortschritt mithalten kann und was es über uns aussagt, wenn wir jeden dieser Fortschritte dazu verwenden, einander in Angst zu versetzen oder gar umzubringen. Vor dem Hintergrund der bereits erwähnten Ereignisse des Jahres 1986 wirken solche Sätze beinahe prophetisch.

Das grosse Opfer

Mit Bezug auf das Konzept des Opfers, insbesondere im Christentum, steht der von Erland Josephson gespielte Alexander im Zentrum des Films. Sein Leben wird als erfüllt dargestellt, als intellektuell bereichernd und liebevoll, was das Ausmass seines Opfers, welches er zu bringen bereit ist, deutlich macht. Doch liegt dies in der Natur des Lebens, egal, ob man nun glaubt oder nicht, wie Alexander es tut, denn „jedes Geschenk zieht ein Opfer nach sich“, wie Otto an einer Stelle bemerkt. So beweist sich der Mensch in jenem Moment des Opferns, nicht wegen des Verlustes, sondern durch die Hoffnung, mit dieser Geste einen besseren Ausgang, eine bessere Zukunft erreicht zu haben.

Besonders eindrucksvoll sind neben dem gedanken- und anspielungsreichen Drehbuch Tarkowskis seine Zusammenarbeit mit Sven Nykvist, der bei vielen Filmen des grossen Ingmar Bergman als Kameramann mitwirkte. In langen Kamerafahrten, unterlegt mit musikalischen Themen Johann Sebastian Bachs, fängt er das Leben dieser Menschen ein, deren Zurückgezogenheit, aber auch die Dimension dieser Erzählung um Leid, Tod, Hoffnung und vor allem auf das Leben.

Rouven Linnarz
film-rezensionen.de

Opfer

Schweden

1986

-

149 min.



Regie: Andrei Tarkowski

Drehbuch: Andrei Tarkowski

Darsteller: Erland Josephson, Susan Fleetwood, Allan Edwall, Gudrun Gisladotir

Produktion: Katinka Farago

Musik: schwedische und japanische Volksmusik

Kamera: Sven Nykvist

Schnitt: Andrei Tarkowski, Michal Leszczylowski

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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