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Rezension zum Film von Jan Ole Gerster Oh Boy

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«Oh Boy» erzählt mit stimmungsvollen Schwarzweissbildern die unspektakuläre Geschichte eines jungen Mannes, der auf seiner Sinnsuche durch Berlin streift und den verschiedensten Menschen begegnet. Das ist aufgrund der oft absurden Ereignisse witzig und melancholisch zugleich, aber vor allem eins: sehr sehenswert.

Der deutsche Filmschauspieler Tom Schilling verkörpert in dem Film den ziellosen Berliner ExStudenten Niko.
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Bild: Der deutsche Filmschauspieler Tom Schilling verkörpert in dem Film den ziellosen Berliner Ex-Studenten Niko. / www.GlynLowe.com (CC BY 2.0 cropped)

3. November 2016

03. 11. 2016

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4 min.

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„Kennst du das, wenn man so das Gefühl hat, dass die Menschen um einen herum irgendwie merkwürdig sind. Aber wenn du ein bisschen länger darüber nachdenkst, dann wird dir irgendwie klar, dass vielleicht nicht die anderen, sondern man selbst das Problem ist.“

Ein bisschen erinnert das an den Witz mit dem Geisterfahrer, bei dem sich ein Mann wundert, wieso ihm denn so viele andere Autos entgegenkommen. Das Besondere an Oh Boy ist jedoch, dass man am Ende der 83-minütigen Irrfahrt von Niko Fischer (Tom Schilling) immer noch nicht so recht weiss, auf welcher Spur man da eigentlich gerade gefahren ist.

Zunächst sieht die Schuldfrage noch recht eindeutig aus: Niko mag zwar intelligent sein, aber auch ein hoffnungsloser Träumer. Jemand, der lieber über die Welt nachdenkt, als sie auch mal in Angriff zu nehmen. Ob Trompete oder Fechten, Capoeira oder Klavier – der Endzwanziger hat in seinem Leben alles schon einmal angefangen, um es dann wieder abzubrechen. Insofern ist es dann fast schon konsequent, dass auch sein Studium ein vorzeitiges Ende nehmen musste – natürlich, ohne den Vater (Ulrich Noethen) zu informieren, der seinem Sohn treudoof auch weiterhin jeden Monat Geld überwies. Zwei Jahre lang.

Einfach in den Tag hineinleben, ein bisschen vor sich hinphilosophieren und das alles auf Papas Kosten – sicher nicht das schlechteste Leben. Umso grösser der Schock, als das finanzierte Nichtstun auffliegt und der Vater kurzerhand den Geldhahn zudreht. Zu allem Überfluss verlässt ihn auch noch seine Freundin. Um dieser etwas unsanften Konfrontation mit der Realität zu entfliehen, streift der Berliner mal alleine, mal mit seinem schauspielernden Freund Matze (Marc Hosemann) durch die Stadt und begegnet dabei den unterschiedlichsten Menschen, die auf den zweiten Blick sehr viel merkwürdiger sind, als sie nach aussen hin wirken. Eine von ihnen ist Julika (Friederike Kempter), die Niko zufällig wiedertrifft und die offensichtlich die gemeinsame Schulzeit nicht ganz unbeschadet überstanden hat.

Ein Mann, der durch die Stadt streift und dabei den verschiedensten Menschen begegnet – nein, ein roter Faden ist da eher nicht zu erwarten. Oder eine richtige Handlung. Ja, bis auf Matze und Julika wechseln selbst die Begegnungen ständig. Oh Boy ähnelt damit mehr einem Episodenfilm und ging damit das für dieses Genre typische Risiko ein, unzusammenhängend zu wirken, beliebig, langweilig. Umso erfreulicher, dass das Kinodebüt von Regisseur und Drehbuchautor Jan Ole Gerster eben das nicht wurde, sondern im Gegenteil sogar richtig gut.

Die einzelnen Episoden mögen für sich genommen nicht spektakulär ein, fangen aber gut ein, was es heisst, seinen Platz in der Welt noch nicht gefunden zu haben und dass hinter einer mutmasslichen Ordnung oft das Chaos herrscht. Das ist oftmals sogar überraschend lustig, etwa wenn Gerster die Absurdität eigentlich alltäglicher Situationen aufzeigt oder Niko in einem besonders schönen Running Gag den Film über vergeblich nach einem Kaffee suchen lässt. Gleichzeitig herrscht immer eine melancholisch-verträumte Stimmung, was sicher auch an den grobkörnigen Schwarzweissbildern und der verspielten Jazzmusik liegt. Das wirkt noch nicht einmal altmodisch, eher zeitlos. Als wäre Niko aus der Zeit gefallen.

Niko ist es dann auch, der als Klammer die einzelnen Geschichten zusammenhält. Gerade hier erweist sich Hauptdarsteller Tom Schilling als absoluter Glücksgriff, der mit grossen Augen, sanfter Stimme und gelegentlichem Sarkasmus durch eine Welt schlurft, die er nicht versteht. Die man vielleicht aber auch nicht wirklich verstehen kann. Schilling erhielt für diese Rolle kürzlich den Deutschen Filmpreis, eine von sechs Auszeichnungen, die Oh Boy dort abräumte. Der beste deutsche Film zu sein – so wird gerne gespottet – sei der sprichwörtliche Einäugige unter den Blinden. Wer sich von diesem Vorurteil aber nicht abhalten lässt, wird hier schnell sehen, dass es auch jenseits von Kokowääh, Die Schlussmacher und Konsorten eine (Film-)Welt zu entdecken gibt. Eine Welt, die man zwar nicht immer erklären kann, die man dafür aber auch so bald nicht wieder verlassen mag.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Oh Boy

Deutschland

2012

-

83 min.



Regie: Jan-Ole Gerster

Drehbuch: Jan-Ole Gerster

Darsteller: Tom Schilling, Katharina Schüttler, Marc Hosemann, Friederike Kempter

Produktion: Marcos Kantis, Alexander Wadouh

Musik: The Major Minors und Cherilyn MacNeil

Kamera: Philipp Kirsamer

Schnitt: Anja Siemens

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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