UB-LogoOnline MagazinUntergrund-Blättle

Murer – Anatomie eines Prozesses | Untergrund-Blättle

5118

kultur

ub_article

Kultur

Ein Massenmörder ohne Zweifel Murer – Anatomie eines Prozesses

Kultur

„Murer – Anatomie eines Prozesses“ rekonstruiert den Prozess an einem österreichischen NSDAP-Mann, der für den Tod Tausender Juden in Litauen verantwortlich war – und dennoch frei herumlief. Das ist nicht sonderlich subtil, aber doch ungewöhnlich inszeniert und vor allem effektiv darin, Empörung im Publikum zu wecken.

Der österreichische Schauspieler Karl Markovics (hier an der der Viennale 2013) spielt im Film «Murer – Anatomie eines Prozesses» den HolocaustÜberlebenden Simon Wiesenthal.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Der österreichische Schauspieler Karl Markovics (hier an der der Viennale 2013) spielt im Film «Murer – Anatomie eines Prozesses» den Holocaust-Überlebenden Simon Wiesenthal. / Manfred Werner - Tsui (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

10. Januar 2019

10. 01. 2019

0
0

4 min.

Korrektur
Drucken
Viele Jahre sind seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen, die Menschen sind längst zur Tagesordnung übergegangen. Da erfährt der Holocaust-Überlebende Simon Wiesenthal (Karl Markovics), dass Franz Murer (Karl Fischer), der zwischen 1941 und 1943 viele Verbrechen an den Juden in Litauen begangen hat, noch immer frei ist. Zwar wurde er seinerzeit von einem russischen Gericht verurteilt, doch Murer musste nur einen Teil seiner Strafe absitzen – trotz einer anderslautenden Vereinbarung zwischen Russland und Österreich. Zwanzig Jahre nach seinen Gräueltaten wird ihm auch durch internationalen Druck doch noch der Prozess in seiner Heimat gemacht. Dutzende von Zeugen werden eingeflogen aus aller Welt, Opfer und Befürworter des vermeintlichen Verbrechers stehen sich vor den Augen aller im Gerichtssaal gegenüber.

Mehr als sieben Jahrzehnte ist es inzwischen her, dass der Schreckensherrschaft der Nazis ein Ende gesetzt wurde. Doch noch immer beschäftigt die Zeit Filmemacher aus aller Welt, sei es in Form von Kriegsfilmen, persönlichen Dramen oder auch Dokumentarfilmen, welche einzelne Aspekte beleuchten. So erschienen dieses Jahr gleich zwei österreichische Werke, welche sich mit der schwierigen, unbequemen Aufarbeitung eigener vergangener Verbrechen beschäftigte. Erst nahm sich die Dokumentation Waldheims Walzer den ehemaligen österreichischen UN-Generalsekretär und Bundespräsidenten Kurt Waldheim zur Brust, der seine NS-Vergangenheit leugnete. Nun folgt der Spielfilm Murer – Anatomie eines Prozesses, der ebenfalls von einem Österreicher erzählt, der im Nachhinein von allem nichts gewusst haben will.

Ein Massenmörder ohne Zweifel

Das war im Fall Murer besonders bitter: Der auch als „Schlächter von Vilnius“ bekannte Österreicher soll massgeblich daran beteiligt gewesen sein, dass in der litauischen Hauptstadt die Zahl der Juden von 80.000 auf nur noch 600 sank. Die Verbrechen selbst werden dabei nicht gezeigt, der Film spielt – wie der Titel bereits verrät – ausschliesslich während des Prozesses, der ihm 1963 gemacht wurde. Dass er schuldig ist, daran lässt Murer – Anatomie eines Prozesses jedoch keinen echten Zweifel. Zu eindeutig legt der Film anfangs fest, wer hier gut, wer böse ist. Murer muss gar nicht viel sagen oder tun, um in ihm das Monster zu sehen, als das er geschildert wird.

Stattdessen appelliert Regisseur und Drehbuchautor Christian Frosch an die Wut des Publikums, an dessen Empörung. Wie kann es sein, dass jemand, der so offensichtlich schuldig ist, frei herumlaufen darf? Die Antwort des Filmemachers ist nicht minder schrecklich: Er zeichnet das Bild eines Landes, das nicht nur viele Jahre nach dem Dritten Reich noch immer braunes Gedankengut in sich herumträgt, geradezu stolz, sich vor der eigenen Verantwortung drückt, sich sogar als reines Opfer der Deutschen positionieren will. Und als Opfer von internationalen Verschwörungen, die gemeinsam mit dreisten Lügen unbescholtenen Bürgern das Leben zur Hölle machen.

Verbindungen bis in die Gegenwart

Man braucht da nicht sonderlich viel Transferleistung, um dabei an neuerliche, bedenkliche Entwicklungen zu denken. Es mögen mehr als 50 Jahre seit dem Prozess vergangen sein, das Thema selbst bleibt aktuell, die Mechanismen funktionieren heute wie damals – inklusive eines Verweises auf die Lügenpresse. Die Aufarbeitung durch Frosch ist sicher nicht sonderlich oder um Differenziertheit bemüht, wirkungsvoll und spannend ist sie aber ohne Zweifel. Die Vielzahl an Zeugen und Beteiligten, mehrere Dutzend Figuren mischen hier mit, verschmelzen zu einem ausführlichen Mosaik des Grauens, wenn immer neue Details ans Tageslicht gelangen.

Und auch optisch tut Frosch eine ganze Menge dafür, dass der Film trotz einer Laufzeit von fast 140 Minuten und eines bekannten Ausganges nicht langweilig wird. Immer wieder kommen ungewöhnliche Perspektiven zum Einsatz, gerade zu Beginn auch viele Schnitte. So viele, dass einem schon mal etwas schwindlig werden kann, während man versucht, den Überblick über das Geschehen und die vielen Figuren zu behalten. Nach und nach werden aus den vielen Stimmen aber wenige, wird aus den Momentaufnahmen eine gesellschaftliche wie persönliche Aufarbeitung, die dem Thema zwar nichts Neues beizutragen hat, aber doch an dessen Wichtigkeit erinnert. Denn da sind noch mehr Schlächter da draussen, gekleidet in volksnaher Unschuld. Ihnen wird nur nicht immer der Prozess gemacht.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Murer – Anatomie eines Prozesses

Österreich 2018 - 137 min.

Regie: Christian Frosch
Drehbuch: Christian Frosch
Darsteller: Karl Fischer, Karl Markovics, Alexander E. Fennon
Produktion: Viktoria Salcher, Mathias Forberg, Adrien Chef, Paul Thiltges
Musik: Anselme Pau
Kamera: Frank Amann
Schnitt: Karin Hammer

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

Mehr zum Thema...

Peter Simonischek beim Österreichischen Filmpreis 2017 (Festsaal des Rathauses in Wien, Österreich).
Der DolmetscherSeien Sie kein Opfer!

18.12.2018

- Mit „Der Dolmetscher“ kommt ein Film in die Kinos, der die Geschichte vom Zusammentreffen zweier Männer erzählt, die Nachkommen von Tätern und Opfern des faschistischen Terrors sind. Dabei macht er vieles richtig, als Komödie funktioniert er jedoch nicht.

mehr...
Der österreichische Filmregissuer Stephan Richter.
Rezension zum Film von Stephan RichterEiner von uns

27.11.2016

- „Einer von uns“ ist das zugleich spannende wie trostlose Porträt einer Gesellschaft, deren Mittelpunkt ein Supermarkt bildet. Da treffen schicke Endlosregale auf bittere Wegwerfbilder, die Wut der Verlierer auf die Langeweile der Ungewollten, bis hin zum erschütternden Finale, das einen als Zuschauer hilflos zurücklässt. Die Möglichkeiten in der kleinen österreichischen Vorstadt sind begrenzt.

mehr...
Deportation der österreichischen Juden.
Ein historischer ÜberblickAntisemitismus in Österreich

09.01.2014

- Entgegen oftmaligen Behauptungen, der Antisemitismus sei eine Sache des Nationalsozialismus und dieser wiederum eine Sache der Deutschen begann der wirtschaftliche Antisemitismus in Österreich schon im 10. Jahrhundert.

mehr...
Ein Denkmal in Waldkirch für die ermordeten litauischen Juden - die Rolle der Täter

27.01.2017 - Einer profiliertesten Massenmörder der NS-Zeit kam aus dem südbadischen Waldkirch. Karl Jäger war in Litauen für die Ermordung von 138.272 Menschen, ...

Einer der profiliertesten Massenmörder der NS-Zeit kam aus Waldkirch

18.11.2016 - Am Samstag hat der Dokumentarfilm „Karl Jäger und wir“ Premiere. Die Premiere findet statt in Waldkirch, dem langjährigen Wohnort des NS ...

Aktueller Termin in Berlin

Syndikat Räumung

Tag X ist da - Syndikat hat Termin für die Räumung: 17. April | 9 Uhr   Kommt zahlreich zeigt euch kreativ & solidarisch!  Wir sind viele und wir bleiben alle! 

Freitag, 17. April 2020 - 09:00

Syndikat, Weisestr. 56, Berlin

Event in Graz

Open Music: Gabriele Mitelli European 4et

Freitag, 17. April 2020
- 20:00 -

WIST


Graz

Mehr auf UB online...

Trap
Untergrund-Blättle