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Matrix | Untergrund-Blättle

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Matrix Die Visualisierung der Realität als Realität

Kultur

„Matrix“ – ein Kultfilm?. „Matrix“ – einer der besten Sciencefiction? „Matrix“ – ein „geordnetes Schema von Werten, für das bestimmte Rechenregeln gelten“ (Duden)?

Matrix.
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Bild: Matrix. / Jamie Zawinski (PD)

23. September 2022
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Als „Matrix“ mit seinem spannenden Showdown endete und sich die adrenalintreibende Atmosphäre wie eine Wolke über mir langsam aufgelöst hatte, ich ausatmen konnte, mich zurücklehnen, fragte ich mich, was jetzt eigentlich mit den Millionen Menschen geschehen würde, die aus dem Software-gesteuerten Raum der Imagination einer virtuellen Welt wie aus einem Traum erwachen und in ein reales Leben zurückkehren, in eine Welt, in der alles zerstört ist. Oder sind solche Fragen nicht berechtigt? „Matrix“ ist selbst ein Traum, würde ich sagen, ein Traum gesponnen aus mythologischen, religiösen und märchenhaften Elementen, ein Gebräu aus Angst, auch und vor allem existentieller Angst in einem „zu Ende gedachten“ Cyberspace, in dem sich die Fronten verkehrt haben – ein Hirngespinst, das weniger auf einer Prophezeiung aufbaut, sondern eher mit der Gegenwart spielt, sein Spiel treibt, die Regeln der eigenen Kultur ins Extreme anwendet und die Gelegenheiten dazu ausreizt, unsere Wahrnehmung unserer Kultur einer gründlichen Revision unterzieht oder zumindest die Möglichkeit dazu bietet.

Eine Nachtgestalt. Thomas Anderson (Keanu Reeves) ist tagsüber ein braver Computerexperte, nachts dagegen als Neo ein gefürchteter Hacker. Neo treibt ein ungutes Gefühl umher. Ein Gefühl, das sich auf etwas bezieht, mit dem er nicht wirklich etwas anfangen kann, genannt „Matrix“, ein mysteriöses Computerprogramm, hinter dessen Geheimnis er nicht kommt. Und dann ist da noch eine Gestalt, die von den Behörden als Terrorist bezeichnet wird und im Zusammenhang mit der Matrix steht, Morpheus (Laurence Fishburne).

Der nimmt über eine Frau namens Trinity (Carrie-Anne Moss) Kontakt mit Neo auf. Trinity ist mit knapper Not, gewagten Sprüngen und schier unglaublichen Schlägen und Ausweichmanövern gerade der Polizei und dem Agenten Smith (Hugo Weaving) entkommen. Jetzt warnt sie Neo vor der Polizei und dem Geheimdienst. Tatsächlich können Smith und seine Gehilfen Brown und Jones (Paul Goddard, Robert Taylor) – trotz der Fluchthilfe durch Morpheus per Handy – Neo festnehmen. Smith wirft ihm Verbrechen vor im Zusammenhang mit Neos Hackertätigkeit, verweigert ihm anwaltliche Hilfe. Statt dessen wächst Neo plötzlich auf unerklärliche Weise der Mund zu. Smith lässt ein metallenes Insekt in seinen Bauchnabel kriechen, über das Neo kontrolliert werden soll.

Als er am nächsten Tag wie aus einem Alptraum erwacht, holen ihn Trinity und ihre Leute mit dem Wagen ab, befreien ihn von dem Untier in seinem Bauch mit Hilfe einer Spezialapparatur und bringen ihn zu Morpheus. Der erzählt Neo etwas Unglaubliches: Die Welt, die er kenne, sei eine rein virtuelle Welt, gesteuert über ein Computerprogramm, das den Menschen nur Realität vormache. Neo habe die Wahl: Er könne eine blaue Pille schlucken, wodurch er Morpheus und seine Freunde wieder vergessen würde und in der virtuellen Welt „normal“ weiterleben könne, oder eine rote Pille, durch die er befähigt werde, die Wahrheit zu erfahren.

Neo schluckt rot und durchlebt eine grausige, reinigende, furchterregende Wiedergeburt in einem schleimigen Kokon als Mensch aus Fleisch und Blut. Er sieht dahinfliessende Spiegel, verliert Haare und erwacht völlig geschwächt und von Muskelschwund befallen in der Realität. Jetzt erzählt ihm Morpheus von der Matrix, einer Computersimulation, entstanden durch die Machtübernahme intelligenter Computersysteme 200 Jahre zuvor, die die Welt zerstörten und seither Menschen in riesigen Stationen züchten, ernährt durch Schläuche, Menschen, die ihnen als Energiespender dienen und deren geistiges Leben in der Illusion der Matrix stattfindet. In Neo sieht Morpheus den Auserwählten, der ihm einst von einem Weltenretter vor dessen Tod prophezeit wurde, der die Menschheit aus der Matrix-Illusion befreien wollte.

Der technisch hochgerüstete Gefängniswärter Smith und sein Software-Geheimdienst jedoch sind Neo, Morpheus und den anderen immer dicht auf den Fersen. Es beginnt ein Kampf auf Leben und Tod. Smith hat dabei nicht nur einen Vorteil. Unter anderem kann er auch auf einen Gefährten von Morpheus rechnen, der den ständigen Kampf gegen die Matrix satt hat ...

Die Brüder Wachowski bedienten sich bei ihrem Hyper-Cyberspace-Adventure nicht nur ausgefeilten digitalen Animationen mit exzellenten Kampfszenen, rasanten Verfolgungsjagden und der v.a. in Grüntönen gestalteten Visualisierung einer virtuellen Welt, die es in sich hat. Sie nutzten Versatzstücke aus Mythologie, Religion und Märchen und bauten diese zu einem homogenen, überzeugenden Drama aus. Als da sind: Orpheus in der Unterwelt (Morpheus), der Erlöser (Neo), die Judasgestalt (Cypher), das Orakel von Delphi (das Orakel in Gestalt einer Hausfrau!), die Wächter der Unterwelt (künstliche Wächter, die die Matrix schützen), der Dornröschen-Kuss (der Neo aus dem Tod zurückholt). Orpheus hatte bekanntlich seine Gattin Eurydike verloren. Nur sein Gesang konnte Pluto in der Unterwelt bewegen, ihm seine Gattin zurückzugeben, unter der Bedingung, dass sich Orpheus nicht umdrehen durfte, bis er wieder in die Oberwelt gelangt war. Als jedoch Licht in die Grotte fiel, sah er sich um und verlor Eurydike für immer. Morpheus hat seine Welt verloren und den Befreier, der vor langer Zeit verstorben ist. Das Orakel verkündete seine Weissagungen in Form von Sprüchen oder Zeichen, meist zweideutig und in Reimform verkündet. Das Orakel in „Matrix“ (Gloria Foster) verkündet Neo, das entweder er oder Morpheus sterben werden. (Allerdings kommt alles etwas anders.)

Der Bezug auf diese mythologischen und religiösen Figuren wirkt dabei jedoch nicht künstlich. Geschichte und Handlung sind in sich stimmig. „Matrix“ hält alle Regeln des Dramas gekonnt ein (Einheitlichkeit von Ort, Zeit und Handlung) und kann durch überraschende Wendungen und rasante „Fahrten“ durch die virtuelle wie reale Welt der Rebellenstation – ein Schiff namens Nebukadnezar – Spannung en masse erzeugen – nicht zuletzt auch durch die düstere Atmosphäre, die das Auge des Betrachters fesselt und die Pulsfrequenz deutlich steigert.

Die Action-Szenen sind eines John Woo in jeder Hinsicht würdig. Die Darstellung der Software-simulierten Jäger, der Men in Black Smith usw., die alle irgendwie gleich aussehen und mit schwarzen Sonnenbrillen verbergen, dass sie (fast) alles sehen, was ihre Gegner treiben, ist überzeugender Kontrast zu den seit langen Jahren gegen die Matrix kämpfenden, teils verzweifelten, grösstenteils aber ehrgeizigen Rebellen, die wissen, welchen Gefahren sie ausgesetzt sind, doch in Solidarität kämpfen.

Das Paradoxe dieser zweigeteilten Welt – einer zerstörten, hässlichen Welt mit den Überresten der Zivilisation und einer virtuellen, die der früheren nachgebildet ist – besteht darin, dass hier eben nicht verfeindete Mächte mit Menschen aus Fleisch und Blut auf beiden Seiten gegeneinander kämpfen. Gut und Böse teilt sich in verletzbare, in Körper und Geist „geteilte“ Menschen hier, „saubere“ Computerprogramme, die intelligent und lernfähig sind, dort. Ein bisschen erinnert mich die Situation an die Philosophie in „2001: A Space Odyssee“, als sich HAL 9000, die hochintelligente, sensible Software, verselbständigt und sich gegen seine Erschaffer wendet.

Die Matrix ist jedoch im Unterschied zu HAL nicht auf Emotionen programmiert. Nach allem, was man sieht, strebt sie nach nichts anderem als totaler Herrschaft über die Erde, saugt aus Menschen-Klonen Energie und stellt ihren Geist „still“ durch eine verzauberte, aber zugleich brutale virtuelle Welt.

Zukunftsmusik? Wie musste diese Software programmiert sein, um selbständig werden zu können? Morpheus: „Matrix ist die Wolle, die Dir über die Augen gelegt wurde – damit Du ein Sklave bist.“ Die Blendung funktioniert (fast) perfekt. Die Matrix-Welt ähnelt auf’s Haar der Welt davor. Nur Neo hat anfangs eine dunkle Ahnung, dass mit seinem Leben etwas nicht stimmt. Nur Morpheus und seine Freunde sind in der Lage, den totalen Zauber der Bilder zusammen mit Neo wegzureissen. Es sind diese Bilder einer als real erscheinenden Welt, die Schein und Wirklichkeit ineinander verschwimmen lassen. (Cypher, dem Judas, dem Verräter, ist inzwischen sogar der Schein lieber als die Realität. Er bedauert, nicht die blaue Pille geschluckt zu haben.)

Es ist dieser Bilderzauber, durch den „Matrix“ in gewisser Weise eher einen Bezug zur Gegenwart hat, denn Sciencefiction ist. Sciencefiction sind die Geschichte, die Handlungsabläufe, die Figuren, die Technologien. Die Bilderflut ist harte Realität, wenn auch im Film entfremdet und verfremdet in eine inszenierte Zukunftsgesellschaft. Das Übergewicht der Bilder in einer multimedial überfrachteten Gesellschaft aber hat knallharten Bezug zur Gegenwart. Reflexion lebt von einem „gesunden“ Ausgleich zwischen Visuellem hier, Wort bzw. Schrift dort. Bekommt das Visuelle Übergewicht, herrscht das Bild, das mediale Veranstalter von der Realität vermitteln, über diese Realität selbst. Man kennt dies nicht nur aus den Kriegen der vergangenen Jahrzehnte (etwa der Visualisierung und dem dadurch bewirkten Betrug bezüglich der Realität der beiden Golfkriege Anfang der 90er Jahre). Es ist beispielsweise auch eine kulturelle, kulturbedingte „Modeerscheinung“, sich ein „Bild“ vom anderen zu zaubern, dem dieser zu entsprechen hat. Für uns ist dies Normalität, selbstverständlich. Ist es aber nicht. Es ist Zeichen der Kultur, an der wir täglich wie an einem Satz mitschreiben.

Man muss nicht alles glauben, was geschrieben steht, aber fast alle glauben heute, was sie „mit eigenen Augen“ sehen. „Ich behaupte, dass sowieso alles nur ein einziger Text ist; vielleicht so etwas wie ‘ein Roman der Wahrnehmung unserer Zeit’. Das bedeutet natürlich auch, dass es keine Genregrenzen gibt. Ob ich über Film schreibe oder über Politik, ist im Grunde genommen dasselbe. Es geht immer um die Glocke der Bilder, unter der wir uns befinden, aus der – wie ich hoffe – auch immer noch ein Weg hinausführt. Ich mag und liebe diese Bilder zwar, ich weiss aber auch, dass sie ein virtuelles Gefängnis sind“, äusserte der Filmkritiker Georg Seesslen in einem Interview mit der Zeitschrift F.LM. Das aber gilt für uns allen nicht nur für Filmkritiker. Und: „Man könnte es vielleicht so sagen: Das Bild ist eine Befreiung aus dem Gefängnis der Schrift und die Schrift ist die Befreiung aus dem Gefängnis der Bilder. Nur, wenn man permanent zwischen diesen beiden Bereichen in Bewegung ist, hat man die Chance, noch irgend etwas zu dem alten Projekt der Aufklärung beizutragen“ (1).

„Matrix“ veranschaulicht diese Glocke der Bilder durch Projektion in einen Sciencefiction. Ein Kraftakt ist nötig, um Neo davon zu überzeugen, das er geistig nur virtuell existiert. Er muss „wiedergeboren“ werden, seinen Körper an sich ziehen und nicht zuletzt durch Erklärungen, durch Vernunft, durch Beweise, durch ein ganz anderes Hinsehen davon überzeugt werden, dass die Realität anders aussieht, als er sich das je gedacht hat. Es gibt einen Moment, in dem Neo sich in einem Zustand des „Patt“ befindet: Welchem Bild und welchen Worten soll er glauben? Seiner Erfahrung, „seinen“ Bildern oder dem „Fremden“, den Worten Morpheus?

„Matrix“ – ein Kultfilm?. „Matrix“ – einer der besten Sciencefiction? „Matrix“ – ein „geordnetes Schema von Werten, für das bestimmte Rechenregeln gelten“ (Duden)? Für mich war „Matrix“ immer auch eine kulturelle Zustandsbeschreibung, wie dargelegt, die von den Wachowskis in einer selten erreichten atmosphärischen Dichte innerhalb eines homogenen Handlungsablaufs genug Anlass zu Reflexion über eine Welt gibt, in der das Visuelle, die Visualisierung der Realität selbst eine mächtige „Realität“ geworden ist.

Ulrich Behrens

Matrix

USA

1999

-

136 min.

Regie: Andy Wachowski, Larry Wachowski

Drehbuch: Andy Wachowski, Larry Wachowski

Darsteller: Keanu Reeves, Laurence Fishburne, Carrie-Anne Moss

Produktion: Joel Silver

Musik: Don Davis

Kamera: Bill Pope

Schnitt: Zach Staenberg

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