UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

In the Crosswind | Untergrund-Blättle

3620

Rezension zum Film von Martti Helde In the Crosswind

Kultur

„In the Crosswind“ erzählt die bedrückende Geschichte einer baltischen Familie, die 1941 von Russland deportiert und getrennt wurde. Schon der nur über Briefausschnitte transportierte Inhalt ist bewegend, verstärkt wird dies noch durch eine kunstvolle Inszenierung von regungslosen Schwarz-Weiss-Rundfahrten.

Evakuierung - Deporation [?] sowjetischer Zivilisten, Männer und Frauen beim Besteigen von Güterwagen auf einem Bahnhof.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Evakuierung - Deporation [?] sowjetischer Zivilisten, Männer und Frauen beim Besteigen von Güterwagen auf einem Bahnhof. Foto: Bundesarchiv, Bild 101I-146-1542-10A - Menzendorf (CC BY-SA 3.0 cropped)

5. Oktober 2016
0
0
4 min.
Drucken
Korrektur
Mehrere Kurzfilme hatte die estnische Regisseurin und Drehbuchautorin Martti Helde bereits gedreht, bis sie sich an ihren ersten Spielfilm wagte. Und schuf dabei etwas, welches das blosse Konzept eines Spielfilms schon infrage stellt. Gespielt wird hier nämlich nur wenig. Es sind Briefe, auf denen In the Crosswind basiert. Briefe von Erna, die bis 1941 glücklich mit Mann und Kind in Estland lebte. Bis zu jenem Tag, als Josef Stalin die baltischen Länder besetzen und die eigentliche Bevölkerung entfernen liess. Gefangenenlager, Arbeitslager, vielleicht auch der Tod – wer gewaltsam aus Estland, Lettland und Litauen entfernt wurde, den erwartete in den folgenden Jahren kein schönes Schicksal.

Anfangs ist davon jedoch nur wenig zu spüren, als wir die Familie in idyllischen Szenen beobachten dürfen. Am Tisch sitzend, im Garten, in malerischen Schwarz-Weiss-Bildern, denen Realität und Zeit nichts anhaben können. So scheint es. Doch sobald erst die Russen vor der Tür stehen, wird nicht nur das kleine Paradies zerstört, der eigentliche Film beginnt erst. Oder er endet, wenn man so will. Denn ab diesem Zeitpunkt steht fast alles still in In the Crosswind. Während wir einer Frauenstimme lauschen, welche die besagten Briefe von Erna an den von ihr getrennten Mann vorliest, sehen wir Szenen aus dem Alltag der Deportierten. Der Clou hierbei ist jedoch, dass sämtliche Figuren still stehen. Nicht wie auf einem Foto, keiner sieht in die Kamera. Vielmehr sind sie in ihren Bewegungen eingefroren. Was auch immer sie gerade taten, pflügen zum Beispiel, essen, sie tun es nun der Unendlichkeit entgegen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass der Zuschauer fortan völlig starre Bilder zu sehen bekommt. Vielmehr ist die Kamera sogar kontinuierlich in Bewegung, fährt an den leblosen Figuren vorbei, umrundet sie, schlüpft manchmal auch durch sie hindurch. Das ist in etwa so, als würde man durch ein Wachsfigurenkabinett laufen, vielleicht auch eine Geisterbahn. Denn gespenstisch ist es schon, was Helde hier auf Kamera gebannt hat. Ein Mahnmal, das still steht und sich gleichzeitig bewegt, eine vergessene Erinnerung, die wir nicht loswerden. Die wir nicht loswerden dürfen. Gerade diese Ruhe, über der nur die sanfte Stimme der Off-Sprecherin liegt, die sich nicht dem üblichen Drama einer solchen Geschichte ergibt, nimmt einem selbst jede Ruhe. Denn hier gibt es keinen Ton, keine Handlung, die einen von dem Grauen entkommen lässt.

Jahre hat die Debütantin an dem Film gearbeitet, Monate minutiös an Einstellungen gefeilt. Natürlich ist das Ganze ein bisschen Kunst der Kunst wegen, lenkt sogar etwas von dem Inhalt ab. Die bewegenden Briefe – so voller Hoffnung, voller Details aus dem schrecklichen Alltag, den sie in Gedanken mit ihrem Mann teilt –, sie hätten auch in einem regulären Filmkontext funktioniert. Und doch verstärkt dieser fliessende Übergang zwischen den dokumentarischen und den inszenierten Elementen die Wirkung. Das Schicksal von Erna und ihrer Familie geht einem auch deshalb so nah, weil es so distanziert ist. Weil es nicht Teil der Welt sein darf. Zudem bekommt auch das Auge eine ganze Menge zu tun, will es bei den Rundfahrten der Kameras alle Details einfangen, welche In the Crosswind zu bieten hat. Und das sind viele. Die Bilder allein würden das Werk zu einer lohnenswerten Erfahrung machen, zusammen mit der ungewöhnlichen Inszenierung wird daraus sogar eine unvergessliche.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

In the Crosswind

Estland

2014

-

90 min.

Regie: Martti Helde

Drehbuch: Martti Helde

Darsteller: Laura Peterson, Ingrid Isotamm, Mirt Preegel

Produktion: Pille Rünk

Musik: Pärt Uusberg

Kamera: Erik Põllumaa

Schnitt: Liis Nimik

Mehr zum Thema...
Die Schauspieler des Films «Ewige Jugend» bei der Präsentation in Cannes, Mai 2015.
Rezension zum Film von Paolo SorrentinoEwige Jugend

24.09.2018

- Ein erstklassiges Ensemble, wunderbar pointierte Dialoge und gewohnt kunstvolle Kompositionen aus Bild und Musik machen „Ewige Jugend“ zu einer hervorragenden Tragikomödie, die einen mal wehmütigen, dann wieder spöttischen Blick auf das Leben und die Kunst wirft.

mehr...
Der österreichische Schauspieler Dieter Berner spielt in dem Film die Rolle des Vaters Georg.
Der siebente KontinentDie routinierte Leere

20.01.2020

- Schon mit seinem ersten Film zeigte Michael Haneke, dass er es wie kaum ein anderer versteht, dem Publikum einen Schlag in die Magengrube zu versetzen.

mehr...
Die beiden Schauspieler Kacey Mottet Klein und Léa Seydoux während der Premiere des Films «Winterdieb».
WinterdiebSozialdrama aus dem Wallis

19.02.2021

- Mit Winterdieb ist der Schweizer Regisseurin Ursula Meier ein sehr gutes Zweitlingswerk geglückt. Das leise Drama um einen stehlenden Jungen ist einfühlsam, authentisch und überzeugt durch seine zwei talentierten Hauptdarsteller.

mehr...
Die Angst der baltischen Staaten vor Russland

21.12.2016 - Ist das Baltikum in Gefahr? Die kleinen Länder im Nordosten Europas blicken in eine unsichere Zukunft Die baltischen Staaten, das sind Estland, Lettland und Litauen.

Autoritäre Reflexe. Regressive Krisenverarbeitung in Osteuropa

23.11.2012 - Vortrag von Tomasz Konicz (Poznan) gehalten am 28. September 2012 auf einem Seminar der Gruppe krisis www.krisis.org In den Ländern Ostmitteleuropas ist zwar Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre der so genannte real existierende Sozialismus glücklicherweise von der Bühne abgetreten.

Dossier: Revolution von 1917
The Kathryn and Shelby Cullom Davis Library
Propaganda
Sickurity

Aktueller Termin in Wien

Konzert: neOanderthal

neOanderthal is a musical, sound and social experiment. It’s a live concert, without loops and based on an self-made instrument kit, whose materials are strictly recovered, recycled and played manually with different techniques.

Samstag, 4. Februar 2023 - 23:45 Uhr

VEKKS, Ratschkygasse 14, 1120 Wien

Event in Berlin

Forte Kultur – Die Nacht und das Meer

Sonntag, 5. Februar 2023
- 18:00 -

Zitadelle Spandau

Am Juliusturm 64

13599 Berlin

Mehr auf UB online...

Demontage von Armlehnen an Bänken der Deutschen Bahn, Januar 2023.
Vorheriger Artikel

Aktivist*innen schrauben Lehnen von Sitzbänken ab

München: Gegen Verdrängung von obdachlosen Menschen

Black Lives Matter Demonstration in Brüssel, Juni 2020.
Nächster Artikel

Daniel Loick / Vanessa E. Thompson (Hg.): Abolitionismus

Für die Abschaffung der Übel

Untergrund-Blättle