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Live Flesh – Mit Haut und Haaren Schuld und Sühne

Kultur

»Live Flesh« stellt in bestimmter Weise eine Zäsur in Almodóvars Arbeit dar. Er deutet schon stark an, was in »Alles über meine Mutter« zum Ausdruck kommt.

Javier Bardem am internationalen Film-Festival von Toronto, September 2007.
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Javier Bardem am internationalen Film-Festival von Toronto, September 2007. Foto: gdcgraphics (CC BY 2.0 cropped)

11. Juli 2022
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»Live Flesh« ist ein positiver Film – trotz aller negativen Umstände, die in der Geschichte passieren. Zwar konstruiert Almodóvar wieder aus verschiedenen Handlungssträngen und Biografien eine dichte Erzählung. Doch es sind weit weniger Personen daran beteiligt als in seinen früheren Filmen.

Inhalt

Als das Franco-Regime 1970 den Ausnahmezustand erklärt, gebärt die Prostituierte Isabel (Penélope Cruz) in einem Bus ihren Sohn Victor. Zwanzig Jahre später verlangt es Victor (Liberto Rabal) danach, Elena (Francesca Neri), die Tochter eines italienischen Konsuls, wiederzusehen, mit der er – sie high – auf einer Toilette Sex hatte. Er ruft sie an, sie weist ihn ab; schliesslich sucht er sie in ihrer Wohnung auf. Doch Elena will ihn rausschmeissen. Als er nicht geht, richtet sie eine Pistole auf ihn. Es kommt zum Handgemenge, ein Schuss fällt und zwei Polizisten auf Streife fahren durch einen Hinweis einer Nachbarin alarmiert zur Wohnung Elenas.

Victor gerät in Panik, als die beiden Polizisten vor der Tür stehen, und zielt mit der Pistole auf sie. Der Polizist Sancho (José Sancho) überwältigt ihn, während sein Kollege David (Javier Bardem) mit Elena ins Treppenhaus läuft. Dann fällt ein Schuss. David wird getroffen; er ist querschnittsgelähmt. Victor wird verurteilt. Während der Haft stirbt seine Mutter an Krebs, hinterlässt ihm aber eine stattliche Summe Geld.

Vier Jahre später (1994) wird Victor entlassen. Er hat zuerst nur eines im Sinn: Rache für die unschuldig erlittene Haft zu nehmen. Denn nicht er hatte David angeschossen, sondern Sancho, weil der wusste, dass David ein Verhältnis mit seiner Frau Clara (Angela Molina) hatte. David denkt im übrigen die ganze Zeit an Elena, die er liebt. Doch die ist inzwischen Davids Frau. Sie leitet ein Waisenhaus, während David zu einem erfolgreichen Basketball-Spieler wurde, der auch an der Behinderten-Olympiade 1992 teilnehmen konnte. Als Victor das Grab seiner Mutter besucht, beobachtet er zufällig, dass gerade die Beerdigung von Elenas Vater stattfindet. Er geht zu ihr, drückt ihr sein Beileid aus.

Immer noch steht Rache an erster Stelle für Victor. Er beginnt ein Verhältnis mit Clara, deren Ehe mit Sancho eine Katastrophe aus gegenseitigen Abhängigkeiten und Gewalt ist; Sancho schlägt seine Frau, ahnt auch jetzt wieder, dass sie mit einem anderen Mann schläft. Victor indessen schläft nur mit ihr, um von ihr in die Geheimnisse der Sexualität eingeführt zu werden. Clara spürt dies irgendwann instinktiv, merkt, dass Victors Gefühle eigentlich einer anderen gehören – Elena.

David, aus Angst vor dem Verlust Elenas wütend, fotografiert Victor und Clara, um mit den Bildern zu Sancho zu gehen und ihn dazu zu bewegen, sich an Victor zu rächen. Die Lage spitzt sich zu, als Victor auch noch eine Stelle im Waisenhaus annimmt, das Elena leitet. Doch als David erfährt, dass es Sancho war, der auf ihn geschossen hat, lässt er von seinem Plan ab. Victor seinerseits gibt ebenfalls seine Rachepläne auf, nachdem er dies von Clara erfahren hat.

Dann allerdings besucht Elena Victor, um mit ihm eine Nacht zu verbringen, und ringt ihm das Versprechen ab, sich danach nie wieder zu sehen. Sie gesteht dies David, der daraufhin im Zorn und in der Verletzung Sancho die Bilder zeigt, auf denen Victor und Clara zu sehen sind. Clara hat inzwischen Sancho verlassen, sich den Weg aus der Wohnung freigeschossen. Doch Sancho kennt jetzt nur noch eines: Rache. Er fährt zu Victors Wohnung und trifft dort statt ihn Clara an. Als Victor sich dem Haus nähert und Clara dies bemerkt, ist sie bereit zu sterben: Sie schiesst auf Sancho, der im gleichen Moment zurückschiesst. Beide sind tot.

Die Nacht zwischen Victor und Elena aber hatte Folgen. 26 Jahre nach der Geburt Victors im Bus gebärt Elena ein Kind von ihm.

Inszenierung

Zum ersten Mal in einem Film Almodóvars stehen hier Männer im Vordergrund des Geschehens. Da ist Sancho, der die Beziehung zu Clara nur in Besitzverhältnissen denken kann, der sich alkoholisiert, weil dies nicht gelingt, der Gewalt gegen Clara ausübt. Sancho ist in gewisser Hinsicht ein personalisierter Überrest des alten Regimes, der alten Zeit, der nicht mehr in das Spanien der Nach-Franco-Ära passt.

Sein Gegenstück ist David, der in der Anfangsszene, als Victor auf die beiden Polizisten mit der Pistole zielt, die Situation beruhigen will, der einen Tausch vorschlägt: Er nehme Sancho die Waffe weg, mit der er auf Victors Geschlechtsteile zielt, wenn er dafür Elena los und die Waffe fallen lässt. Victor hatte schon eingewilligt, als Sancho dann plötzlich versuchte, ihn zu überwältigen. Davids Situation ändert sich durch die Querschnittslähmung aber prinzipiell. Er kann seine physische Kraft nur noch im Sport umsetzen; seine Geschlechtlichkeit ist dahin. Er ist als Ehemann gehandicapt. Er und Elena hatten sich in der Anfangsszene sofort ineinander verliebt. Nun aber heiratet sie David, den sie liebt, weil er sie jetzt braucht.

Elena stürzt von einer hoffnungsvollen Situation einer beginnenden Liebe in Sekunden, nachdem dieses In-Sich-Verlieben passiert ist, in eine verkehrte Situation: die der Frau, die vor allem von David gebraucht wird.

Clara ist in einer ähnlichen und zugleich doch anderen Situation. Auch sie wird gebraucht, nämlich missbraucht vom uneingeschränkten Besitzanspruch Sanchos, der eine Beziehung nur mit Gewalt aufrechterhalten kann. Sein Motiv oder besser seine Mentalität lautet: permanenter Ausnahmezustand. Clara ist über Jahre hinweg aus Angst nicht fähig, Sancho zu verlassen. Nur durch dessen Mittel, Gewalt, kann sie ihm kurzfristig entkommen.

In diese Situation ist Victor unschuldig-schuldig verstrickt. Er wollte ja anfangs nur Elena, die ihn zurückwies und die er nur um des Messers Schneide davon abhalten konnte, auf ihn zu schiessen. Seine Geschichte verschränkt sich nun in die von Sancho und David, zwei anderen Geschichten, auf dramatische Weise. Sie nehmen als Männer, die um Frauen kämpfen, aufeinander Bezug. Ihre Mittel sind dabei anfangs, wenn auch mit entscheidenden Nuancen, dieselben: Gewalt. Sancho will Clara mit körperlicher Gewalt halten; David will Elena mit intriganter Gewalt halten (den Bildern, die er Sancho zeigen will und dann ja auch zeigt); Victor will sich rächen und instrumentalisiert dabei Clara.

Aber Victor ist es auch, dem das Ablassen von dieser Gewalt, seiner Rache, gelingt. Er ist ein Mann des neuen Zeitalters. Er spielt mit den Waisenkindern, die ihn unheimlich mögen, er ist sogar bereit, auf Elena zu verzichten, als er die Wahrheit über den Schusswechsel von Clara hört. Er ist das Kind seiner liebenden Mutter, die – auch für ihn – auf den Strich gegangen ist und ihr davon Erspartes ihm hinterlässt. Und er weint deswegen aus Wut und Verzweiflung am Grab seiner Mutter, die sich für ihn prostituiert hatte.

Die Nacht, die Elena mit Victor verbringt, ist nicht nur eine Nacht der Liebe, des Begehrens, sondern auch des Verlusts. Denn Elena vermisst David nicht nur als »ganzen« Mann; sie spürt instinktiv, dass sie nur bei ihm ist, weil er sie braucht. Sie ist nicht umsonst Leiterin eines Waisenhauses.

Die Frauen in diesem Film Almodóvars stehen scheinbar am Rand des Geschehens. Doch sie lösen auch viel aus. Das Unausweichliche ist nicht so schicksalhaft wie es scheint. Denn Clara opfert ihr Leben am Schluss nicht nur, weil sie erkannt hat, dass sie Sancho nicht entfliehen kann; sie opfert sich auch für Victor, der Elena liebt. Für Clara ist ihr und Sanchos Tod beschlossene Sache. Sie handelt. Sie beendet den Ausnahmezustand.

Andererseits ist die Möglichkeit, die Liebe zwischen Victor und Elena zu leben, nicht so logisch aus der Geschichte ableitbar, wie es vielleicht erscheint, sondern hier greift das Schicksal ein: Elena wird ausgerechnet in dieser einzigen Nacht von Victor schwanger.

Das alte Spanien ist mit Clara und Sancho tot. Die Geburt des Kindes von Elena und Victor im Taxi auf der Fahrt ins Krankenhaus findet auf den lebhaften Strassen, auf denen sich freie Menschen bewegen, statt, nicht wie Victors Geburt in den Zeiten des Ausnahmezustandes, im menschenleeren, angsterfüllen Madrid. »Live Flesh« ist somit auch die erste wirkliche Abrechnung Almodóvars mit der Franco-Zeit.

Fazit

Almodóvar hat sich mit »Live Flesh« nicht von seinen bisherigen Filmen verabschiedet. Er hat versucht, wie er sagt, von sich selbst Abstand zu gewinnen. Thema des Films ist eindeutig aber nicht nur die Abrechnung mit der Franco-Zeit als solcher, sondern vor allem mit der Frage der anerzogenen Schuldgefühle. Der ganze Film handelt von Schuld und Sühne, ohne dass er sie wirklich in seinen Figuren thematisiert. Die fünf Personen handeln, ändern ihr Handeln, handeln nicht, aber sie fühlen sich nicht schuldig an irgend etwas.

Die Beseitigung des Ausnahmezustandes in den Beziehungen ist verknüpft mit der Suche nach praktischen Lösungen für Situationen, die eingetreten sind, ohne dass man es einer der Personen in vollem Umfang »einfach« anlasten könnte. Almodóvar gelingt auch mit »Carne trémula« wiederum eine intensive Studie eines Beziehungsgeflechts, in dem die Frage der Entscheidungsmöglichkeiten für die Handelnden nicht mit der Frage von Schuld, sondern von Praktikabilität verknüpft ist. Das lässt viel Raum für nachdenkliche Fragen. Um Almodóvar am Schluss zu zitieren: »Für Spanier meiner Generation und aller anderen auch gehörte Schuldgefühl zu den Grundlagen der Erziehung. In der Mancha hat diese Erziehung enorm viel Leben zerstört, es war eine Strafe für viele. Aber ein Jahr nach meinem Aufenthalt bei den Priestern habe ich mir die Ablehnung von Schuld ganz zu eigen gemacht. Ich bin mir meiner Fehler bewusst, aber ich bereue sie nicht. Reue und Schuld sind jüdisch-christliche Erfindungen, die ich nicht liebe.« (1)

Ulrich Behrens

(1) Pedro Almodóvar, Filmen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Ein Gespräch mit Frédéric Strauss, Frankfurt am Main 1998, S. 214

Live Flesh – Mit Haut und Haaren

1997

-

100 min.

Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar, Ray Loriga

Darsteller: Liberto Rabal, Francesca Neri, Javier Bardem

Produktion: Pedro Almodóvar

Musik: Alberto Iglesias

Kamera: Affonso Beato

Schnitt: José Salcedo

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