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Leto – Rock, Love & Perestroika | Untergrund-Blättle

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Einblicke in das Russland der 80er und dessen Rockbohème Leto – Rock, Love & Perestroika

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Als spannendes Fragment der Musikgeschichte setzt Serebrennikov in „Leto“ die Anfangsjahre der Leningrader Rockszene und den Sommer 1981 kurzweilig in Szene.

Der russische Filmregisseur Kirill Serebrennikov.
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Bild: Der russische Filmregisseur Kirill Serebrennikov. / Col. Hans Landa (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

27. Dezember 2018

27. 12. 2018

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Die Beziehungen der Personen bleiben zwar skizzenhaft, doch der Soundtrack dieser Zeit umreisst das Geschehen umso treffender: von Lou Reed, über die Talking Heads bis hin zu Iggy Pop & the Stooges.

„Das ist alles nicht passiert“ steht auf dem Schild, das in die Kamera gehalten wird, als ein Punk zum Song Psycho Killer der Talking Heads verprügelt wird. Wahrheit und Fiktion vermischen sich in Leto – Rock, Love & Perestroika, das einen historischen Moment für die russische Rockmusik festhält. Leningrad erscheint im Sommer 1981 in düsterem Schwarz/Weiss. Der Regisseur Kirill Serebrennikov (Der die Zeichen liest) besteht auf den Verzicht auf Farbe als den einzigen Weg, die Geschichte dieser Generation zu erzählen. „Die Vorstellung von Farbe tauchte erst später im kollektiven Bewusstsein Russlands auf“, erläutert der russische Künstler, der während der finalen Dreharbeiten zu Leto festgenommen wurde und seitdem in Moskau unter Hausarrest steht. Dem Leiter des Moskauer Gogol-Zentrums wird offiziell Veruntreuung vorgeworfen, sein künstlerisches Schaffen und seine offen kremlkritische Haltung sorgten bereits in der Vergangenheit für Reibereien.

Einblicke in das Russland der 80er und dessen Rockbohème

Leto, inszeniert ein ähnliches, gesellschaftliches Klima. In Leningrad, dem heutigen St. Petersburg floriert eine Underground-Musikszene, die sich heimlich Tonbänder von David Bowie, Lou Reed und Blondie zuschiebt. Ohne direkt thematisiert zu werden, schwingt die gesellschaftliche Repression in der Sowjetunion mit, wenn Jugendliche im „Rock Club“ vor der Bühne sitzen und mit den Füssen wippen, obwohl sie eigentlich aufspringen und tanzen möchten. Über den ideologischen Mehrwert der auftretenden Bands wacht ein Funktionär, die Texte wurden vorher von der Betreiberin des Konzertsaals abgesegnet. Ungezwungen feiern die Jugendlichen nur abseits jeglicher Zivilisation am Strand der Ostsee, wo Mike Naumenko (Roma Zver), seine Band Zoopark und seine Freunde am Lagerfeuer sitzen, sich die neusten Songs vorspielen und sich kurz aus dem straffen System der Sowietunion verabschieden.

Mike gilt als einer der einflussreichsten russischen Musiker und Vorreiter des Blues Rock im Russland der 80er. Er verehrt Lou Reeds Poesie, das Temperament von T-Rex-Frontmann Marc Bolan und die Kreativität von David Bowie, sieht sich aber selbst als ausgesprochenen Eklektiker: Zu wenig Neues schaffe er, zu uninspiriert scheint ihm seine Musik, die seiner Meinung nach aus Versatzstücken seiner Idole besteht. Tatsächlich ebneten seine Übersetzungen westlicher Songs den Weg des Rock’n’Rolls im Ostblock.

Umso aufmerksamer hört Mike zu als eines Abends zwei neue Gesichter am Strand spielen und mit ihren eingängigen Texten einen Nerv treffen: „Ich bin ein Nichtsnutz“ schmettern die jungen Männer und Frauen gemeinsam mit Viktor Zoi (TeoYoo) und Alexei Rybin, tanzen ums Lagerfeuer und werfen sich nackt in die Fluten. Viktors Texte sind so lebendig und so nah am Leben wie nichts vorher. Er spricht die Perspektivlosigkeit dieser Generation aus, die nur in den begrenzten Räumen des politischen Systems denken kann.

Eine solidarische Männerfreundschaft bringt den Rock nach Russland

Doch nicht nur Mike erkennt Viktors besondere Persönlichkeit. Mike Frau Natalya, auf deren Erinnerungen der Film beruht, ist fasziniert von dem 19-Jährigen. Die Zuneigung zwischen Natalya und Viktor bleibt Mike nicht verborgen, doch das musikalische Band, das zwischen den beiden Männern besteht, ist zu stark um durch Eifersucht zerrissen zu werden. Mike unterstützt Viktor in seiner musikalischen Findung, organisiert sein erstes Konzert, presst seine Songs auf Platte und bereitet so den New Wave Sound von Kino vor, der Band, für die der Musiker weit nach seinem frühen Tod 1991 gefeiert werden wird. Doch das Spannende an Leto ist die Musik dieser Zeit, die die gleichzeitig rivalisierende und harmonisierende Beziehung der beiden Männer sowie die aufkeimende Anziehung zwischen Natalya und Viktor untermalt.

Die russischen Lieder der Protagonisten klingen gleichzeitig fremd und doch vertraut wie akustische Punksongs: Mikes Song Leto besingt leicht und unbeschwert das Ende der Welt, Viktors Gurken aus Aluminium kritisiert die desaströse, wirtschaftliche Lage. Zudem unterbrechen die Einspieler wie die eingangs erwähnte fiktive Schlägerei die nüchterne faktische Erzählweise des Films durch eine hochkreative, comicartige Montagetechnik: The Passenger von den Stooges vertont eine Fahrt in der Strassenbahn, Lou Reeds samtige Stimme begleitet verrückte Mikes Odyssee durch die Leningrader Nacht und T-Rex Children of the Revolution läuft zu Home Video-Aufnahmen der jungen Musiker. Die Kommentare des Erzählers und der Ausbruch aus der stringenten Form illustrieren den Quantensprung, den die russische Rockmusik durch Viktors Musik und seine Inspiration macht. Der Musik von Kino und Viktor Zoi, aber auch den Songs von Mike Naumenkos Zoopark erhalten durch diesen Film ein sehenswertes Denkmal.

Die Geschichte einer musikalischen Emanzipation

Leto ist in gewisser Weise ein Coming-Of-Age-Film in vieler Hinsicht: So wie Viktor sich von seinem Mentor Mike emanzipieren und seinen Stil finden muss, so zeigt Serebrennikov wie die Anfänge von Gorbatschows Perestroika Politik in den frühen Achtzigern vorbereitet werden. Der Staat an sich ist im Umbruch zwischen Repression und Freiheit, zwischen altem System und neuen Konzepten.

Paula Brügel
film-rezensionen.de

Leto – Rock, Love & Perestroika

Frankreich, Russland 2018 - 129 min.

Regie: Kirill Serebrennikov
Drehbuch: Mikhail Idov, Lily Idova, Kirill Serebrennikow
Darsteller: Teo Yoo, Roman Bilyk, Irina Starshenbaum
Kamera: Vladislav Opelyants

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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