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Der zweite Kinofilm Almodóvars steht noch ganz im Zeichen der movida, des kulturellen Aufbruchs der Nach-Franco-Ära.

Pedro Almodóvar am internationalen Filmfestival von Guadalajara, Februar 2010.
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Bild: Pedro Almodóvar am internationalen Filmfestival von Guadalajara, Februar 2010. / Festival Internacional de Cine en Guadalajara (CC BY 2.0 cropped)

11. Juli 2019

11. 07. 2019

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Im Stil einer Screwball-Komödie erzählt der spanische Regisseur einmal mehr eine Geschichte, die von etlichen, ineinander verschränkten Nebengeschichten begleitet wird.

Inhalt

Sexilia (Cecilia Roth) ist Popsängerin, leidet unter Sonnenphobie und ist nymphomanisch veranlagt. Ihre Psychoanalytikerin Susana (Ofelia Angélica) soll sie heilen, denkt aber ihrerseits nur daran, mit Sexilias Vater, einem berühmten Arzt für Reproduktionsmedizin (Fernando Vivanco) zu schlafen. Der jedoch lebt in völliger sexueller Frustration und will von Susana nichts wissen. Zu seinen Patientinnen gehört die geschiedene Frau des Kaisers von Tiran Toraya (Helga Liné) – eine Anspielung auf Soraya, die Frau des damaligen persischen Schahs Reza Pahlewi –, die in einer Illustrierten das Bild ihres Stiefsohns Riza Niro (Imanol Arias) entdeckt, der in Madrid untergetaucht ist. Riza ist schwul, lebt inkognito und benutzt Schminke, Perücke und Kleidung, um seine Identität nicht preiszugeben.

Sexilia sieht Riza auf einem Konzert, als er für den Sänger Eusebio (Ángel Alcázar), der sich ein Bein gebrochen hat, einspringt. Als sich beide sehen, ist es Liebe auf den ersten Blick.

Während Sexilia zwei Männer aufgabelt, mit denen sie sich zu einer Orgie verabredet, trifft Riza auf Sadec (Antonio Banderas), mit dem er auf dessen Zimmer geht und schläft. Sadec gehört einer terrorisistischen Gruppierung an, die den Schah stürzen und Khomeini an die Macht verhelfen will.

Sexilias Nacht mit den zwei Männern verläuft langweilig; sie geht zu Riza und schläft neben ihm ein, ohne mit ihm zu schlafen.

Zufällig trifft Sexilia Queti (Marta Fernández Muro), die Tochter eines Wäschereibesitzers, dessen Frau ihn mit einem anderen Mann verlassen hat und der seine Tochter ständig mit seiner Frau verwechselt, Potenzmittel nimmt und mit ihr schläft. Queti bewundert Sexilia heimlich, trägt die Kleider, die Sexilia ihr in die Reinigung bringt. Sexilia schlägt ihr vor, ihre Rollen zu tauschen, damit sich Queti von ihrem Vater lösen und Sexilia mit Riza Madrid verlassen kann. Sie gehen in eine Klinik für Schönheitschirurgie und Queti lässt sich in ein Double Sexilias verwandeln.

Doch Toraya hat inzwischen Riza entdeckt und ihn verführt. Als Sexilia, die von der Identität Rizas als einzige weiss, weil er nur ihr dies anvertraut hat, dies mitbekommt, ist sie verzweifelt, flüchtet zu Susana, die ihr nun erzählt, dass ihre Nymphomanie und Sonnenallergie und Rizas Homosexualität durch ein gemeinsames Erlebnis in der Kindheit am Strand verursacht worden sei. Sie verzeiht Riza. Beide flüchten zum Flughafen, um gemeinsam in die Karibik zu fliegen. Einige Popsänger, Toraya und die islamischen Terroristen sind ihnen auf den Fersen – doch Sexilia und Riza können mit knapper Not entkommen.

Zur selben Zeit schläft die Sexilia wie ein Ei dem anderen ähnelnde Queti mit Sexilias Vater, der so von seiner sexuellen Frustration befreit wird. Die Terroristen entschliessen sich kurzerhand, statt Riza Toraya zu entführen, die Frau des Wäschereibesitzers kehrt zu ihrem Mann zurück und Riza und Sexilia schlafen das erste Mal miteinander im Flugzeug.

Inszenierung

100 Minuten Action in ganz anderer Weise, als man es aus gängigen Produktionen à la USA gewohnt ist. Eine Komödie, die für alle Beteiligten – zumindest in ihrem Sinn – gut ausgeht, ausser für Susana, die Psychoanalytikerin, die auf der Strecke bleibt und kläglich scheitert. Pedro Almodóvar selbst ist als Sänger auf der Bühne zu bewundern. Wiederum ein schriller, mit allerlei Wortwitz und komödiantischen Szenen durchsetzter Streifen, so vital, dass man am liebsten in den Film abtauchen würde.

»Laberinto de pasiones« ist zweifellos als Parodie angelegt, eingebettet in die für Almodóvar typische Verschränkung verschiedener Geschichten unterschiedlicher Personen, die zum Schluss scheinbar alles zu einer Geschichte werden lässt – eine Parodie auf die Psychoanalyse, vor allem auf die Filme, etwa auch die von Hitchcock (dessen Filme Almodóvar nach eigener Aussage mag), bei denen ein glückseliges Happyend den Filmabend beschliesst und die Gemüter der Wirklichkeit entfremdet sind.

Es ist nach aller Lebenserfahrung äusserst unwahrscheinlich, dass eine Nymphomanin wie Sexilia und ein ebenso nymphomanischer Bisexueller wie Riza am Ende sich der Monogamie verschreiben. Doch durch diese konstruierte, extreme Darstellung, noch dazu im für Almodóvar typischen Milieu der Subkultur, wird eine Aussage umso ernsthafter vermittelt, die letztlich in dem Film steckt.

Es geht nicht darum, dass seine Figuren ihre Identitätskonflikte lösen, sondern dass sie einen Weg finden, damit zu leben: »Ich glaube, wenn die Figuren Probleme haben, müssen sie sie untereinander lösen, und das ist das Abenteuer ihres Lebens. Die Figur lebt mit ihren Problemen, begleitet sie und entwickelt sich innerhalb ihrer Probleme, die aus ihr einen Helden machen, weil sie sie dazu bringen, Dinge zu tun, die nicht das Übliche sind. Ich kann mir schlecht vorstellen, eine Geschichte zu erzählen, in deren Verlauf ich all die schwierigen und unlösbaren, aber belebenden und aufregenden Fragen über Bord werfen würde.« (1)

So kennzeichnet den Film vor allem Ambivalenz. Die Glückseligkeit, der romantische Traum von der Lösung aller seelischen Konflikte, symbolisiert in dem am Schluss des Films aufsteigenden Flugzeug, inspiriert durch die im Sinne Freuds fast lupenreine psychoanalytische Erklärung, kontrastiert mit den praktischen Erfahrungen, die die anderen Figuren im Film dazu bringen, nicht ihre Probleme zu lösen, sondern mit ihnen durch Humor, Spontaneität und Intelligenz auf eine qualitativ andere Weise zu leben.

Queti löst sich von ihrem Vater und schläft sozusagen – straflos und ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen – mit Sexilias Vater, für den sie wiederum jetzt wie seine Tochter aussieht, aber eben nicht ist. Die Frau des Wäschereibesitzers wird von ihrem Liebhaber verstossen; sie bettelt um die Beziehung mit ihm. Aber er will nicht mehr. Sie steigt aus dem Taxi, geht in die Wäscherei, umarmt ihren Mann und sagt ihm, sie wolle wieder mit ihm leben. Eine praktische Lösung, wenn auch mit einer gewissen Form der Lüge behaftet. Selbst die Terroristen um Sadec finden eine praktische Lösung ihres Problems: Da sie Riza nicht mehr in die Finger bekommen, greifen sie sich statt dessen seine Stiefmutter.

Nur Susana bleibt auf der Strecke: Eigentlich ist es nicht ihre Erklärung für Sexilias Probleme, die Sexilia dazu treibt, Riza zu verzeihen, sondern Queti, die Sexilia auffordert, endlich ihr gegenwärtiges Leben nicht durch die Vergangenheit überschatten zu lassen. Susana kann Sexilias Vater nicht helfen, weil sie keine praktische Lösung für ihn zu bieten hat.

Fazit

Ein begeisternder Film mit einer Unmenge verästelter Handlungsebenen, dass einem manchmal schwindlig wird, mit überraschenden Wendungen, die die sehr praktischen Lösungen der Figuren repräsentieren, in gewisser Weise auch ein leiser Abschied vom »reinen« movida-Film, oder vielleicht besser ein Streifen mit Anzeichen für die grossen Themen der darauf folgenden Filme, die zum Teil in anderen Milieus angesiedelt sind wie etwa »Womit hab ich das verdient?« (1984).

Ulrich Behrens

Labyrinth der Leidenschaften

Spanien 1982 - 97 min.

Regie: Pedro Almodóvar
Drehbuch: Pedro Almodóvar
Darsteller: Isabelle Huppert, Jean-François Balmer, Christophe Malavoy
Produktion: Pedro Almodóvar
Musik: Bernardo Bonezzi, Fabio McNamara
Kamera: Ángel Luis Fernández
Schnitt: Miguel Fernández, Pablo Pérez Mínguez, José Salcedo

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