L.A. Crash Das Fremde im Eigenen

Kultur

„L.A. Crash” ist der Versuch, einige Fragen zu konkretisieren, bildhaft zu machen, nicht unbedingt eine Antwort zu finden, aber auf Spurensuche zu gehen.

Sandra Bullock (hier 2013 in London) spielt in dem Film die Rolle von Jean Cabot.
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Sandra Bullock (hier 2013 in London) spielt in dem Film die Rolle von Jean Cabot. Foto: Richard Goldschmidt (CC-BY 3.0 unported - cropped)

15. März 2023
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„Es ist das Gefühl der Berührung.
In einer normalen Stadt geht man
zu Fuss. [...] Man berührt einander,
rempelt sich an. In L.A. berührt
dich nie jemand. Wir sind doch
immer nur hinter Metall und Glas.
Ich glaube, diese Berührung
fehlt uns so sehr, dass wir
miteinander kollidieren müssen,
um überhaupt etwas zu spüren.”
(Graham zu Ria)

Tatsächlich fusst das, was man gewöhnlich als Rassismus bezeichnet, auch auf so etwas wie „fehlender Berührung”. Jedenfalls ist dies möglich. In Japan gibt es Antisemitismus ohne Juden. Die assimilierten Juden des Kaiserreichs und der Weimarer Republik waren als solche „nicht sichtbar”. Zu den in Ghettos ausgrenzten (traditionell lebenden) Juden in Teilen Europas vor dem Holocaust gab es keine oder kaum Berührung, eben weil sie räumlich ausgrenzt waren. Etwas ähnliches galt für die Gettoisierung von Afroamerikanern in Amerika. Erst das antisemitische bzw. rassistische Trugbild macht „die anderen” in ihrer ethnischen oder religiösen Eigenheit zu „etwas anderem”, Fremden.

Die (gewaltsame) Kollision ist insofern eine unter bestimmten weiteren Annahmen ableitbare und im Sinne entsprechender Konzepte zwingende Folge – bis zum Holocaust. Der Nationalstaat und seine Konstruktion als „Hülse” für „nationale Identität” (als ob es sich bei „Nation” um ein Subjekt handeln würde!), als Muster der Identifizierung einzelner sowie die damit verbundene Aufsplitterung der Ganzheit des Subjekts in „fremd” und „eigen” – diese konstruierten Projektionen schlugen um in Hass, Gewalt und Vernichtung.

Doch wie verhält es sich in einer Gesellschaft, die seit etlichen Jahren „political correctness” auf ihre Fahnen geschrieben hat? Wie verhält es sich, wenn in einem Gebiet nicht nur zwei Ethnien, sondern unzählige zusammen- oder nebeneinander leben? Wie verhält es sich mit Menschen, die nicht ein (partei-)politisches Interesse an einer ausgearbeiteten rassistischen Konzeption haben, aber dennoch als „bürgerliche” Subjekte die innere Spaltung in „Fremdes” und „Eigenes” (unbewusst oder nicht) akzeptiert haben und dies nochmals projizieren, nämlich auf andere, personalisieren, indem sie sich als Eigene („Volk”) und sie „die anderen” als Fremde stilisieren?

„L.A. Crash” ist der Versuch, einige dieser Fragen zu konkretisieren, bildhaft zu machen, nicht unbedingt eine Antwort zu finden, aber auf Spurensuche zu gehen. Dabei hat Paul Haggis durchaus so etwas wie einen Ansatz von Antwort. Er „verwebt”etliche Einwohner von L.A. in ein Netzwerk aus Handlung, Sprache, Beziehung, Abhängigkeit, Überzeugung, Mentalität, aber eben auch mit (selbst verschuldeten oder sich aus den Umständen ergebenden) Defiziten an Kommunikation und Wissen. Er verwebt einen Tag im Leben dieser Menschen zu einem Beziehungsgeflecht, das vielleicht im nachhinein konstruiert wirkt, dessen Überzeugungskraft paradoxerweise darunter aber trotzdem nicht zu leiden hat, weil man sich die Dinge gut vorstellen kann.

Der Film beginnt und endet mit dem Fund der Leiche eines jungen Mannes. Inspektor Graham (Don Cheadle) wird zum Tatort gerufen und soll den Mordfall untersuchen. Zwischen diesem Ausgangs- und Endpunkt des Films schildert Haggis den Tag vor dem Mord.

Wir treffen auf zwei afroamerikanische Autodiebe, Anthony (Ludacris) und Peter (Larenz Tate), die sich über vermeintlich unterschiedliche Eigenschaften von Weissen und Schwarzen streiten, um kurz darauf das Auto des Generalstaatsanwalts Rick Cabot (Brendan Fraser) und seiner Frau Jean (Sandra Bullock) zu stehlen, indem sie den beiden die Waffe vor die Nase halten und sie aus dem Wagen werfen. Cabot hat nun Sorge, dass er die Stimmen der afroamerikanischen Bevölkerung bei der nächsten Wahl nicht erhält, wenn er gegen zwei von ihnen ermittelt!

Wir treffen auf Officer Ryan (Matt Dillon), der mit seinem jungen Kollegen Hanson (Ryan Philippe) einen Wagen desselben Typs wie das Auto der Cabots anhält, in dem der TV-Direktor Cameron (Terrence Howard) und seine Frau Christine (Thandie Newton) sitzen. Ryan behandelt die beiden, die offensichtlich und nach den vorgelegten Papieren kein Auto gestohlen haben, wie den letzten Dreck, vor allem Christine, die Ryan am ganzen Körper auf ekelhafte Weise begrapscht, um die beiden zu demütigen.

Wir treffen auf den Schlosser Daniel (Michael Pena), der im Haus der Cabots die Schlösser auswechselt, während Jean von ihrem Mann verlangt, am nächsten Tag nochmals die Schlösser auswechseln zu lassen, weil sie Daniel, geschockt durch den Überfall der zwei Autodiebe, mit diesen in einen Topf wirft. Auch Daniel ist dunklerer Hautfarbe.

Wir treffen auf den aus dem Iran stammenden Geschäftsinhaber Farhad (Shaun Toub), der sich eine Waffe besorgt hat, um sein Geschäft zu schützen. Daniel soll bei ihm ein Schloss reparieren, stellt jedoch fest, dass eigentlich die Tür ausgetauscht werden müsste, was er Farhad klar zu machen versucht, der jedoch aufgrund von Sprachproblemen dies nicht versteht und annimmt, Daniel wolle ihn betrügen.

Diese Episoden – und einige andere – verknüpft Haggis zum einen zu einer Geschichte, in der das Handeln jeder einzelnen der genannten Personen und einiger weiterer mit dem der anderen verknüpft ist. Es entsteht ein Handlungs- und Beziehungsnetzwerk, in dem jede Änderung einer „Variable” zur Änderung aller anderen „Variablen” führt.

Zum zweiten aber geht es nicht nur um das Aufeinandertreffen verschiedener Personen unterschiedlicher ethnischer Herkunft, wie in den oben beschriebenen Beispielen, sondern eben und vor allem auch um die Hintergründe des Verhaltens der Akteure in diesen Situationen. So hat Officer Ryan einen schwer kranken Vater zu Hause, dem sein bisheriger Arzt offenbar nicht helfen konnte. Die Vertreterin der Krankenkasse, Shaniqua (Loretta Devine), lehnt einen Wechsel des Arztes ab; das könne sie nicht finanzieren. Ryan reagiert aggressiv, spricht davon, dass erst Menschen wie sein Vater Menschen anderer ethnischer Herkunft die Chance gegeben habe, Arbeit zu finden. Sein Kollege Hanson, geschockt durch das Verhalten Ryans gegenüber dem Ehepaar Cameron und Christine, beantragt bei seinem (schwarzen) Vorgesetzten, einem anderen Kollegen zugeteilt zu werden, weil Ryan ein Rassist sei. Der Vorgesetzte lehnt diese Begründung ab, weil er die Befürchtung hat, das könne seiner Position schaden. Hanson solle sich einen „persönlicheren” Grund für einen Wechsel ausdenken.

Farhad macht den Schlosser Daniel für einen kurz danach erfolgenden Einbruch in sein Geschäft verantwortlich, greift zu seiner Waffe und begibt sich zu Daniels Haus, um von ihm das Geld für den Schaden zu verlangen, den die Versicherung wegen der nicht einbruchssicheren Tür nicht bezahlen will. Graham wird von seiner Mutter inständig gebeten, seinen verschwundenen, in kriminelle Aktivitäten verwickelten Bruder zu suchen. Doch Graham ist derart überfordert, dass er die Suche nach seinem Bruder vernachlässigt – was schwerwiegende Folgen nach sich zieht.

Und so weiter.

Ryan, der erfährt, dass Hanson beantragt hat, nicht mehr mit ihm, sondern einem anderen Kollegen Streife zu fahren, ahnt, welche Gründe dafür vorliegen. Er sagt zu Hanson: „Du glaubst, du wüsstest, wer du bist. Aber du hast keine Vorstellung davon.” Dieser Satz könnte für jeden in dieser Geschichte stehen. In kritischen Situationen stehen viele der Akteure quasi „neben sich selbst” und „ausser sich”. Es gibt in diesem Film auch wirklich offenen Rassismus, etwa von Seiten des Waffenverkäufers, der Farhad als Araber beschimpft. Doch für die Mehrheit der Beteiligten ist dies nicht so eindeutig, wie die „offizielle” Theorie des Rassismus dies glaubt verkünden zu können. Haggis zeigt, wie persönliche Probleme und Konflikte alle – ausser dem Schlosser Daniel übrigens – dazu verleiten, ihre Aggressionen, ihre Wut, ihre Enttäuschung auf Menschen anderer ethnischer Herkunft zu projizieren.

Dabei geht es nicht nur um Schwarz gegen Weiss respektive umgekehrt, sondern auch anderer Ethnien, ja sogar zwischen solchen gleicher Herkunft. So wirft Christine ihrem Mann Cameron aus Wut, Verletzung und Enttäuschung vor, Ryan nicht davon abgehalten zu haben, sie zu betatschen. Im Zusammenhang dieses Streits fällt der Satz, er sei kein „richtiger” Schwarzer. Cameron selbst muss sich während einer TV-Produktion von seinem weissen Produzenten Fred (Tony Danza) sagen lassen, einer der schwarzen Schauspieler habe seine Rolle nicht wie ein „richtiger” Schwarzer gespielt. Ob er einen Sprachkurs gemacht und seinen Slang dabei verloren habe.

All dies sind zum einen typische Beispiele für das, was man „Übertragung” nennen könnte: Man überträgt seine Vor-Urteile respektive seine Aggression aufgrund äusserlich unterschiedlicher Merkmale oder unterschiedlicher Herkunft auf andere. Doch nicht nur dies. „Crash” zeigt, wie schwierig und auch gefährlich eine Theorie der (ethnischen) Identität in jedem Einzelfall ist, wenn Identität nicht als ein permanenter Prozess im Leben einzelner, sondern als etwas Fixes, Unumkehrbares bezogen auf eine Ethnie verstanden und verinnerlicht worden ist – wie bei den meisten hier Handelnden.

Umso erstaunlicher ist, dass am Schluss des Films (fast) alle aufgrund ihres (Fehl-)Verhaltens zumindest in praktischer Hinsicht etwas gelernt haben, ohne dass dies vielleicht schon ein wirkliches Lernen darstellt. Zwei Schlüsselszenen zeigen dies besonders deutlich.

Daniel erzählt seiner Tochter, die sich wegen eines Schusses, den sie angeblich gehört hatte, unter ihrem Bett versteckt hat, die Geschichte einer Fee, die ihm als Kind erschienen war (ein Märchen natürlich, das die Kleine beruhigen soll). Weil auch Daniel oft Angst gehabt habe, habe die Fee ihm einen unsichtbaren Mantel geschenkt, den er seitdem ständig trage und der ihn vor allen Gefahren schützen würde. Er hänge diesen Mantel nun ihr um, damit sie geschützt sei. Als Farhad bei Daniel auftaucht und ihn mit der Waffe bedroht, rennt seine Tochter aus dem Haus in die Arme ihres Vaters, um ihn mit dem ihr jetzt gehörenden Mantel zu schützen. Dann fällt ein Schuss, und Daniel glaubt, seine Tochter sei tot. Doch sie lebt, ist unverletzt. Ein Wunder? Nicht im herkömmlichen Sinn. Denn Farhads Tochter hatte, nachdem der Waffenhändler ihren Vater beleidigt hatte, irgendwelche Patronen für die Waffe gekauft. Platzpatronen, wie man annehmen muss..

Also doch ein Wunder, ein glücklicher Umstand, der Schlimmes verhindert und vor allem – angesichts der unbekannten Umstände ein Umdenken auslöst.

Eine weitere Schlüsselszene zeigt einen Verkehrsunfall, bei dem Christine in ihrem Auto eingekeilt wird und bei dem ausgerechnet Officer Ryan, der sie zuvor gedemütigt hatte, zu Hilfe kommt. Entsetzt und voller Wut und Angst lehnt Christine seine Hilfe zunächst ab, bis Ryan sie beruhigen und kurz bevor das Auto explodiert retten kann. Sie schaut zurück, fragend, verunsichert, versteht die Welt nicht mehr.

Noch ein Wunder. Aber beide „Wunder” sind nicht vom Zufall bestimmt. Haggis inszeniert die Geschichte überzeugend durch die netzwerkartig angelegten Handlungen und macht damit zudem deutlich, dass alle doch aufeinander angewiesen sind, ohne diese Einsicht immer zu haben und die damit verbundenen Chancen zu nutzen. Trotzdem sind (fast) alle am Schluss ein bisschen besser, ein bisschen reifer, auch wenn man vielleicht nicht von einem regelrechten Lernprozess sprechen kann. Das sind die glücklichen Momente des Films. Die unglücklichen bestehen u.a. im Tod des jungen Mannes, dessen Umstände Graham aufklären soll. Und es ist Officer Hanson, der am Schluss sich den Satz seines Kollegen Ryan noch einmal vor Augen führen muss.

Das Eigentümliche des Fremden ist, dass es ohne das Eigene gar nicht existieren kann. Schon Georg Simmel wusste: „Das Fremde ist ein Element der Gruppe selbst, nicht anders als die Armen und die mannigfachen ‚inneren Feinde' – ein Element, dessen immanente und Gliedstellung zugleich ein Ausserhalb und Gegenüber einschliesst” (1). Das gilt vor und abseits aller rassistischen Vorurteilskonstruktion bereits im Verhältnis zweier Menschen zueinander. Und trotzdem wäre das Fremde als solches gar nicht artikulierbar oder zu verstehen, wenn es ausserhalb dieser Welt wäre. Es ist das, was uns fern erscheint und doch zugleich ganz nah ist – zu spüren schon in jedem Liebesverhältnis zweier Menschen. Indem ich zu dem Fremden auf Distanz gehe, ist es mir „sofort” ganz nah. Die „Eigenwilligkeit” unserer Kultur allerdings „will” es, dass aufgrund nationalstaatlicher Konstruktion des Zusammenlebens sich das Fremde in dem Fremden und das Eigene in dem, was wir „unsere Identität” nennen derart personalisieren – auch ein Konstrukt! – und kampfbereit machen lässt, dass es zu Feinschaft und Gewalt tendiert oder zumindest tendieren kann. Metall und Glas (siehe Anfangszitat) sind dabei nur die „modernen” Metaphern für die Berührungsarmut der modernen Gesellschaft, die sich selbst fremd geworden ist.

Im Film kommt dies an mannigfachen Stellen deutlich zum Ausdruck Und dies macht die unnachahmliche Qualität dieses Kunststücks aus.

Ulrich Behrens

(1) Georg Simmel: Exkurs über den Fremden (1908), in: Almut Loycke (Hrsg.): Der Gast, der bleibt: Dimensionen von Georg Simmels Analyse des Fremdseins, Frankfurt am Main, New York 1992, S. 9-16, hier: S. 10.

L.A. Crash

USA

2004

-

113 min.

Regie: Paul Haggis

Drehbuch: Paul Haggis, Robert Moresco

Darsteller: Sandra Bullock, Don Cheadle, Matt Dillon

Produktion: Don Cheadle, Paul Haggis, Mark R. Harris, Robert Moresco, Cathy Schulman, Bob Yari

Musik: Mark Isham

Kamera: James Michael Muro

Schnitt: Hughes Winborne