Just A Kiss Cultural lags

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Kultur

„Just A Kiss” ist keiner dieser Multi-Kulti-Filme, in denen jene oberflächliche Xenophilie gepredigt wird, die zu nichts führt. Ken Loach weiss, von was er handelt.

Ken Loach vor dem Kino Pierrot in Napoli, Juni 1995.
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Ken Loach vor dem Kino Pierrot in Napoli, Juni 1995. Foto: Arci Movie (CC-BY-SA 4.0 cropped)

Datum 6. Februar 2023
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„Ich habe vergessen, dir zu sagen:
Ich mag deinen Namen.” (Casim)
„Ich habe vergessen, dir zu sagen:
Ich mag deine Hände.” (Roisin)

In der Migrationsforschung unterscheidet man zwischen vier möglichen Strategien beim Kontakt verschiedener Kulturen, d.h. Der „Aufnahme” einer „Minderheitskultur” in eine „Mehrheitskultur”. Besteht der Wille zur Identitätserhaltung bei der eingewanderten Kultur und besteht zugleich (mehrheitlich gewollter) Kontakt zwischen Mehrheit und Minderheit, spricht man von Integration. Dies ist der wohl häufigste Fall in fast allen Ländern mit nennenswerten Einwanderergruppen. Gibt die eingewanderte kulturelle Gruppe ihre Identität auf, spricht man von Assimilation. Dies war beispielsweise die Strategie der Mehrheit der jüdischen Bevölkerung im Deutschen Reich im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, verursacht auch durch die starken antisemitischen Tendenzen bereits im Kaiserreich, die viele Juden zu dem Versuch bewegte, sich vollständig zu assimilieren (z.T. auch durch Wechsel der Religion).

Ein weiterer Fall ist die Separation, d.h. das Bestehen auf Erhaltung der kulturellen Identität und die Ablehnung des Kontakts zur Mehrheitskultur. Derartige Tendenzen gibt es immer wieder, beispielsweise in den Chinatowns vieler Millionenstädte. Allerdings gelingen derartige Versuche nie vollständig. Schliesslich kann es zur Marginalisierung oder Exklusion einer kulturellen Minderheit kommen, wenn diese zwar willens ist, sich in die Mehrheitskultur zu assimilieren, dies jedoch von der Mehrheitskultur abgelehnt wird. Im Extremfall kann dies zur Vertreibung oder gar zur Vernichtung einer Minderheit führen.

Keine dieser „Strategien” (wobei diese Strategien sowohl von der Mehrheit, als auch von der Minderheit ausgehen: also, will die Mehrheit respektive Minderheit Integration, Assimilation usw. oder nicht) kommt in der Realität „rein” vor. Zudem können aufgrund von Verhaltensweisen, äusseren Einflüssen, politisch-taktischen Konzepten usw. die Strategien zum Teil sprunghaft wechseln. Schliesslich ergibt sich die durchaus spannende Frage, welche Folgen der Kontakt verschiedener Kulturen (langfristig) auf eine Gesellschaft hat, d.h. inwieweit die Mehrheit die Kultur der Minderheit und die Minderheit die Kultur der Mehrheit beeinflusst und damit beide ein stückweit ihre eigene „Identität” verändern. In diesem Kontext sind weitere Fragen angesiedelt: Welche Vor-Urteile entwickeln sich auf beiden Seiten? Was bedeutet überhaupt „Identität”? Welche Ängste sind verantwortlich dafür, dass der jeweils „anderen Seite” gegenüber Misstrauen entwickelt wird? In welchen Zeiträumen entwickeln sich Änderungen in der Mentalität und „Identität” einer Kultur? Kann man „kulturelle Identität” als etwas Fixes überhaupt definieren oder unterliegt sie ständigen Veränderungen, auch ohne den Einfluss anderer kultureller Gruppen? (1)

Von solchen Dingen erzählt Ken Loach („Raining Stones”, 1993; „Bread and Roses”, 2000; „The Navigators”, 2001; „Sweet Sixteen”, 2002) in seinem Film „Just A Kiss”. Wir treffen auf die aus Pakistan stammende Familie Khan. Vater Tariq (Ahmad Riaz) betreibt ein Lebensmittelgeschäft. Er ist geprägt von den schrecklichen Erlebnissen ein paar Jahre nach dem zweiten Weltkrieg, als er und sein Bruder während der Unruhen zwischen Moslems und Hindus, die zur Spaltung Indiens in Indien und Pakistan führten und bei denen Hunderttausende von Menschen umkamen, auf der Flucht all dies miterleben mussten. Sein Bruder wurde damals verschleppt und tauchte nie wieder auf. Zur Familie gehören weiterhin Mutter Sadia (Shamshad Akhtar), die beiden Töchter Rukhasana (Ghizala Avan), die Psychologie studiert hat, und Tahara (Shabana Akhtar Bakhsh), die noch zur Schule geht und Journalistin werden will, sowie der einzige Sohn Casim (Atta Yagub), der geprüfter Buchhalter ist, aber davon träumt, mit seinem Freund Hammid (Shy Ramsan) eine Disko aufzumachen.

Als die aufmüpfige Tahara in der Schule einen Vortrag hält, in dem sie gegen die Vorurteile gegenüber Moslems redet, und danach von ein paar Jungs attackiert wird, lernt Casim, der seiner Schwester zu Hilfe eilt, die Musiklehrerin Roisin Hanlon (Eva Birthistle) kennen, die aus Irland stammt – und verliebt sich in sie. Casim, der der Tochter einer Verwandten versprochen ist (die er nicht einmal kennt), verheimlicht seiner Familie, was nun passiert. Auch Roisin verliebt sich in Hamid – und beide verbringen ein paar Tage Urlaub in Spanien. Als Casim Roisin erzählt, dass seine Hochzeit bereits geplant ist, rastet die junge Frau aus. Doch beide versöhnen sich wieder und Casim sagt die Hochzeit ab und zieht bei seinen Eltern aus.

Das hat genau die Folgen, die Casim um alles in der Welt nicht haben wollte: Vor allem sein Vater, aber auch seine Schwester Rukhasana und letztlich auch sein Freund Hammid versuchen alles, um Casim wieder nach Hause zu bringen und ihn zu bewegen, sich von Roisin zu trennen. Die Familienehre steht auf dem Spiel ...

Loach stellt die beiden Liebenden Casim und Roisin in den Mittelpunkt der Handlung. Um ihre Beziehung kreist alles und kreisen alle. Die unterschiedlichen Mentalitäten der beiden führen immer wieder zu Auseinandersetzungen, die auch vom Unverständnis der jeweils anderen Kultur geprägt sind. Daneben aber vergisst Loach nicht, die Konflikte auch aus der Perspektive der Familienangehörigen Casims zu zeigen. So stellt sich Rukhasana auf die Seite ihres Vaters, weil ihre Hochzeit mit einem jungen Pakistani aufgrund der bekannt gewordenen Beziehung Casims zu Roisin von dessen Eltern abgesagt wurde. Casims Mutter ist vor allem verzweifelt. Die jüngere Schwester Tahara hat selbst eine harte Auseinandersetzung mit dem Vater, weil dieser es kategorisch ablehnt, dass sie in Edinburgh Journalismus studieren will. Und Casim selbst schwankt zwischen der Liebe zu Roisin und der Angst vor dem Zerwürfnis mit seiner Familie. Er liebt seinen Vater, und er weiss, warum sich Tariq so verhält. Andererseits will er Roisin nicht aufgeben.

Roisin auf der anderen Seite – bedrängt vor allem durch Rukhasana und verunsichert und verärgert durch die Unentschlossenheit Casims – hat selbst Probleme mit ihrer eigenen Kultur: Ein örtlicher Priester verweigert ihr die „Unbedenklichkeitsbescheinigung” (weil sie in „wilder Ehe” lebe), die sie an der katholischen Schule, an der sie arbeitet, benötigt, um dort eine Vollzeitstelle antreten zu können, die der Direktor ihr angeboten hat.

Loach erzählt diese Geschichte fast schon nüchtern-dokumentarisch und ohne die oft genreüblichen klischeebeladenen Momente, indem er sich ganz auf den eigentlichen (kulturellen) Konflikt konzentriert. Andererseits zeigt er die Liebesgeschichte zwischen Roisin und Casim in wunderschönen Bildern und liebevollen Dialogen. Aber mit diesem vielleicht nur vordergründigen Kontrast versucht der Film nicht, auf einer platten Ebene zu argumentieren à la „Die Liebe ist stärker als alles andere”. Der Schluss der Geschichte ist durchaus offen, d.h. abhängig vor allem von der Entscheidung Casims.

Des weiteren liebe ich diesen Film, weil Loach nicht nach der Maxime handelt: die „fortschrittliche” westliche Mentalität hier, die „rückschrittliche” dort. Loach fordert Verständnis, zumal für Tariq und Casim. Die schwierigen Akkulturationsprozesse – so das Fazit des Films, wie ich es sehe – erfordern nicht nur gegenseitiges Verständnis, sondern auch ein durchaus ehrlich gemeintes Fingerspitzengefühl auf allen Seiten. Gefordert ist hier – trotz unterschiedlicher Sichtweise – vor allem eines: Respekt.

Casim setzt sich durch, und auch seine Schwester Tahara beharrt auf ihrem Studium in Edinburgh. Loach lässt offen, was das für Tariq und die anderen Familienangehörigen künftig bedeutet. Tariq wird als liebevoller, humorvoller und um seine Familie besorgter Mann dargestellt, der mit der Mehrheitskultur nicht rundum, aber in bestimmten Bereichen extreme Schwierigkeiten hat, die natürlich mit der Religion zusammenhängen. Und trotzdem liefert der Konflikt Roisins mit der katholischen Kirche genug Anhaltspunkte dafür, dass in dieser Mehrheitskultur ganz ähnliche Probleme bestehen, die noch lange nicht überwunden sind.

„Just A Kiss” ist also keiner dieser Multi-Kulti-Filme, in denen jene oberflächliche Xenophilie gepredigt wird, die zu nichts führt. Loach weiss, von was er handelt.

Ulrich Behrens

(1) Vgl. dazu u.a.: David L. Sam, John W. Berry: The Cambridge Handbook of Acculturation Psychology, Cambridge University Press 2006.

Just a Kiss

England

2004

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100 min.

Regie: Ken Loach

Drehbuch: Paul Laverty

Darsteller: Atta Yaqub, Eva Birthistle, Ahmad Riaz

Produktion: Rebecca O'Brien

Musik: George Fenton

Kamera: Barry Ackroyd

Schnitt: Jonathan Morris