UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Jenseits von Eden

7444

Jenseits von Eden Jenseits von Gut und Böse

film-677583-70

Kultur

Das Konservative trifft auf das Rebellische, das Gezähmte auf das Wilde, das Integrierte auf das Desillusionierte, das „Gute” auf das „Böse”, aber all dies nicht in einem politischen Sinn, nicht in Gestalt „absoluter” Positionen.

Elia Kazan, 1967.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild vergrössern

Elia Kazan, 1967. Foto: James Kavallines (PD)

Datum 12. Februar 2023
2
0
Lesezeit7 min.
DruckenDrucken
KorrekturKorrektur
„Es begab sich aber nach etlicher
Zeit, dass Kain dem Herrn Opfer
brachte von den Früchten des
Feldes. Und auch Abel brachte
von den Erstlingen seiner Herde
und von ihrem Fett. Und der Herr
sah gnädig an Abel und sein Opfer,
aber Kain und sein Opfer sah er
nicht gnädig an. Da ergrimmte
Kain sehr und senkte finster seinen
Blick.” [1]

Nein, Elia Kazans einer klassischen Tragödie ähnelnde und auf dem Roman John Steinbecks basierende Geschichte um die Familie Trask verortet diese Gegensätze in einer sehr konkreten, dichten Erzählung um Liebe und Hass, Verzweiflung, Verrat und Sehnsucht, in der die religiösen Verweise – insbesondere die Geschichte von Kain und Abel – die Form sind, in der sich diese Tragödie abspielt, in der Erlösung und Tod, Befreiung und Verletzung untrennbar miteinander verbunden sind.

Der Anfang des Films zeigt ganze drei Minuten lang, begleitet von dramatischer Musik, eine felsige Küste, bis die Kamera langsam nach rechts schwenkt, so dass man am Horizont etliche Häuser, ein paar Bäume und Wiesen hinter dem Meer und den Klippen sehen kann.
„In northern California, the Santa
Lucia Mountains, dark and brooding,
stand like a wall between the peaceful
agricultural town of Salinas and the
rough and tumble fishing port of
Monterey, fifteen miles away.”
(aus dem Vorspann des Films)

Wir schreiben das Jahr 1917. Ein junger Mann verfolgt eine schwarz gekleidete Frau bis nach Hause. Sie lässt ihn durch einen Angestellten vertreiben. „Bestellen Sie ihr, dass ich sie hasse”, sagt der junge Mann dem Angestellten im Weggehen, steigt auf das Dach eines Güterwagens und fährt so wieder nach Hause. Die Frau heisst Kate (Jo van Fleet) und leitet ein Bordell und eine verruchte Kneipe in Monterey. Der junge Mann heisst Cal Trask (James Dean), und jemand hat ihm erzählt, seine Mutter sei nicht nach seiner und seines Bruders Geburt gestorben, sondern lebe in Monterey. Kate ist seine Mutter.

Cals Vater Adam (Raymond Massey) ist ein tief religiöser Mann, sein Bruder Aron (Richard Davalos) kommt nach seinem Vater. Und Cal? Cal ist ein rebellischer, innerlich aufgewühlter junger Mann, der von seinem Vater nicht geliebt, ja, eigentlich verachtet wird. Cal kämpft stündlich, ja jeden Augenblick um die Anerkennung und Zuneigung Adams, vergeblich.

Als Adam noch einmal in seinem Leben eine grosse Chance wittert, nämlich mit der Kühlung von Lebensmitteln durch Eis während des Transports mit der Eisenbahn, benutzt Cal eine gestohlenen Kohlenrinne, damit die Arbeiter die Kohlköpfe besser aussortieren und verpacken können. Ein kühles Lob und der Vorwurf, man dürfe nicht stehlen, sind alles, was er von seinem Vater zu hören bekommt.

Cal erzählt seinem Vater, er wisse, dass seine Mutter noch lebe. Aber Adam erwidert nur widerwillig und deprimiert, dass er nicht wisse, warum Kate ihn verlassen habe, dass sie alles und jeden gehasst habe, wohl auch ihn. Von Kate, die Cal immer wieder versucht zu sprechen, erfährt er schliesslich, dass sie gegangen sei, weil Adam sie habe einsperren wollen, weil sie keine Luft zum Atmen gehabt habe.

Von ihr leiht sich Cal 5.000 Dollar. Adam hat genau dieses Geld verloren, als der Güterzug, auf dem er die gekühlten Kohlköpfe transportiert hatte, stecken blieb, das Eis taute und die Kohlköpfe vergammelten. Jetzt will Cal mit dem Geld in Bohnen spekulieren. Denn der Kriegseintritt der USA steht kurz bevor, der Bohnenpreis steigt, weil die Armee Bohnen für ihre Soldaten in Europa benötigt. Cal verdient einen Haufen Geld. Als er es seinem Vater zu dessen Geburtstag schenken will, lehnt der das schmutzige Geld, das Cal mit dem Krieg verdient hat, ab. Es kommt zu einer Katastrophe ...
„Da sprach der Herr zu Kain. Warum
ergrimmst du? Und warum senkst du
deinen Blick? Ist's nicht also? Wenn
du fromm bist, so kannst du frei den
Blick erheben. Bist du aber nicht fromm,
so lauert die Sünde vor der Tür, und nach
dir hat sie verlangen; du aber herrsche über sie.”

Kazan setzte in „East of Eden” auf intensive Charakterdarstellung, eine glaubwürdige Familiengeschichte und das, was man einen Katalysatoreffekt innerhalb einer solchen Tragödie nennen könnte, in Person des ungeliebten Sohns Cal. Das Rebellische in Cal, das Aufbegehrende richtet sich jedoch nicht nur gegen die Gefühlskälte seines Vaters, eines Mannes, der sich selbst für absolut rein und ehrlich hält, für unfehlbar könnte man sagen, für einen Mann, der immer alles richtig macht, der immer weiss, welchen Weg er einzuschlagen hat. Cal will wissen, wer er ist, will das Familiengeheimnis seiner Eltern lüften. Und er hasst seinen Bruder dafür, dass beider Vater nur Aron zu lieben scheint. Selbst dieser Hass allerdings ist genauso wenig absolut wie die vermeintliche charakterliche Reinheit seines Vaters.

Wir sehen Aron, der seinem Vater alles gleicht macht, dessen Zukunft in ebensolcher Reinheit bereits derart vorgeplant ist, dass man sich den Lebensweg bildlich vorstellen kann. Aron ist mit Abra (Julie Harris) verlobt, einer jungen, sensiblen und intelligenten Frau, die anfangs meint, in Aron den einzig richtigen Mann für ihr Leben gefunden zu haben, die Angst hat vor Cal, weil sie die Motive seines Verhaltens nicht versteht, weil sie ihn zunächst für schlecht hält, wie Aron und Adam dies immer wieder äussern. Doch im Unterschied zu Aron und Adam will sie wissen, was in Cal vorgeht, sie nähert sich ihm, versucht zu verstehen.

Bestechend an „East of Eden” ist vor allem, dass Kazan ausnahmslos alle Akteure in ihrer Zwiespältigkeit zeigt:

– Adam, die Reinheit in Person, der seinen Söhnen verheimlicht, warum Kate gegangen war, dass er sie nicht liebte, sondern nach seinen Vorstellungen bändigen wollte;

– Aron, der nichts besseres zu tun weiss, als seinem Vater in jeder Hinsicht zu folgen, um seine Anerkennung als braver Sohn zu erheischen; der die Augen vor allem verschliesst, was nicht in dieses Bild passt;
– Kate, die ihre Freiheit auskostet, indem sie das Verruchte zum Geschäft gemacht und ihre Söhne allein gelassen hat;

– Abra, die sich in das Reine von Aron verliebt hat, nicht in Aron selbst, und die erst spät merkt, dass Cal ihr viel näher steht;

– und Cal, der alles, auch falsche tun würde, um die Liebe seines Vaters zu gewinnen; der sogar bereit ist, sich diese Liebe zu erkaufen.

Weil Cal aus Rache seinem Bruder von der Existenz der Mutter erzählt, ihn zu ihr führt, so dass Aron aus Verzweiflung, vor allem aber, weil sein hohles Weltbild zusammenbricht, freiwillig in den Krieg zieht, erleidet Adam einen Schlaganfall. Hier sind wir wieder bei der Geschichte von Kain und Abel, und ein langjähriger Freund Adams, der Sheriff (Burt Ives) wirft Cal vor, so wie Kain gehandelt zu haben. Warum er nicht auch weggehe wie dieser ins Land Nod.

Der Sheriff hat nichts verstanden. Nur Cal und Abra, die sich lieben, haben verstanden. Man mag diesen Schluss – als Cal sich entscheidet, seinen todkranken Vater zu pflegen – für rührselig halten. Doch das trifft den Kern der Geschichte nicht. Die Akteure durchschreiten im Verlauf der Geschichte all das, was wir alle in der einen oder anderen, stärkeren oder milderen Form erleben: den fatalen Irrtum ebenso wie die Verdrängung von Konflikten, den Verrat an uns selbst wie an anderen, den Hass wie die Suche nach dem, was Liebe heisst. Der Schluss stellt trotz der tragischen Ereignisse etwas dar, was wie ein Gewitter klärend wirkt. Das Ende ist vor allem Versöhnung, Ankommen an einem Ort (in uns), in dem nicht die Friedhofsruhe der Vergangenheit herrscht, sondern eine Ruhe, die von Liebe und Geborgenheit, Ehrlichkeit geprägt ist.

Dass das Tragische, der Verrat, die Rache, der Hass an diesen Ort führten, ist nicht unabdingbar. Dass sie aber sehr oft (schreckliche) Voraussetzung dafür sind, diesen Ort zu finden, muss einem zu denken geben. Das Zerrissene in allen Akteuren dieser Geschichte, das Fehlen einer quasi homogenen Mentalität, die einen Ausgleich von „Gut” und „Böse” in sich trägt, um beides „auf gesunde Weise” zu relativieren, ist gerade wegen dieser exzellenten Inszenierung der Geschichte hoch aktuell. Der Film verweigert sich nämlich jeglicher Schwarz-Weiss-Malerei – so wie John Steinbeck dies bereits in seinem Roman getan hatte.