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Wenn Almodóvar ein realistisches Melodram ohne Schnörkel gefilmt hat, dann ist es sicherlich »High Heels«. In diesem Streifen verbindet er seinen authentischen Stil mit den Gesetzen des melodramatischen Kinos.

Die spanische Schauspielerin Victoria Abril (hier am Festival von Cannes, 2000) spielt im Film High Heels die Hauptrolle der Rebeca.
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Bild: Die spanische Schauspielerin Victoria Abril (hier am Festival von Cannes, 2000) spielt im Film High Heels die Hauptrolle der Rebeca. / Georges Biard (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

8. November 2020

08. 11. 2020

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Manuel (Feodor Atkine) leitet einen Fernsehsender, in dem seine wesentlich jüngere Frau Rebeca (Victoria Abril) als Nachrichtensprecherin tätig ist. Rebeca ist 27, und vor fünfzehn Jahren verliess ihre Mutter Becky (Marisa Paredes) sie, um in Nordamerika Karriere zu machen. Nun kehrt sie nach Spanien zurück, und ihre Tochter erwartet sie am Flughafen und erinnert sich an die Vergangenheit.

Ihre Mutter hatte ihren Vater (Nacho Martínez) verlassen, mit Alberto (Pedro Díez del Corral), aber auch mit Manuel ein Verhältnis gehabt. Alberto wollte Becky daran hindern, ins Ausland zu gehen, um als Sängerin Karriere zu machen. Sie hatte ihrer Tochter versprochen, in Mexiko schnell einen Film zu drehen, der sie berühmt mache, um dann zu Rebeca zurückzukehren. Daraufhin hatte Rebeca heimlich die Schlaftabletten Albertos, den sie eh nicht mochte und der sie nicht mochte, mit anderen Pillen vertauscht, um ihre Mutter gehen zu lassen und um sie so schnell wie möglich wiederzusehen. Doch Becky bliebt 15 lange Jahre. Sie ahnt bei ihrer Rückkehr nichts von dieser Handlung ihrer Tochter Jahre zuvor.

Rebeca heiratete Manuel, ohne ihrer Mutter von der Identität ihres Ehemanns, des Ex-Geliebten Beckys, zu erzählen. Manuel selbst will sich scheiden lassen, obwohl Rebeca nicht zustimmt. Er hat ein Verhältnis mit Isabel (Miriam Díaz Aroca), die Rebecas Nachrichten für Taubstumme übersetzt.

Rebeca führt ihre Mutter – gegen den Willen Manuels – in ein Transvestiten-Lokal, in dem Letal (Miguel Bosé) auftritt und Becky als Sängerin kopiert. Er liebt Rebeca, verführt sie in seiner Garderobe. Ein weiteres Ereignis mit Folgen.

Becky ist kaum ein paar Tag wieder in Madrid, als plötzlich Manuel erschossen auf dem Sofa gefunden wird. Rebeca, die am gleichen Abend – trotz dieses Vorfalls – die Nachrichten im Fernsehen liest, verkündet vor dem Fernsehpublikum, sie habe Manuel erschossen. Untersuchungsrichter Domíguez (Miguel Bosé) ermittelt; er gibt vor, nicht an die Schuld Rebecas zu glauben; sie wolle wohl jemanden schützen. Doch auch Domíguez hat ein Geheimnis zu verbergen, das ihn dazu bewegt, Rebeca vor der Verurteilung zu schützen ...

Inszenierung

Almodóvar inszenierte, wiederum in grell-farbigen Bildern, die zeitweise an eine Mischung aus Comic und Werbung erinnern, mit »High Heels« sein traurigstes, dem Realismus verhaftetes Melodram. Es handelt sich nicht um ein Rührstück à la Hollywood. Die Tränen, die fliessen, sind nicht aus theatralischer Effekthascherei geschöpft; es sind Tränen, die die Wirklichkeit schreibt. »High Heels« ist letztlich eine Dreiecksgeschichte zwischen Mutter, Tochter – und Männern. Almodóvar interessieren weinende Frauen, aber nicht als Momentaufnahme: »Ich muss zugeben, dass kein Schauspiel mich als Regisseur so fasziniert wie das einer Frau, die weint. Mich fasziniert alles, was zu den Tränen führt, der ganze Weg, den die Frau zurücklegt, ehe sie weint.«

»High Heels« ist ein Paradebeispiel für die Umsetzung dieses Interesses. Der Film veranschaulicht auf eine bestürzende Art, wie sich aus einer Trennung wie der zwischen Becky und Rebeca, für die die Mutter verantwortlich zeichnet, ein Drama entwickelt. Mutter und Tochter, fünfzehn Jahre lang getrennt, lieben sich; Rebeca erzählt ihrer Mutter, dass sie Becky zeitweise gehasst hat, doch sie selbst in diesem Hass für das Verlassen-Worden-Sein geliebt hat. Becky bekennt sich für einen Mord schuldig, der die (verquere) Rache an den Männern dokumentiert, die ihre Mutter suchte und fand und die ihr Leben fast zerstört hätten. Rebeca wählt sich nicht nur den gleichen Typ von Mann, sondern auch noch einen, der ihre Mutter ebenso benutzt hat wie jetzt sie.

Schauspieler

Es ist immer wieder erstaunlich, wie es Almodóvar gelingt, insbesondere die Schauspielerinnen in seinen Filmen in ihren Rollen aufgehen zu lassen. Victoria Abril und Marisa Paredes ist jede Gefühlsregung, jeder Gedanke am Gesicht abzulesen. In der Anfangsszene, als Rebeca auf ihre Mutter im Flughafengebäude wartet, ist der ganze Schmerz ihrer Kindheit zu spüren, ohne dass sie auch nur ein Wort zu sagen braucht.

Fazit

Almodóvar lässt dem Zuschauer keine Hintertür offen, aus der er vor der Dramatik der Geschichte fliehen könnte; er erzählt ohne rosarote Brille, nüchtern, realistisch, dramatisch. Wegsehen, Übersehen ist nicht zulässig. Er macht aber nicht nur den aufgestauten, angesammelten Schmerz der Familientragödie sichtbar, sondern eben auch die diffizile Geschichte dieses Leids. Eine Hintertür gibt es in diesem Film nur für Rebeca; ihr gilt Almodóvars ganzes Mitleiden. Der Mord an Manuel gewinnt – wie in jedem Film des spanischen Regisseurs – eine schier unbestreitbare Logik aus der Geschichte der Handelnden. »High Heels« – auch ein Streifen ohne Lehrhaftigkeit oder Besserwisserei, dokumentarisch und dramatisch in einem.

Ulrich Behrens

High Heels

Spanien

1991

-

110 min.



Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar

Darsteller: Victoria Abril, Marisa Paredes, Miguel Bosé

Produktion: Agustín Almodóvar

Musik: Ryūichi Sakamoto

Kamera: Alfredo F. Mayo

Schnitt: José Salcedo

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