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Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind | Untergrund-Blättle

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Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind Brot und Spiele

Kultur

Wahr oder nicht wahr? Die amerikanische Game-Show-Legende Chuck Barris ein heimlicher Killer der CIA?

Sam Rockwell am Toronto Film Festival 2012.
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Bild: Sam Rockwell am Toronto Film Festival 2012. / gdcgraphics (CC BY-SA 2.0 cropped)

27. Januar 2022
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Bis heute ist nicht geklärt, ob Barris, der Erfinder solcher Shows wie „The Dating Game“, hierzulande „Herzblatt“, oder „The Gong Show“ tatsächlich für den US-Geheimdienst gearbeitet hat. In seinen Memoiren „Confessions of a Dangerous Mind“ behauptet Barris es jedenfalls. George Clooney nahm sich in seinem Regiedebut der Geschichte von Barris an und liess keinen geringeren als Charlie Kaufman („Being John Malkovich“, 1999; „Adaptation“, 2002) das Drehbuch schreiben. Was Clooney und Kaufman aus dem Stoff gemacht haben, ist fast genial. Dabei spielt die Frage, was an der Geschichte verbürgt ist und was nicht, keine Rolle. Denn Clooney schreibt nicht so sehr die Biografie von Barris, sondern schaut eher über die Figur von Barris, oft mit ironischem Unterton, auf eine Epoche, auch eine Epoche Fernsehen.

Barris (Sam Rockwell) ist so ziemlich am Ende, als er sich in den 80er Jahren in einem Hotel in New York verbarrikadiert hat. Selbst seine langjährige Geliebte Penny (Drew Barrymore) findet keinen rechten Zugang mehr zu dem Mann, der in den 60er Jahren begann, Game-Shows zu produzieren, die bald ein Millionenpublikum anlockten. Barris setzt sich an die Schreibmaschine und rechnet mit seinem Leben ab.

Was Clooney und Kaufman nun inszenieren, schwankt kontinuierlich zwischen ironischen Attacken auf Fernsehen, Barris, auf die Klischees der Filmgeschichte hier, und einer tief sitzenden, wenn auch nicht kritiklosen Sympathie für die Hauptfigur des Films andererseits. Es ist erstaunlich, wie z.B. die Klischees des Agentenfilms, des psychologischen Dramas (Motto: In der Kindheit liegt die Wurzel allen Übels) mit realen wie fiktiven Elementen verwoben werden und eine exzellente Einheit des Films garantieren können.

Barris als Junge. Er will, dass ein Mädchen Oralverkehr mit ihm macht. Von nun an geht's mit Barris bergab (oder bergauf?). Barris findet so viel Gefallen an Sex, dass er fortan alle Frauen haben muss, die er für begehrenswert hält. Bindung oder gar Ehe sind nur von Übel. Dieser Ausgangspunkt für Barris Verhalten gegenüber Frauen ist halb ernst, halb ironisch in Szene gesetzt, und genauso geht es mit dem Film weiter. Man weiss nie, was nun ernst gemeint und was Groteske ist. Hier liegt die Stärke der Inszenierung. Barris trifft auf Penny, die einzige Frau, die trotz seiner zahlreichen Affären über Jahre hinweg immer wieder zu ihm zurückkehrt. Barris hat zunächst keinen Erfolg mit seinen Ideen für Spiel-Shows. Da setzt sich ein Mann, er nennt sich Jim (George Clooney), mit ihm in Verbindung, der Barris für einzelne Aufträge einer obskuren Abteilung innerhalb der CIA kapern will. Barris entspreche dem Profil, das man sich für diese Spezialaufträge erarbeitet habe. Die Szene, in der Clooney und Rockwell an der Bar sitzen, könnte ich immer wieder ansehen. Rockwell ist haarscharf am Gesicht abzulesen, was Barris durch den Kopf geht. Er sieht die Möglichkeit, bei der CIA das zu bekommen, was ihm bislang im Fernsehen nicht gelungen ist: Anerkennung.

Was sich nun entspinnt, ist eine Agentenstory per excellence, mit allen Klischees, die man sich nur vorstellen kann: Morde in Mexiko, Berlin und anderswo, eine femme fatale (Julia Roberts), die Barris fasziniert. Jim gibt Barris den Rat, die Sieger seiner Show „The Dating Game“ mit Reisen in ferne Länder zu belohnen, dort, wie Barris den nächsten Auftragsmord ausüben soll – eine perfekte Tarnung. Mehr als 30 Morde will Barris für die CIA begangen haben. Der Austausch von Geheimagenten am Grenzübergang Ost-West gehört ebenso zu den Klischees, die Clooney und Kaufman nun bemühen wie die Verschwörung innerhalb des Geheimdienstes selbst, die einigen Agenten, u.a. dem zwielichtigen Keeler (Rutger Hauer), das Leben kosten, oder auch die Ausbildung Barris in einem Camp für staatlich besoldete Killer.

Daneben werden jedoch auch die Game-Shows in einer Realitätsnähe und zugleich fiktiven Weise inszeniert, das unklar bleibt, was daran wahr ist und was nicht. Für das menschliche Korrektiv Barris, Penny, vor allem bezüglich der skrupellosen und voyeuristischen Machart mancher seiner Shows, vor allem „The Gong Show“, in der sich ein Millionenpublikum über die „Stars“ der Show lustig machen darf (da treten Leute auf, die nicht singen können, schlechte Witze machen usw., die einmal öffentliche Aufmerksamkeit haben wollen), für Penny, die an Barris festhält, gilt ähnliches: Real oder fiktiv, Glosse oder Wahrheit?

So fügt sich ein Bild zusammen, das über die Person des Chuck Barris auch ein Stück Kulturgeschichte schreibt. Der Film-Barris, der ist gelinde gesagt oft ein Arschloch, ein widerwärtiger Egozentriker, der an nichts anderes denkt als an sich, sein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, im Fernsehen, bei Frauen und in der CIA. Dort kann Barris töten wie er in seinen Shows die ethische Schmerzgrenze des gerade noch Erträglichen immer weiter herabsenkt. Trotzdem wird Barris nicht als absolute Negativfigur in Szene gesetzt. Rockwell schafft es immer wieder, auch Sympathie für diesen Mann zu schaffen. Barris ist eben auch Opfer einer kulturellen Entwicklung, in der das Motto „Was gemacht werden kann, darf auch gemacht werden“ zunehmend an Boden gewinnt. Als er seine erste Show den Verantwortlichen von ABC vorführt, lehnen die noch entrüstet ab, weil die Showteilnehmer eindeutige, vor allem sexuelle Anspielungen zuhauf von sich geben. Doch wenig später hat sich das geändert. Und „The Dating Game“ wird zu einem Renner. Als Barris in den 80er Jahren in seinem Hotelzimmer sitzt, heruntergekommen, depressiv, hatte man ihm kurz zuvor klar gemacht, dass seine Shows nicht mehr die gewünschte Quote bringen. Man lässt ihn fallen wie eine heisse Kartoffel.

Vor allem auch der Kameraarbeit von Newton Thomas Sigel und dem Schnitt von Stephen Mirrione ist es zu verdanken, dass diese Collage eines Lebens und eines Teils der Kultur zu einem kleinen Meisterwerk geworden ist. Clooney spielt den düsteren, scheinbar emotionslosen CIA-Mann ebenso gut wie Rockwell Barris. Wie man so schön sagt: Rockwell „ist“ Barris. Und auch Julia Roberts als geheimnisvolle femme fatale und Drew Barrymore als lebenslustige und liebende Penny sind exzellente Besetzungen in einem Regiedebut, dem man nur Achtung entgegenbringen kann, zumal der Humor auch nicht zu kurz kommt.

In einer der Game-Shows sind übrigens als Gag am Rande Matt Damon und Brad Pitt als stumme Teilnehmer zu sehen.

Ulrich Behrens

Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind

USA

2002

-

113 min.

Regie: George Clooney

Drehbuch: Charlie Kaufman, nach dem Buch von Chuck Barris

Darsteller: Sam Rockwell, George Clooney, Drew Barrymore

Produktion: Andrew Lazar, Jeffrey Sudzin

Musik: Alex Wurman

Kamera: Newton Thomas Sigel

Schnitt: Stephen Mirrione

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