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Freeway Es darf gemordet werden ...

Kultur

„Freeway” ist einer der seltenen Filme, in denen solche Wahrheiten hops genommen werden.

Reese Witherspoon an der Premiere von Walk the Line am Toronto Film Festival 2005.
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Reese Witherspoon an der Premiere von Walk the Line am Toronto Film Festival 2005. Foto: GabboT (CC-BY-SA 2.0 cropped)

4. Januar 2023
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5 min.
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Matthew Bright, der dieses Spektakel für (mehr oder weniger) starke Nerven nicht nur inszenierte, sondern auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnete, spielt auf der Klaviatur der ewigen Geschichte vom Serienmörder und seinen Opfern, indem er diese Geschichte auf eine brachiale und groteske, rücksichtslose und komische Art neu erzählt.

Die 15jährige Vanessa (Reese Witherspoon, damals noch kein Püppchen à la „Natürlich blond!”, 2001 und 2003) „verliert” ihre auf den Strich gehende Mutter Ramona (Amanda Plummer) und ihren ihr nachstellenden Stiefvater Larry (Michael T. Weiss), die von der Polizei verhaftet werden. Vanessa soll ins Heim, doch sie büxt aus und fährt mit dem Auto auf den Highway, um bei ihrer Grossmutter zu leben. Pech nur, dass das Auto den Geist aufgibt.

Aber Rotkäppchen scheint Glück zu haben. Denn der Kinderpsychologe Bob Wolverton (Kiefer Sutherland) – der böse Wolf, wie sich herausstellen wird – nimmt sich der Göre an, spielt den väterlichen Freund, lädt sie zum Essen ein, und will sich ihrer Probleme annehmen. Als er allerdings durch seine Fragen mehr oder weniger deutlich offenbart, dass er der gesuchte Highway-Serienkiller ist, wird es unserem Rotkäppchen zu bunt. Zum Glück – und zu jedem Märchen gehört Glück – hat sie die Waffe ihres Freundes Chopper (Bokeem Woodbine) dabei und schiesst dem bösen Wolf in den Hals. Als Bob aus dem Auto steigt, trifft ihn der Rest des Magazins aus Vanessas Waffe.

Aber wer jetzt denkt, der Mistkerl sei tot, irrt gewaltig. Die Ärzte stellen ihn wieder her – entstellt mit einem Drahtgestell auf den Schultern und offenem Mund, so dass es scheint, Bob würde die ganze Zeit lachen. Währenddessen raubt unser Schätzchen auf dem Strich geile Kunden aus, bis die Polizei sie schnappt, ein Gericht sie verurteilt und Vanessa im Knast ebenso seltsame Girlies kennen lernt, wie sie selbst eines zu sein scheint. Der Entschluss zum Ausbruch ist schnell gefasst. Inzwischen versuchen Bob und seine versnobte Frau Mimi (Brooke Shields) ordentlich Stimmung gegen das verdorbene Mädchen mit dem roten Rock (statt rotem Käppchen) zu machen. Und die beiden Helden vom Police Department, Breer und Wallace (Wolfgang Bodison, Dam Hedaya), merken erst sehr spät, dass Bob nicht der Psychologe mit der blütenreinen Weste ist ...

Dass diese dem Märchen Rotkäppchen im äusseren Geschehen nachempfundene Story bei Grossmutter endet, dürfte sich von selbst erschliessen. Dass die Geschichte trotzdem alles andere als ein unschuldiges Rotkäppchen-Märchen ist, bzw. die Lasten ganz anders verteilt sind, wird von Anfang an mehr als deutlich. Reese Witherspoon spielt eine 15jährige, die durch Dick und Dünn geht, wenn nötig mit der Waffe in der Hand. Eine Gefängnisaufseherin und ein Wächter müssen dran glauben. Ein Kunde auf dem Strassenstrich darf den Rest des Films im Kofferraum verbringen. Eine machtbesessene Gefängnisinsassin muss Blut spucken beim Versuch, Vanessa in die Knie zu zwingen.

Ihr gegenüber steht der sich nach aussen als feiner Pinkel gebende Mr. Wolverton, dessen Etepetete-Frau – leider zu wenig zu sehen: Brooke Shields – keine Ahnung von den Mordtaten ihres Gatten hat. Wer lacht nicht, wenn man ihn bei der Gerichtsverhandlung mit Gestell und verzogenem Mund auf der Bank sitzen sieht. Wer lacht nicht, wenn er blutüberströmt auf der Liege im Krankenhaus jammert – aber nicht, weil er ein Serienkiller ist, lacht man, sondern weil Matthew Bright sich über alles lustig macht, was diese Geschichte zu bieten hat – jenseits aller Moral und Besserwisserei. Das Pärchen Wolverton veranstaltet eine TV-Show, in der über die bösen, bösen Mädchen à la Vanessa hergezogen wird. Und Vanessa? Tut sie nicht alles, um dem medial verbratenen Klischee über sie genüge zu tun? Sie tut es. Und die beiden mal dämlichen, mal superschlauen Bullen rasen von einem Schauplatz zum nächsten, ohne eigentlich zu wissen, in welcher Story sie sich nun wirklich befinden.

„Freeway” ist eine harte, will heissen in Sprache, Verhalten, Charakteren unzumutbare Zumutung – und deshalb ein köstliches Vergnügen, das der Rotkäppchen-Geschichte einen „modernen”, sprich: den Medien gerecht werdenden Touch verleiht, eine Story, die den vor Enthüllungseifer geifernden Quoten-Medien ebenso eine satirische Absage erteilt wie dem voyeuristisch nach Sensationen à la Serienkillergeschichten gierenden Publikum. Reese Witherspoon beginnt ihr Spiel dort, wo diese scoops der medialen Welten aufhören; Kiefer Sutherland, anfangs der intelligent-brutale Typ, avanciert zur parodistischen Figur. Auch die Szenen im Gefängnis sind prall gefüllt mit den üblichen klischeebeladenen Meinungen über die Verhältnisse in solchen „Besserungsanstalten”.

„Freeway” ist eine Zumutung. Und nicht jede®) wird seinen Spass daran haben. Ich hatte ihn. Reese Witherspoon und Kiefer Sutherland sind grossartig zwischen Entsetzen und Parodie, Skrupellosigkeit und Satire. Und Brittany Murphy als Zellengenossin Vanessas und Alanna Ubach als Mesquita runden die Skurrilität dieser Geschichte ab.

Ulrich Behrens

Freeway

USA

1996

-

100 min.

Regie: Matthew Bright

Drehbuch: Matthew Bright

Darsteller: Kiefer Sutherland, Reese Witherspoon, Wolfgang Bodison

Produktion: Oliver Stone

Musik: Danny Elfman

Kamera: John Thomas

Schnitt: Maysie Hoy

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