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Fitzcarraldo | Untergrund-Blättle

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Kultur

Caruso im Urwald Fitzcarraldo

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Iquitos, Peru, Anfang des 20. Jahrhunderts. Grossgrundbesitzer, die Kautschuk (indianisch: cao = Baum und ochu = Träne) gewinnen und Tausende von Indianern dafür ausbeuten.

Portrait von Werner Herzog und Galen Yuen.
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Bild: Portrait von Werner Herzog und Galen Yuen. / Lena Herzog (CC BY-SA 3.0 cropped)

13. Januar 2019

13. 01. 2019

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Don Aquilino (José Lewgoy) ist der mächtigste unter ihnen, ein Mann, der den Raum beherrscht, in dem er sich bewegt, ein sich weltoffen gebender Mann. Abenteurer tummeln sich wohl auch in der Schneise, die hier in den Urwald geschlagen wurde, zumindest einer, ein Träumer, vielleicht ein Phantast, aber einer, der seinen Traum nicht nur umsetzen will, sondern dafür auch alles tut: Brian Sweeney Fitzgerald, genannt Fitzcarraldo (Klaus Kinski). Nur ein einziges Mal verliert er die Fassung, als die Reichen von Iquitos seinen Traum nicht finanzieren wollen. Er besteigt den Kirchturm und schreit über den ganzen Ort, diese Kirche würde so lange geschlossen, bis sein Opernhaus gebaut sei. Das ist sein Traum: ein Opernhaus mitten im Urwald und Enrico Caruso als Star auf der Opernbühne.

Nur Molly (Claudia Cardinale), seine Freundin, eine Bordellbesitzerin, versteht Fitzcarraldo. Nur sie ist bereit, für seine Träume alles zu tun. Eine Eisfabrik, eine Eisenbahn mitten durch den Urwald – auch das waren Fitzcarraldos Träume, die er nicht realisieren konnte. Nun erfährt er von Don Aquilino, dass es noch ein riesiges Stück Land gebe, auf dem Kautschuk in Mengen gewonnen werden könne. Der Haken sei nur, dass man das wertvolle Rohmaterial von dort nicht weg transportieren könne, weil man mit keinem Transportmittel in dieses unwegsame Gebiet kommen könne. Fitzcarraldo kauft das Land, und er kauft Don Aquilino ein Dampfschiff ab, mit dem er das Land der Träume erreichen will, um Kautschuk zu gewinnen und aus dem Geld das Opernhaus zu finanzieren.

„Fitzcarraldo” ist in gewisser Hinsicht der Höhepunkt der Zusammenarbeit zwischen Herzog und Kinski. Nach „Aguirre, der Zorn Gottes” (1972), „Nosferatu” und „Woyzeck” (beide 1979) ist „Fitzcarraldo” der vierte gemeinsame Film. Und Herzog kehrte (nach „Aguirre”) in den Dschungel zurück. Dabei war das Projekt nicht nur von der Geschichte selbst aus betrachtet bombastisch.

Auch die vier Jahre dauernden Arbeiten an diesem Projekt sprechen Bände über den Willen des Regisseurs selbst, Phantastisches zu produzieren. Der Film sollte zunächst von 20th Century Fox produziert werden, deren Verantwortliche jedoch verlangten, dass der Transport des Schiffes über einen Berg im Studio gedreht werden sollte. Das lehnte Herzog strikt ab. Und in langwierigen Vorbereitungen und mit der Unterstützung vor allem von Indianern wurden diese Szenen vor Ort gedreht (der Vorwurf, Herzog habe Indianer schlecht behandelt, der damals durch die Medien geisterte, wurde übrigens durch Vertreter von amnesty international entkräftet). Es gibt in „Fitzcarraldo” keinen „doppelten Boden”, keine Tricks, keine Spezialeffekte, alles ist echt.

Die Handlung (die übrigens auf einer wahren Begebenheit beruht, wobei der wirkliche, aus Irland stammende Fitzgerald diesen Plan des Transportes des Schiffes nie realisierte) wird von Herzog, wie gewohnt, in phantastische Bilder eingebettet. Herzog selbst meint im Audiokommentar auf der DVD, die eigentlichen Hauptpersonen des Films seien Enrico Caruso und der Urwald, also eine Person, die man nie zu Gesicht bekommt, aber hört, und die Umgebung, die man nahezu immer sieht, die aber Tausende von Geheimnissen in sich birgt.

Fitzcarraldo engagiert Kapitän Paul (Paul Hittscher; für seine Rolle war ursprünglich Mario Adorf vorgesehen, der aber wohl angesichts der Umstände der Dreharbeiten absprang), den dem Alkohol verfallenen, aber äusserst intelligenten und einfallsreichen Koch Huerequeque (Huerequeque Enrique Bohorquez) und etliche Indianer und andere, um die Fahrt in das „gelobte Land” zu beginnen. Don Aquilino stellt ihm den Maschinisten Cholo (Miguel Ángel Fuentes) zur Verfügung, nicht ganz ohne Hintergedanken, denn Don Aquilino will genau wissen, was Fitzcarraldo vor hat.

Der Plan des Phantasten: Da der Zugang über Wasser zu dem unerschlossenen Kautschukgebiet durch Stromschnellen versperrt ist, will er auf einem anderen Fluss an die Stelle gelangen, an der nur eine schmale Landzunge die beiden Flüsse voneinander trennt. Über diese Landzunge will er das Schiff mit Stahlseilen und Winden und durch die Kraft Dutzender von Männern hinüber hieven.

Für die Figur des Fitzcarraldo, für Kinski und für Herzog – das macht sozusagen den Clou dieses Films aus – gibt es keinen Zweifel und kein Zurück in der Verfolgung ihrer Absichten. Aber der Film ist mehr als nur die Summe dieser drei Teile. Die Zivilisation und ihre Abenteurer stossen zusammen mit den mysteriösen Indianern, von denen zunächst nur die Trommeln und Gesänge zu hören sind. Dann tauchen sie auf, setzen ihre Kanus in Bewegung Richtung „Molly Aida”, wie Fitzcarraldo das Schiff getauft hat.

Die Mehrzahl der Besatzung ist bereits auf einem kleinen Boot geflohen; nur der Koch, der Kapitän, der Mechaniker und Fitzcarraldo befinden sich noch auf dem Dampfschiff – und sie haben keine Ahnung, was die Indianer vor haben, sind völlig erstaunt, als der Häuptling zusagt, sie würden ihnen helfen, das Schiff über den Berg zu transportieren. Warum, fragen sie sich, was haben die Indianer davon?

Aus diesem Zusammenprall von indianischer und europäischer Kultur ergeben sich einige Überraschungen im Fortgang der Geschichte. Herzog drehte diese Geschichte in einem gegen die Zeit bzw. den herrschenden Zeit-Takt gerichteten Tempo. Lange Einstellungen von der Bootsfahrt, von den Personen, von der schwierigen Arbeit des Schiff-Transports widersprachen schon damals dem im Kino gewohnten Zeit-Takt, der durch Actionfilme bzw. rasant inszenierte Handlungen geprägt war. Bei Herzogs Filmen wird der Betrachter gezwungen, sich ein anderes Zeitgefühl anzueignen. Tut er dies nicht, wird der Film „langweilig”.

Die überwältigende Szenerie des tropischen Urwalds, das Einbrechen der europäischen Kultur durch die von Fitzcarraldo bewunderte Stimme Carusos, die Aura der Indianer, mit der sie die Europäer verunsichern, aber auch in Erstaunen versetzen – all das verschafft der Szenerie eine für das Kino seltene Grösse, die visuell gesehen nur mit Filmen vergleichbar ist wie Kubricks „2001: A Space Odyssee” oder Coppolas „Apocalypse Now”, wie der amerikanische Filmkritiker Roger Ebert zu Recht in seiner Rezension des Films schreibt.

„Fitzcarraldo” ist eben vor allem ein visuelles und – wenn man sich darauf einlassen kann – emotionsgeladenes Erlebnis, das in der sicher zweideutigen Grösse Herzogs und Kinskis seinen Grund findet.

Herzogs „Mein liebster Feind” (1999) über die Kooperation zwischen Herzog und Kinski und Les Blanks „Burden of Dreams” (1982) über die Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo” dokumentieren nicht nur die Strapazen, bis dieser Film fertiggestellt werden konnte. Sie dokumentieren auch, wie Herzog seine Filme selbst versteht: als riskante, in vielerlei Hinsicht todesmutige Unternehmen. Fitzcarraldos Geschichte ist in dieser Hinsicht analoger visueller Ausdruck dieser Art von Filmemachen. Das hat Herzog oft den Vorwurf eingebracht, er leide an Selbstüberschätzung – ebenso wie sein „liebster Feind” Klaus Kinski, der während der Dreharbeiten mehrere seiner bekannten Tobsuchtsanfälle hatte, bei denen er sich nie scheute, andere in Grund und Boden zu demütigen oder zu beleidigen. Das ging so weit, dass der im Film mit spielende Häuptling Herzog anbot, Kinski zu töten, wie der Regisseur in „Mein liebster Feind” berichtet.

Andererseits war Herzog wohl fast der einzige, der Kinskis Egomanie zu bändigen und filmisch fruchtbar einzusetzen wusste. Und das Medium Film war andererseits für Herzog die einzige Möglichkeit, sich in seinen „extremen” Vorstellungen selbst zu „bändigen”. Immerhin: Das erbrachte für das Kino einige der besten und schönsten Filme aller Zeiten.

Dass Kinski die Rolle des Fitzcarraldo (für die ursprünglich der dann jedoch erkrankte Jason Robards vorgesehen war) in hervorragender Weise ausfüllt, bedarf kaum einer Erwähnung. Auch für die anderen Schauspieler, und insbesondere Claudia Cardinale (die allerdings nur in den Eingangs- und Schlussszenen zu sehen ist), gilt ähnliches.

Ulrich Behrens

Fitzcarraldo

Deutschland

1982

-

158 min.



Regie: Werner Herzog

Drehbuch: Werner Herzog

Darsteller: Klaus Kinski, Claudia Cardinale, Miguel Ángel Fuentes

Produktion: Werner Herzog, Lucki Stipetic, Walter Saxer, Willi Segler

Musik: Popol Vuh

Kamera: Thomas Mauch

Schnitt: Beate Mainka-Jellinghaus

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