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Faustrecht der Freiheit „Ich will nur wieder so sein können, wie ich bin“

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Der Proletarier Franz scheitert an seiner eigenen psychischen und mentalen Disposition, die in der Konfrontation mit der Ökonomie der Ökonomie gnadenlos scheitert und scheitern muss.

Der Stammkameramann von Rainer Werner Fassbinder, Michael Ballhaus, stand auch in diesem Film hinter der Kamera.
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Bild: Der Stammkameramann von Rainer Werner Fassbinder, Michael Ballhaus, stand auch in diesem Film hinter der Kamera. / Siebbi (CC BY 3.0 unported - cropped)

8. März 2021

08. 03. 2021

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„Like a bird on the wire,
like a drunk in a midnight choir
I have tried in my way to be free
Like a worm on a hook,
like a knight from some old-fashioned book
I have saved all my ribbons for thee
If I, if I have been unkind
I hope that you can just let it go by
If I, if I have been untrue,
I hope you know it was never to you.“ (1)

Da wird einer verhaftet, Klaus (Karl Scheydt), ein Schausteller, wie man sie früher nannte, einer, der Sensationen präsentierte, auch „Fox, den sprechenden Kopf“. Fox (Rainer Werner Fassbinder) ist nun arbeitslos und hat seinen homosexuellen Freund Klaus an die Polizei verloren. Das Ensemble muss gehen. Auch Franz Bieberkopf – so Fox bürgerlicher Name – geht. Erst einmal zu seiner alkoholabhängigen Schwester Hedwig (Christiane Maybach), deren Freund im Knast sitzt und die kein Geld hat. Proletarier unter sich. Und ganz anders als Bieberkopfs (den Namen entlehnte Fassbinder „Berlin Alexanderplatz“) weibliches, aber Mittelklasse-Pendant Petra von Kant im gleichnamigen Film kann Franz keine Schönheit in das Spiel der Ökonomie einbringen, um die Defizite im sozialem Status zu kompensieren.

Franz ist zurückgeworfen auf sich selbst. Er trägt das Los seiner Klasse. Und jetzt produziert der Regisseur Fassbinder etwas, was diesem Los der Klasse eine leicht parodistische Nuance und zugleich einen sozialen Schub verleiht: Er lässt Franz im Lotto gewinnen. Ein Traum wird Wirklichkeit. Dem Los der Klasse hilft sozusagen ein Los der Klassenlotterie auf die Sprünge, eine Art Katalysator, und doch eher der Schein eines Sprungbettes – wie man im zweiten Teil des Melodramas sehen wird – und daher eben vor allem eine Art fast schon märchenhafter Wink der (Lotto-)Fee mit der Ökonomie des Geldes und ihrer unbarmherzigen Gesetze – so dass sich aus dem Märchen nur ein Horror entwickeln kann.

Franz ist das, was man einen „einfachen“ Menschen, einen „einfältigen“ Menschen nennen könnte, wenn man ihn – und wie sollte man das anders sehen? – im Rahmen des Ganzen der Klassengesellschaft einordnet. Er kann kein Französisch, versteht nichts von gehobener Kultur und Tischmanieren, hat sich nicht im Zaum. Über den schwulen Antiquitätenhändler Max (Karlheinz Böhm) und den Lottogewinn von 500.000 Mark öffnen sich Franz die Türen zur gehobenen homosexuellen Mittelklasse samt heterosexuellem Anhang. Er, der Klaus verloren hat, trifft auf Eugen (Peter Chatel), einen, wie Franz sagt, schönen, netten, aber auch „vornehmen und bekotzten“ Vertreter seiner Schicht, dessen Vater (Adrian Hoven) eine bislang gut florierende Grossbuchbinderei besitzt, die in Zahlungsschwierigkeiten geraten ist. Während Eugen seinem bisherigen Geliebten Philip (Harry Baer) den Laufpass gibt, spekuliert er auf das Geld von Franz, nicht nur um den alteingesessenen Betrieb wieder auf Vordermann zu bringen, sondern auch, um seinem eigenen Leben den ihm gebührenden Style zu verpassen.

Franz kreditiert das Geschäft mit 100.000 Mark, kauft Eugen und sich eine Eigentumswohnung samt bei Max erworbenem Interieur im Wert von 80.000 Mark und nobler Edelkarosse. Eugen, der Franz gegenüber mit vorgetäuschter Freundlichkeit und ebenso vorgetäuschter Absicht, ihn in die Welt der gehobenen Mittelklasse einführen zu wollen, andererseits mit offen zur Schau getragener Verachtung begegnet, kalkuliert scharf.

Ein Darlehensvertrag – abgeschlossen vor Dr. Siebenkäss (Rudolf Lenz), der zur näheren Sippschaft um Eugen und Max gehört – scheint Franz abzusichern: 100.000 DM auf zwei Jahre bei 7% Zinsen. Aber schon hier haut man Franz über’s Ohr: Die versprochene Teilhaberschaft am Betrieb enthält der Vertrag nicht. Zudem muss Franz im Betrieb von Thiess arbeiten. Als er an der Schneidemaschine 40.000 Exemplare einer Zeitschrift verschneidet, hat Eugen Franz endlich vollends in der Hand. Er lässt sich die teure Wohnung samt Inventar überschreiben – angeblich nur als Sicherheit gegenüber der Bank, die dem Betrieb ansonsten keinen Kredit mehr geben würde.

Franz ist psychisch am Ende. Er bekommt Valium verschrieben, weil er unter Herzschmerzen leidet. Er spürt, dass Eugens Welt nicht die seine ist. Als er sich von ihm trennen will, besitzt er fast nichts mehr. Für den Sportwagen bekommt er gerade mal 8.000 Mark.

Franz endet in einer Frankfurter U-Bahn-Station – ausgeraubt von zwei Kids und liegen gelassen von Max und seinem Ex-Freund Klaus, dem er noch 30.000 Mark gegeben hatte, damit er sich eine Existenz aufbauen konnte, weil beide „mit der Sache“ nichts zu tun haben wollen.

„Like a baby stillborn,
like a beast with his horn
I have torn everyone who reached out for me.
But I swear by this song
and by all that I have done wrong
I will make it all up to thee.
I saw a beggar leaning on his wooden crutch
He said to me, ‚You must not ask for so much.’
And a pretty woman leaning in her darkened door,
She cried to me, ‚Hey, why not ask for more?’“ (1)

Es dreht sich im Kreis. Zum Schluss sitzen Eugen und Philip als Paar wieder in der von Franz finanzierten Eigentumswohnung. Fassbinder ist in „Faustrecht der Freiheit“ gnadenlos, was die Ökonomie der Ökonomie angeht, und ebenso gnadenlos, was die Ökonomie der Liebe angeht. Dass der Film im Homosexuellen-Milieu spielt, hat eigentlich, so der Regisseur selber, nur einen dramaturgischen Effekt: Man schaut genauer hin. Und wenn man genauer hinschaut, sieht man in Franz eher das „weibliche“ Element, in Eugen das „männliche“, oder noch genauer: Franz handelt seinen Gefühlen entsprechend. Er ist in Eugen verliebt, nicht in dessen Geld, dessen sozialen Status, dessen Herkunft, sondern in ihn. Und so handelt er auch: aus Liebe gibt er, was er im Lotto gewonnen hat – nicht aus Berechnung, nicht aus ökonomischem oder emotionalem Kalkül.

So sieht es auch seine Schwester Hedwig: Franz sei dumm und primitiv. Franz ist dumm und primitiv, weil er nicht begriffen hat, dass seine „einfache“ Liebe, seine Uneigennützigkeit in „stiller“ Skrupellosigkeit ausgenutzt wird.

Eugen, sein Vater und Max sind die Schaltzentralen des Prinzips der Ökonomie der Ökonomie. Und Eugen versteht es vorzüglich, Franz Gefühle für ihn gnadenlos auszunutzen. Dem „Nur die Liebe vermittelt Beziehung“ setzt er gegenüber „Nur Geld vermittelt Beziehung“. Max, der gewiefte Vermittler zwischen den Welten, freundlich, immer leicht lächelnd (und wieder einmal exzellent gespielt von Karlheinz Böhm, der in „Martha“ 1973/74 gegenüber Margit Carstensen eine ähnliche, aber offen brutalere Rolle spielte), durchschaut das Spiel, ist eigentlicher Initiator des von langer Hand geplanten Betrugs an dem Proleten Franz.

Was Franz aus Liebe gibt, nimmt Eugen aus ökonomischem Kalkül. So „ergänzen“ sie sich – bis das Geld alle ist.

Über die konkreten Personen hinaus allerdings ist „Faustrecht der Freiheit“ eine ansonsten selten gesehene Kritik an den Mechanismen unserer Gesellschaft, tiefgreifend bis in die Einzelheiten der emotionalen und ökonomischen Ausbeutung, der Ausbeutung der Gefühle ebenso wie der Verfestigung der bestehenden Strukturen – und obwohl melodramatisch, dennoch nie rührselig. „Faustrecht der Freiheit“ ist vielleicht Fassbinders dramatischster Film in dem Sinne, dass er bis an die Grenzen des Erträglichen und damit bis in die letzten Winkel der Realität geht.

Als Franz spürt, dass er sich von Eugen trennen muss, sitzt er auf den Treppen einer Art Arena in einem Gebäude, dessen Inneres von künstlichem Licht bestrahlt wird, während Eugen ihm den Rücken zukehrt und Max vor Franz steht, der den Kopf senkt. Wie in einer klassischen Tragödie ist das Opfer ausgemacht, schon längst, bevor Franz es selbst jetzt bewusst ist. Er hat alles verloren, und wenn er sagt „Ich will nur wieder so sein können, wie ich bin“, ist ihm längst klar, dass das nicht mehr so sein wird.

Franz Bieberkopf ist – wie auch andere Hauptfiguren in Fassbinders Stücken – nie der „Held“, das Opfer, das sich aus seinen Zwängen bzw. den Zwängen, die ihm andere auferlegen, befreit oder auch nur befreien könnte. Fassbinders Perspektive geht über die Schmalspur-Sicht der Linken seiner Zeit hinaus. Wenn sich Fassbinder der linken Utopie des „Gegenmodells“ stets verweigerte, dann exemplarisch etwa mit den Worten:

„Im Moment kann ich mir das immer
nur vorstellen als Gegenmodell, und
dann ist es falsch. Das ist klar. Bei
einem Gegenmodell hat es eben auch
das in sich, wogegen es ist.“ (2)

In den Gegenmodellen der Linken tauchte „das Alte“ aber nie auf. Die „Dem -Morgenrot-entgegen“-Gesellschaft war als Utopie immer etwas „ganz anderes“ als die Gegenwart – im Unterschied etwa zur stalinistischen Praxis oder zum „kleinbürgerlichen Extremismus“ der DDR-Gesellschaft. Franz Bieberkopf gehört solchen Modellen ebensowenig an wie Petra von Kant, Martha, Lola – oder welche Hauptfigur man aus Fassbinders Filmen auch nehmen will. Fassbinder interessiert sich für wirkliche Menschen und wie sie sich bewegen, denken und empfinden.

Der Proletarier Franz scheitert an seiner eigenen psychischen und mentalen Disposition, die in der Konfrontation mit der Ökonomie der Ökonomie gnadenlos scheitert und scheitern muss. Das ideologisch verbrämte Postulat der individuellen Freiheit entpuppt sich als Erneuerung des Faustrechts in gesetzlich eingefassten Bahnen und mental eingeübter Praxis auf beiden Seiten, der „proletarischen“ wie der „bürgerlichen“ – zwei Seiten einer Medaille.

Ulrich Behrens

Fussnoten:

(1) Leonard Cohen: Bird on the Wire.

(2) Zit. n. Wolfgang Limmer: Rainer Werner Fassbinder, Filmemacher, 1981, S. 78.


Faustrecht der Freiheit

Deutschland

1975

-

118 min.



Regie: Rainer Werner Fassbinder

Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder

Darsteller: Rainer Werner FassbinderRainer, Peter Chatel, Karlheinz Böhm, Harry Baer

Produktion: Rainer Werner Fassbinder

Musik: Peer Raben

Kamera: Michael Ballhaus

Schnitt: Marianne von Deutsch

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