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Fargo - Rezension zum Film von Joel Coen Die Brutalität des Alltags

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Die Brüder Joel und Ethan Coen sind bekannt für Filme, in denen Situationen, die wir normalerweise nicht zu unserer „Normalität“ rechnen (wollen), in einer zugleich tragischen wie komischen Art und Weise in den Alltag eingebunden werden.

Joel Coen in Cannes, 2001.
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Bild: Joel Coen in Cannes, 2001. / Nikita~commonswiki (CC BY-SA 2.0 cropped)

3. Dezember 2018

03. 12. 2018

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In dem 1996 entstandenen Streifen „Fargo“ löst der Autoverkäufer Jerry Lundegaard (William H. Macy in einer aufregend-schönen Mimik) ungewollt eine Lawine tragischer Ereignisse aus. Lundegaard ist verschuldet; das Geld gehört seiner Frau bzw. deren Vater. Und nun kommt der biedere, erfolglose und langweilig-normale Lundegaard auf die Idee, seine Frau entführen zu lassen, um das entsprechende Geld von deren Vater zu erpressen. Über einen Mittelsmann gerät er an die beiden Gangster Carl Showalter (Steve Buscemi) und Gaear Grimsrud (Peter Storemare), die die Entführung und Geldübergabe organisieren sollen.

Doch schon zu Beginn der Entführung geht alles schief. Ein Polizist und zwei Zeugen werden am Strassenrand ermordet aufgefunden. Und die örtliche Polizeichefin Marge Gunderson (Frances McDormand), hochschwanger, verheiratet mit dem skurrilen Norm (John Caroll Lynch) – der ihr mitten in der Nacht Frühstück macht, weil er sie ohne was im Bauch nicht aus dem Haus lassen will – geht mit Akribie und Unnachgiebigkeit an die Aufklärung dieser Verbrechen.

Die von Lundegaard in Gang gesetzte Abfolge von Morden – es kommen noch einige Tote hinzu – scheint das Gefüge der Normalität im Leben der handelnden Personen zu zerbrechen – könnte man meinen. Doch in Wahrheit geht alles seinen alltäglichen Gang, nur, dass es nicht so ausgeht, wie manche sich das vorstellen. Die einzige „Protesthaltung“ gegen die sich überschlagenden Ereignisse und Toten ist das ständige „Jesses“ aus dem Mund der skandinavisch-stämmigen Einwohner ...

Der Film spielt in einem schneeverschneiten kleinen Ort in Minnesota, der Heimat der Coens. Und genau dieses Weiss, dieses endlose, immer gleiche Weiss deutet an, was am Anfang des Films eingeblendet wird: Diese Geschichte beruhe auf einer wahren Begebenheit. Ist das die Wahrheit, ist es gelogen oder soll der Zuschauer aufs Glatteis geführt werden – oder alles zusammen? Das Weiss glänzt und lässt einen zugleich erschaudern in seiner brillanten Schönheit und in seinem Kontrast zu dem schwarzhumorigen Plot.

Die Coens führen eine Wirklichkeit mit gnadenloser und unausweichlicher Konsequenz vor, derer wir uns meist nicht bewusst sind. Ein Mord, ein Tod in der Familie, eine Naturkatastrophe, Krieg usw. betrachten wir als aussergewöhnliche Ereignisse, die in unserem Alltag normalerweise nichts zu suchen haben. Sie stellen, wenn sie für uns persönlich eintreten, singuläre Ereignisse dar, über deren potentiellen Eintritt wir uns zwar bewusst sind, die uns aber nicht als banal, alltäglich erscheinen.

In „Fargo“ wird diese Sicht als trügerisch entlarvt. Die Morde, auch der an Lundegaards Frau, die Grimsrud tötet, weil sie ihn durch Schreien beim Fernsehen stört, diese Morde sind in „Fargo“ so banal wie das Frühstücksei oder der Einkauf im Supermarkt. Und wie ein verdorbenes Essen zu Magenschmerzen und Erbrechen führen kann, ziehen Morde den eigenen Tod oder Gefängnis nach sich. Zwischen beidem scheint kein Unterschied mehr zu sein. Das Ganovenpaar wirkt wie eine Mischung aus „normale Mörder“ und gut Komiker. Während Showalter die ganze Zeit plappert und sich darüber aufregt, dass Grimsrud vier Stunden lang das Maul nicht aufmacht, schweigt sich Grimsrud in aller Seelenruhe von einem Mord zum anderen. Showalter wird gegen Schluss des Films ausgerechnet in die Backe geschossen, bevor er sein Gegenüber erschiessen kann. Man weiss in diesem Moment wirklich nicht, ob man lachen oder weinen soll.

Brutalität, über die man lachen kann? Das Brutale an diesem Streifen sind nicht die Morde, die zudem nicht in einem inszeniertem Blutrausch dargebracht werden. Brutal ist die Alltäglichkeit, mit der alles seinen gewohnten Gang nimmt. Alltäglichkeit erscheint in „Fargo“ als wesentlich umfassender als in unserer Vorstellungs- und Gefühlswelt. Insofern erinnern die Filme der Coens übrigens an die des japanischen Regisseurs Takeshi Kitano (etwa „Kikujiros Sommer“ oder „Sonatine“) oder auch an „Gonin“ von Takashi Ishii. Sie führen uns auf eine unnachgiebige Weise uns selbst, unsere Welt, vor.

Der Oscar für das beste Originaldrehbuch und Frances McDormand waren auf jeden Fall verdient. Leide habe ich „Fargo“ nicht im Kino, sondern „nur“ im Fernsehen gesehen. Gerade ein solcher Film verliert leider auf zu kleinem Bildschirm und durch ständige Werbepausen an Eindrücklichkeit.

Ulrich Behrens

Fargo

USA 1996 - 98 min.

Regie: Joel Coen
Drehbuch: Ethan und Joel Coen
Darsteller: Frances McDormand, William H. Macy, Steve Buscemi
Produktion: Ethan Coen
Musik: Carter Burwell
Kamera: Roger Deakins
Schnitt: Joel Coen und Ethan Coen (als „Roderick Jaynes“)

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