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Es geschah am hellichten Tag | Untergrund-Blättle

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Es geschah am hellichten Tag GR 9149

Kultur

Kein anderer als Friedrich Dürrenmatt selbst schrieb das Drehbuch zu einem der meist gefeierten deutschen Kriminalfilme aus dem Jahr 1958, bevor er im selben Jahr aus dem Stoff einen Roman schrieb, der den Untertitel „Requiem auf den Kriminalroman” trug.

Gert Fröbe, Juli 1965.
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Gert Fröbe, Juli 1965. Foto: Eric Koch (PD)

28. Dezember 2022
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„Neben der offenen Haustüre sass
ein alter Mann auf einer Steinbank.
Er war unrasiert und ungewaschen,
trug einen hellen Kittel, der schmuddelig
und verfleckt war... Er stierte vor
sich hin, verblödet, und ich roch
schon von weitem den Schnaps. ...
und hinter der Theke stand eine
hagere Frau. ... Die Frau begann zu
hantieren, und aus dem Nebenzimmer
kam eine schlampige Kellnerin, die ich
auf etwa dreissig schätzte. ‚Sie ist sechzehn’,
brummte der Kommandant.”
(aus: Das Versprechen)

Offensichtlich unzufrieden nicht nur mit dem Ausgang des Films von Ladislao Vajda, sondern auch mit dem gängigen Krimi-Genre seiner Schriftstellerkollegen liess Dürrenmatt seinen Roman nicht nur düster ausgehen (nämlich damit, dass die Hauptfigur im Wahnsinn endete). Er setzte auch andere Akzente bezüglich der entscheidenden Abschnitte der Geschichte, in der es vordergründig um die Suche nach dem Mörder mehrerer kleiner Mädchen geht.

Doch zunächst zur Handlung:

Im Wald findet der Hausierer Jacquier (Michel Simon, in einer seiner phantastischen Rollen) die Leiche eines kleinen Mädchens. Er meldet dies den Behörden, und die Kriminalbeamten Feller (Siegfrit Steiner), Heinzi (Siegfried Lowitz) und Oberleutnant Matthäi (Heinz Rühmann), der eigentlich schon seinen Posten aufgeben wollte, beginnen mit den Ermittlungen. Gritli Moser heisst das Opfer, und Matthäi verspricht den entsetzten Eltern (Margrit Winter, Hans Gaugler), den Mörder zu finden.

Zunächst verdächtigen vor allem Heinzi und Feller den Hausierer, der die Tat jedoch abstreitet und verzweifelt seine Unschuld beteuert. Nur vage Indizien – etwa dass Jacquier Rasiermesser verkauft und Gritli mit einem solchen ermordet wurde – sprechen gegen ihn. Die Einwohner des Dorfes wollen der Polizei „die Arbeit abnehmen” und Jacquier lynchen. Für den alten Mann ist das alles zu viel. Eines Morgens finden ihn die Beamten erhängt in der Zelle, nachdem er tags zuvor gestanden hatte. Der Fall scheint klar. Doch Matthäi glaubt nicht an die Schuld Jacquiers.

Während sich die Dorfbewohner über den Selbstmord Jacquiers freuen, geht Matthäi etwas nicht mehr aus dem Kopf: eine Zeichnung der kleinen Gritli, die er im Klassenzimmer findet. Gritli malte einen grossen, breitschultrigen Mann in dunkler Kleidung, der einem kleinen Mädchen „Igel” überreicht. Auf dem Bild ist zudem ein Tier gemalt, ein Steinbock. Matthäi glaubt, dass der wirkliche Mörder aus Graubünden stammt, weil der Steinbock das Wappentier des Kantons ist und auf jedem Autokennzeichen zu finden ist. Die „Igel” hält er für Schokolade, mit der der Unbekannte Gritli gelockt haben könnte.

Der Polizeikommandant (Heinrich Gretler) weigert sich, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Er hält wie alle anderen Jacquier für den Mörder. Und auch der Psychiater und Freund Matthäis, Prof. Manz, warnt den Oberleutnant, sich nicht in diese Sache zu verbeissen. Sonst lande Matthäi eines Tages bei ihm: als Patient. Andererseits hält es Prof. Manz für durchaus möglich, dass der Mörder ein Mann sein könne, der Frauen hasst – vielleicht weil er eine strenge, herrschsüchtige Mutter hatte oder mit einer solchen Frau verheiratet ist. Er könne Angst vor Frauen haben, und deshalb lasse er seinen Hass an wehrlosen kleinen Mädchen aus.

Matthäi ist entschlossen, den wirklichen Mörder zu suchen. Er mietet die Tankstelle eines Italieners an der Strasse zwischen Chur und Zürich, nachdem er festgestellt hat, dass auch weitere Mädchenmorde in der Vergangenheit in der Nähe dieser Strasse begangen worden und die ermordeten Mädchen sich ähnlich waren. Als er in der Nähe in einem Dorf die kleine Annemarie (Anita von Ow) trifft, die Gritli ähnlich sieht, ist er entschlossen, sie als Lockvogel für den Mörder einzusetzen. Er stellt ihre Mutter, Frau Heller (María Rosa Salgado), als Haushälterin ein. Von allen aus Graubünden kommenden Autos notiert sich Matthäi die Kennzeichen, um hernach zu erfahren, ob die Eigentümer Kinder haben. Prof. Manz hatte ihm erzählt, dass der Mörder wahrscheinlich keine Kinder habe. Matthäi wartet, überprüft Fahrzeuginhaber, wartet, freundet sich mit Annemarie an, die ihn mag. Doch eines Tages wird es ernst. Annemarie kommt aus dem Wald – mit schokoladeverschmierten Fingern ...

Das Anliegen der Produzenten des Films war es, die Öffentlichkeit für die zunehmenden Gewalttaten gegen Kinder in dieser Zeit zu sensibilisieren, Eltern zu warnen, ihre Kinder nicht allein durch einsame Strassen und dunkle Orte zu schicken. Dürrenmatt erklärte sich bereit, das Drehbuch für den Film zu schreiben. Heraus kam ein Streifen, der sicherlich als guter Kriminalfilm mit hervorragenden Schauspielern „durchgeht” und auch heute noch sehenswert ist. Dass der schweizerische Schriftsteller mit dem Ergebnis dennoch unzufrieden war, hat seine Gründe in den unterschiedlichen Intentionen der Filmemacher und des Schriftstellers. Der Film konzentriert sich auf die Aufklärung von Verbrechen eines Psychopathen an Kindern; der kurz darauf erschienene Roman „Das Versprechen” stellt den unzähmbaren Willen Matthäis ins Zentrum des Geschehens, die Wahrheit zu ergründen. An diesem Drang geht Matthäi letztlich zugrunde, fängt zu rauchen und zu trinken an und endet im Wahnsinn. Als die Polizei Jahre später von der sterbenden Frau des wirklichen Mörders erfährt, wer die Mädchen getötet hat, erreicht diese Information den kranken Matthäi nicht mehr. Er ist an seiner Gier nach „der Wahrheit” selbst zugrunde gegangen.

Im Film dagegen treffen wir auf einen Kommissar, der zwar auch nicht aufgeben will, den Mörder allerdings findet und nicht im Wahnsinn endet. „Es geschah am hellichten Tag” ist geprägt durch die Absicht der öffentlichen Warnung vor zunehmenden (Sexual-)Verbrechen an Kindern, also eine Art pädagogischer Aufklärungsfilm. Selbst in dieser Hinsicht kommt der Film allerdings nicht ohne Klischees aus – etwa der allzu simplen These vom von Frauen unterdrückten Mann, der seinen Hass an Kindern auslässt. Trotz der überzeugenden schauspielerischen Leistungen von Gert Fröbe und Rühmann, der hier endlich einmal in einer ernst zu nehmenden Rolle zu sehen war, fehlt dem Film das psychologische und, wenn man so will, auch philosophische Einfühlungsvermögen, das der Roman Dürrenmatts grandios verkörpert.

Die entscheidenden „Eckpunkte” der Geschichte werden samt und sonders visualisiert, aber derart verflacht, dass man dem Film nicht mehr (allerdings auch nicht weniger) als das Prädikat „guter Krimi” verleihen kann. Inwieweit Dürrenmatt selbst auf die Dreharbeiten Einfluss nehmen konnte, ist mir nicht bekannt. Seine Reaktion ist bekannt: „Das Versprechen.”

„Der Einzelne steht ausserhalb
der Berechnung. Unsere krimi-
nalistischen Mittel sind unzulänglich,
und je mehr wir sie ausbauen,
desto unzulänglicher werden
sie im Grunde. Doch ihr von
der Schriftstellerei kümmert
euch nicht darum. Ihr versucht
nicht, euch mit einer Realität
rumzuschlagen, die sich uns
immer wieder entzieht, sondern
ihr stellt eine Welt auf, die zu
bewältigen ist. Diese Welt mag
vollkommen sein, möglich, aber
sie ist eine Lüge.”
(Fr. Dürrenmatt)

Zentral für die Geschichte sind u.a. folgende Gesichtspunkte:

1. Das Versprechen selbst. Es ist ein zentrales Moment, weil Matthäi dieses Versprechen nicht nur „so einfach” abgibt, sondern darin eine unabdingbare Verpflichtung gegenüber den Eltern sieht – und gegenüber sich selbst. Matthäi ist ein „Mann der Wahrheit”, einer der nicht aufgeben will, bis er sie gefunden hat. Das Versprechen verknüpft sich mit dieser inneren Verpflichtung eines Mannes, der voll und ganz von der kriminalistischen Methode überzeugt ist, die allein zur Wahrheit führe, wie er meint.

2. Die Kurzsichtigkeit. Die Vorurteile. Nur hauchdünn angedeutet im Film wird die klaustrophobische Enge dieses Örtchens, in dem die Bewohner sich der Mühe entziehen wollen, den wirklichen Täter zu fassen. Der Hausierer, der gemieden wird, der sowieso ein Outlaw ist, der schon oft mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist – das ist der optimale Täter, sozusagen der Täter par excellence. Und wenn man ihn gleich lynchen würde, wäre die Ordnung im Ort wiederhergestellt. Selbst die anderen Polizisten glauben fest an ihn als Täter. Ihren Glauben, der durch schwache Indizien kaum untermauert wird, stilisieren sie zur Wahrheit. Und was wahr ist, muss es bleiben und Konsequenzen nach sich ziehen. Wie wunderbar, dass Jacquier unter dem Druck des Verhörs gesteht, weil er nicht mehr kann, und wie noch wunderbarer, dass er sich selbst richtet. So entsteht Wahrheit.

3. Das Gespräch zwischen Matthäi und Prof. Manz. Das ist auch so eine Scheidelinie, eine Schneide-Linie, zwischen Wahrheit und Wahrheit, zwischen sich selbst zur Tugend erklärenden Kriminalistik und Wahrhaftigkeit. Es könnte ein Täter sein, der .... Aber Du könntest Dich verrennen.

4. Wahrheit und Märchen. Die kleine Gritli war zwar kein Rotkäppchen, aber ein Mädchen mit rotem Rock, das im Wald auf den „bösen Wolf” trifft. Ihr Mörder nutzte dies aus, dies, die kindliche Unschuld und die kindliche Wahrheit, die stark vom Märchen geprägt ist, aber auch von einem Fühlen und Denken, zu dem Erwachsene kaum noch Zugang zu haben scheinen. Auch Matthäi erzählt der kleinen Annemarie stundenlang Märchen, um es an sich zu binden, um Vertrauen zu schaffen, um es kontrollieren zu können. Demgegenüber steht eine Art erwachsene Kindlichkeit, dieses Hinschauen auf das Schreckliche, dann das Wegblicken vor Entsetzen und wieder das Hinschauen als Hinstarren, als Ausdruck des Unbegreiflichen. Im Film wird dies in einer Szene überzeugend inszeniert, ob mit Bedacht oder unbeabsichtigt, kann ich nicht beurteilen. Es ist die Szene, als Matthäi den Eltern die Nachricht von der Ermordung Gritlis überbringt. Der Vater kann es nicht glauben, die Mutter steht stumm und erstarrt in der Tür.

Mit dem Unfassbaren, dem Unbegreiflichen kommt weder Matthäi zurecht, noch irgendein anderer Erwachsener. Trotzdem muss er das Unbegreifliche, also das, was sich dem Verstand entzieht, überwinden, aus der Starrheit des Entsetzens fliehen. Wie? Der befreiende Akt besteht in der Instrumentalisierung der Situation. Das Kriminalistische wird zum Rettungsanker, zum Mittel dieser Instrumentalisierung – und auch Annemarie und ihre Mutter, vor allem diese beiden, werden im Namen der Wahrheit instrumentalisiert. Matthäi kommt es dabei recht, dass Frau Heller im Dorf gemieden wird, weil sie ein Kind hat und nicht verheiratet ist. Er nutzt diesen Umstand für seine Zwecke, wie er Annemarie als Köder benutzt.

Auch dieser Aspekt wird im Film zwar deutlich, aber nicht in seinen ganzen Ausmassen, nicht als Ausdruck der Verselbständigung des Kriminalistischen, in dem die Wahrheit nicht mehr im Mittelpunkt steht, auch wenn Matthäi immer wieder als Mann dargestellt wird, dem es nur um die Wahrheit gehe. Wie schrieb Dürrenmatt? „Ihr versucht nicht, Euch mit einer Realität rumzuschlagen, die sich uns immer wieder entzieht, sondern ihr stellt eine Welt auf, die zu bewältigen ist.” Genau das – was Dürrenmatt hier seinen Kollegen Kriminalschriftstellern ins Stammbuch schreibt (der Untertitel des Romans lautet ja auch „Requiem auf den Kriminalroman”) – geschieht in Vajdas Film: Matthäi erreicht durch kriminalistisches Geschick die Lösung des Falls. Die Welt ist wieder in Ordnung, jedenfalls erst einmal. Er hat den Fall bewältigt, den Mörder gefunden. Die Motivation des Mörders ist „angesprochen” (Berta Drews in der Rolle der herrschsüchtigen Frau Schrott), das Kind Annemarie ist gerettet, die Dorfbewohner und seine Kollegen stehen vielleicht etwas dumm da – aber was zählt das noch? Der Mörder ist zum Schluss tot – aber was ist gewonnen?

Ist das alles „Wahrheit”? Welche Wahrheit? Die des Kindes Annemarie? Die seiner Mutter? Die Matthäis? Die seiner Kollegen und der Dorfbewohner? Die des Mörders? Die seiner Frau? Oder die Wahrheit der Kriminalistik? Und: Was haben diese Wahrheiten miteinander zu tun? Kreuzen sie sich, gibt es Schnittpunkte zwischen ihnen, Verbindungslinien? Oder bleibt jeder mit seiner Wahrheit allein? Welche Wahrheit zählt? Die des Hausierers? Wohl kaum. Die der Frau Heller? Wie wird es ihr ergehen, wenn sie ins Dorf zurückkehrt und wieder in der Fabrik arbeiten wird? Die Annemaries? ...

Jedenfalls scheint die Realität vertrackter und tückischer zu sein, als sich das mancher denkt.

„Es geschah am hellichten Tag” ist ein guter Krimi. Alles andere steht in Dürrenmatts „Das Versprechen”, ein Roman, den es sich wirklich lohnt zu lesen. Auch Sean Penns Interpretation des Stoffs aus dem Jahr 2000 („Das Versprechen” mit Jack Nicholson in der Hauptrolle) kommt dem Anliegen Dürrenmatts übrigens nur stellenweise entgegen.

Ulrich Behrens

Es geschah am hellichten Tag

Schweiz, Deutschland, Spanien

1958

-

100 min.

Regie: Ladislao Vajda

Drehbuch: Friedrich Dürrenmatt, Hans Jacoby, Ladislao Vajda

Darsteller: Heinz Rühmann, Gert Fröbe, Sigfrit Steiner

Produktion: Lazar Wechsler

Musik: Bruno Canfora

Kamera: Heinrich Gärtner, Ernst Bolliger

Schnitt: Hermann Haller

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