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Eine Nacht bei McCool’s | Untergrund-Blättle

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Eine Nacht bei McCool’s Bingo !!

Kultur

Filme spalten oft die Gemeinschaft der Kinoliebhaber. „One Night at McCool’s“ gehört sicherlich dazu.

 Liv Tyler ¨in Leicester Square, Dezember 2003.
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Liv Tyler ¨in Leicester Square, Dezember 2003. Foto: Henry Burrows (CC-BY-SA 2.0 cropped)

28. November 2022
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Roger Ebert schrieb, der Streifen beschäftige sich zu sehr mit seiner verwinkelten Handlung. Harald Zwart erzählt die gleiche Geschichte aus der Perspektive dreier Männer und arbeitet mit Rückblenden. Dadurch könne man sich kaum mit einer Person identifizieren, weil die Charaktere vernachlässigt würden. Neil Young warnte in seiner Besprechung seine Leser gar, sie sollten unter keinen Umständen Geld für diesen Streifen ausgeben. „One Night at McCool’s“ zu sehen, sei Verschwendung von Zeit, der Film selbst Verschwendung von Talent und Zelluloid.

Ich habe gelacht, herzhaft, und fand den Film überraschend erfrischend, vielleicht auch deshalb, weil man diese Komödie nicht allzu ernst nehmen muss. Als Filmkritiker steht man nicht ausnahmsweise, sondern sehr oft vor dem Problem, Filme zu bewerten, die auf eine bestimmte Weise unrealistisch sind, weil die Wahrscheinlichkeit, dass sich die dargestellte Handlung auch in der Realität abspielen könnte, äusserst gering ist. In bezug auf Zwarts Komödie sehe ich das in etwa so wie mit „Leoparden küsst man nicht“. Auch die Handlung dieser klassischen Screwball-Komödie ist bezogen auf unser Leben äusserst „unrealistisch“. Als der Film 1938 in den amerikanischen Kinos kam, warf ihm ein Grossteil des Publikums vor, die Figuren seien nicht „normal“. Solche Leute wie etwa Susan (Katherine Hepburn) und David (Cary Grant) gebe es nicht und könne es nicht geben.

Randy (Matt Dillon) ist Barkeeper in McCool’s Bar. In einem Bingo-Club trifft er sich mit dem Killer Mr. Burmeister (Michael Douglas) und erzählt ihm über seine Bekanntschaft mit einer schönen Frau, die Burmeister für viel Geld ins Jenseits befördern soll. Etwa zur gleichen Zeit beichtet Detective Dehling (John Goodman) seinem Bruder, dem Priester Jimmy (Richard Jenkins), seine Begeisterung für dieselbe Frau. Und Randys Cousin Carl (Paul Reiser) vertraut seine Bekanntschaft mit dieser Schönheit der Psychologin Dr. Green (Reba McEntire) an. Rückblick:

Als Randy eines nachts zu später Stunde seinen Cousin, den bereits stark angetrunkenen Anwalt Carl, endlich dazu bewegen kann, nach Hause zu gehen, schliesst er die Bar ab und trifft auf ein vermeintliches Juwel: Jewel Valentine (Liv Tyler), die auf der Strasse scheinbar von einem zudringlichen, Lederklamotten tragenden Kraftprotz namens Utah (Andrew Dice Clay alias Andrew Silverstein) im Auto bedrängt wird. Er kommt der äusserst attraktiven Frau natürlich zu Hilfe. Wenig später finden sich beide in Randys heruntergekommen Haus, das er von seiner verstorbenen Mutter geerbt hat, wieder. Und Jewel hat kaum Mühe, ihren „Retter“ zu verführen. Sie erzählt Randy „danach“, das mit dem Streit zwischen ihr und Utah sei nur ein Trick gewesen. Ziel: Sie spioniere die Wohnungen der vermeintlichen Helden auf Wertsachen aus, wenig später erscheine nach telefonischer Benachrichtigung Utah, um abzusahnen. Tatsächlich kommt Utah mit Waffe in Randys Haus, und da dort nichts zu holen ist, zwingt er den Überrumpelten, den Tresor in der Bar zu öffnen, in dem sich die nicht gerade geringen Tageseinnahmen befinden.

Da greift Jewel zur Waffe und erschiesst Utah. Wenig später lässt sie sich bei Randy häuslich nieder. Jewel steht auf eine andere Wohnungseinrichtung, vor allem auf DVD-Player, Fernseher und einige andere teure Accessoires und hat ebenfalls keine grosse Mühe, Randy zum Einbruch in die Nobelherberge eines Anwalts und die Bar seines Ex-Chefs, der ihn wegen des Todes von Utah gefeuert hat, zu überreden, um der teuren Dinge habhaft zu werden. Allerdings bringt es die Leiche von Utah mit sich, dass die Polizei in Gestalt von Detective Dehling Randy und Jewel heimsucht. Kurzum wird Utah zu einem allein arbeitenden Einbrecher erklärt, der Jewel an die Wäsche gewollt habe. Auch Dehling kann seine Blicke kaum von der bezaubernden femme fatale abwenden. Seine Begeisterung vernebelt ihm geradezu den Blick für die Aufklärung der Todesumstände.

Und last but not least in auch Carl, frustriert von seiner Ehe und nur „das eine“ im Kopf, von Jewel derart entzückt, dass seine Phantasien mit ihm durchgehen.

Jewel hat keine Probleme, alle drei Männer um den Finger zu wickeln. Allerdings geht dies für zwei der drei Möchtegern-Partner nicht sehr gut aus. Die Zuhörer der drei – Pfarrer, Psychologin und Killer – machen sich zudem so ihre eigenen Gedanken: Mr. Burmeister lotet seine Chancen in dem Spielchen aus, der dem Keuschheitsgelübde verpflichtete Father Jimmy kann es kaum ertragen, als sein Bruder ihm von Jewel erzählt, und die Psychologin Dr. Green kann es nicht fassen, was für kindische, offenbar einzig hormongesteuerte Männer es gibt ...

Drei Männer und drei Geschichten, aber nur eine Frau, eine femme fatale, von der man mal vermutet, sie sei letztlich nur die Unschuld vom Lande, dann wieder, sie sei ein gerissenes Biest, das ihren ganzen Sexappeal egoistisch für ihren Vorteil nutzt. In den in Rückblenden inszenierten Geschichten, die Randy, Carl und Dehling ihren Gesprächspartnern erzählen, bleibt manches Mal offen, was Realität oder Phantasie, Wunschtraum oder harte Tatsache ist. Etwa wenn Jewel das Auto wäscht und Dehling, auf der Treppe stehend, Frau und Schaum in eindeutiger Weise „sieht“. Oder wenn Carl seiner Psychologin erzählt, wie Jewel in Begleitung von Randy bei sich zur Party erschienen ist: mal in dem Kleid, mal fast unbekleidet usw. Jewel schläft mit allen drei Männern. Jewel will aber nicht nur Sex. An erster Stelle steht ihr Wunsch nach einem Zuhause mit DVD-Player. Ein Anwalt bekommt dies im wahrsten Sinn des Wortes zu spüren.

Für Randy ist Jewel eine Art Mischung aus Hausfrau und Lustobjekt: für seine Bruchbude, in der nichts wertvoll ist, genau das richtige. Randy hängt an Glaskugeln von Mama, und als Jewel die auf den Müll bringen will, ist Randy entsetzt. Die Kugeln mit „Innenleben“ sind das Wertvollste, was er zu besitzen scheint. Randy ist ein (wenn auch liebenswerter und harmloser) Trottel, Looser und Nicht-Durchblicker. Und der Auftrag an den Killer Mr. Burmeister ist für ihn der einzig sichtbare Rettungsanker, als er zu erkennen glaubt, dass Jewel ihn irgendwie an der Nase herumgeführt hat.

Ganz anders Detective Dehling. Er sieht in Jewel den Engel, die Lichtgestalt – allerdings einen Engel mit viel Sex. Dehling sieht die Wiederauferstehung seiner verstorbenen Frau auf sich zukommen. Und als Jewel dem in zivil gekleideten Polizisten sagt, sie liebe Uniformen, schmeisst sich der angesichts der blendenden Schönheit Blinde in Uniform und stülpt sich einen Helm auf den Kopf.

Und Carl? Carl ist ein frustrierter, gelangweilter Ehemann, der glaubt, seine Frau sei die Ursache seiner „Beschwerden“. In Wirklichkeit ist er der Typ von Mann, der nicht lieben kann und Liebe mit Sex „verwechselt“. Sex ist für Carl ein Kick, und so schmeisst auch er sich in „Uniform“: In Lederkleidung soll Jewel ihn peitschen, um den Kick noch zu steigern.

Irgendwann treffen sich alle drei Mannsbilder im Haus von Randy: Der eine will den bezahlten Mord plötzlich doch nicht, der andere will die Peitsche und der dritte hofft auf Sex in Polizeiuniform. Aber wie so oft kommt alles dann doch etwas anders.

Zwart schiesst mit Komik und Absurditäten, zeigt unmögliche Menschen und mögliche Folgen ihres hormongesteuerten Verhaltens, veranschaulicht, wie Mord und Tod zum Lachen reizen müssen, lässt seine drei geblendeten Männer in teilweise gehässig-komische Konkurrenz treten – und Liv Tyler als femme fatale und den schlauen Fuchs Mr. Burmeister triumphieren. Die Geschichte ist (fast) reiner Nonsens, und zeigt nichtsdestoweniger und trotz der vom Drehbuch überdeutlich konstruierten Wendungen und gewünschten „Zufälle“ menschliche – vor allem männliche – Charakterzüge. Randys, Carls und Dehlings Mentalität wird offengelegt bis zum äussersten. Liv Tyler ist einfach köstlich. Ihre Jewel will Konsum, Konsum, Konsum (vor allem DVD-Player). Gerissen hier, infantil dort, und ohne Frage unwiderstehlich. Michael Douglas ist Killer, sieht aber aus wie der Durchschnittsnachbar von nebenan, der, wenn er nicht Bingo spielt, seinem Beruf als Elektroinstallateur oder Supermarktleiter nachgeht. Matt Dillon spielt überzeugend den von anderen und anderem getriebenen Trottel, der lange nicht durchblickt. John Goodman kann einem manchmal sogar leid tun, wenn er Jewel als die extravagante Ausgabe seiner verstorbenen Frau phantasiert. Und Carl als Anwalt mit masochistischen Neigungen kam mir vor wie ein Stehaufmännchen, das nicht merkt, welcher Lächerlichkeit es sich (nicht nur vor einer voll durchblickenden Psychologin) mit jeder Lebensäusserung preisgibt.

Strafe muss sein. Und der Showdown lässt so einige der Figuren auf der Strecke bleiben. Alle sind irgendwie schuldig und irgendwie auch nicht. Aber wie das Leben so spielt, entscheidet Schuld nicht unbedingt über die Frage, wer am Schluss als Verlierer und wer als Gewinner da steht. „One Night at McCool’s“ ist herzhaft, komisch und auf leichte, manchmal fast beschwingte Art inszeniert. Es darf gelacht werden.

Ulrich Behrens

Eine Nacht bei McCool’s

USA

2001

-

89 min.

Regie: Harald Zwart

Drehbuch: Stan Seidel

Darsteller: Liv Tyler, Matt Dillon, Michael Douglas

Produktion: Michael Douglas, Allison Lyon Segan

Musik: Marc Shaiman

Kamera: Karl Walter Lindenlaub

Schnitt: Bruce Cannon

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