Ein Kind war Zeuge Zwei Aussenseiter finden sich

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Kultur

Ein Mörder und ein Junge mit Hang zur Brandstiftung fliehen gemeinsam durchs Land: „Ein Kind war Zeuge“ klingt nach einem nervenaufreibenden Thriller mit zahlreichen Verfolgungsjagden.

Kinder in London, September 1940.
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Kinder in London, September 1940. Foto: Sue Wallace (CC-BY-SA 2.0 cropped)

Datum 31. März 2023
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Stattdessen handelt es sich hierbei mehr um ein Drama über zwei Aussenseiter, die auf der Flucht so etwas wie eine Heimat finden.

Als Robbie (Jon Whiteley) in der Wohnung seiner Adoptiveltern ein Feuer legt, flieht er aus Angst vor einer Bestrafung und versteckt sich in einem ausgebombten Gebäude. Dort trifft er auf Chris Lloyd (Dirk Bogarde), der gerade aus Eifersucht den Liebhaber seiner Frau Magda (Elizabeth Sellars) getötet hat.

Für Lloyd ist klar, dass er weg muss aus London, bevor ihn die Polizei erwischt. Aber auch Robbie möchte weg und hängt sich daher an seine Zufallsbekanntschaft. Dabei zeigt er sich von seiner hartnäckigen Seite, weshalb sich die beiden notgedrungen gemeinsam auf die Flucht begeben. Einfach ist das nicht, schliesslich haben sie kein Geld und können sich daher nur mühsam durchschlagen. Während die Polizei ihnen auf den Fersen ist, bauen die beiden eine Bindung auf …

Eine unvorhergesehene Flucht

1993 gelang Clint Eastwood mit Perfect World ein Volltreffer. Die Geschichte um einen verurteilten Verbrecher, der einen Jungen als Geisel nimmt und mit ihm durchs Land flieht, war an den Kinokassen ein grosser Erfolg. Sehr viel weniger Eindruck hinterliess rund 40 Jahre zuvor Ein Kind war Zeuge, das eine recht ähnliche Geschichte erzählte. Zwar erhielt der Film seinerzeit in Locarno den Goldenen Leoparden, den prestigeträchtigen Hauptpreis des Filmfestivals. Ansonsten nahm man eher weniger Notiz davon. Hierzulande ist das Krimidrama ziemlich in Vergessenheit geraten, die 2004 veröffentlichte DVD-Version ist nur noch antiquarisch erhältlich. Und doch ist der Film nach wie vor sehenswert, obwohl er nicht die Richtung verfolgt, die man erwarten durfte.

Genauer könnte man anhand der Beschreibung davon ausgehen, dass hier eine Verfolgungsjagd nach der anderen kommt, vielleicht noch die eine oder andere Schussszene. Beides ist nicht der Fall. Tatsächlich interessiert sich der Film auch so gut wie gar nicht für das eigentliche Verbrechen. Das Publikum ist nicht dabei, als dieses geschieht. Es erfährt erst von diesem, als Chris und Robbie längst weg sind, als ein kleines Schäferstündchen zur Entdeckung der Leiche führt. Auch die Frage, wer der tote Mann ist und in welchem Verhältnis Chris zu diesem stand, wird in Ein Kind war Zeuge erst später im Rahmen von Dialogen beantwortet. Und das nur zum Teil: Der Film ist an dieser wie auch anderen Stellen eher wortkarg, das Publikum muss sich das Gerüst des Szenarios selbst zusammenbauen.

Zwei Aussenseiter finden sich

Im Fokus steht vielmehr das Verhältnis der beiden Protagonisten. Die hat der Zufall zusammengeführt, unter gewöhnlichen Umständen wären sie sich kaum begegnet. Und doch haben sie mehr gemeinsam, als man es auf den ersten Blick vermuten könnte. So sind sie beide auf der Flucht, aus Angst vor den Konsequenzen, die ihre jeweiligen Taten mit sich bringen. Beide sind sie auch Aussenseiter, die kein wirkliches Zuhause haben. Chris ist es als Seemann gewohnt, ständig unterwegs zu sein. Seine Ehefrau Magda, die einzige Konstante in seinem Leben, hat ihn betrogen. Robbie hat zwar eine feste Bleibe, ist dort aber regelmässig Gewalt ausgesetzt, wie sich später herausstellen wird – auch das ist in Ein Kind war Zeuge beiläufig erzählt.

Spannend im Sinne eines Thrillers ist das nicht. Stattdessen handelt es sich hierbei in erster Linie um ein Drama, welches von der Annäherung zweier verlorener Menschen handelt. Glaubwürdig ist das nur bedingt, das gesamte Szenario ist schon ziemlich konstruiert. Sehenswert ist Ein Kind war Zeuge aber durchaus. So überzeugt Dirk Bogarde (Die Brücke von Arnheim) in der Rolle des einsamen Mörders, der seine fürsorgliche Seite entdeckt. Aber auch die Schwarzweiss-Bilder liefern immer wieder gute Gründe, warum man sich den zweien auf ihrer Flucht durchs Land anschliessen sollte. Ob wir durch das zerstörte London laufen oder später mehr von den Landschaften Englands zu sehen bekommen, Regisseur Charles Crichton und Kameramann Eric Cross (Einer kam durch) wissen schon, wie sie die Schauplätze in Szene setzen können.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Ein Kind war Zeuge

England

1952

-

84 min.

Regie: Charles Crichton

Drehbuch: Jack Whittingham, Michael McCarthy (Idee)

Darsteller: Dirk Bogarde, Jon Whiteley, Kay Walsh

Produktion: Julian Wintle

Musik: Hubert Clifford

Kamera: Eric Cross

Schnitt: Geoffrey Muller