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Durchstarten: Tenir Bon von Chloé Léonil | Untergrund-Blättle

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Durchstarten: Tenir Bon von Chloé Léonil Djenbé Rèd

Kultur

Vor Kurzem gab es in der arte-Mediathek einen Kurzfilm von Chloé Léonil zu sehen: Djenbé Red, was im Kreolischen so viel wie „Halte durch“ bedeutet.

Strand in Sainte-Anne, Martinique.
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Bild: Strand in Sainte-Anne, Martinique. / Deborah Doquin (CC BY-SA 4.0 cropped)

12. Juni 2022
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6 min.
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Korrektur
Ein ermutigender Spruch in der Not also, der, Corinne Mencé-Caster zufolge, auch auf die schwierige Situation auf den Antillen verweise, die von hoher Jugendarbeitslosigkeit und zunehmender Kriminalität geprägt ist.* Um die aussichtslose Lage zu veranschaulichen, greift die Regisseurin auf die mythopoetische Figur des intrauterinen Lebens zurück.

Gleich zu Beginn des Films sieht man Zig, Mitte Zwanzig, vor der Küste von Martinique in traumartiger Schwerelosigkeit dem Grund des Meeres zuschweben, um kurz danach vor seiner Freundin Vanessa mit seiner Beute anzugeben (der Verkauf von Schalen- und Krustentieren ist seine einzige Einnahmequelle). Wenig später erfährt man, dass sie von Zig schwanger ist. Er möchte das Kind behalten, Vanessa möchte es abtreiben; er ermutigt seine Freundin, dass sie es schaffen werden, er hält seinen Kopf an ihren Bauch und sagt: „Na, kleiner Taucher, gibt es Langusten bei dir?“

An dieser Stelle habe ich mich an den Thalassa-Brief von Pier Paolo Pasolini erinnert. RISS hat diesem Brief im letzten Jahr eine ganze Sondernummer in Form von Fussnoten und Kommentaren gewidmet, um seine Interventionen im Kontext der Abtreibungsdebatte Mitte der 1970er Jahre in Italien verständlich zu machen. Ein schwieriges Unterfangen, denn Pasolini entzieht sich dem Diskurs der Linksintellektuellen, die bestrebt sind, die Legalisierung der Abtreibung mit vernünftig aufklärerischen Gründen gegen das Verdikt der katholischen Kirche durchzusetzen, auf eigensinnige Weise, indem er nicht etwa ein Argument, sondern einen Traum zur Erklärung seiner ablehnenden Haltung heranzieht:

Oft träume ich inmitten des Meeres zu sein, in jenen Tiefen, von denen man sagt, sie seien „abgründig tief“: mein Schwimmen darin ist ein langsames und kapriziöses Fliegen ohne Flügel, wie es das der Fische ist: und die „Landschaft“, die ich um mich herum sehe, die fliessende Fläche des Wassers, mal gefiltert von blitzendem Licht, mal erfüllt von einer diffusen und kontinuierlichen Helligkeit, schenkt mir ein tiefes Glücksgefühl.

Was das Atmen betrifft, nun, dort, am Meeresgrund, atme ich auf wundersame Weise: Die Leichtigkeit meines Atmens ist Teil der enormen Lust, die ich in diesem Element empfinde. Es gibt keinen klareren und absoluteren Traum als diesen: Es handelt sich um eine Rückkehr in die Gebärmutter und in ihre Gewässer, eine Regression in den wunderbaren vorgeburtlichen „meerhaften“ Zustand (das Geschöpf wird durch die Abtreibung ausgerechnet am Anfang dieser Zeit grössten Glücks unterdrückt).*

Aus diesem Traum leitet Pasolini ein Wissen ab: „In meinen Träumen lebe ich etwas von meinem Dasein vor der Geburt, mein seliges Tauchen in mütterlichen Wassern: Ich weiss, dass ich da schon existiert habe.“* Zudem weiss* er, „dass es in keinem anderen Phänomen der Existenz einen ebenso unbändigen, totalen, und essentiellen Willen zum Leben gibt wie im Fötus. Sein Drang, die eigenen Potenzialitäten zu verwirklichen, indem er blitzartig noch einmal die Etappen der Menschheitsgeschichte durchlebt, hat etwas Unwiderstehliches und somit Absolutes und Vergnügtes. Auch wenn dann ein Schwachkopf zur Welt kommt.“*

Der Kommentar von Judith Kaspar lautet dazu wie folgt: „Pasolinis pränataler Traum, aus dem er einen bioanalytischen Standpunkt zu beziehen sucht, imaginiert nicht nur die thalassale Existenz als glückliche – darin durchaus mit Ferenczi konform. In seinem kompromissloses Festhalten ist sein absolutes Plädoyer für das Leben allerdings auch der Wunsch, nie geboren worden zu sein.“*

In eine ganz ähnliche Richtung scheint der Kurzfilm von Chloé Léonil zu weisen: Nachdem Zig alle Möglichkeiten, an Geld zu kommen, in seinem Umfeld ausgelotet hat (das Restaurant, dem er Meerestiere verkauft, kann ihm keine Festanstellung in der Küche bieten, seine Freunde drehen nur krumme Dinger, selbst seine Mutter und auch sein Vater verweigern ihm jede Unterstützung), überfällt er kurzerhand einen weissen Mann – der einzige Weisse in dem Film, wenn ich mich richtig erinnere –, der gerade an einem Automaten Geld zieht.

Als er seiner Freundin die Beute von 500 Euro präsentiert, für den Anfang, wie um zu zeigen, dass er imstande ist, für sein Kind zu sorgen, teilt sie ihm mit, dass sie es abgetrieben hat.* Wenn Zig in der Schlusssequenz, ernüchtert, enttäuscht, allein gelassen, wieder auf den Meeresgrund abtaucht – was soll das uns Zuschauerinnen und Zuschauer anderes bedeuten, als dass ihn die Gesellschaft schon längst hat abtreiben lassen?

MAS

Fussnoten:

* Kommentar von Corinne Mencé-Caster auf arte tv: https://www.arte.tv/de/videos/108716-000-A/durchstarten-analysiert-von-corinne-mence-caster/ (aufgerufen am 09.06.2022).

* RISS + 04: Pier Paolo Pasolini: Thalassa. Textem Verlag: Hamburg 2021, S. 23.

* A. a. O., S. 7.

* Die Funktion des (paradoxalen) Ausdrucks „Ich weiss“, so der Kommentar von Fabien Vitali, dient der positiven Authentifizierung von nicht objektiv Authentifizierbaren. So schreibt Pasolini in seiner Freibeuterschrift: „Ich weiss. Aber mir fehlen die Beweise. Ich habe nicht einmal Indizien.“ (A. a. O., S. 17)

* A. a. O., S. 14.

* A. a. O., S. 66.

* Auffallend ist hier die Umkehr der klassischen Geschlechterverhältnisse: Waren es früher nicht die Männer, die den Beginn der Familiengründung bestimmten, oder die Frauen zu einer Abtreibung drängten, wenn sie sich der Vaterschaft entziehen wollten? In einem Gespräch mit Marin de Viry und Valérie Toranian bemerkt Michel Houellebecq: „Das ist etwas Neues und sehr Überraschendes: Die Frauen entscheiden alles. Sie entscheiden über den Beginn einer Beziehung, sie entscheiden über ihr Ende, sie entscheiden, ob es ein Kind gibt oder nicht. Der Mann ist seltsam passiv. Es gibt da eine Ohnmacht aus männlicher Sicht, die sehr beunruhigend ist.“ (Michel Houellebecq: Ein bisschen schlechter. Neue Interventionen. Dumont: Köln 2020, S. 73)

Djenbé rèd

Martinique

2022

-

33 min.

Regie: Chloé Léonil

Drehbuch: Chloé Léonil

Darsteller: Uma Couji, Giovanni Mele, Teddy Sifflet

Produktion: Léonie Bégé

Musik: Julien Mizac

Kamera: John Alcott

Schnitt: Bill Butler

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