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„Die guten Feinde – mein Vater, die Rote Kapelle und ich“ | Untergrund-Blättle

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Dokumentarfilm von Christian Weisenborn „Die guten Feinde – mein Vater, die Rote Kapelle und ich“

Kultur

Das Problem vieler Deutscher seiner Generation, Sohn eines Nazivaters zu sein, hatte Christian Weisenborn (Jahrgang 1947) nicht. Im Gegenteil, sein Vater, Günther Weisenborn, Widerstandskämpfer der Roten Kapelle, wurde eine Identifikationsfigur des Anti-Establishments in der restaurierten Bundesrepublik, dann Idol der 68er Bewegung und später sogar Symbolfigur des rebellischen Filmemachers Reiner Werner Fassbinder, der ihn in seinem Film „Lili Marleen“ selbst verkörpert.

Widerstandsorganisation Schulze-BoysenHarnack v.l.n.r.: Martha Husemann, Günter Weisenborn, Harro Schulze-Boysen.
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Bild: Widerstandsorganisation Schulze-Boysen/Harnack v.l.n.r.: Martha Husemann, Günter Weisenborn, Harro Schulze-Boysen. / Bundesarchiv, Bild 183-P1219-0323 (CC BY-SA 3.0 cropped)

11. September 2017
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7 min.
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Die Szene zeigt der Film gleich in den ersten Minuten. Eine 8-mm -Familienaufnahme zeigt dann die jugendlichen Brüder Sebastian und Christian Weisenborn auf einem Bahnsteig, wie sie beide im Spass versuchen, ihren Vater auf Händen zu tragen; mit Einverständnis, Zärtlichkeit und Liebe zwischen den Generationen, wovon andere nur träumen. Woran sich also reiben, wenn zwischen Vater und Söhnen alles in Butter ist?

Der Filmtitel ist lang, beinahe umständlich, als könne er sich nicht entscheiden. Was steht im Focus, worum geht es? Noch im Intro eine Andeutung: „und doch sollte es noch lange dauern, bis ich verstand, was ihn bis zu seinem Lebensende beschäftigte….“ In einem Brief Weisenborns an seine Frau, schon aus dem Gestapo-Gefängnis im Angesicht der drohenden Todesstrafe, im Bild dazu Weisenborns helles ernstes Gesicht mit den reflektierenden Brillengläsern auf dem Polizeifoto, steht der einprägsame Satz: „Es ist Krieg, die einen fallen in Stalingrad, die anderen in Plötzensee.“

Schnitt: die Enthauptungsmaschine im Hinrichtungsraum, die die 19 verurteilten Frauen der Roten Kapelle tötete. Langsam baut der Film die Biographie des Vaters aus dessen Briefen und Tagebuchaufzeichnungen zusammen, was eine gewisse innerliche konzentrierte Erzählperspektive schafft. Als man sich schon gut in dieser Perspektive eingerichtet hat, zusammen mit einer Fülle von Foto- und Filmmaterial aus der Zeit, weitet dann plötzlich der Film den Blick aus und erzählt von Biographien Harro Schulze Boysens, seiner Frau Libertas, von dessen Ehe.

Der Film wandert zu anderen Mitkämpfern der Roten Kapelle; Zahnarzt Helmut Himpel, der den Pianisten Helmut Roloff anwirbt, so erzählt von Sohn Stefan Roloff, der selbst das Buch „Die Rote Kapelle“ geschrieben hat. Als Interviewpartner ist Stefan Roloff ein Glücksfall für den Film, der mit seinen lachenden Augen, seinem Humor („Mein Vater verstand erst gar nicht, was ein Zahnarzt und ein Pianist denn zusammen arbeiten könnten.“) und scharfem politischen Blick auf die Geschichte des Widerstands. Roloff beschreibt die Rote Kapelle als „eine Gruppe, in der alle waren – das unterscheidet sie von anderen Widerstandsgruppe: es gab Putzfrauen, Aristokraten, Künstler, alte Leute, junge Leute und es gab 40 Prozent Frauen, und das hat die Nazis auch wahnsinnig geschockt.“

Einmal – problematisch – drängt der Film in einer Montage von Kurfürstendamm und Café Kranzler damals und heute die Gleichsetzung der Normalbürger von damals mit denen von heute auf, begleitet von einer hitzigen Zitatensammlung Günther Weisenborns: „die geschminkte Welt“, die „geschwätzige Nonchchalance, die plappernde Eleganz, die Gelächterchen, die blasierten Witzchen, die frivole Routine derer, die sich behaglich fühlen.“ Das wirkt, als hätte die Bitterkeit des Vaters sich auf den Sohn, den Filmemacher übertragen, und als würde er das gestalterisch etwas übertreiben. Der Film schafft es jedoch, sich eher unbekannten historischen Aspekten zu nähern, so der damaligen Weigerung von staatlichen Stellen der USA, die Warnungen und Berichte der Roten Kapelle über die längst laufende Verfolgung der deutschen Juden ernst zunehmen, geschweige den deutschen Nazis den Krieg zu erklären. Es gab, so erzählen die US-Historiker Norman G.W. Goda und Anne Nelson im Film, eine starke Nazibewegung deutsch-amerikanischer Einwanderer. Eine Filmaufnahme zeigt eine Nazikundgebung 1939 am Madison Square, an deren Rand vor laufenden Kameras Juden vor dem Kaufhaus Macy’s zusammengeschlagen werden.

Die Interviews in den USA machen klar, wie die Rote Kapelle mit ihrem einfachen humanistischen Handeln zwischen die Fronten geriet. Ihre Aktivitäten waren vielfältig, sie reichten vom Verstecken jüdischer Menschen, Verteilung von Flugblättern, Klavierabenden und zahnärztlicher Versorgung für Versteckte bis zur – recht naiven – Kontaktierung der USA-Botschaft und des sowjetischen Geheimdienstes. Von aussen wirkte das orchestral, vielstimmig – weshalb die Gestapo die vielköpfige Gruppe (etwa 100 Menschen) auch „Rote Kapelle“ nannte.

Als es in der Filmerzählung zum Kapitel Entdeckung, Verhaftung, Folter, Prozesse kommt, thematisiert der Film die Angst – ein Thema, das Heldenerzählungen gern klein reden. So erwähnt Stefan Roloff im Interview nicht nur allgemein, dass die Leute in Brüssel nach Abfangen des Funkspruchs von der Gestapo gefoltert wurden, sondern auch, wie. Nackt über bissigen Hunden hängend, nannten die Mitwisser den Code. Die Folter an Harro Schulze-Boysen wird von der Biographin Silke Kettelhake beschrieben, welche auch von Libertas’ Verhalten in der Haft berichtet. Aus Angst und Einsamkeit vertraute sie sich ihrer netten Zellengenossin, einem Spitzel, an – und lieferte so weitere Mitglieder der Gruppe der Gestapo aus. Auch habe Libertas in nackter Angst um ihr Leben auf eine Art Kronzeugenschaft gehofft, aber sie wurde mit dem Fallbeil hingerichtet wie die anderen Frauen.

Die nackte Angst auch bei Günther Weisenborn, der mit den anderen im September 1942 verhaftet wird. In einem dramatischen Text beschreibt er, wie er sich damals retten konnte: wie er mühsam in langen Nächten unter den Augen der Bewacher, Zeichensprache mit Kurt Schumacher ausmachen und ihn mittels Klopfzeichen an der Zellenwand bewegen konnte, die „zweite Aussage“ gegen ihn, die die Todesstrafe bedeutet, zurückzunehmen. „Ich klopfte bei Kurt Schumacher nebenan um mein Leben. (…) Dank in die Ewigkeit, Kurt.“ Ein zweites Mal, auch minutiös-spannend erzählt, rettet ihn vor der Erschiessung in den letzter Minute die Rote Armee bei der Befreiung des Zuchthauses Luckau.

Nach ihrer Zerschlagung durch die Nazis vor fast 75 Jahren stand der Roten Kapelle posthum der Kampf um ihren Ruf in den Geschichtsbüchern noch bevor, dem oft die Kinder des Widerstands als „Verräterkinder“ im Westen schon in der Schulzeit ausgesetzt waren, während Hans Coppi (der in diesem Film nicht vorkommt) als Kind der staatlichen Heldenverehrung seiner Eltern im Osten nicht entrinnen konnte.

Gegen Ende widmet sich der Film diesem Thema: den falschen historischen Bildern von der Widerstandsgruppe, die im West – und im Ostblock als Instrumente für die Machterhaltung produziert wurden. Als „Agentenring“, der „200 000 deutsche Soldaten das Leben gekostet hat“, erzählt Roloff, bezeichnete „Der Spiegel“ die Rote Kapelle noch 1968 in gross aufgemachter Artikelserie (und wiederholt damit die Gestapoanklage); im Osten dagegen wurde die Rote Kapelle in eine homogene, kommunistisch geführte Kampfgruppe verwandelt.

Was Christian Weisenborn mit der TV-Doku „Verräterkinder“ (von der er ganze Passagen übernommen hat) an klarer Erzählstruktur und beeindruckender Nähe zu den Kindern des Widerstands schafft, gelingt ihm mit diesem Kinofilm über sich selbst und über seinen Vater weniger gut. Der Film bleibt in seinem Focus unentschlossen. Einerseits blättert er mit einer gewaltigen Materialfülle die Geschichte der Roten Kapelle, ihre Besonderheit innerhalb des deutschen Nazi-Widerstands und ihre Rezeption in der Nachkriegszeit breit auf , andererseits erzählt er via Familienfotos, Texte des Vaters, Interviews mit Mutter und Bruder und mit eigenen Erinnerungen seine sehr persönlich-familiäre Sicht auf die Ereignisse. Beides macht er ganz gut, aber beides zusammen ist zu viel.

Und fast schon nicht mehr erwartet, löst der Film am Ende doch noch das Versprechen des Anfangs ein. Er erzählt, was den Vater Weisenborn „so beschäftigte“, den Grund für seine Bitterkeit nach Kriegsende: weil es ihm bis zu seinem Tod nicht gelang, seine Gefährten von damals zu rehabilitieren. Das verfolgte ihn bis in die Träume, wo er sie sah und mit ihnen sprach, ermüdet von den Kontinuitäten des deutschen Staates. Der hob doch tatsächlich später die Todesurteile gegen die Rote Kapelle auf . Am 8. September 2009.

Angelika Nguyen
telegraph.cc

Die guten Feinde

Deutschland

2016

-

90 min.

Regie: Christian Weisenborn

Drehbuch: Christian Weisenborn

Produktion: Jörg Bundschuh

Musik: Dieter Dolezel

Kamera: Roland Wagner

Schnitt: Wolfgang Grimmeisen

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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