UB-Logo Online Magazin
Untergrund-Blättle

Die beste aller Welten | Untergrund-Blättle

4341

kultur

ub_article

Kultur

Rezension zum Film von Adrian Goiginger Die beste aller Welten

Kultur

„Die beste aller Welten“ zeigt einfühlsam den Alltag einer Drogensüchtigen aus den Augen ihres kleinen Sohnes. Das ist im einen Moment schön rührend, im nächsten hässlich und hart. Insgesamt überzeugt das auch sehr natürlich gespielte Drama gerade durch diese Ambivalenz: Schätze und Monster stehen gleichermassen an der Tagesordnung, Fantasien wechseln sich mit nüchternem Alltag ab.

WienPremiere von «Die beste aller Welten» im Gartenbaukino, Wien, Österreich.
Mehr Artikel
Mehr Artikel

Bild: Wien-Premiere von «Die beste aller Welten» im Gartenbaukino, Wien, Österreich. / Manfred Werner (Tsui) (CC BY-SA 4.0 cropped)

5. Oktober 2017

5. Okt. 2017

2
0

4 min.

Korrektur
Drucken
Langweilig wird es im Leben von Adrian (Jeremy Miliker) eigentlich nie. Das liegt zum einen an der blühenden Fantasie des Jungen, der die Welt als seinen eigenen, persönlichen Abenteuerspielplatz ansieht. Es liegt aber auch an dem Leben selbst, das er führt. Immer wieder steht beispielsweise das Jugendamt vor der Tür und droht ihn mitzunehmen. Aber sie haben es gelernt, ihnen etwas vorzuspielen, er und seine alleinerziehende Mutter Helga (Verena Altenberger). Eine heile Welt vorzugaukeln, die in Wahrheit von starken Stimmungsschwankungen geprägt ist. Und von Drogen. Helga und ihr Freund Günter (Lukas Miko) sind beide abhängig, ihr Drogendealer geht bei ihnen ein und aus. Aber wie lange kann das gutgehen?

Er will Abenteurer werden, sagt Adrian an einer Stelle zum Mann vom Jugendamt. Schätze finden, Monster bekämpfen, das ist seine Berufung. Der lächelt nur angesichts der naiven Kinderfantasien des Jungen. Seine Mutter bestärkt ihn hingegen darin. Er könne alles werden, was er will. Und sie sollte recht behalten, gewissermassen. Adrian ist heute nicht mit Schwert und Schild unterwegs, sondern mit einer Kamera. Aber auch das erfordert viel Mut: Wenn Regisseur Adrian Goiginger in Die beste aller Welten seine eigene Kindheit verarbeitet, dann gibt es auch hier Monster, denen er sich stellen muss. Erinnerungen an eine Familie, die von Drogen bestimmt war. Aber er findet eben auch Schätze. So wie der Film selbst ein kleiner Schatz ist.

Der ganz normale Drogenalltag

Bemerkenswert ist dabei die Natürlichkeit, mit dem sich Die beste aller Welten dem Thema annähert. Drogenexzesse finden in Filmen oft in schicken Palästen statt oder in heruntergekommenen Bruchbuden – je nachdem, ob über die da oben oder die da unten gesprochen wird. Die deutsch-österreichische Produktion schlägt da einen Mittelweg ein. Immer wieder könnte man glauben, hier bei einer ganz normalen Familie zu Besuch zu sein. Da liegen Schulbücher herum, Kinderzeichnungen hängen an der Wand. Eben weil es für sie normal ist. So wie es auch normal ist, wenn ständig Junkies bei ihnen herumhängen und inmitten der Alltagsreliquien Drogen genommen werden.

Das Ergebnis ist nicht annähernd so düster, wie man es im Vorfeld vielleicht hätte meinen können. Goiginger fordert kein Mitleid von dem Publikum ein. Denn an vielen Stellen scheint es so, als wäre die Kindheit gar nicht so verkehrt. Seine Mutter begegnet ihm mit viel Zärtlichkeit, kämpft um ihn, wenn es nötig ist, schenkt ihm viel Zeit. Die heile Welt, die sie dem Jugendamt vorgaukeln, sie wirkt an diesen Stellen ziemlich real. Aber daraus zieht Die beste aller Welten eben auch die Kraft: Dieses Nebeneinander von nostalgisch-idealisierenden Momenten und den harten, hässlichen setzt sich zu einem Bild zusammen, das gar nicht so leicht zu deuten ist. Das komplexer ist, als es das Thema Drogen in der Familie erwarten liesse. Und damit sehr viel sehenswerter.

Mit jedem Schatz ein Monster

Zum Ende hin fiktionalisierte Goiginger die Geschichte wohl doch ein wenig, dramatisierte, um ein befriedigendes Filmende zu finden. Das ist dann schon ein wenig konventioneller und den üblichen Feel-Good-Bestrebungen geprägt. Aber es sei ihm gegönnt. So oder so ist das sehr schön natürlich gespielte Die beste aller Welten ein sehr sehenswerter Film geworden, der die Drogenproblematik aus einer ganz anderen Perspektive zeigt: der eines Kindes. Ein Kind mit einer grossen Vorstellungskraft, welche aus dem Alltag etwas Besonderes macht. Aber eben nur ein Kind. Adrian versteht nicht alles, was dort passiert. Muss er auch nicht. Nicht einmal die Erwachsenen tun das wirklich.

Zwischen aufrichtiger Liebe, Selbstaufgabe, aber eben auch (Selbst-)Sucht schwankt hier alles. Muttergefühle kämpfen gegen innere Dämonen, in einer der hoffnungsvollsten und zugleich traurigsten Momente wird Helga versuchen, einen gutbürgerlichen Kindergeburtstag zu veranstalten. Auch sie träumt noch, wie ihr Sohn. Träumt von einem normalen Leben, so wie er von Abenteuern träumt. Von Schätzen, ihrem grössten Schatz: Adrian. Und begegnet doch eben unterwegs lauter Monstern.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Die beste aller Welten

Österreich 2017 - 103 min.

Regie: Adrian Goiginger
Drehbuch: Adrian Goiginger
Darsteller: Verena Altenberger, Jeremy Miliker, Lukas Miko
Produktion: Wolfgang Ritzberger, Nils Dünker
Musik: Dominik Wallner, Manuel Schönegger
Kamera: Yoshi Heimrath, Paul Sprinz
Schnitt: Ingrid Koller

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

Mehr zum Thema...

Ulrich Seidl, Österreichischer Filmpreis 2013 im Festsaal des Rathauses in Wien.
Abschluss der Paradies-Trilogie von Ulrich SeidlParadies: Hoffnung

25.05.2013

- Erst Liebe, dann Glaube und nun Hoffnung – mit seinem Beitrag über dickliche Jugendliche schliesst Ulrich Seidl seine Paradies-Trilogie ab.

mehr...
Quartiers nord, Marseille.
Shéhérazade: Film von Jean-Bernard MarlinDer Norden von Marseille

07.10.2018

- „Shéhérazade“ nimmt uns mit in den Norden von Marseille und erzählt von einem 17-Jährigen Ex-Knacki und einer 16-jährigen Prostituierten, die von einem gemeinsamen Leben träumen.

mehr...
Kleidung aus dem Film «Suffragette», welche Helena Bonham Carter während der ProtestSzene vor dem Parlament trug.
Rezension zum Film von Sarah GavronSuffragette – Taten statt Worte

25.06.2018

- „Suffragette“ erinnert an den harten Kampf der englischen Frauenrechtsbewegung vor rund hundert Jahren. Das ist sehenswert, der historischen Bedeutung wegen, aber auch aufgrund der exzellenten Besetzung und der stimmungsvollen Ausstattung. Über die Besonderheit der Bewegung erfährt man jedoch wenig, das Drama hält sich eng an Bewährtes und ist an manchen Stellen auch vereinfacht bzw. etwas dick aufgetragen.

mehr...
Zeitzeugin der NS-Zeit Alodia Witascek

14.11.2012 - Im Rahmen des Zeitzeug_innengespräches des Maximilian-Kolbe-Werkes erzählt Alodia Witascek die Geschichte ihrer von den Nazis geraubten Kindheit. Ihr ...

Bechdel-Test bestanden: Die Suffragetten-Bewegung im Film

18.02.2016 - Seit Februar läuft er auch in den deutschen Kinos: Der Film Suffragette (http://www.suffragette-film.de/home/) handelt vom Kampf ums Wahlrecht in London ...

Mehr auf UB online...

Trap
Untergrund-Blättle
Untergrund-Blättle