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Die Stadt ohne Juden | Untergrund-Blättle

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Kultur

Die Stadt ohne Juden Gesellschaftsfähiger Antisemitismus

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Dank der nun vorliegenden Restauration liegt mit Hans Karl Breslauers „Die Stadt ohne Juden“ ein gerade aus zeitgeschichtlicher Sicht ein hochinteressanter Film vor.

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28. Januar 2021
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Besonders gelungen sind hierbei die Fokussierung auf eine Gesellschaft und der Akzeptanz von antisemitischen Positionen innerhalb dieser, wie diese letztlich eine repressive Politik definieren und welche Folgen diese hat.

In der Republik Utopia herrscht seit langer Zeit grosse Unruhe im Volk. Der steigende Kurs des Dollars und die daran gekoppelten steigenden Preise für den Lebensunterhalt haben viele an den Rand des Existenzminimums getrieben und damit die Schere zwischen Arm und Reich gefährlich erweitert, sodass die Regierung unter dem amtierenden Kanzler (Eugen Neufeld) endlich handeln muss, will sie die Eskalation der Unruhen verhindern.

In dieser Zeit kommt der Regierung die antisemitischen Positionen in der Gesellschaft gerade recht, die noch dazu von vielen populistischen Kreisen für eigene politische Ambitionen ausgenutzt werden. Entgegen der Stimmen des liberalen, demokratisch ausgerichteten Spektrum, vertreten unter anderem durch Rat Linder (Karl Thema), beschliesst die Regierung die Ausweisung aller Juden aus dem Lande. Nicht nur die Familieb, sondern die ganze Gesellschaft wird durch dieses Gesetz auf eine harte Probe gestellt. Auch in der Familie von Linder ist dessen Tochter wegen des Gesetzes gezwungen, sich von ihrem Liebsten, dem Kaufmann Leo Strakosch (Johannes Riemann), zu trennen. Doch die erhoffte wirtschaftliche Erholung ist nur von kurzer Dauer, denn das Gesetz erhöht den internationalen politischen Druck auf Utopia.

Eine Geschichte von übermorgen

Lange Zeit galt der Film des Drehbuchautors und Schauspielers Hans Karl Breslauer als verschollen, bis man 1991 und dann 2015 auf Material stiess, was den Grundstein für eine umfangreiche Restauration des Werkes legte. Schon die Vorlage des Schriftstellers Hugo Bettauer beschäftigte sich mit dem latenten Antisemitismus in der österreichischen Bevölkerung, ein Thema, welches auch Breslauer sehr beschäftigte. Mit Blick auf die historischen Umstände und die Zukunft Europas nur zehn Jahre nach Entstehung des Films erhält Die Stadt ohne Juden schon prophetische Züge, zeugt aber auch in der heutigen Zeit noch davon, wie rassistische oder antisemitische Position in einer Gesellschaft angenommen werden.

Dieser angesprochene prophetische Charakter zeichnet sich bereits im Titelzusatz der Romanvorlage „Roman von übermorgen“ ab. Mit grosser Akribie zeichnet der Film das Bild dieses Staates ab, der vielen sozialen Schichten, der Bevölkerungsgruppen wie auch der politischen Lager, deren Stammtischreden durch der Bierkeller hallen, in denen die Diskussionen der letzten Regierungssitzung wortreich, teils derbe und mit dem Bierkrug vor sich fortgesetzt werden. Gerade dieser Aspekt darf wohl zu den sehr gelungenen Ideen des von Breslauer geschriebenen Drehbuchs zählen, zeigt er doch die sich stetig verschlimmernde Krise und wie sie sich in der Bevölkerung durch einen immer radikaleren, feindseligen Tonfall abzeichnet.

Hinzu kommt die Nutzung starker Kontraste, vor allem aus visueller Ebene, hervorgehoben durch die Montage des Films. Besonders der drastische Kontrast der Ebene der Armen und der Spekulanten wird gezeigt, die mit ihrer Habgier, wie es im Film heisst, den Grundstein für die Krise gelegt haben, auf deren Trümmerfeld sie nun weiter rauschende Feste feiern. Die Juden, als Gruppe, die ohnehin durch ihre Sitten und Traditionen immer etwas abseits steht, zumindest im Bewusstsein vieler Figuren im Film, kommen der Politik gerade recht als Sündenböcke.

Gesellschaftsfähiger Antisemitismus

Insbesondere aus historischer und gesellschaftspolitischer Sicht ist interessant, wie Breslauers Film den Antisemitismus als eine latente Tendenz in der Bevölkerung, unabhängig von der gesellschaftlichen Schicht, darlegt. Satirisch angelegt, auf den heutigen Zuschauer aber zutiefst verstörend wirken beispielsweise der Wahn eines Mannes, der letztlich in der Nervenheilanstalt von übergrossen Davidssternen fantasiert, die ihn verfolgen und unter deren Schatten man zu leben hat. Eindrücklicher kann man diesen Zustand gesellschaftliche Paranoia, unterstützt durch entsprechende politische Stimmen, kaum darstellen.

Neben diesen thematischen Aspekten muss noch unbedingt die für die Restauration in Auftrag gegebene musikalische Untermalung des Films von Olga Neuwirth erwähnt werden. Gewaltig und mit vielen Motiven aus dem Jiddischen unterlegt, betont diese Musik das Unheimliche, Unaufhaltbare der Handlung und träg massgeblich zu dem prophetischen Charakter des Films bei.

Rouven Linnarz
film-rezensionen.de

Die Stadt ohne Juden

Österreich

1924

-

80 min.

Regie: H. K. Breslauer

Drehbuch: H. K. Breslauer, Ida Jenbach nach dem Roman von Hugo Bettauer

Darsteller: Bibi Andersson, Liv Ullmann, Margaretha Krook

Produktion: Walterskirchen und Bittner

Musik: Saunders Kurz (Fassung 1928) / Klavier – Gerhard Gruber, Violine – Adula Ibn Quadr, Percussion – Peter Rosmanith (Neufassung 2000) / Olga Neuwirth (Neufassung 2018)

Kamera: Hugo Eywo

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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