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Die Sage von Anatahan Das Tier im Menschen

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Eine Gruppe japanischer Soldaten verschlägt es während des Zweiten Weltkriegs auf eine einsame Insel, wo sie wegen der einzigen Frau zu Rivalen werden.

Der österreichischamerikanische Filmregisseur Josef von Sternberg (links im Bild) in Japan, 1936.
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Bild: Der österreichisch-amerikanische Filmregisseur Josef von Sternberg (links im Bild) in Japan, 1936. / Unknown author (PD)

24. Januar 2021

24. 01. 2021

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Basierend auf einer wahren Geschichte hat „Die Sage von Anatahan“ schon einige interessante Themen. Die extreme Künstlichkeit des Films und die konzeptbedingte Distanz zu den Figuren verhindert aber, dass irgendetwas davon tatsächlich relevant wird.

Im Jahr 1944 wütet der Pazifikkrieg unbeirrt weiter, beide Seiten glauben noch fest an den Sieg. Als dabei ein japanisches Schiff von einem feindlichen Kampfflieger zerstört wird, können sich einige Männer auf eine kleine mit Dschungel bedeckte Insel retten. Dort finden sie Unterschlupf und genügend Nahrung, können sich ihr Leben neu organisieren, während sie auf Rettung warten. Doch das Glück ist nur von begrenzter Dauer. Grund dafür ist die schöne Keiko (Akemi Negishi), die als einzige Frau noch auf der abgelegenen Insel lebt und bald zum Objekt der Begierde wird. Die Disziplin, welche die Soldaten zuvor noch im Dienst kannten, weicht bald einer erbitterten Rivalität, wer über die Insel herrscht und damit Keiko zur Frau hat …

Das Tier im Menschen

Dass es nicht viel braucht, damit der Mensch die höflichen Prägungen der Zivilisation ablegt, ist nicht wirklich ein Geheimnis. Da reicht manchmal der normale Strassenverkehr oder ein Ausverkauf, damit das Raubtier erwacht. Noch extremer fällt dies natürlich aus, wenn der zivilisatorische Rahmen wegfällt und der Mensch ohne den Druck der Gesellschaft agieren kann. Eines der berühmtesten Beispiele ist sicherlich William Goldings Herr der Fliegen, in dem eine Gruppe von Kindern auf einer einsamen Insel landet und nach einer anfänglichen Orientierungsphase brutale Züge entwickelt, während nach und nach alle Regeln und Normen, die sie zu Hause noch kannten, zerstört werden.

Aber das geht natürlich auch bei Erwachsenen, wie Josef von Sternberg aufzeigte. Basierend auf einer wahren Geschichte erzählte der in Wien geborene Regisseur, Drehbuchautor und Kameramann (Der blaue Engel) in seinem letzten Film Die Sage von Anatahan, wie eine Gruppe japanischer Soldaten während des Zweiten Weltkriegs auf einer Insel feststeckte. Für die tatsächliche Historie interessierte sich der in die USA ausgewanderte Filmemacher dabei recht wenig. So reduzierte er die Zahl der Soldaten, auch bei der Bevölkerung auf der Insel gab es Abstriche. Es geht auch weniger um die Männer als Soldaten und ihr Festhalten an dem Sieg Japans, selbst als dieses kapituliert hat – was erschreckende Parallelen zu der aktuellen Situation in den USA aufweist. Stattdessen geht es um die Bestie im Mann, die von einer schönen Frau geweckt wird.

Kunstvoll distanziert

Während das thematisch alles noch recht nachvollziehbar ist, fällt Die Sage von Anatahan durch die eigenartige Umsetzung aus. Besonders der so offensichtliche Widerspruch zwischen dokumentarischem Anspruch und dem Gezeigten führt von Beginn an zu Irritationen. Da wäre zunächst der Dschungel, der zwar sehr detailverliebt ausgestattet, dabei aber so offensichtlich eine Studioanlage ist, dass jegliche Illusion von Wildnis von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Natürlich kann nicht jeder an Originalschauplätzen drehen, Anfang der 1950er waren die Möglichkeiten in vielerlei Hinsicht doch begrenzt. Glücklich ist diese Künstlichkeit dennoch nicht. Vor allem wird sie noch dadurch verstärkt, dass die Geschichte nicht durch die Figuren, sondern einen Kommentator erzählt wird.

Die japanischen Dialoge werden dabei zu keiner Zeit übersetzt oder untertitelt. Hin und wieder gibt der Sprecher – der sich als einer der Männer bezeichnet, aber nie als einen solchen zu erkennen gibt – zwar eine kurze Zusammenfassung. Oft aber auch nicht. Dadurch verhindert von Sternberg, dass man je Teil des Geschehens wird. Vielmehr wirkt Die Sage von Anatahan wie eine der Naturdokumentationen, in denen Tiere aus der Ferne beobachtet werden und ein Sprecher begleitende Kommentare liefert – siehe etwa Maleika. Das ist im Zusammenhang mit den Klischees, die dem Filmemacher seinerzeit schon Rassismusvorwürfe einbrachten, besonders problematisch. Auch wenn es in einem Film über Menschen, die das Tier in sich entdecken, irgendwie passend ist: Das ist schon eine sehr zynische Entmenschlichung.

Ein Abenteuer ohne Spannung

Zudem hat diese Umsetzung einen weiteren Nachteil: Es gibt praktisch keine Spannung. Da keine der Figuren tatsächlich noch Individuen sind, fehlt es – von Keiko einmal abgesehen – völlig an Identifikationsmöglichkeiten. Es spielt schlicht und ergreifend keine Rolle, wer da wen ermordet oder was tut, weil die Distanz so gross ist, dass keine Personen mehr zu erkennen sind. Das ist dann zwar als Herausforderung für eigene Sehgewohnheiten interessant, eine Art Meta-Kommentar über das Geschichtenerzählen. Trotz der schönen Bilder und der eigentlich lohnenswerten Themen ist das als tatsächlicher Film aber kaum zu empfehlen, der Einblick in menschliche Abgründe bleibt konzeptbedingt zu sehr an der Oberfläche.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Die Sage von Anatahan

Japan

1953

-

87 min.



Regie: Josef von Sternberg

Drehbuch: Josef von Sternberg

Darsteller: Akemi Negishi, Tadashi Suganuma, Shoji Nakayama

Produktion: Daiwa

Musik: Akira Ifukube

Kamera: Josef von Sternberg

Schnitt: Mitsuzo Miyata

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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