UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Die Jungfrauenquelle | Untergrund-Blättle

6749

Kultur

Die Jungfrauenquelle Glauben und Gewalt

Kultur

„Die Jungfrauenquelle“ ist ein Film über Gewalt und Schuld, eine Moritat über den menschlichen Hang zur Barbarei.

Der schwedischer Drehbuchautor, Film- und Theaterregisseur Ingmar Bergman am Filfestival von Venedig, September 1985.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Der schwedischer Drehbuchautor, Film- und Theaterregisseur Ingmar Bergman am Filfestival von Venedig, September 1985. / Gorup de Besanez (CC BY-SA 4.0 cropped)

10. Dezember 2021
0
0
4 min.
Korrektur
Drucken
Toll fotografiert von Sven Nykvist und exzellent besetzt bietet dieses Werk Ingmar Bergman bis heute Grund zur Diskussion über dessen Themen und verlangt aufgrund seiner Konsequenz dem Publikum eine Stellungnahme zum Gesehenen ab.

Die junge Karin (Birgitta Pettersson) wächst wohlbehütet auf dem grossen Hof ihrer Eltern (Max von Sydow und Birgitta Valberg) auf. Eines Sonntags möchte sie, nachdem sie die Christmette verschlafen hat, zur Kirche reiten, um dem Pfarrer dort Marienkerzen zu überbringen. Auch wenn ihre Mutter skeptisch ist, hilft sie ihrer Tochter bei den Vorbereitungen und verabschiedet sie schliesslich. Auf dem Weg zur Kirche werden Karin und ihre Adoptivschwester Ingeri (Gunnel Lindblom) von drei Hirten (Axel Düberg, Tor Isedal, Ove Porath) angehalten, die um etwas zu essen bitten. Nachdem ihnen Karin etwas von ihrer Wegzehrung angeboten hat, überwältigen sie die zwei älteren Hirten, vergewaltigen und töten sie. Ingeri schaut angsterfüllt aus der Nähe zu, greift aber nicht ein. Nach ihrer Tat ziehen die Hirten weiter, bis sie irgendwann ein Obdach für die Nacht suchen. Ausgerechnet im Hof von Karins Eltern finden sie eine Bleibe.

Glauben und Gewalt

Mit Die Jungfrauenquelle gelang dem schwedischen Regisseur Ingmar Bergman der erste von insgesamt drei Oscar-Erfolgen in seiner Karriere – später folgten Wie in einem Spiegel (1962) und Fanny und Alexander (1984). Inspiriert von einer mittelalterlichen Ballade erzählt Bergmans Film eine Geschichte um einen der zentralen Glaubenskonflikte, die Frage nach der Gerechtigkeit und der Gutheit eines Gottes und damit auch seiner Schöpfung.

Nach Das siebente Siegel kehrt Bergman hier zu einem der zentralen Themen seines Werkes zurück, schlägt dabei einen sehr drastischen Tonfall an, der es dem Film in vielen Ländern, insbesondere wegen der Vergewaltigungsszene, nicht gerade leicht machte. Man kann diskutieren, ob es gerade diese Atmosphäre der Gewalt im Film war, die Regisseur Wes Craven zu Das letzte Haus links (1972) inspirierte, der in gewisser Weise eine Neuverfilmung von Bergmans Film darstellt.

Bereits in den ersten Minuten fühlt man, dass die Idylle des Guts und der anliegenden Landschaft nur eine dünne Fassade ist. Die Dunkelheit in den Bildern des Kameramanns Sven Nykvist und die Trommeln in der Musik Erik Nodgrens definieren immer wieder Dissonanzen, Unregelmässigkeiten im Leben dieser Menschen. Hinzu kommt das omnipräsente Motiv der Bestrafung, welches in den Gesprächen der Bewohner des Hofes auftaucht, egal ob im streng christlichen Sinne als Gottes Strafe für Sünder oder im Kontext der Hierarchie des Gutes, die Müssiggang, Unachtsamkeit und Neid ahndet. In diesem rigiden Patriarchat ist die Gewalt stets männlich, der Vater das Korrektiv der Gesellschaft und des Glaubens, der über das Mass einer Strafe entscheidet.

Ein Akt des Beschmutzens

Vor diesem Hintergrund sind die Frauenfiguren Petterssons und Lindbloms besonders hervorzuheben. Durch Peterssons Darstellung und Ulla Isakssons Skript erhält Karin, wie auch ihre Adoptivschwester Ingeri, eine schier undurchschaubare Ambivalenz, wenn sie scheinbar nur so tut, als ob sie über ihre Attraktivität nicht Bescheid wüsste. In einer zentralen Szene merkt man den Kontrast zwischen ihr und der sexuell erfahreneren Ingeri, wenn Karin etwas scheinheilig sagt, sie wisse nicht, warum sie nicht mit einem Mann tanzen dürfe. Da es sich wohl um den Vater von Ingeris Kind gehandelt hat, kommt man nicht umhin die Unschuld Karins zu hinterfragen.

Einer grausamen Logik folgend muss ein solches Verhalten, ob wissentlich oder unwissentlich, bestraft werden, was in einem Akt der Beschmutzung und der Barbarei kulminiert. Jedoch ist dieser Akt der Gewalt nur ein Anfang, ein kleiner Teil einer Spirale, die sich unaufhaltsam weiter dreht. Die Frage, ob diese Taten hätten verhindert werden können, lässt Bergman intelligenterweise offen, überlässt es dem Zuschauer Position zu beziehen.

Rouven Linnarz
film-rezensionen.de

Die Jungfrauenquelle

Schweden

1960

-

89 min.

Regie: Ingmar Bergman

Drehbuch: Ulla Isaksson

Darsteller: Max von Sydow, Birgitta Valberg, Birgitta Pettersson

Produktion: Allan Ekelund

Musik: Erik Nordgren

Kamera: Sven Nykvist

Schnitt: Oscar Rosander

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

Mehr zum Thema...
Der schwedische Meisterregisseur Ingmar Bergman wärend den Dreharbeiten zum Film «Das Schweigen», 1963.
Auf der Suche nach Ingmar BergmanViele Anekdoten, wenig Relevanz

15.01.2022

- „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“ erinnert sich anlässlich des nahenden 100.

mehr...
Der US-amerikanische Filmschauspieler Elliott Gould spielt in dem Film von Ingmar Bergman die Rolle von David Kovac.
BerührungenDas Problem mit der Sprache

17.12.2021

- „Berührungen“ ist ein herausforderndes Beziehungsdrama über emotionale Kälte und Distanz.

mehr...
Der schwedische Regisseur Ingmar Bergman im Amstel Hotel in Amsterdam, Oktober 1966.
Schreie und Flüstern von Ingmar BergmanEin schonungsloses Meisterwerk

28.02.2019

- In «Schreie und Flüstern» porträtiert Regisseur Ingmar Bergman drei Schwestern, die sich in seelischen Extremsituationen befinden.

mehr...
Karin Scheel, Kuratorin der Kunstausstellung in der Zwingli-Kirche und André Werner, Künstler - Interview

26.05.2017 - Im Interview erzählt André Werner von seiner Kunstinstallation Circles und von sich als Künstler. Circles stand in der Kunstausstellung in der ...

Werkleitz - Karin Missy Paule - my family… oder so andere Kleinigkeiten, die nicht wirklich radikal sind

10.06.2010 - Heute Abend gibt es im Schleifweg in Halle bei der Werkleitzgesellschaft wieder die sehr lohnenswerte Gelegenheit sich mit Kunst zu beschäftigen. Bei ...

Dossier: Rohstoffhandel
Dossier: Rohstoffhandel
Propaganda
Ninas Adventure

Aktueller Termin in Mülheim

Open Door

Samstag, 29. Januar 2022 - 19:00

Az Mülheim, Auerstraße 51, 45468 Mülheim

Event in Berlin

Antirepressionsflohmarkt

Samstag, 29. Januar 2022
- 12:00 -

Zwille

Straße des 17.Juni 135TU Berlin, Reuleaux-Haus

10623 Berlin

Mehr auf UB online...

Untergrund-Blättle