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Die Französische Revolution | Untergrund-Blättle

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Die Französische Revolution Hoffnung und Terror

Kultur

Die Revolution frisst ihre Kinder – immer wieder in der Geschichte des 19. und besonders 20. Jahrhunderts. Der vierteilige Film ist in diesem Sinne auch ein exzellentes Anschauungsmaterial.

Der Sturm auf die Tuilerien am 10. August 1792.
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Der Sturm auf die Tuilerien am 10. August 1792. Foto: Jean Duplessis-Bertaux (PD)

29. Juli 2022
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Der 200. Jahrestag der französischen Revolution wurde 1989 gefeiert – Anlass für umfangreiche Dokumentationen, auch für Kritik, auch für eine vierteilige Fernsehproduktion, die mit viel Aufwand und etlichen bekannten Schauspielern von Robert Enrico und Richard T. Heffron (die zusammen mit David Ambrose und Daniel Boulanger auch das Drehbuch schrieben) in Szene gesetzt wurde. Knapp sechs Stunden wird die Zeit kurz vor der Erstürmung der Bastille bis zur Hinrichtung Robespierres 1894 in einem teils opulenten, teils nüchternen, teils emotionalen, aber nie rührseligen Bogen geschildert.

Über die Vorbedingungen der Revolution, die grossen Aufklärer als Vorboten von 1789 und die Funktionsweise des Ancien Regime erfährt man zwar nichts – dies hätte die Möglichkeiten einer Fernsehproduktion auch gesprengt –, doch das Drehbuch versucht, so schwierig dieses Unterfangen auch ist, die wesentlichen Elemente und Kräfte der französischen Revolution zu dokumentieren – bis hinein in persönliche Charakterzeichnungen ihrer Hauptakteure Danton, Robespierre, König Louis XVI., Marie Antoinette, Camille Desmoulins, Mirabeau, Marat und La Fayette.

Ich schildere im folgenden die wesentlichen im Film dargestellten Ereignisse deshalb so ausführlich, weil der Kontext, in dem sie stehen, hinreichend kompliziert und komplex ist. Wer sich weiter informieren will, kann dies als Einstieg in das Thema bei wikipedia (1) tun. Dort sind auch weiterführende Informationen, Links, Literatur und Verweise zu den Hauptakteuren der Revolution angegeben. Deshalb verzichtete ich hier auf biografische Angaben zu diesen Personen.

Zeit der Hoffnung

„Was ist der Dritte Stand? - Alles.
Was ist er bisher in der politischen Ordnung gewesen? - Nichts.
Was fordert er? Darin etwas zu werden.”
(Emmanuel Joseph Sieyès, 1748-1836)

Der Absolutismus war zu Ende. Die Aufklärer hatten es geahnt und gehofft. Frankreich, das heisst der französische Hof, war hoch verschuldet in dieser Zeit, den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts –, teils weil Louis XVI. (1754-1793) und seine Familie in Saus und Braus lebten, teils aber auch, weil die Franzosen im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Briten viel Geld ausgegeben hatten. Zudem herrschte in Teilen der Bevölkerung Hass gegen die „österreichische Hure“ Marie Antoinette (1755-1793). Auf der anderen Seite herrschte Armut, nicht nur auf dem Land, sondern auch in den Städten. Die Pariser Handwerker, Arbeiter, kleinen Gewerbetreibenden und die Armen, Besitzlosen hungerten. Zum dritten strebte eine neue Schicht nach Freiheit und Macht, die aufkommende Bourgeoisie. All diese Kräfte – die Aufklärer, die unteren Schichten und der eigentliche „Dritte Stand”, die Bourgeoisie, wollten nicht nur den Aberglauben durch die Vernunft und den Merkantilismus, das ökonomische Schutzsystem des Absolutismus, durch eine freie Wirtschaft ersetzen. Sie wollten auch die Abschaffung sämtlicher Privilegien des Adels und des Klerus und eine verfassungs- und gesetzgebende Versammlung.

Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit

Der Finanzminister Louis XVI., der Bankier Necker (1732-1804), weiss längst, dass die absolute Monarchie keine Zukunft mehr hat. Aber Necker taktiert vorsichtig und bedächtig, bringt den König dazu, die Generalstände – Adel, Klerus und Dritten Stand – in Versailles zu versammeln, um die angespannte finanzielle Situation des Staates zu besprechen. Doch längst ist deutlich geworden – wenn auch nicht dem König –, dass die Generalstände, bei denen nicht nach Köpfen, sondern nach Ständen abgestimmt wird (also in der Regel: Adel und Klerus gegen den Dritten Stand), ebenfalls bald der Vergangenheit angehören werden. Teile des niederen Klerus verbünden sich in Versailles mit dem Dritten Stand gegen die privilegierten Stände – und nachdem Louis XVI. versucht, sich den notwendigen Neuerungen entgegenzustellen, designiert Necker (vorläufig) als Finanzminister.

Die Pariser Bevölkerung ist erbost. Man bewaffnet sich, und am 14. Juli 1789 steht man vor der Bastille, einem festungsähnlichen Gefängnis, das gestürmt wird und damit die Französische Revolution einläutet. Der Held des amerikanischen Bürgerkriegs auf Seiten der Franzosen, La Fayette (1757-1834), wird Kommandeur der neu gebildeten Nationalgarde. Der Dritte Stand bildet eine Art Nationalversammlung und verkündet die Abschaffung der Privilegien und die Erklärung der Menschenrechte.

Louis XVI. – einerseits unschlüssig über die Situation, andererseits noch immer in dem überheblichen Glauben, seine Position als König von Gottes Gnaden behalten zu können – weigert sich, die Erklärung der Menschenrechte und die Abschaffung der Privilegien zu akzeptieren. Und seine Frau Marie Antoinette versucht insgeheim, die Fäden mit ausländischen Königshäusern zu ziehen, um der drohenden Revolution entgegentreten zu können.

Die Revolution formiert sich

Der Hass auf die „österreichische Hure” ist in der Pariser Bevölkerung gross. Frauen ziehen nach Versailles, fordern Brot vom König und zwingen Louis nicht zuletzt, die Erklärung der Menschenrechte und die Abschaffung der Privilegien zu akzeptieren.

Doch schon ein Jahr nach der Erstürmung der Bastille zeigen sich die Widersprüche im Lager der Revolutionäre. Der Adelige Mirabeau (1749-1791), ein aufgeklärter Mann, der die Zeichen der Zeit schon lange erkannt hat, versucht noch auf dem Sterbebett, die zwei Hauptkontrahenten – La Fayette und Danton (1759-1794)– zu versöhnen. La Fayette hatte in Nancy rebellierende Soldaten, die ihren Sold und Gerechtigkeit verlangten, hängen lassen. Danton hingegen ist längst für die Abschaffung der Monarchie, auch in ihrer konstitutionellen Form. Als der König und seine Familie nach Angriffen des Pöbels auf Kirchen und Priester heimlich und inkognito Paris verlassen, in Varennes aber erkannt und zurückgebracht werden, setzt La Fayette ein fingiertes Schreiben auf, der König sei entführt worden, um diesen und seine Familie zu schützen. Robespierre (1758-1794), wie Danton einer der Führer der Revolution, ahnt eine Verschwörung. Und er weiss, dass eine solche Flucht nur möglich war, weil Louis im Land noch viel Anhänger hat, nicht nur bei Adel und Klerus.

Als die aufgebrachte Pariser Bevölkerung auf dem Marsfeld die Republik verkünden will, lässt La Fayette auf die Menge schiessen. Die Lage spitzt sich zu, da der König und Marie Antoinette mit ausländischen Mächten vereinbart haben, die Revolution in Paris niederzuschlagen. La Fayette fordert von der Nationalversammlung das Kriegsrecht. Marat, einer der extremsten Revolutionäre, muss nach London fliehen, Robespierre verliert seinen Sitz in der Nationalversammlung und Desmoulins (1760-1794), ein enger Freund Robespierres und Dantons, flüchtet aufs Land. Angesichts der ausländischen Bedrohung organisieren die Revolutionäre eigene bewaffnete Einheiten, Danton setzt die Pariser Stadtverwaltung ab. Auch aus Marseille und anderen Städten strömen Soldaten zu den republikanischen Garden, um einer Invasion zur Rettung der Monarchie entgegentreten zu können.

Aber nicht nur die Spaltung zwischen La Fayette, einem Verfechter der konstitutionellen Monarchie, und Danton ist inzwischen vollzogen. Auch zwischen Danton und Robespierre deuten sich bereits Konflikte an. Robespierre sagt zu Danton, man müsse nicht nur die ausländischen Feinde bekämpfen, sondern vor allem die Feinde im eigenen Land. Nur wenn die besiegt würden, könne die Revolution siegen und sich zur „Perfektion” vollenden. Danton warnt vor solcher „Perfektion“. Ihm scheint bereits jetzt die Gefährlichkeit Robespierres bewusst – ganz zu schweigen von der Marats (1743-1793), der noch weiter gehen will als Robespierre.

Im August 1792 stürmen die Pariser Massen die Tuilerien, den Sitz des Königs in Paris. Louis XVI. und seine Familie unterstellen sich dem Schutz der Nationalversammlung. Die konstitutionelle Monarchie ist am Ende. Und die Befürchtungen Mirabeaus, man müsse verhindern, dass eine Diktatur, die der absolutistischen Tyrannei, durch eine andere ersetzt wird, indem man die Gewaltenteilung einführt, scheinen sich zu bewahrheiten, wenn auch nur in ersten Spuren.

Das Ende des Ancien Regime

„Ein König muss regieren –
oder sterben.”
(Saint Just)

Am 13.8.1792 wird die Königsfamilie verhaftet. La Fayette läuft zu den Österreichern über. Die neue Regierung unter Danton geht dazu über, Gegner der Revolution zu verhaften und teilweise hinzurichten. Desmoulins äussert starke Zweifel an dieser Vorgehensweise. Weil die Lage sich auch dadurch zuspitzt, dass die Truppen der europäischen Königshäuser Verdun erobert haben, fordert Marat den Tod aller Aristokraten. Das führt u.a. dazu, dass ein aufgebrachter Mob durch Paris zieht, in Gefängnisse einbricht und Adelige bestialisch ermordet. Auf offener Strasse werden tatsächliche oder vermeintliche Gegner der Revolution vom Mob getötet.

Desmoulins ist entsetzt, Danton erklärt, er sei hilflos, und schliesslich befinde man sich im Krieg gegen die Armeen des Auslands. Die preussischen Truppen werden zum ersten Mal (bei Valmy) geschlagen. In Paris wird der Nationalkonvent gebildet, dessen Abgeordnete von allen Bürgern gewählt werden. Die Monarchie wird offiziell abgeschafft. Robespierre erklärt vor dem Konvent, man müsse nun die Revolution zu Ende bringen. Er wolle dem König als Person nicht schaden, aber andererseits sei der Krieg noch nicht beendet. Sein treuester Anhänger Saint Just, ein junger Mann, fordert ganz offen den Tod Louis Capets (wie der König jetzt mit bürgerlichem Namen genannt wird). Auch Danton und Desmoulins fordern mit den meisten im Nationalkonvent die Verurteilung des Königs. In einem von Wahrheiten, Halbwahrheiten und Lügen beherrschten Prozess wird der König, der sich mutig verteidigt, zum Tod auf der Guillotine verurteilt und unter dem Beifall der Bevölkerung durch den Scharfrichter Sanson (1739-1806; in einer Nebenrolle Christopher Lee) geköpft.

Weil es in der Bretagne und der Vendée Widerstand gegen die Vorkommnisse in Paris gibt und die ausländischen Mächte, die die Restauration der Monarchie anstreben, tiefer nach Frankreich eindringen, fordert Robespierre „Revolutionstribunale” zur Aburteilung der Gegner der Revolution. Auch Danton stimmt dem zu, doch eher, um die pöbelartigen Überfälle auf Adelige, Kirchenleute und andere zu unterbinden. Marat fordert in einer emphatischen Rede „Hunderttausend Köpfe”, die rollen sollen. Während Robespierre bereits gegen die Girondisten – die gemässigten, bürgerlichen Revolutionäre – zu Felde zieht, wird Marat von einer Gegnerin der Jakobiner – Charlotte Corday (1768-1793)– in der Badewanne ermordet. Und am 15.10.1793 verurteilt ein Revolutionstribunal Marie Antoinette zum Tode – als Verschwörerin, Verräterin und wegen des Vorwurfs, Inzucht mit ihren Kindern getrieben zu haben.

Der Terror erstickt die Menschenrechte

„Du willst nichts für dich selbst,
sondern du willst es für alle.
Das macht dich so gefährlich.”
(Danton zu Robespierre)

Aber auch unter den Jakobinern zerbricht die Einigkeit. Danton und Desmoulins hier, Robespierre und der junge Saint Just dort, Hébert als Führer einer dritten radikalen Fraktion. Die Guillotine läuft gut geschmiert. Hébert hetzt gegen Danton, der einen Begnadigungsausschuss fordert, um die Todesurteile einzugrenzen. Aber längst haben der sog. Wohlfahrtsausschuss unter Robespierre und Saint Just die Oberhand in der französischen Hauptstadt. Man kann sagen: wahllos werden Tausende von vermeintlichen oder tatsächlichen Gegnern, nicht so sehr der Revolution, sondern der terrorisierenden Jakobiner umd Robespierre und den von ihm beherrschten Wohlfahrtsausschuss hingerichtet. In der Vendée verlieren ebenfalls Tausende von (hauptsächlich) Bauern ihr Leben. Und unter den Jakobinern bricht offener Kampf aus. Taktik ist angesagt. Robespierre verteidigt Danton gegen Hébert, aber nur, um mit Danton Hébert (1757-1794) aus dem Weg räumen zu können. Und als Hébert tot ist, schmieden Robespierre und Saint Just Pläne gegen Danton und Desmoulins. Anklage wird erhoben, und unter dem Beifall vieler Anhänger verteidigt sich Danton vor dem Tribunal gegen die Herrschaft der Lüge, der Korruption, des Terrors und des Verrats an den ursprünglichen Zielen der Revolution. Das alles jedoch verhindert nicht, dass er und Desmoulins ebenfalls von Sanson hingerichtet werden.

Robespierre und Saint Just überleben die beiden nur um dreieinhalb Monate. Denn die Pariser Bevölkerung und auch die reichen Leute, die den Kapitalismus wollen, rebellieren gegen die Herrschaft des Terrors. Die Guillotine arbeitet (vorläufig) ein letztes Mal: Der bei seiner Verteidigung gegen seine Gegner schwer verletzte Robespierre wird ebenso geköpft wie sein getreuer Adlatus Saint Just (1767-1794). Der Terror hat ein Ende. Und bevor Napoleon die Macht an sich reissen kann, herrscht ein Direktorium aus begüterten Männern die französische Hauptstadt.

„Und doch bin ich hier, der
etwas lernt, dass nämlich die
Tugend den Terror zu ihrem
Komplizen machen muss, wenn
sich die Menschen von ihr
leiten lassen sollen. Und da
die Tugend so nicht versagen
kann, muss es der Mensch sein.
Aber ich will es nicht glauben,
ich kann es nicht. Und dennoch
muss ich es, um die Revolution
zu retten.”
(Robespierre zu Danton)

Diese Sätze Robespierres vermitteln die ganze Tragik dieser ersten „grossen” bürgerlichen Revolution – sieht man von der „friedlichen” englischen und der gegen die Engländer erkämpften amerikanischen Unabhängigkeit einmal ab. Der Vierteiler verdeutlicht insbesondere dies – die Tragik einer Revolution, in der zwei fundamental unterschiedliche Kräfte sich herauskristallisierten und gegeneinander wirkten.

Es muss kritisch angemerkt werden, dass man über die sozialen Kräfte, die in der Revolutionszeit wirkten, im Film nur wenig bis gar nichts erfährt. Wichtige Gruppen wie die Sansculotten – die Masse der Pariser Arbeiter, Handwerker, kleinen Gewerbetreibenden und Wirte – (wörtlich: ohne Kniebundhose, so dass sie sich auch äusserlich von den Adeligen absetzten) oder die aufstrebenden Kapitalisten, die längst eingesehen hatten, dass der Sturz des Ancien Régime Voraussetzung für eine volle Entfaltung des Kapitalismus war, kommen als treibende Kräfte in dem Vierteiler nur am Rande vor.

Doch trotz dieser Mängel offenbaren sich in der Darstellung der Ereignisse wesentlich Grundzüge der Revolution. Vor allem, könnte man sagen, zeigt sich das, was die Kritische Theorie (Adorno, Horkheimer) als „Dialektik der Aufklärung“ bezeichnet hatte, eben in Bezug auch auf den Verlauf der Revolution und die treibenden Kräfte. In diesem Punkt ist der Film stark, weil er in den die Handlung tragenden Personen diese Dialektik deutlich zum Ausdruck kommen lässt. Während 1789 eine grosse Mehrheit der (Pariser) Bevölkerung – von Teilen des Adels über das reiche Bürgertum bis hin zu Intellektuellen, freien Berufen und Handwerkern, Arbeitern und Armen – die Erklärung der Menschenrechte und die Abschaffung aller Privilegien verlangte, differenzierten sich in den folgenden Jahren diese Gruppen auch nach ihren politischen Ansichten aus, besonders in Bezug auf die Frage, welche Ziele die Revolution haben sollte bzw. ob sie die entscheidenden Ziele nicht schon erreicht habe. Selbst innerhalb des Lagers der Jakobiner war diese Differenzierung deutlich spürbar: Hébert, Danton und Robespierre schienen am Ende Welten zu trennen. Die Anführer der drei am Schluss regelrecht verfeindeten Fraktionen innerhalb der Jakobiner bekämpften sich „bis aufs Messer“ – und bis zum Schafott.

Entscheidend ist allerdings – und das verdeutlicht der Film ganz gut –, wie in dieser Dreispaltung der Jakobiner die „Dialektik der Aufklärung“ tatsächlich zum Ausbruch gelangte. Während Danton endlich Schluss machen wollte mit dem Morden (er hatte das Revolutionstribunal nur vorgeschlagen, um dem Treiben des mordenden Mobs ein Ende zu bereiten) und sich und die Franzosen insgesamt auf die Verfassung und die Menschenrechte besinnen wollte, um eine wirkliche demokratische Republik zu schaffen, verkündete Robespierre seine berühmt gewordenen Worte von der „Tugend durch Terror“.

Die Aufklärer wollten eine Welt der Vernunft und des Verstandes und die Beseitigung des Aberglaubens und auch jener Religion, die sich nur der Herrschaft und Unterdrückung verschrieben hatte. Der religiöse Glauben sollte zur Privatsache werden (eine Massgabe, die im 19. und 20. Jahrhundert in Frankreich konsequent weiterverfolgt wurde). Was sie dabei vergassen – und Danton Robespierre vorwarf –, war, dass der Mensch nicht nur mit dem Verstand denkt, sondern auch mit dem Herzen fühlt und dem Gewissen handelt. Robespierres „Tugend durch Terror“ war letztlich nichts weiter als eine andere Formulierung von „Der Zweck heiligt in jedem Fall jedes Mittel“ – wobei hinzugefügt werden muss, dass der Zweck dabei zu einer oft hohlen Verballhornung von Werten oder ethischen Überzeugungen verkommt. Die „Tugend” war letztlich zu nichts anderem verkommen als zu einer hohlen Phrase, der Robespierre noch „das höchste Wesen” zusprach und damit „Tugend“ zu einer Art Ersatzreligion werden lassen wollte. Die Phrase und der Terror erstickten jegliche demokratische Entwicklung.

Diese Zweischneidigkeit der Französischen Revolution – die konsequente Politik für die Abschaffung der Privilegien und die Erklärung der Menschenrechte auf dem Weg zu einer demokratischen Republik hier, die Errichtung einer neuen Diktatur durch die Schreckensherrschaft der Jakobiner dort, in der „die Tugend“ von einer kleinen Gruppe innerhalb des Wohlfahrtsausschusses definiert wurde –, diese Dualität wird sich in den beiden folgenden Jahrhunderten immer wieder Bahn brechen. Nur ein Beispiel: In der Stalinschen Terminologie verkommt die Geschichte – als „Geschichte von Klassenkämpfen” und versehen mit sog. „Gesetzmässigkeiten” – zum Subjekt. Der Mensch, so Stalin, sei nur Vollstrecker der Geschichte, also Objekt. Und wer sich diesen angeblichen Gesetzen der Geschichte widersetze, müsse „zur Not” liquidiert werden. Auch hier – im Stalinismus – ist es ein kleiner Kreis von Leuten, die sich als „Avantgarde” verstehen, die behaupten zu wissen, was richtig und was falsch sei. Eine ähnliche Kongruenz findet man in der faschistischen Terminologie, in der die „Rasse” den Begriff „Tugend” „ersetzt” hat. Die gesamte Politik des Faschismus ist auf diesen ominösen Scheinbegriff konzentriert. Auch hier ist der Terror das Mittel, um der vermeintlich höchst stehenden Rasse zum Durchbruch zu verhelfen.

Es geht dabei nicht darum, jakobinische Schreckensherrschaft, Stalinismus und Faschismus in einen Topf zu werfen. Es geht um die fundamentalen Merkmale dessen, was man Ideologie nennt. Und hier ist das Studium der Französischen Revolution hervorragend geeignet, um das Abdriften eines zutiefst berechtigten Anliegens – die Durchsetzung der Menschenrechte und die Abschaffung der Privilegien – in das genaue Gegenteil – eine neue Diktatur – zu beobachten. Am Ende der Revolution stand ein neuer Diktator, nein, nicht Robespierre, sondern der ganz Europa später heimsuchende Napoleon (ab November 1799), nicht ein König von Gottes Gnaden wie Louis XVI., sondern noch mehr – einer, der sich schliesslich „Kaiser” nannte.

Die Verabsolutierung einer ethischen, moralischen, politischen usw. Konzeption zu einer unumstösslichen und unbezweifelbaren Phrase und der unweigerlich daraus folgende Satz „Ein so hehrer Zweck heiligt jedes Mittel” sind wesentliche Bestandteile aller Ideologien. Man findet sie etwa auch in den gegenwärtigen sog. „fundamentalistischen“ Bewegungen, nicht nur im Islam, sondern vor allem auch im Christentum.

In solchen Fällen ideologischer Überhöhung wird nicht nur die Wirklichkeit wirklicher Menschen ausgeblendet. Die Phrase verselbständigt sich zu einem eigenen, von Menschen unabhängigen „Wert”. Wert oder Wertigkeit entsteht nicht mehr aus dem gleichberechtigten Zusammenwirken und Zusammenleben von Menschen, ihren Erfahrungen und Schlussfolgerungen. Nein, die Menschen sollen als „richtige Menschen” aus dem von einer verschwindenden Minderheit verabsolutierten Wert entstehen. Gerade in gesellschaftlichen Umbruchsituationen besteht in der späten Neuzeit – also seit der Französischen Revolution – immer wieder die Gefahr, dass solche Konzepte, Ideologien sich bahnbrechen können, weil Menschen das „Alte” vollständig über Bord werfen wollen und zugleich das „Neue” als absolut gut betrachten. Diese extreme Polarisierung beginnt in der Französischen Revolution mit der Verurteilung des Königs zum Tode. Ein Mann, der längst keine Macht mehr hat, soll trotz allem sterben. Hier liegt der Anfang des Terrors begründet – auch wenn Leute wie Danton und Desmoulins nicht (viel) weitergehen wollten.

Die Revolution frisst ihre Kinder – immer wieder in der Geschichte des 19. und besonders 20. Jahrhunderts. Der vierteilige Film ist in diesem Sinne auch ein exzellentes Anschauungsmaterial.

Besonders positiv zu vermerken ist schliesslich, dass der Film in all diesen Aspekten durch seine Schauspieler glänzt. Zu nennen sind u.a. Klaus Maria Brandauer als Danton. Brandauer spielt diesen Danton als entschiedenen, aber eben auch lebenslustigen und unvoreingenommenen, in kritischen Situationen allerdings auch des öfteren unentschiedenen Mann. Seine Verteidigungsrede vor dem Tribunal ist einer der Höhepunkte des Films. Auch François Cluzet ist zu nennen, als Desmoulins, der vom Freund Robespierres zum Anhänger Dantons gegen Robespierre wird. Jean-François Balmer spielt exzellent einen teilweise hinterhältigen, teils die Realität nicht zur Kenntnis nehmenden, teils mutigen Louis XVI., einen Mann, der die Welt oft nicht mehr versteht und zur tragischen Figur des gesamten Ancien Regime wird.

Andrzej Seweryn als Robespierre ist im besonderen zu erwähnen. Er spielt diesen undurchsichtigen Mann in der Anfangsphase der Revolution als eher zurückhaltend, als bedächtigen Taktiker und schlauen Fuchs, dem man durchaus Sympathie entgegenbringen kann – während er später zu einem einsamen, die Realität verkennenden Mörder degeneriert. Eine Glanzleistung Seweryns. Peter Ustinov als adeliger Revolutionär Mirabeau und Verfechter einer konstitutionellen Monarchie überzeugt als einerseits geniesserischer alter Mann, andererseits Realist, was die Gefahren der Revolution angeht. Er will Gewaltenteilung und warnt vor einer neuen Diktatur. Und last but not least wäre Sam Neill als La Fayette zu nennen. Neill spielt La Fayette als überlegten, besonnenen Mann, der allerdings auch nicht davor gefeit ist, entscheidende Fehler zu machen, als es um den von ihm nicht gewollten Sturz des Königs geht.

In Nebenrollen sind Christopher Lee als Henker, Claudia Cardinale, und Jane Seymour als Marie Antoinette zu sehen.

Ulrich Behrens

Die Französische Revolution

Frankreich

1989

-

351 min.

Regie: Robert Enrico, Richard T. Heffron

Drehbuch: Robert Enrico, Richard T. Heffron, Daniel Boulanger, David Ambrose

Darsteller: Klaus Maria Brandauer, Andrzej Seweryn, Jean-François Balmer

Produktion: Alexandre Mnouchkine

Musik: Georges Delerue

Kamera: François Catonné, Bernard Zitzermann

Schnitt: Anne Baronnet, Martine Barraqué, Peter Hollywood, Patricia Nény

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