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Der Untergang Vom Faszinosum der Macht und des Bösen

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Bernd Eichingers vor Kinostart allerorten beworbenes Drama „Der Untergang” schildert die Zeit zwischen dem letzten Geburtstag Hitlers und der Kapitulation Deutschlands.

Zerstörter Eingang zum Führerbunker (links) neben der Reichskanzlei, 1947.
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Bild: Zerstörter Eingang zum Führerbunker (links) neben der Reichskanzlei, 1947. / Bundesarchiv, Bild 183-M1204-318 - Donath, Otto (CC BY-SA 3.0 cropped)

15. Mai 2021

15. 05. 2021

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„Die grossen politischen Verbrecher
müssen durchaus preisgegeben werden,
und vorzüglich der Lächerlichkeit.
Denn sie sind vor allem keine
grossen politischen Verbrecher,
sondern die Verüber grosser
politischer Verbrechen, was etwas
ganz anderes ist.”
(Bertolt Brecht)

„Es müsste eigentlich jeder wissen,
dass wir auf dem Boden der Geschichte
stehen, und wenn wir das ignorieren,
dann sind wir schlecht beraten.
Es geht um einen gravierenden Punkt
in der deutschen Geschichte, und wenn
wir den vergessen, ist das schlecht für
uns alle, weil wir dann ein kollektives
Trauma nicht bearbeiten, nicht beseitigen
– und auch niemals weiterkommen werden
als Volk. Mit diesem Film verbinde ich
die Hoffnung, dass es dann irgendwie
endlich vorbei ist, dass es dann mal gut
ist damit, dass es mich nicht mehr mit
Angst, Schrecken und Entsetzen erfüllt,
sondern dass ich es als einen Punkt in
der Geschichte nehmen und ein Teil
meines Inneren dann weitergehen kann.”
(Corinna Harfouch) (1)

Dem Schrecklichen den Schrecken nehmen. Durch was? Durch Authentizität? Durch dramaturgische Annäherung an das Echte, Wahre? Durch haarscharfe Kalkulation mit dem Kern, der Substanz dessen, was sich in wenigen Tagen im Führerbunker abspielte? Ich habe da mehr als Zweifel.

Bernd Eichingers vor Kinostart allerorten beworbenes Drama „Der Untergang” schildert die Zeit zwischen dem letzten Geburtstag Hitlers und der Kapitulation Deutschlands und der Wehrmacht im Bunker in Berlin, in dem sich Hitler, Eva Braun, zeitweise der als „Architekt des Dritten Reiches” titulierte Speer, Himmler, Goebbels samt Familie, die Generäle Keitel und Jodl sowie etliche andere Führungskräfte, Militärs und SS-Angehörige sowie die Sekretärin Hitlers, Traudl Junge, aufhielten. Der Film basiert auf dem von Joachim C. Fest, dem ehemaligen Mitherausgeber der FAZ, geschriebenen gleichnamigen Buch sowie den Aufzeichnungen der inzwischen verstorbenen Ex-Sekretärin Hitlers, Traudl Junge, die bereits in einem Film André Hellers „Im toten Winkel – Hitlers Sekretärin” (2002) über ihre Erinnerungen an diese Zeit berichtet hatte.

Zum Teil ist der Film aus der Perspektive von Traudl Junge erzählt, teilweise wohl aus den verschiedenen Aufzeichnungen rekonstruiert. Es lassen sich mehrere „Gruppen” erkennen: Einmal die Sekretärinnen, die „unbedarft”, „naiv” und „nichts wissend” über die Gräuel des Nazi-Regimes die Arbeit im Führerbunker annahmen. Was diese Perspektive angeht, ist der Film Hellers fast aufschlussreicher, obwohl sich mir bei Sicht von „Im toten Winkel” schon die Frage stellte, worauf Heller letztendlich hinaus wollte. Ob diese Perspektive in Hirschbiegels Film tatsächlich der von Traudl Junge entspricht, ist schwer zu entscheiden. Im Film hat Alexandra Maria Laras Frau Junge eher eine teilnahmslos beobachtende Rolle, die möglicherweise der Naivität, von der Frau Junge Jahrzehnte später Heller berichtete, entsprechen mag.

Die zweite Perspektive ist eindeutig die Hitlers, der sich derart in seine eigene verbrecherische Ideologie verrannt hat, dass ein Abweichen weder in Hinsicht Kapitulation, noch im Hinblick auf eine mögliche Flucht ihm möglich erscheint. Hitler hält daran fest, dass entweder der Endsieg erfolgen muss oder das deutsche Volk sein Existenzrecht verloren hat. Die Befehle an seine unmittelbare Umgebung sind eindeutig; und erst als er sich selbst und anderen gegenüber offen zugibt, dass eine totale Niederlage unausweichlich ist, entscheidet er sich für den Selbstmord – ebenso wie Goebbels, der gemeinsam mit seiner Frau entscheidet, in einem nicht nationalsozialistischen Deutschland sollten sie selbst und beider Kinder nicht leben.

Eine dritte Perspektive ist die der unmittelbaren Umgebung Hitlers. Hier finden wir bis zum letzten Atemzug treue Anhänger Hitlers (v.a. Goebbels) und Realisten, die zwar nicht offen aussprechen, kapitulieren zu wollen, die Situation aber für völlig hoffnungslos halten und das auch sagen.

Ergänzt wird diese Situation im Bunker im Film mit Szenen über Bomben- und Granatenangriffe sowie mehr angedeutete Reaktionen einzelner Soldaten, Kinder und anderer Zivilisten auf die immer brenzliger werdende Situation.

Die meisten dieser in den Büchern und im Film geschilderten Fakten sind seit langem bekannt: das Festhalten Hitlers am „Endsieg”, der Selbstmord Hitlers und Eva Brauns, die Ermordung der Kinder Goebbels durch ihre Eltern, die Selbstmorde von Goebbels und seiner Frau, das Festhalten der Militärs und Politiker am Treueid zum „Führer” bis zum bitteren Ende wider besseres Wissen über die wirkliche militärische Situation usw.

Zum gegebenen Zeitpunkt war der Krieg des nationalsozialistischen Deutschlands endgültig verloren; daran konnte es keine Zweifel geben. Berlin war von der Roten Armee eingekreist. Und die Alliierten dachten zu diesem Zeitpunkt (nicht mehr) an irgendwelche Verhandlungen mit den Spitzen der NS-Regierung. Die bedingungslose Kapitulation Deutschlands und der Wehrmacht war schon lange beschlossene Sache der Alliierten und wurde dann, am 7. und 8. Mai 1945, ja auch vollzogen. Die Situation im Bunker war demnach eine, aus der heraus irgendeine Wende in Krieg und Politik nicht mehr möglich war.

Es stellt sich daher die Frage, welche Absichten Eichinger und sein Regisseur Oliver Hirschbiegel mit der Inszenierung dieses Films verfolgen. Eichinger äusserte sich in einem Interview wie folgt:

„Der Film beschreibt keinen Mikrokosmos, sondern in epischer Form einen Endzustand wie ein Zeitraffer. Ein Zeitraffer der genau das aufzeigt, was in den ganzen zwölf Jahren des Hitlerregimes stattgefunden hat. Das war der Auslöser für den dramaturgischen Ansatz. Mit meinem Drehbuch habe ich versucht, etwas über das gesamte Regime zu erzählen, allerdings auf einen Zeitraum kondensiert, den man in den Griff kriegen kann. Dabei findet man natürlich immer wieder neue Elemente, aber nie die endgültige Antwort.” (2)

Tatsächlich finden sich im Film einige Anhaltspunkte für diese prognostizierte Absicht – etwa die gnadenlose Skrupellosigkeit Hitlers gegenüber allem und allen, die sich – auch nur verbal – seinen Absichten, taktischen oder strategischen Zielen usw. entgegenstellen, sowie die entsprechend brutale Mentalität auch dem eigenen Volk gegenüber, das es nicht verdient habe, weiter zu existieren, wenn es nicht in der Lage sei, seine Feinde zu eliminieren.

Um es vorwegzunehmen: Meine Einwände gegen diese Art der Visualisierung beziehen sich ausdrücklich nicht darauf, dass man etwa die Person Hitlers oder anderer nationalsozialistischer Grössen in einem Film nicht darstellen dürfe. Es kann kein Verbot geben, Personen der Geschichte in einem Film zu zeigen, auch wenn es sich um Völkermörder handelt. Meine Einwände beziehen sich auch nicht darauf, der Film könne von heutigen faschistischen Gruppierungen für deren Propaganda ge- oder missbraucht werden. Dies ist angesichts der Darstellung im Film kaum möglich.

1. Visuelle Authentizität und historische Erkenntnis

Die dramaturgischen Mittel Eichingers sind ein Kernpunkt meiner Kritik. Eichinger wählt eine Mischung aus dokumentarischem Film und (mehr oder weniger) klassischer Tragödie, er nennt das „epische Form”, um der „Sache” ganz nahe zu kommen. Diese Nähe zu Ereignissen und Personen reicht von der äusseren Annäherung vor allem in bezug auf Hitler über detailgetreue Nachbildungen des Bunkers bis hin zur Sprache Hitlers, der Wiedergabe von Gesprächen nach den entsprechenden Aufzeichnungen, soweit noch vorhanden, kurz „Nähe” wird erzeugt durch den Versuch, authentisch zu werden, zu bleiben und diese Authentizität über die gesamte Zeit des Films – immerhin zweieinhalb Stunden – zu halten und dem Publikum zu vermitteln.

Bruno Ganz sieht aus wie Hitler, spricht wie Hitler, gebärdet sich wie Hitler und so weiter. Kein Zweifel besteht daran, dass Ganz hier (für sich genommen) eine grandiose Leistung vollbringt – auch wenn einige seiner Wutausbrüche (besonders gegen Schluss des Films) eher unfreiwillig lächerlich erscheinen. Und doch hatte ich die ganze Zeit über das Gefühl, ich sehe nicht Hitler – sondern Bruno Ganz in der Maske des Massenmörders. Dieser Drang, man kann fast sagen: selbstauferlegte Zwang zur Authentizität scheitert von vornherein übrigens bei den anderen Nazi-Grössen.

Weder Ulrich Matthes, noch Corinna Harfouch haben Ähnlichkeit mit den historischen Nazi-Grössen Goebbels und Frau, und auch in Ulrich Noethen sah ich eher den Schauspieler als Himmler. Diese frappante Diskrepanz zwischen Schauspielern und gespielten Personen fällt bei „Der Untergang” deshalb ganz besonders auf und ins Gewicht, weil die historischen Personen, besonders Hitler selbst, seit Jahrzehnten in Mimik, Gestik, Aussehen, Sprache, in fast allen möglichen Einzelheiten der Person usw. und im Unterschied zu vielen anderen historischen Figuren in einer dermassen hohen Intensität über die unterschiedlichen Medien in der Öffentlichkeit ein Bild „hinterlassen” haben, dass eine Identifizierung über einen „authentischen” Schauspieler so gut wie zum Scheitern verurteilt ist.

Eichinger hat Recht, wenn er sagt, dass man das NS-Regime und alles, was mit ihm verbunden ist, kaum visualisieren kann, indem man zum Massstab der Visualisierung Vollständigkeit der Fakten und Ereignisse macht. So hat etwa Roman Polanski in „Der Pianist” (2002) am Schicksal einer einzigen Person, unter Konzentration auf den polnischen Pianisten Szpilman die ganze Brutalität der Zeit dermassen erschütternd in Szene gesetzt, dass ein Rekurs auf andere Ereignisse dieser Zeit oder gar Naziführer völlig unnötig war.

Eichinger hat jedoch Unrecht, wenn er meint, der zum Scheitern verurteilte Glaube an Vollständigkeit könne über die Hintertreppe quasi wieder eingeführt werden, indem man den von ihm gewählten Ausschnitt aus der betreffenden Zeit in der dramaturgischen Darstellung durch den Drang nach Authentizität „ersetzt”, den (hier sehr kurzen) Zeitausschnitt sozusagen mit prallen Fakten, „echten” Personen und Detailverliebtheit bis zum Rand füllt. Dies ruft bei manchem den bewundernden Satz hervor: „Der Film ist so realistisch.” Kein Film ist realistisch, sondern versucht höchstens, über verschiedene Stilmittel einer Realität Ausdruck zu verleihen. Dies ist aber etwas anderes. Selbst ein Dokumentarfilm zeigt immer nur Ausschnitte einer bestimmten Realität, Ausschnitte, die vom Dokumentarfilmer subjektiv gewählt wurden. Andere Dinge, die er nicht zeigen will, bleiben aussen vor.

Das Zauberwort in diesem Kontext hiesse: Verfremdung. Schon die klassische Tragödie, sei es die antike, sei es die Shakespeares kannte keinen Drang nach „Echtheit” dessen, was Person und Handlung betraf. Dialog und v.a. Monolog waren die dramaturgischen Instrumente, um eine historische Person gerade über den Weg der Distanz (!!) näher zu bringen. Brecht machte in seinem Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui” aus Hitler einen Gangster und verlagerte den Schauplatz der Geschichte nach Chicago. Andere Autoren kritisierten z.B. Stalin, indem sie die Geschichte der „heiligen Inquisition” und den Grossinquisitor in Spanien zum Schauplatz wählten. Eichingers Film jedoch dramatisiert nicht wirklich, weil er immer wieder „realistisch” sein will, ohne es wirklich zu können. Es gibt z.B. keinen – etwa „Hamlet” vergleichbaren – „unrealistischen” Monolog und damit verfremdenden Effekt, der eben gerade über diese Distanzierung von der realen Person ins Zentrum des Wichtigen vorstossen könnte.

Das Problem der Authentizität hat aber noch eine andere Seite. Das Bild Hitlers oder anderer derart seit Jahrzehnten in den Medien verhandelter Personen scheint – trotz aller individuellen Nuancen in den Vorstellungen einzelner – geprägt durch eine Unmenge an historischen Forschungsergebnissen, die über die Medien zu zentralen Aussagen gebündelt und popularisiert werden. Hitlers Bild scheint in den Grundfesten festgefügt.

Wir müssen uns allerdings darüber im klaren sein, dass es – so paradox das klingen mag – zwischen historischer Person und historischem (und übrigens im Laufe der Zeit verändertem oder modifiziertem) Bild über diese Person eine nicht zu überwindende Differenz gibt. Personen haben so und so gelebt, gehandelt usw. Bilder verändern sich, nicht zuletzt auch in Abhängigkeit von sozialen, politischen, kulturellen Veränderungen. Dieses Phänomen und Problem ist in der historischen Forschung seit langem bekannt. Alle Naselang, sprich alle Generationen, modifiziert sich das Bild von Epochen und Personen der Geschichte.

Der Versuch nun, in der authentischen Visualisierung den „richtigen” Hitler zu finden, ist selbst geprägt von den Vorstellungen, die die Autoren über diese Person haben. Das Authentische kann sich also als trügerisch erweisen. Dabei meine ich nicht so sehr die Fakten über den Holocaust, das NS-Regime usw., sondern hier v.a. die Darstellung der Person selbst. Das Hitler als „das absolut Böse” gilt, ist der Kitt, die Klammer, um den Drang nach Authentizität so realistisch und verständlich machen zu wollen.

Kurzum: Der Versuch einer authentischen, „echten”, „realistischen” Darstellung der Person und die Vermittlung dieses Ansinnens in der Öffentlichkeit verleitet in doppelter Hinsicht dazu, für bare Münze zu nehmen, was in Wirklichkeit subjektives Empfinden und Denken der Autoren des Films respektive der Bücher, die als Vorlage dienten, ist – selbst wenn Tausende und Abertausende über Situation und Personen vielleicht ähnlich empfinden oder denken. Denn die entscheidende Frage ist, was – trotz dieser möglichen Übereinstimmung – die Handlung des Films darüber hinaus aussagen kann, selbst wenn man das Problem der avisierten detailgetreuen und authentischen Darstellung einmal beiseite lässt.

2. Gestalten machen Geschichte?

Der Drang nach Authentizität kann vieles bedeuten, zum Beispiel: Man will „es” endlich wissen? Doch der Film wie auch der dahinter stehende Autor Joachim C. Fest deuten auf etwas anderes. Fest gehört zu jener Sorte Historiker, die in der Geschichte v.a. das Werk „gestaltender” Männer sehen. Nun kann man kaum bezweifeln, dass Männer wie Hitler, Stalin, Bismarck, Napoleon und wie sie alle heissen mögen (Frauen scheiden hier offenbar selbstverständlich aus) „gestaltend” gewirkt haben. Gerade an einem Film wie „Der Untergang” jedoch wird bei näherer Betrachtung deutlich, dass die gesamte Vorgeschichte der Katastrophe von 1945 völlig ausgeblendet ist und auch in den Äusserungen und Handlungen der Personen im Bunker nicht mehr zum Ausdruck kommt und, so behaupte ich, kommen kann.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Lange bevor Hitler und seine Epigonen in der Weimarer Republik politischen Einfluss bekamen, existierte in Deutschland und zuvor im Kaiserreich eine breite sowohl antisemitische, als auch rassistisch-kolonialistische Grundüberzeugung (bis hinein in die Arbeiterbewegung), die z.B. von Verbänden wie den „Alldeutschen”, später von den Freikorps und vielen mehr oder weniger einflussreichen Gruppen propagiert wurde. Die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht durch Freikorps-Mitglieder waren ein tragischer Höhepunkt dieser politischen Atmosphäre direkt nach dem ersten Weltkrieg. Die sog. „Dolch-stosslegende” war ebensowenig eine Erfindung Hitlers. Und die Existenz der Deutschnationalen war nicht ihm geschuldet. Es gab einen Boden, ganz unabhängig von Personen wie Hitler oder Goebbels. Und nur auf diesem Boden konnten Hitler, Goebbels und einige andere das vollbringen, was zum Holocaust führte.

3. Das Faszinosum der Macht

Der Film aber – und auch Fests Hitler-Biographie, die schon etwas älter ist – kulminiert in der Darstellung der Machtzentrale des faschistischen Deutschlands in dem Zeitpunkt, als die Macht rapide zu schwinden beginnt. Die Konzentration auf dieses Moment in der Geschichte des NS-Machtapparates verbindet sich auf eine trügerische Weise mit dem vehementen Drang nach Authentizität. Eichinger sagt in dem bereits zitierten Interview:

„Das ist ein sehr komplexes Thema. Es wäre zu einfach, zu sagen, das Liebäugeln mit grossen Untergängen, mit grossem Pathos sei eine deutsche Tugend oder Untugend. Ich scheue mich, dies als typisch deutsches Syndrom darzustellen. Vielleicht ist den Deutschen etwas anderes als dieser Untergangssog eigen: Die Pflichterfüllung. Sie fühlen sich selbst als Verräter, wenn sie aufgeben. Man gibt nicht auf, das tut man einfach nicht. Man beschwert sich nicht, man nimmt es hin, das ist die Pflicht – und die Obrigkeitshörigkeit stelle ich eher als Tugend oder Untugend der Deutschen hin. Aber mit den gleichen Voraussetzungen hätte ähnliches auch in anderen Ländern passieren können.” (2)

Ich will nicht behaupten, dass es eine verschwörerische Absicht bei Planung und Herstellung dieses Films gewesen sei, „das Liebäugeln mit grossen Untergängen” oder „die Pflichterfüllung” bis zum Untergang zu visualisieren. Doch meinem Eindruck nach ist das genau das Ergebnis dieses Films. Der historische Erkenntnisgewinn des Films ist gleich Null. Der „moralische” oder „ideologische” Erkenntnisgewinn allerdings gründet sich auf einen geradezu fatalen Drang: Man will „ihn” sehen, so wie „er” war, in seiner „echten”, wenn auch verbrecherischen Grösse.

Die Faszination an der Macht, an der uneingeschränkten (wenn auch längst niedergegangen) Macht und am Bösen, gepaart mit der nötigen voyeuristischen Dynamik, die nicht nur uns als Kinogängern gegeben ist, zeitigt ein merkwürdiges Interesse an diesem Film. Man will alles sehen, auch, wie Frau Goebbels ihre Kinder betäubt und ihnen dann Giftkapseln zwischen die Zähne steckt, um sie zu ermorden. Der Film zeigt diesen Mord in aller Länge. Wozu? Um zu beweisen, wie brutal sie angesichts der verinnerlichten NS-Ideologie war? Wussten wir das nicht schon vorher? Die Frage ist nicht, ob man so etwas zeigen darf, sondern warum es gezeigt wird.

Ich will hier gerne zugeben, dass ich mir diese Szene genauso angeschaut habe wie alle anderen: Vom ersten bis zum letzten Kind. Aber warum schauen wir uns das an? Weil es an diesem skrupellosen, erbärmlichen Auswuchs einer verbrecherischen Ideologie tatsächlich etwas Faszinierendes, Fesselndes, Anziehendes gibt. Der Grund dafür ist einfach und kompliziert zugleich: Es ist das Unfassbare, Unbegreifliche, verstandesmässig nicht Ergründbare einer Ideologie und ihrer praktischen Folgen, also der letzte Rest dessen, was weder die historischen und sozialen Wissenschaften, noch der gemeinhin „gesunde Menschenverstand” eben restlos erklären können, das, was wir weder in unserem Kopf verstehen, noch in unserem Herzen nachempfinden können.

Aber gerade in dieser Hinsicht ist „Der Untergang” das, was ich verantwortungslos nennen möchte. Das bedeutet: er gibt keine Antwort, täuscht es aber aufgrund seines Drangs nach Authentizität vor. Das wiederum kann dieser Film kaum verantworten. Wenn sich Eichinger scheut, das „Liebäugeln mit grossen Untergängen, mit grossem Pathos” als „deutsche Tugend” zu behaupten, ist die Karre schon halb in den Dreck gefahren. Wenn er die Pflichterfüllung bis zum bitteren Rest – das heisst über Leichen(berge) – nennt, dabei aber offen lässt, ob sie als „Tugend oder Untugend” zu qualifizieren ist, ist die ganze Karre im Dreck.

So authentisch dieser Film sein möchte, so sehr verschleiert er doch die wirklichen und wirkenden Zusammenhänge seines Themas, des nationalsozialistischen Deutschlands. Er scheitert an dem Versuch, aus der Darstellung eines Mikrokosmos der Macht dieselbe zu desavouieren und zu dekonstruieren. Und ich habe die Vermutung, dass er dies angesichts der kaum verheimlichten Bewunderung für dieses „Faszinosum Macht” und sein Pendant „das Böse” auch gar nicht will. Und so erweist sich letztlich der Filmtitel als Selbstenthüllung dieser „neuen deutschen Welle” über den NS, der sofort weitere Exemplare an Filmen nach sich zog. Der 8. Mai 1945 ist ab sofort kein Tag der Befreiung mehr, sondern der des tragischen Untergangs. Geschichte wird umgeschrieben.

Ulrich Behrens

Fussnoten:

(1) Corinna Harfouch im Interview auf www.der-untergang.de

(2) Eichinger im Interview auf www.der-untergang.de


Der Untergang

Deutschland

2004

-

155 min.

Regie: Oliver Hirschbiegel

Drehbuch: Bernd Eichinger

Darsteller: Bruno Ganz, Alexandra Maria Lara, Corinna Harfouch

Produktion: Bernd Eichinger

Musik: Stephan Zacharias

Kamera: Rainer Klausmann

Schnitt: Hans Funck

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