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Das Kloster zum heiligen Wahnsinn Vom Wahnsinn in der Finsternis

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Carmen Maura, Francesca Neri und viele andere Schauspieler sind immer wieder »Gast« in Pedro Almodóvars Spielfilmen. Antonio Banderas und Penélope Cruz verdanken ihm ihre Hollywood-Karriere. Was ist an seinen Filmen so Besonderes?

Portrait von Pedro Almodóvar.
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Bild: Portrait von Pedro Almodóvar. / Elena Ringo (CC BY-SA 4.0 cropped)

31. August 2019

31. 08. 2019

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Seit »Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs« ist jeder neue Film Almodóvars ein nationales Kinoereignis in Spanien.

»Entre tinieblas« ist ein etwas älter Film, im Grunde Almodóvars erster »richtiger« Kinofilm und der Versuch eines melodramatischen, aber nichtsdestotrotz komischen Streifens. Wie immer geht es auch in diesem Film vor allem um Frauen.

Inhalt

Die nicht gerade unbegabte und schöne Sängerin Yolanda (Cristina Sánchez Pascual) will sich aus der rigiden und zerstörerischen Abhängigkeit von ihrem heroinsüchtigen Freund Jorge (Willmore) befreien. Eine mit Strychnin versetzte Überdosis tötet Jorge. Yolanda weiss nicht, ob die Polizei dahinter kommt, dass sie das Gift verabreicht hat. Da bekommt sie in der Garderobe Besuch von der Mutter Oberin Julia (Julieta Serrano), die Yolanda bewundert und sie ins Kloster einlädt, wenn sie Schwierigkeiten haben sollte. Yolanda nimmt die Einladung wahr.

Julia steht dem Orden der »Gedemütigten Retterinnen« vor, der sich seit Jahren um »gefallene Mädchen« gekümmert hat. Doch der Orden steckt in einer Krise; es kommen nicht nur kaum noch Mädchen, um sich von den lieben Schwestern »retten« zu lassen. Die Marchesa (Mary Carrillo) will den Orden auch nicht mehr finanziell unterstützen.

Darauf aber sind die Schwestern nicht nur angewiesen, um ihrer Arbeit nachzugehen, sondern u.a. auch, weil Julia selbst heroinabhängig ist. Nicht nur das: Schwester Perdida (Carmen Maura, »Schwester Verloren«) füttert einen zahmen Tiger namens Eros durch; das kostet Geld. Überhaupt scheint sich hinter den Klostermauern so einiges abzuspielen, was nicht gerade den Vorstellungen von einem klösterlichen Leben entspricht. Julia ist nicht nur heroinabhängig, sondern auch lesbisch und hatte nicht nur eine Beziehung zu den »gestrandeten« Mädchen, die sie in ihrem Kloster aufgenommen hatte. Schwester Rata (Chus Lampreave, »Schwester Schlechtbehandelt«) hat unter ihrer Matratze pornografische Romane en masse, die sie unter einem Pseudonym selbst verfasst hat. Und der Priester (Manuel Zarzo), Kettenraucher, ist in eine der Nonnen verliebt.

Yolanda bekommt dies nach und nach mit und wird in die kleinen Intrigen und Geheimnisse dieses klösterlichen Lebens eingeweiht. Vor allem aber gerät sie in eine ähnliche Abhängigkeit zu Julia wie vorher mit ihrem Freund Jorge ...

Inszenierung

Almodóvars Absicht ist weniger die Blossstellung kirchlicher Doppelmoral. Er schildert – mit beissendem Humor, aber auch mit aller Dramatik – die Abhängigkeiten, in die sich Frauen begeben haben und aus denen sie offenbar nicht entfliehen können. Sie sind umgeben von Finsternis. Yolanda, die sich aus der einen Abhängigkeit nur durch Mord befreien zu können glaubte, gerät in eine ähnliche im Kloster. Sie hat zwar keine lesbische Beziehung zu Julia. Doch der Druck Julias, vermittelt über eine hörigkeitsähnliche Bewunderung für die Sängerin und vor allem über ihre gemeinsame Heroinsucht, lässt Yolanda immer tiefer in das Geflecht aus Heimlichkeiten, Verbindungen, Intrigen geraten.

Schwester Estiércol (Marisa Paredes, »Schwester Schmutzig«) tut ein übriges, um Julia ständig über die mehr oder weniger unterschwelligen Heimlichkeiten zu informieren. Die Finsternis eines unsichtbaren Netzes von Abhängigkeitsbeziehungen lässt Yolanda immer mehr zweifeln, ob sie im Kloster bleiben soll. Die Religion, die Nonnentracht, die frommen Sprüche und die Kirche sind nur der Mantel, der sich über dieses Beziehungsgeflecht gelegt hat.

Doch Almodóvars Erzählung dieser Geschichte bedeutet nicht Distanz zu den Handelnden. Keine der fünf Nonnen, der Priester oder Yolanda erscheinen in einem negativen oder gar verabscheuungswürdigen Licht. Almodóvar legt die Beziehungen offen, er reisst die Finsternis für den Betrachter soweit auf, dass das darunter liegende Geflecht an Abhängigkeiten zutage tritt – und erweist, vor allem den Frauen, grosse Sympathie. Der Film verurteilt oder urteilt nicht, er zeugt von Mitgefühl und Verständnis in ganz unmittelbarer Nähe zu den Figuren. Er zeugt auch von der Hilflosigkeit in der Finsternis.

Zutage tritt das Erschreckende. Nicht der Tiger, der Schwester Perdida aus der Hand frisst, dieses Sinnbild des Schreckens, der Gefahr, des Todes, ist das Bedrohliche hinter den Klostermauern, sondern das feinmaschige Beziehungsgeflecht, aus dem keiner entkommen kann.

Fazit

Almodóvar ist Erzähler; er »hält drauf«, unerbittlich zeigt er »alles« – in einer nahezu akribischen Kleinarbeit rollen sich die Geschichten zum Lachen und zum Weinen ab. Der Film stürzt dabei nicht in das Absurde ab; er bleibt zutiefst realistisch. Auch die mit fast schon dokumentarischen Mitteln erzeugte Gleichgültigkeit etwa gegenüber dem anfangs geschilderten Giftmord erweist sich bei näherer Betrachtung als hart an der Wirklichkeit entlang auf den Zuschauer gerichtete Provokation und Konfrontation mit einem Sozialgeflecht gegenseitiger Verstrickungen, die dem Wahnsinn sehr nahe kommen.

Ulrich Behrens

Das Kloster zum heiligen Wahnsinn

Spanien

1983

-

96 min.



Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar

Darsteller: Cristina Sánchez Pascual, Julieta Serrano, Carmen Maura

Produktion: Luis Calvo

Musik: Miguel Morales

Kamera: Ángel Luis Fernández

Schnitt: José Salcedo

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