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Das fliegende Klassenzimmer (2003) Kästner zum Dritten

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Erich Kästners Welt war und bleibt die der „destillierten Wirklichkeit“, in der er voll und ganz auf seiten der Kinder steht, und einer zutiefst „einfachen“, weil einleuchtenden Moral.

Der deutsche Filmregisseur Tomy Wigand (Mitte) verfilmte 2003 die dritte Adaption von «Das fliegende Klassenzimmer».
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Bild: Der deutsche Filmregisseur Tomy Wigand (Mitte) verfilmte 2003 die dritte Adaption von «Das fliegende Klassenzimmer». / © Olaf Kosinsky - (kosinsky.eu) (CC BY-SA 3.0 cropped)

17. Februar 2021

17. 02. 2021

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„Wie kann ein erwachsener Mensch seine Jugend so vollkommen vergessen, dass er eines Tages überhaupt nicht mehr weiss, wie traurig und unglücklich Kinder zuweilen sein können?“ Sagt uns Kästner mit solchen Worten heute noch etwas? Sind solche Sätze nicht verblasste Vergangenheit, fernab jeglicher Realität? Nun, was wir – vor allem wir Erwachsene – heutzutage, aber auch schon unsere Eltern und Grosseltern zu Kästners Lebzeiten unter Realität verstehen, ist manchmal ein vertracktes Ding. Realität ist das, was ist. Punktum.

Realitätssinn ist dann nichts anderes als die Maxime, das was ist, als solches anzuerkennen, zu akzeptieren, ja mitunter die Überzeugung, dass es richtig sei, sich diesem „Ist“ zu unterwerfen. Wenn wir darüber etwas intensiver nachdenken, stellt sich manches komplizierter dar.

Der globalisierende Effekt einer fast alles umspannenden harten und hartnäckigen Lebensweise mit dem Primat ökonomischer Arroganz und Hegemonie relativiert all das, was mit Phantasie, Emotionalität und biografischer Homogenität zu tun hat. Die Frage ist ja tatsächlich, warum viele Erwachsene die Erinnerung an ihre Kindheit und Jugend ausradiert zu haben scheinen. Da ist nicht einfach etwas vergessen worden.

Vergessen ist ebensowenig ein rein mechanisch-biologischer Akt wie Erinnern. Vergessen und Erinnern sind subjektive, aber kulturell vermittelte Vorgänge. Und es scheint, dass wir manchmal den Zyklus des Lebens – von der Geburt über die Kindheit, die Jugend und das Alter bis zum Tod – nicht mehr als selbstbezüglichen Kreislauf, sondern als Aufeinanderfolge von Etappen empfinden, wobei nach jeder absolvierten „Strecke“ die letzte ad acta gelegt wird. Damit verschwinden Verständnis und Gefühl für die vorherige.

Dieser Prozess ist brüchig, Gott sei Dank, und so gebiert jede Generation zum Beispiel auch ihre neue Kästner-Adaption. Seine Bücher, die mehr als Kinderbücher sind, bleiben in den Buchhandlungen – mal weniger, mal mehr – Verkaufserfolge. Und es nimmt kein Wunder, dass in den Jahren 1954, 1973 und 2002 „Das fliegende Klassenzimmer“ [1] in die Kinos wanderte.

Nach „Emil und die Detektive“ [2] und „Pünktchen und Anton“ [3] liefert nun Tomy Wigand eine zeitlich angepasste Adaption des wohl berühmtesten Kästner-Buchs. Und trotz aller Zeitunterschiede zwischen den drei Filmen über einen Zeitraum von fast fünfzig Jahren bleibt die Grundtendenz der Kästnerschen Destillation erhalten. Das Destillat besteht aus der Bedeutung von Freundschaft innerhalb der jeweiligen Generation und über die Generationen hinweg, aus der Bedeutung von Individualität und vor allem natürlich aus der Bedeutung der Kindheit und Jugend für die Erwachsenen.

Wir befinden uns am Thomaner-Internat in Leipzig, einige Jahre nach der Wende. Ein neuer Schüler, der wegen einiger „Vorkommnisse“ schon mehrfach das Internat wechseln musste und dessen Vater als Kapitän ständig auf Reisen ist, Jonathan Trotz (Hauke Diekamp), betritt das Internat, das unter der Leitung des skurrilen Rektors Kreuzkamp (Piet Klocke) und des Lehrers Dr. Bökh (Ulrich Noethen) steht.

Schnell findet Jonathan Freunde: vor allem Martin (Philipp Peter-Arnolds), aber auch den etwas begriffsstutzigen Matz (Frederik Lau), der ständig ans Essen denkt und von einer Boxerkarriere träumt, den Sohn des Rektors, den alle nur Kreuzkamp junior nennen, der sich in der Öffentlichkeit mit seinem Vater nur siezt und äusserst gerne chemische Experimente macht, und last but not least den kleinen Uli (Hans Broich-Wuttke), den viele für einen Feigling halten. Ja, und dann ist da noch der Aufpasser vom Dienst, der schöne Theo (Nicolas Kantor), etwas devot und arrogant, aber sonst auch nicht der schlechteste.

Bökh geniesst grosses Ansehen bei seinen Thomanern; denn er hat nicht vergessen, was es heisst, ein junger Bursche zu sein. Er plant zu Weihnachten, das kurz vor der Tür steht, die Aufführung von Bach. Die Jungens aber haben andere Sorgen. Zum einen die so genannten Externen, Schüler, die zwar auf das Thomaner zur Schule gehen, aber nicht im Internat, sondern bei ihren Eltern leben. Mit ihnen stehen die Internatsbewohner in einem ständigen Clinch. Zu ihnen gehört auch Mona (Theresa Vilsmaier), die es bei vier Geschwistern zu Hause nicht einfach hat. Zum zweiten sollen sie zu Weihnachten ein Theaterstück aufführen – nur was? Da kommt ihnen der Zufall zu Hilfe.

In einem Eisenbahnwagon, in dem sie sich des öfteren aufhalten, finden sie eine Kladde mit einem Stück, das den Titel „Das fliegende Klassenzimmer“ trägt. Sie lassen ihrer Phantasie freien Lauf und beginnen mit den Proben, basteln Dekoration und Kostüme. Und sie lernen den „Nichtraucher“ kennen, der plötzlich im Eisenbahnwagon auftaucht, Bob (Sebastian Koch), der von langen Reisen heimkehrt. Sie kommen bald dahinter, dass Bob und Justus, wie sie ihren Dr. Bökh liebevoll nennen, früher einmal eng befreundet waren.

Als Dr. Bökh die Jungen bei der Probe zu dem Theaterstück beobachtet, erkennt er den Text und verbietet die Aufführung. Die Jungen sind enttäuscht, verstehen die Welt nicht mehr. Und dann müssen sie auch noch eine Schlacht mit den Externen austragen. Die haben nämlich Kreuzkamm junior entführt und die Noten für die Bach-Aufführung verbrannt. Und Uli? Der will endlich seinen Status als Feigling los werden und plant eine nicht ganz ungefährliche Mutprobe, zu der er alle Thomaner einlädt ...

Die Drehbuchautorinnen Henriette Piper und Hermine Kunka hielten sich bei der Adaption des Romans eng an die Vorlage von Kästner. Zwar verlagerten sie das Stück in die Gegenwart, erfanden die Geschichte der Freundschaft zwischen Bökh und dem „Nichtraucher“ neu, poppten das Theaterstück mit Rap-Musik auf und verjüngten den guten Bökh – alles in allem aber blieben Charaktere und Geschichte das, was sie ursprünglich waren.

Ulrich Noethen, der in den Kinderfilmen „Bibi Blocksberg“ und „Das Sams“ zu sehen war, liefert eine überzeugende Leistung als Vertrauensperson der Schüler. Auch die Rollen der fünf Freunde Jonathan, Matz, Uli, Martin und Kreuzkamm junior sind glaubwürdig besetzt. Und Piet Klocke spielt einen Rektor mit viel Sitte und Anstand, aber auch ausreichendem Humor. Lediglich Anja Kling, die die Sportlehrerin Kathrin spielt, wurde mehr oder weniger in eine blasse Nebenrolle gedrängt.

Was ist an dieser Geschichte glaubhaft? Geht es an Internaten auch heute noch so zu, wie Wigands dritte Adaption des Romans uns weis machen will? War das überhaupt einmal Realität an Internaten? Oder haben wir es hier im wesentlichen mit einem Märchen zu tun? Natürlich ist die Geschichte märchenhaft, und selbstverständlich wird es an Internaten auch ganz anders zugehen. Aber Kästner ging es in seinen Romanen nicht um realitätsgetreue Abbildungen. Man könnte sowohl seine Bücher, als auch die Filme als moralische Dauerbrenner abtun; manche Filmkritiker haben dies anlässlich dieses Films getan. Doch das trifft nur bedingt.

Der Erfolg dieser Filme und der Erfolg von Kästner basiert auf einer Hoffnung, einem unbesiegbaren Wunsch. Er schreibt über Freundschaft und Zusammenhalt von Jugendlichen vor der Pubertät. Er zeigt den Unsinn, den sie machen, die Fehler, die sie begehen, das Gespür für Ungerechtigkeit, und er zeigt Erwachsene, die vergessen haben, dass sie auch einmal Kinder waren, und daher nicht immer empfinden, was in ihren eigenen Kindern oft vorgeht. Er zeigt aber auch Erwachsene, die das nicht vergessen haben. Dr. Bökh ist so einer, sein alter Freund Bob auch.

Diese Botschaft mag man moralisch nennen, doch Kästner knüpft hier an ein Grundbedürfnis aller Generationen an: der Sehnsucht nach Zusammenhalt und Zusammenhang, Freundschaft und Zuneigung in einer Kultur der Trennungen und des Verlassenseins. In der Inszenierung des „Fliegenden Klassenzimmers“ von Kurt Hoffmann aus dem Jahre 1954 spielte Paul Dahlke den Justus, einen peniblen Lehrer, der auf Ordnung aus war, jeden Abend über das Haustelefon den Hausmeister fragte, ob die Türen verschlossen und die Lichter überall ausgeknipst seien. Für Dahlkes Justus war Ordnung das halbe Leben. Die andere Hälfte war aber nicht Unterordnung, sondern ein tiefes Verständnis für seine Schüler. In der Grundströmung unterscheiden sich Dahlke, Fuchsberger, der die Rolle 1973 spielte, und Noethen nicht.

Die Adaption von Wigand – obwohl fast zwei Stunden lang – langweilte mich nie. Sie hat Schwung, Humor und die nötige Tragik, um der Geschichte nicht das zu nehmen, was den Alltag eben auch ausmacht – auch wenn ich den ersten Film von 1954 immer noch für den besten der drei halte.

„Das fliegende Klassenzimmer“ ist ein Akt der Hoffnung und des Innehaltens in einer schnelllebigen Zeit. Auch der jetzt in den Kinos angelaufene Film wird die Gemüter der Kinder und hoffentlich auch der Erwachsenen bewegen. Der Film erdrückt den Zuschauer nicht mit einer Salve moralischer Lehrsätze, weil er auf dem Teppich bleibt. Kästner heisst Märchen, aber Märchen haben manchmal mehr Realitätsgehalt, als wir glauben, die wir den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen.

Ulrich Behrens

Fussnoten:

[1] „Das fliegende Klassenzimmer“: 1954 – Regie: Kurt Hoffmann, Darsteller: Paul Dahlke, Paul Klinger, Peter Kraus, Peter Vogel, Erich Kästner
1973 – Regie: Werner Jacobs, Darsteller: Joachim Fuchsberger, Diana Körner, Hans Putz, Wolfgang Jarczyk, Alois Mittermaier, Daniel Müller

[2] „Emil und die Detektive“: 1931 – Regie: Gerhard Lamprecht
1935 (Grossbritannien) – Regie: Milton Rosner
1954 – Regie: Robert A. Stemmle, Darsteller: Peter Finkbeiner, Heli Finkenzeller, Wolfgang Lukschy, Kurt Meisel
2001 – Regie: Franziska Buch, Darsteller: Tobias Retzlaff, Anja Sommavilla, Jürgen Vogel, Maria Schrader

[3]„Pünktchen und Anton“ 1953 – Regie: Thomas Engel, Darsteller: Herta Feiler, Paul Klinger, Heidemarie Hatheyer
1999 – Regie: Caroline Link, Darsteller: Elea Geissler, Max Felder, Juliane Köhler, August Zirner

Das fliegende Klassenzimmer

Deutschland

2003

-

110 min.



Regie: Tomy Wigand

Drehbuch: Henriette Piper, Hermine Kunka

Darsteller: Ulrich Noethen, Sebastian Koch, Piet Klocke

Produktion: Uschi Reich, Peter Zenk

Musik: Biber Gullatz, Niki Reiser, Moritz Freise

Kamera: Peter von Haller

Schnitt: Christian Nauheimer

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