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Claire – Se souvenir des belles choses | Untergrund-Blättle

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Claire – Se souvenir des belles choses Das Glück vor dem Dunkel

Kultur

Claire (Isabelle Carré) erinnert sich an die schönen Dinge.

Isabellé Carré am Film-Festival von Cabourg, 2011.
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Bild: Isabellé Carré am Film-Festival von Cabourg, 2011. / Georges Biard (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

18. Januar 2022
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Sie schreibt sie auf in ihr kleines Tagebuch, von dem sie zunehmend abhängig wird, bis sie auch vergisst, dass es ihr Tagebuch überhaupt gibt. Claire ist um die 30 Jahre und hat Alzheimer. Ihre Schwester Nathalie (Anne Le Ny) glaubt noch immer, Claires Gedächtnis sei nur durch die Folgen eines Blitzschlags vorübergehend beeinträchtigt. Aber der Arzt in der Klinik „Aux Ecureuils“ (Bei den Eichhörnchen) Christian Licht (Bernard Le Coq) ist sich nach längerer Beobachtung sicher, dass Claire die Krankheit von ihrer Mutter geerbt hat.

Zabou Breitmans Film erzählt eine Geschichte über diese furchtbare Krankheit, allerdings keine düstere, schwermütige Geschichte. Sie vermeidet jegliche Form von Betroffenheitskino, verzichtet auf eine Inszenierung, die vordergründiges Mitleid produziert. Nach Richard Eyres „Iris“ (2001) ein zweiter Film über die Folgen des schleichenden Todes, aber eben auch über eine Liebe und die Bedeutung von Erinnerung und Vergessen, aber ein doch ganz anderer.

Claire lernt sie alle kennen, die Pfleger, die Ärzte, die an irgendwelchen Formen der Amnesie leidenden, alten und jungen Patienten in der Klinik, die beiden älteren Herren, die wortlos den ganzen Tag vor ihren Schachfiguren sitzen, von denen man nicht weiss, ob sie tatsächlich Schach spielen oder sich nur ungenau noch daran erinnern, dass sie es einmal spielen konnten. Auch die Gesunden in dieser Klinik sind vergesslich. Ein Pfleger sucht verzweifelt nach seinem Schlüssel, Dr. Licht vergisst seine Termine, verheimlicht seine Beziehung zu seiner Kollegin Marie Bjorg (Zabou Breitman). Breitman kontrastiert die punktuelle Vergesslichkeit – mit viel Humor – mit der krankhaften und schafft dadurch einen Raum der Gemeinsamkeit. Die Patienten werden ernst genommen in diesem Film, aber das bedeutet für Breitman nicht, den Humor aus dem Leben der Kranken zu verbannen. Als eine Pflegerin eine ältere Patientin, die schlafen gehen will, auffordert, in den Speisesaal zu gehen, weil jetzt nicht Schlafenszeit, sondern Mittag angesagt sei, stellt sie ihr eine zweite Patientin zur Seite, um sicher zu gehen, dass die erste auch wirklich zum Essen geht. Die beiden Frauen marschieren hintereinander los – eine herzerfrischend komische Szene, in der sich über die beiden Kranken jedoch nicht lustig gemacht wird.

Claire lernt Philippe (Bernard Campan) kennen. Auch er leidet an Amnesie. Bei einem Unfall waren seine Frau und sein Kind ums Leben gekommen. Philippe ist ruhig, sammelt das Laub im Garten der Klinik in einen Sack, doch ab und an verzweifelt er. Seine Erinnerung wird wiederkommen – und das wird schrecklich werden. Claire und Philippe verbindet sofort unausgesprochene Sympathie, Nähe. Sie verlieben sich ineinander. Sie treffen sich sozusagen in der Mitte eines Prozesses, in der Claire noch nicht völlig von ihrer Krankheit überwältigt ist und Philippe die Tragik des Geschehenen noch nicht vollständig erfasst hat. Dr. Licht erfasst die Situation der beiden. Er lässt sie gewähren, duldet ihre sexuelle Beziehung in der Klinik. In einer der schönsten Szenen des Films schlafen Philippe und Claire im warmen Sommerregen im Park der Klinik miteinander. Philippe erinnert sich nicht einmal daran, wie es ist, mit einer Frau zu schlafen. Er sagt, es sei sein „erstes zweites Mal“. Licht überlässt den beiden seine Wohnung. Er weiss, dass dies die einzige Chance für beide ist, ein paar Wochen, Monate glücklich zu sein, bevor Claire in den apathischen Zustand der Krankheit fällt.

Claire erfindet Wörter, verwechselt Wörter, in der ganzen Wohnung hängen Erinnerungszettel. Philippe kümmert sich um seine Frau, Claire liebt ihren schönen Mann, wie sie ihn nennt. Philippe greift ihre Wortschöpfungen auf. Als sie merkt, dass sie beim Backen eines Kuchens den Zucker vergessen hat, meint sie, er schmecke „frappig“. Philippe, Weinkenner und -tester, trinkt mit Dr. Licht ein gutes Glas und bemerkt: „Hm, irgendwie frappig im Geschmack.“ Es sind diese scheinbaren Kleinigkeiten, Nebensächlichkeiten, in den sich eine der intensivsten Beziehungen zwischen zwei Menschen offenbaren.

„Se Souvenir des belles choses“, wie der Film im Original heisst, ist ein Kleinod über Momente des Glücks im Leid, der Lebensfreude vor dem Tod, ein zugleich erschreckendes Zeugnis einer Liebe, die für Claire den Tod und für Philippe ein Leben ohne Claire bringen wird. Er kauft ihr ein Minidiktiergerät, bespricht ihr darauf den Weg zur Klinik, zum Bus und wieder nach Hause. Zum Schluss heisst es auf dem Band: Und wenn Du alles richtig gemacht hast, siehst Du Deinen schönen Mann am Fenster stehen und Dir winken.

Bevor sich der Zustand von Claire rapide verschlimmert, zeigt Zabou Breitman (die übrigens in der Rolle der Ärztin Bjorg zu sehen ist) die beiden, als sie aus dem Auto aussteigen, in den Regen. Man sieht durch die Scheibe des Wagens, nur Schemen, Bruchstücke, Bilder der beiden, die durch den Regen auf dem Glas kaum noch zu erkennen sind, kontrastieren mit dem Freudentaumel und dem Glück der beiden. Breitman erzählt diese Geschichte mit wunderbarem jüdischen Humor und mit dem ebenso gezielten Einsatz von Klezmer-Musik. Isabelle Carré und Bernard Campan füllen ihre Rollen hervorragend aus.

„Claire“ ist – über die Alzheimer-Krankheit hinaus – einer der wenigen Filme, die den Tod – auf ernsthafte und zugleich komische Weise – in das Leben einbeziehen.

Ulrich Behrens

Claire

Frankreich

2002

-

110 min.

Regie: Zabou Breitman

Drehbuch: Jean-Claude Deret, Zabou

Darsteller: Isabelle Carré, Bernard Campan, Bernard Le Coq

Produktion: Stéphane Marsil

Musik: Ferenc Javori

Kamera: Dominique Chapuis

Schnitt: Bernard Sasia

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