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Chicago All that Jazz !! And more

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Endlich einmal nicht New York als Schauplatz im Kino, sondern Chicago! Aber was heisst das schon?

Der US-amerikanische Filmregisseur Rob Marshall, April 2011.
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Bild: Der US-amerikanische Filmregisseur Rob Marshall, April 2011. / Angela George (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

31. Dezember 2021
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Es funkt und zischt, es blendet und betrügt, es stapelt hoch und der Zynismus feiert Erfolge in Rob Marshalls Adaption eines Stoffes, den die Journalistin Maurine Dallas Watkins 1926 zu einem Drama verarbeitet hatte, über das wiederum die New York Times damals urteilte: „Eine satirische Komödie über die Manipulation des Justizwesens durch sinkende Zeitungspropaganda, durch Fotografen, Heulsusen, Sensationslüsternheit und allgemeine Verrohung – eine raue Satire.“

3. April 1924. Beulah Annan schiesst auf einen Mann namens Harry Kolstadt, und während das Opfer langsam stirbt, singt sie „Hula Lou“ und ruft ihren Ehemann an, dem gegenüber sie behauptet Kolstadt habe sie vergewaltigen wollen. Die Polizei ermittelt anderes, und Annan gibt zu, Kolstadt, mit dem sie ein Verhältnis hatte, ermordet zu haben, weil der sie verlassen wollte. Der berühmte Strafverteidiger W. W. O’Brien übernimmt die Verteidigung, Watkins schreibt über den Fall und Annan und O’Brien verwandeln den Gerichtssaal in eine Showbühne. Sie behauptet, schwanger zu sein. Die Geschworenen sind hin und weg. Der krönende Abschluss des Verfahrens lautet: Freispruch. Ebenso übrigens wie für die ebenfalls des Mordes angeklagte Belva Gaertner, mit der sich Annan im Gefängnis angefreundet hatte.

Schon bald wird Watkins Drama für das Kino entdeckt. 1927 adaptiert Frank Urson den Stoff für seinen Stummfilm „Chicago“, 1942 spielen Ginger Rogers und Adolphe Menjou die Hauptrollen in William W. Wellmans „Roxie Hart“ und 1975 bringen John Kander und Fred Erb die Geschichte als Musical am Broadway heraus. Der schon legendäre Bob Fosse feiert 1996 und 1997 mit dem wieder aufgelegten Musical Erfolge und erhält zahlreiche Preise für seine Inszenierung.

„All that Jazz“ singt Velma Kelly (Catherine Zeta-Jones) und die gar nicht brave Hausfrau Roxie Hart (Renée Zellweger) träumt von nichts anderem als einem derartigen Auftritt. Von ihrem „Agenten“ erhofft sie sich Zutritt zu den Brettern, die die Welt bedeuten. Doch der hat sie reingelegt. Um sie ins Bett zu bekommen, log er das Blaue vom Himmel. Die Quittung? Als Roxie dies erfährt, erschiesst sie ihn und erfindet eine Geschichte: Der nicht besonders attraktive, gehörnte Ehemann Amos (John C. Reilly) habe einen Einbrecher erschossen. Die Polizei allerdings kommt schnell hinter die Wahrheit und Roxy landet im Frauengefängnis unter Leitung von Matron „Mama“ Morton (Queen Latifah).

Und auf wen trifft sie dort? Auf Velma, ebenfalls des Mordes bezichtigt an Mann und Schwester, die sie beide im Bett erwischt hatte. Velma wird von Staranwalt Billy Flynn (Richard Gere) vertreten. Mama Morton vermittelt – selbstverständlich gegen entsprechende Bezahlung – den Kontakt zu Flynn. Ehemann Amos kratzt 2.700 Dollar zusammen – Flynn wollte eigentlich 5.000 – und schon kann sie losgehen: die Inszenierung des Freispruchs. Die Presse – darunter auch Mary Sunshine (Christine Baranski) – wird kräftig manipuliert, mit herzerweichenden Geschichten aus dem Leben Roxys und der Schlagzeile, Roxy sei schwanger. Velma wird im gleichen Zuge von Flynn vernachlässigt, während Roxy zum Star von Medien und Öffentlichkeit wird ...

Also alles andere als nur ein Riesenspass? „Chicago“ ist ein Riesenspass und zugleich Zynismus pur. Not only Jazz and Showbiz. Ohne renommierte Sänger und Tänzer in den Hauptrollen bringt Marshall die Puppen zum Tanzen und insbesondere Martin Walsh ist es wohl zu verdanken, dass durch seinen Schnitt die Grenze zwischen Show und Wirklichkeit mehr als einmal vor den Augen verschwindet. Catherine Zeta-Jones, die einzige der drei Hauptdarsteller mit Tanzerfahrung aus früheren Zeiten in Grossbritannien, Renée Zellweger und selbst Richard Gere sind derart gekonnt in Szene gesetzt, dass es eine wahre Freude ist, sowohl ihre Tanzeinlagen zu geniessen wie ihrem Gesang zuzuhören. Nicht nur „All that Jazz“, der Song zu Beginn, auch der „Zellenblock-Tango“, „Bin nur für die Liebe da“, oder „Ich bin mein bester Freund“ müssten selbst Leute begeistern, die ansonsten für Musicals nicht viel übrig haben. Einziges Manko in dieser Hinsicht: Queen Latifah darf nur einmal ein Solo singen.

„Chicago“ – das ist eine knallbunte, rasant inszenierte und nie langatmig werdende Mixtur aus Zynismus! Ruhm! Macht! Geld! Sex! Medien! Manipulation! Marionetten! Die Frechheit und das Satirische der Vorlage hat Marshall in seiner Version der Geschichte vollauf zur Geltung gebracht. Die entscheidenden Geschehnisse im Verlauf der Geschichte werden durch phantasierte Showeinlagen untermalt. Meist jedoch ist die Wirklichkeit mehr Show und die Show mehr Wirklichkeit, als man vielleicht denken mag. Ein einziges Mal lässt Marshall die Tragik der Ereignisse durchscheinen, als eine der Mörderinnen im Frauengefängnis gehenkt und in einem schmucklosen Sarg abtransportiert wird. Fast, nur fast im gleichen Moment zeigt Marshall die Szene parallel in einer Show als Kunst des Verschwindens an einem Strick und mit Trommelwirbel unterlegt. Nur einen flüchtigen Moment lang kriechen Tod und Dramatik auf die Leinwand, um sich sogleich wieder im visuellen Betrug zu verflüchtigen.

Die Bühne des Lebens und die Theaterbühne gehen ineinander über. Aus dem Raum, etwa der Gefängniszelle oder dem Gerichtssaal „fliesst“ aus dem Dunkeln die Bühne, und umgekehrt. Der Prozess gegen Roxy offenbart, dass beide Ebenen nicht verschiedenen Ursprungs sind, sondern „Show“ vielleicht in gewisser Weise die Art und Weise ist, Wirklichkeit zu inszenieren. „Chicago“ offenbart – als in weiten Teilen klassisches Musical wie als Satire auf Starkult, Medien und die Mechanismen der Herstellung des öffentlichen Raums und von Öffentlichkeit – die enorme Kraft und Macht des Visuellen. Man stelle sich vor, Menschen könnten nicht sehen. Nichts, aber auch gar nichts, was hier gezeigt wird, würde in seiner Quintessenz noch funktionieren, in irgendeiner Weise Wirkung entfalten.

Flynn bringt vor Gericht den gebeutelten Ehemann Amos in theatralischer Weise dazu zuzugeben, dass er der Vater von Roxys ungeborenem Kind ist – das gar nicht existiert. Als die Staatsanwaltschaft das Tagebuch Roxys als Beweisstück vorlegt, schafft es Flynn, es als Fälschung des Staatsanwalts erscheinen zu lassen – dabei hat Flynn es gefälscht. Diese Szene wird untermalt von einem Stepp-Tanz Richard Geres. „Chicago“ ist prall gefüllt mit solchen Inszenierungen nach einem fein ausgeklügelten Drehbuch, sei es geschrieben von Roxy (die auf die Idee kommt, plötzlich schwanger zu sein) oder Flynn, ein Drehbuch, das nichts weiter als der Manipulation der Öffentlichkeit, des Gerichts, der Geschworenen, der Medien dient. Die Presse, sensationsgeil, lässt zwei Zeitungen am Tag der Urteilsverkündung drucken, vorsichtshalber: „Guilty“ lautet die Schlagzeile der einen.

Richard Gere ist kein Gene Kelly – aber überraschend gut, ob er nun tanzt, singt, sich die Kleider vom Leib reisst oder den arroganten, mit allen Wassern zwischen Show und Realität gewaschenen Star-Anwalt spielt: „Hätte Jesus Christus in Chicago gelebt und hätte er 5.000 Dollar gehabt, wäre er damit zu mir gekommen – da wäre die Geschichte wohl etwas anders ausgegangen.“ Zeta-Jones ist frivol, skrupellos und es ist eine Wonne, ihr zuzusehen. Dasselbe gilt für Renée Zellweger, die schuldige Unschuld, das Lämmchen, hinter dem eine Wölfin lauert. Und es liegt nur in der Logik der Geschichte dieses Films, dass Roxy und Velma – obwohl sie sich beide nicht gerade mögen – am Schluss gemeinsam auftreten und ihre Geschichte auf der Bühne vermarkten.

Nimmt Hollywood sich hier selbst auf den Arm? Ja und nein. Das eine (die Satire) ist möglich, indem man das andere (die Mechanismen der öffentlichen Inszenierung und Darstellung selbst) reproduziert. „Chicago“ beweist einmal mehr und überdeutlich, dass sich die Regeln der visuellen Inszenierung kritisieren lassen, ohne sie zerstören zu müssen. Und hier unterscheidet sich Hollywood nicht allzu sehr von der Inszenierung des Öffentlichen, man denke nur an die visuelle Produktion ernsthafterer Dinge, von Politik oder gar Krieg. Der Kreis schliesst sich. Und die Katze beisst sich in den Schwanz. Und „Chicago“ denkt zu Ende, was Hollywood konstruiert.

Ein schwungvoller, musikalisch mitreissender Film. What else do you want?

Ulrich Behrens

Chicago

USA

2002

-

113 min.

Regie: Rob Marshall

Drehbuch: Bill Condon

Darsteller: Renée Zellweger, Catherine Zeta-Jones, Richard Gere

Produktion: Martin Richards

Musik: John Kander, Danny Elfman

Kamera: Dion Beebe

Schnitt: Martin Walsh

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