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Rezension zum Film von Burhan Qurbani Wir sind jung. Wir sind stark.

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Wer waren die Täter der Ausschreitungen 1992 in Rostock? Und was trieb sie an? Eine Antwort auf die erste Frage liefert Burhan Qurbani in seinem Film, die zweite bleibt im Raum stehen. Manche Zuschauer wird das Fehlen einer Erklärung frustrieren, doch „Wir sind jung. Wir sind stark.“ zieht seine Kraft aus eben diesem unverständlichen Kontrast von Alltäglichkeit, Bürgerlichkeit und Gewaltexzess. Das ist in der Summe erschütternd, trotz diverser unnötig gekünstelter und wenig subtiler Inszenierungstricks.

Die deutsche Filmregisseurin und Drehbuchautorin Katrin Gebbe bei der Vorstellung ihres Kinofilms «Tore tanzt» im ApolloKino Center Ibbenbüren in Ibbenbüren.
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Bild: Die deutsche Filmregisseurin und Drehbuchautorin Katrin Gebbe bei der Vorstellung ihres Kinofilms «Tore tanzt» im Apollo-Kino Center Ibbenbüren in Ibbenbüren. / Bundesarchiv, Bild 183-S1013-010 (CC BY-SA 3.0 cropped)

20. September 2016

20. 09. 2016

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4 min.

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Tagsüber streifen sie durch Rostock, ertränken die eigene Trost- und Perspektivlosigkeit in Bier, nachts randalieren sie oder legen sich mit der Polizei an: Stefan (Jonas Nay) und Robbie (Joel Basman) gehören einer Gruppe Jugendlicher an, die aus den unterschiedlichsten Gründen ständig auf der Suche nach Krawall sind. Schon seit Tagen heizt sich die Atmosphäre in der Stadt gefährlich auf und entlädt sich in gefährlichen Übergriffen auf Ausländer. Eine Lösung ist nicht in Sicht, die Lokalpolitiker, darunter Stefans Vater Martin (Devid Striesow), streiten um den richtigen Weg. Währenddessen steigt die Nervosität bei Lien (Trang Le Hong) und den anderen vietnamesischen Zuwanderern, die in dem Wohnheim Sonnenblumenhaus leben. Es kommt zur Katastrophe.

Mehr als 22 Jahre sind vergangen seit den Ausschreitungen in Rostock, aber noch immer gehören die Bilder aus dem Sommer 1992 zu den erschreckendsten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Und den unerklärlichsten. Mehrere hundert Randalierer steckten ein Wohnhaus in Brand, in dem vietnamesische Vertragsarbeiter lebten, Tausende Menschen standen drum herum und applaudierten. Wie es dazu kommen konnte, ist bis heute nicht zu 100 Prozent geklärt, von der überforderten Polizei bis zu Politik und Medien ist die Liste an Beschuldigten lang, die ihren Anteil an der Eskalation gehabt haben sollen. Doch es waren eben nicht nur die anderen, die in der Nacht des 24. Augusts vor der brennenden Siedlung standen. Es waren Menschen aus der Mitte, Menschen, mit denen man jeden Tag zu tun hatte.

In geradezu gespenstischen Schwarz-Weiss-Bildern erzählt Regisseur und Ko-Autor Burhan Qurbani die fiktive Geschichte einiger Jugendliche, die später selbst an den Gewalttaten teilnehmen sollten. Und dabei handelt es sich nicht um die tumben, glatzköpfigen Rassisten, die man gerne als Täter sehe. Einige von ihnen verbreiten rechtes Gedankengut, sicher, aber es sind auch ganz normale Jungs und Mädchen dabei, Vertreter aus der Mittelschicht, aus denen sich seinerzeit eben auch die Angreifer rekrutiert haben. Viel eint diese Leute nicht, bis auf das diffuse Gefühl vielleicht, von der Gesellschaft im Stich gelassen worden zu sein. Wir sind jung. Wir sind stark. lautet der Titel, ein bitter-ironisches Statement über Menschen, die ihre eigene Macht- und Bedeutungslosigkeit durch physische Stärke zu überspielen versuchen.

Dabei täuschen die fehlenden Farben zunächst noch eine unterkühlte Distanz zum Geschehen an, bevor der Film später mit umso grösserer Gewalt zurückschlägt. Natürlich ist das gekünstelt, ebenso die gelegentlichen Kameraspielereien und andere inszenatorische Tricks. Nötig gewesen wäre dies jedoch nicht, die Geschichte und die starken Auftritte diverser Jungstars und Veteranen hätten gereicht, dass das Drama auch ohne solche wenig subtilen Hilfsmittel fesselt. Denn auch wenn der Ausgang der Geschehnisse den meisten noch präsent genug sein sollte, ist Wir sind jung. Wir sind stark. überraschend spannend, man zittert dem unvermeidbaren Desaster entgegen. Seine Stärke zieht der Film gerade durch den Kontrast des meist unaufgeregten, drögen Alltags und dem Ausbruch, der sich bereits ankündigt.

Der Übergang erfolgt sehr abrupt, für manchen Zuschauer mit Sicherheit zu abrupt. Eine wirkliche Erklärung hat nämlich auch Qurbani nicht parat, will es wohl auch nicht. Manche Szenen deuten eine solche zwar an, verschwinden jedoch im Nichts. Auf einige davon hätte man deshalb sicher auch verzichten können, denn mit mehr als zwei Stunden Laufzeit ist Wir sind jung. Wir sind stark. nicht unbedingt kurz. Zudem ist der Film sehr ruhig, arbeitet mit langen Schnitten und einer angenehm zurückhaltenden Musik, ist eher arm an Ereignissen. Für Zuschauer mit einer kurzen Aufmerksamkeitsspanne ist das Drama daher eher weniger zu empfehlen. Den Rest erwartet jedoch eine geschichtliche Rückschau, die auch aufgrund ihrer Erklärungslosigkeit durch Mark und Bein geht und in einer Zeit von Pegida und HoGeSa schmerzhaft daran erinnert, wie schnell selbst in einer gesitteten Gesellschaft Gewalt und Hass um sich greifen können.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Wir sind jung. Wir sind stark.

Deutschland

2014

-

123 min.



Regie: Burhan Qurbani

Drehbuch: Martin Behnke, Burhan Qurbani

Darsteller: Jonas Nay, Trang Le Hong, Devid Striesow

Produktion: Leif Alexis, Jochen Laube

Musik: Matthias Sayer, Tim Ströble

Kamera: Yoshi Heimrath

Schnitt: Julia Karg

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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