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Bis wir tot sind oder frei Der Gesetzesbrecher als Rechtloser

Kultur

Eine Anwältin setzt sich in der Schweiz Anfang der 80er für linke Aktivisten ein, bis sie einem Serienverbrecher aus gutem Haus verfällt, der zur Symbolfigur des Freiheitskampfes wird.

Lochergut, Zürich.
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Lochergut, Zürich. Foto: Dodo von den Bergen (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

14. Juli 2022
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Thematisch ist das interessant. Trotz eines guten Ensembles überzeugt „Bis wir tot sind oder frei“ aber nicht so ganz, da sich der Film verzettelt. Und auch bei den konstruierten Dialogen ist das nicht ganz geglückt.

Die Anwältin Barbara Hug (Marie Leuenberger) scheut sich nicht davor zurück, es mit den Mächtigsten aufzunehmen. Vor allem ihr Einsatz für die linke Szene, zu der auch die rebellische Heike (Jella Haase) gehört, macht sie zu einem Dorn im Auge von konservativen Staatsanwälten und Richtern. Aber das ist nur der Anfang: Es ist das gesamte repressive Justizsystem in der Schweiz, welchem sie in den frühen 1980ern den Krieg erklärt. Dazu wird sie jede Menge Gelegenheit haben, als sie die Bekanntschaft von Walter Stürm (Joel Basman) macht. Der kommt eigentlich aus einem vermögenden, einflussreichen Haus, was ihn aber nicht daran hindert, immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen. Vor allem sein Ruf als Ausbrecherkönig eilt ihm voraus. Als er mal wieder im Gefängnis landet und in Isolationshaft gesteckt wird, beschliesst Barbara, diesen barbarischen Praktiken ein Ende zu setzen …

Der Gesetzesbrecher als Rechteloser

Welche Rechte hat ein Mensch, der Gesetze gebrochen hat? Das ist eine Frage, an der sich noch immer die Geister scheiden. Gerade aus den USA hört man immer mal wieder Horrorgeschichten, denen zufolge Häftlinge nur noch Menschen zweiter Klasse sind. Dabei muss man gar nicht so weit schauen, um problematische Behandlungen zu entdecken, wie der Film Bis wir tot sind oder frei beweist. Darin beschreibt Regisseur und Co-Autor Oliver Rihs (Affenkönig), wie Anfang der 1980er in der Schweiz ein doch recht befremdliches Verständnis von Rechtschaffenheit herrschte. Da durfte die Polizei schon einmal rabiater werden, solange es die richtigen traf. Wer sich nicht einordnet und brav mitmacht, den kann schon mal die ganze Härte des Gesetzes treffen – im übertragenen wie wörtlichen Sinn.

Aufgezogen wird dieses Zeitporträt anhand der beiden real existieren Figuren Barbara Hug und Walter Stürm. Die hatten zwar auf den ersten Blick nicht wirklich viel gemeinsam: Sie versuchte Menschen zu helfen, er versuchte sie auszurauben. Doch als sich ihre Wege kreuzen, kommt es doch zu einer Allianz. In Bis wir tot sind oder frei geht es bald nicht nur darum, dass der junge Serienräuber menschenwürdige Haftbedingungen erhält. Vielmehr wird er zum Symbol eines viel grösseren Systemkampfes. Da geht es links gegen rechts, neu gegen alt, Individualisten treten gegen Konformisten an. Dass Stürm ständig anderen Leuten Schaden zufügt und er damit eigentlich nicht die beste Identifikationsfigur ist, kümmert aber die wenigsten. Er lässt sich gut verkaufen, das ist genauso wichtig.

Vereinnahmung und komplizierte Gefühle

Das ist kurios sowie als Thema recht interessant. Umso mehr, da sich Stürm überhaupt nicht für Politik interessierte, ihm der grösser angelegte Kampf recht egal war. Da versuchte also die Bewegung jemanden zu vereinnahmen, der überhaupt nicht Teil davon war – der Publicity wegen. Hug ist inmitten dieser gleichermassen zynischen wie idealistischen Truppe eine der wenigen, für die tatsächlich Stürm als Mensch eine Bedeutung hat. Tatsächlich beschreibt Bis wir tot sind oder frei, wie sie Gefühle für ihn entwickelt, die völlig losgelöst sind von seiner Situation. Das macht die Situation aber noch komplizierter, umso mehr, da auch Heile nicht frei von persönlichen romantischen Interessen ist. Der Freiheitskampf ist zugleich ein Liebesdreieck.

Auch das ist nicht unspannend, wenn auf diese Weise zahlreiche Grenzen verschwimmen. Gleichzeitig führt es aber auch dazu, dass nie ganz klar wird, wovon Bis wir tot sind oder frei denn eigentlich erzählen will. Das hängt auch mit der doch recht fragmentarischen Erzählweise zusammen, die einzelne Momentaufnahmen aneinanderreiht, die irgendwie willkürlich der Chronologie entnommen wurden. Anstatt eine wirkliche Entwicklung aufzuzeigen, bleibt das hier alles etwas erratisch. So als hätte jemand ein Geschichtsbuch aufgeklappt und nach dem Zufallsprinzip Passagen vorgelesen. Dadurch bleibt vieles ohne Kontext, gerade auch auf die Figuren bezogen.

Nicht immer natürlich

Tatsächlich bleiben gerade diese distanzierter, als man es bei dem derart charakterbasierten Drama erwarten konnte. Das Ensemble ist bekannt und ohne jeden Zweifel talentiert, das hat es zuvor mehrfach in anderen Zusammenhängen bewiesen. Aber auch diesem gelingt es nicht so ganz, wirklich komplexe Figuren aus der Vorlage zu basteln. Da hätte von Seiten des Drehbuchs aus schon noch ein bisschen mehr Arbeit investiert werden müssen. Überhaupt: Da ist so mancher Dialog drin, der zu sehr von dem Willen getrieben ist, etwas Grosses auszusagen, etwa zum Thema Freiheit. Mit einer natürlichen Ausdrucksweise hat das aber weniger zu tun, das ist schon ziemlich konstruiert. Insgesamt bietet Bis wir tot sind oder frei sicher noch genug, weshalb sich diese kleine Zeitreise rentieren könnte. Dennoch bleibt das Gefühl zurück, dass der Film zu sehr unter den Möglichkeiten geblieben ist.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Bis wir tot sind oder frei

Schweiz

2020

-

117 min.

Regie: Oliver Rihs

Drehbuch: Dave Tucker, Oliver Rihs, Ivan Madeo, Norbert Maass, Oliver Keidel

Darsteller: Joel Basman, Marie Leuenberger, Jella Haase

Produktion: Ivan Madeo, Jan Krüger, Urs Frey, Jörg Trentmann, Stefan Eichenberger, Thomas Reisser, Marcus Machura

Musik: Beat Solèr

Kamera: Felix von Muralt

Schnitt: Andreas Radtke

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