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Mit „Täuschung als Lebensprinzip” könnte man Claude Chabrols 1995, nach einem Roman von Ruth Rendell entstandene, von Zynismus und Sarkasmus geprägte Farce «Biester» überschreiben.

Claude Chabrol, 1959.
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Bild: Claude Chabrol, 1959. / Arquivo Nacional (PD)

6. August 2019

6. Aug. 2019

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Die französische Provinz scheint der geeignete Ort, Neid, Hass und Arroganz die geeigneten Gefühle zu sein, um der makabren Geschichte den richtigen Rahmen zu verpassen.

Da ist die verschlossene Sophie (Sandrine Bonnaire), eine Hausangestellte, eine arbeitsame, offenbar zuverlässige junge Frau, die Analphabetin ist, was sie ebenso verheimlicht wie die Tatsache, dass sie für den Tod ihres Vaters, der bei einem Brand ums Leben kam, verantwortlich gemacht wurde. Sophie tritt eine neue Stelle an, bei den wohlhabenden Lelievres, Georges (Jean-Pierre Cassel) und seiner Frau Catherine (Jacqueline Bisset), einem ehemaligen Model, Melinda (Virginie Ledoyen), der Tochter Georges aus erster Ehe, und dem gemeinsamen Sohn Gilles (Valentin Merlet). Catherine besitzt eine Galerie, aber im Ort geht das Gerücht, die schöne Reiche empfange dort ihre Liebhaber. Gilles hat die Arroganz seiner Eltern gegenüber weniger begüterten Menschen bereits erlernt. Melinda spielt die Verständnisvolle, die Sophie rät, sich von ihren Eltern nicht alles gefallen zu lassen. Die Familie redet über Sophie. Ja, sie sei zuverlässig, könne gut kochen und sei schnell bei der Arbeit. Sophie bekommt Bewährung.

Als die Lelievres eine Woche in Urlaub fahren, lernt Sophie die Postangestellte Jeanne (Isabelle Huppert) kennen, eine agile, zynische, neugierige Frau, die sich so ihre eigenen Gedanken über die Lelievres macht. Sie inspiziert erst einmal gründlich die Villa der Familie, schaut mit Sophie Fernsehen, und öffnet mehr oder weniger heimlich die Post der Lelievres. Sie nimmt Sophie mit zum Katholischen Hilfswerk, bei dem sie mit anderen gespendete Kleider aussortiert. Jeanne stand in Verdacht, ihre kleine Tochter tot geprügelt zu haben. Doch sie wurde vor Gericht freigesprochen und behielt ihren Job bei der Post, wurde allerdings versetzt. Beide Frauen wissen von dem jeweiligen Verdacht gegen sich. Aber sie lachen nur darüber.

Chabrol inszeniert den schwelenden Konflikt zwischen der Familie Lelievre einerseits und Jeanne und Sophie andererseits durch verschiedene Ereignisse, die schliesslich zur Katastrophe führen:

– Als sich Georges bei Jeanne beschwert, seine Post sei geöffnet worden, und dabei keinen Zweifel lässt, dass er Jeanne in Verdacht hat, bezeichnet diese seine Frau als Nutte. Georges verbietet Sophie, Jeanne ins Haus der Lelievres zu lassen.

– Als Melinda zufällig entdeckt, dass Sophie Analphabetin ist – bislang hatte sie dies mit Mühe, aber erfolgreich verbergen können –, erpresst Sophie Melinda, weil sie mitbekommen hat, das Melinda von ihrem Freund Jeremie (Julien Rochefort) schwanger ist.

– Als Georges und Catherine durch Melinda davon erfahren, entlässt Georges Sophie.

– Als Sophie und Jeanne alte Kleider bei einem älteren Ehepaar abholen und sich dabei unmöglich benehmen, verzichtet der Priester auf ihre weitere Mitarbeit beim Hilfswerk.

Als Jeanne und Sophie nach der Entlassung Sophies deren Sachen bei den Lelievres abholen wollen, kommt es zur Katastrophe: Während die Lelievres im Fernsehen Don Giovanni geniessen, zerreissen die beiden Frauen im Schlafgemach der Eltern Catherines Kleider, schütten Kakao aufs Bett, durchtrennen die Telefonleitung und entdecken die Gewehre des Hausherren. Die Lelievres hören Geräusche und Georges geht in die Küche. Er entdeckt die beiden Frauen, die ihn daraufhin erschiessen. Dann gehen sie ins Wohnzimmer und erschiessen die restlichen Familienmitglieder. Während Jeanne die Villa verlässt, nicht ohne einen Kassettenrecorder von Melinda mitgehen zu lassen, soll Sophie die Villa „aufräumen” und alle Spuren beseitigen. Doch Jeanne kommt kurz darauf bei einem Unfall ums Leben. Die Polizei findet den Kassettenrecorder, auf dem Melinda Don Giovanni aufgenommen hat. Nur: der Recorder lief auch weiter, als sich Jeanne und Sophie über die Morde unterhielten.

Das Groteske dieser Geschichte besteht, so könnte man vielleicht sagen, in dem Wechselspiel von Täuschung, Hass, Neid und Rache. Aber hinter diesem Wechselspiel offenbart sich – und das zeichnet Chabrols Inszenierungen insgesamt aus – wieder einmal die Funktionsweise der bürgerlichen Gesellschaft, exakter formuliert: das Angewiesensein der verschiedenen Positionen, Gegensätze, Kontrapunkte in dieser Gesellschaft, ihre manchmal schon paradoxe Einheit. Ein Ausweg aus dieser letztlich wirklich grotesken Homogenität ist bei Chabrol kaum sichtbar.

Während die Lelievres ihre Bürgerlichkeit in jeder Hinsicht leben und ausleben – mit allen Heimlichkeiten, mit aller Arroganz anderen gegenüber, mit aller vorgespielten Grossherzigkeit (sie bieten Sophie z.B. an, ihr eine Brille zu bezahlen, weil sie sie für kurzsichtig halten; ebenso offeriert ihr Georges die Bezahlung des Führerscheins, damit Sophie nicht den weiten Weg in den Ort zu Fuss laufen müsse) –, leben Sophie und Jeanne ihre Bürgerlichkeit ebenso aus – vor allem einerseits mit den verzweifelten Mitteln (Verheimlichung des Analphabetismus; heimliches Öffnen der Post, um mehr über die Familie in der Hand zu haben – wozu auch immer) jener, die materiell nicht so gut gestellt sind, andererseits mit einer teils bewussten, teils „zufälligen” Gewalt, die sie erlernt haben – sozusagen als Gegenmittel gegen materielle Gewalt der Begüterten.

Man kann es für Zufall halten, dass am Schluss die beiden Frauen, die „Biester”, die Verlierer dieser „Zeremonie” sind – wie der Film im Original heisst –, eine Zeremonie mit festen Regeln, deren homogene Struktur von den Beteiligten genauso wenig durchschaut wird wie das Angewiesensein der Kontrapunkte, die die einzelnen Figuren darstellen, aufeinander. Das Verbotene und moralisch Anrüchige, die illegale Gewalt der Biester, bewegt sich dabei knapp unterhalb der Ebene des Legalen und moralisch Geforderten, der materiellen Gewalt der Familie aus ihrer sozialen Stellung heraus. Das „Böse” ist nicht das eigentlich Abstossende, das „Böse” ist eher die Struktur, der alle unterliegen und deren Mechanismen sie alle nicht durchschauen, weil sie es nicht gelernt haben.

Die „Faktoren“ Arbeit und Eigentum scheinen in diesem Kontext bedeutungslos. Doch eine solchen Bewertung würde vergessen, dass es die spezifische Eigentumsordnung ist, die eine solche „Zeremonie“ zum Laufen bringt. Sie lässt die „Puppen tanzen“.

Isabelle Huppert und Sandrine Bonnaire kooperieren als „Biester” in einer fast genialen Verbindung. Ganz anders denn als Mika in Chabrols „Süsses Gift” (2000) spielt die Huppert hier nicht die introvertierte, an den Grenzen zum Psychopathischen handelnde Frau, die ihr Schicksal durch die Diktatur über das Schicksal anderer bestimmen will, sondern eine extrovertierte Zynikerin, die statt der heimlichen Waffe des Gifts die offene Gewalt der Gewehrläufe sprechen lässt. Beide Figuren scheitern. Sandrine Bonnaire überzeugt in ihrer genialen Darstellung einer Frau, die ihre Schwächen geschickt verheimlichen kann und im „richtigen” Moment zuschlägt. Ihr Hass und ihre Rache bleiben dennoch in einer merkwürdigen Weise „still”, „leise”, ja fast verhalten.

Ulrich Behrens

Biester

Frankreich 1995 - 111 min.

Regie: Claude Chabrol
Drehbuch: Claude Chabrol, Caroline Eliacheff
Darsteller: Isabelle Huppert, Sandrine Bonnaire, Jean-Pierre Cassel
Produktion: Marin Karmitz, Christoph Holch, Ira von Gienanth
Musik: Matthieu Chabrol
Kamera: Bernard Zitzermann
Schnitt: Monique Fardoulis

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