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Benny’s Video Herrscher über Leben und Tod

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Mit seinem zweiten Kinofilm ging Michael Haneke erneut auf das Thema der Isolation und Entfremdung ein, wenn er uns einen Jugendlichen zeigt, für den Videos die Realität ersetzen. „Benny’s Video“ ist dabei ein nüchternes und doch erschütterndes Drama voll emotionaler Kälte, das auch bald drei Jahrzehnte später nichts von seiner Wirkung eingebüsst hat.

Der deutsche Schauspieler Ulrich Mühe spielt in dem Film die Rolle des Vaters von Benny.
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Bild: Der deutsche Schauspieler Ulrich Mühe spielt in dem Film die Rolle des Vaters von Benny. / Edmond.frederik (CC BY 3.0 unported - cropped)

11. Januar 2020

11. Jan. 2020

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Der Jugendliche Benny (Arno Frisch) führt ein sorgenfreies Leben in Wien, Geld gibt es in seiner Familie genug. So richtig viel hat er zwar nicht von seinen Eltern (Angela Winkler, Ulrich Mühe), da diese oft berufsbedingt unterwegs sind und entsprechend wenig Zeit für ihn haben. Aber er weiss sich zu beschäftigen, vor allem mit seiner Kamera. Eines seiner Lieblingsvideos ist das eines Schweins, das auf einem Bauernhof per Bolzenschuss getötet wurde. Immer wieder sieht er es sich an, spult es vorwärts und rückwärts, kann sich gar nicht daran sattsehen. Bis zu dem Tag, als er ein Mädchen (Ingrid Stassner) mit nach Hause nimmt, um ihr die Aufnahmen zu zeigen …

1989 war der Schock noch gross, als Michael Haneke in seinem Kinodebüt Der siebente Kontinent von einer Familie erzählte, die sich zunehmend von dem Rest der Welt entfremdete. Als drei Jahre Benny’s Video folgte, war man da schon ein bisschen stärker auf die Zumutungen vorbereitet, die der österreichische Filmemacher in seinen Werken so sehr schätzt. Aber letztendlich wohl doch nicht genug, denn die Geschichte eines Jugendlichen, der den Bezug zu der Welt da draussen, vor allem aber zu den Menschen verliert, die ging durch Mark und Bein. Das tut sie auch heute noch, hat in den 27 Jahren nichts von ihrer Dringlichkeit und Aktualität eingebüsst.

Ein schreckliches Rätsel

Immer wieder wird darüber diskutiert, ob der Konsum gewalttätiger Filme oder auch Spiele die Menschen desensibilisiert, sie abstumpfen und leichter selbst zur Waffe greifen lässt. Vor allem wenn in den USA mal wieder ein Schüler Amok läuft und wild in seiner Schule um sich ballert, wird gerne mal mit dem Finger auf die vermeintlich schuldigen Inspirationen gezeigt. Gäbe es die passive Gewalt nicht, gäbe es auch die aktive nicht – so die Schlussfolgerung. Eine Kausalität stellt auch Haneke her, wenn er Benny wieder und wieder die Tötung des Schweins anschauen lässt. Doch ganz so einfach ist die Geschichte dann doch nicht, das Problem ist komplexer, geht über das blosse Anschauen von Gewaltvideos hinaus.

Wobei Haneke dem Publikum nicht den Gefallen tut, alles genau erklären zu wollen. Sicher spielt es eine Rolle, dass die Eltern emotional distanziert und oft unterwegs sind. Dass die Familie über Geld verfügt und sich deshalb zu mehr berechtigt fühlt. Dass Benny wenig Kontakt zu anderen Menschen hat. Aber nichts davon reicht aus, in dem Verhalten bleibt immer das Rätsel. Es bleibt die Rat- und Hilflosigkeit. Denn auch wenn wir dem Jugendlichen die Kamera und den Fernseher wegnehmen würde, wie viel würde sich dadurch ändern? Wann ist er auf diese Schieflage geraten? Und weshalb?

Herrscher über Leben und Tod

Zumal die gezeigte Gewalt in dem Video nur ein Teil des Problems ist. Bennys Faszination für die Tötung ist nicht allein der Akt an sich, sondern wie er diesen per Knopfdruck reproduzieren, aber auch rückgängig machen kann – indem er zurück spult. Lebendig, tot, lebendig, tot. Ein Kukuckspiel mit tödlichen Folgen. Benny’s Video führt uns vor Augen, wie Bilder eine Realität abbilden, sie aber auch vorgeben können. Für den Jugendlichen werden sie so zu einem Ersatz für die Realität, das er selbst bestimmen und lenken kann, das ihm eine Macht verleiht, die er in Wirklichkeit nicht hat. Das Bedürfnis danach ist heute wie damals gegeben, Verbindungen zu Fake News oder Internet-Parallelgesellschaften drängen sich geradezu auf, in denen die Welt nach eigener Vorstellung rekreiert werden soll … und kann.

Dass der Film noch immer diese starke Wirkung hat, ist Haneke wie auch seinem Ensemble zu verdanken. Haneke selbst spielt mit den Bildern, wenn er beispielsweise gar nicht alles zeigt, was es zu zeigen gibt. Ausschnitte ersetzen Totale, vieles spielt sich abseits der Kamera ab, wo wir es als Publikum wieder zusammensetzen. Ein Kopfkino des Grauens, dessen Bilder wir nicht loswerden, selbst wenn es keine Bilder gibt. Und dann wäre da noch Arno Frisch, mit dem Haneke Jahre später in Funny Games erneut zusammenarbeitete. Obwohl sein Benny gar nicht so schrecklich viel tut, immer etwas passiv und lethargisch wirkt, ist seine Darstellung der Emotionslosigkeit so erschütternd und durchdringend, dass sie einen noch lange später verfolgen wird. Gerade weil hier nicht viel passiert, alles so ruhig, so nüchtern ist, wird das Drama zu einem Vorschlaghammer, der nicht spurlos an einem vorbeigeht.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Das Schloss

Österreich 1992 - 105 min.

Regie: Michael Haneke
Drehbuch: Michael Haneke
Darsteller: Arno Frisch, Angela Winkler, Ulrich Mühe
Produktion: Wega Film, Veit Heiduschka
Musik: Karl Schlifelner
Kamera: Christian Berger
Schnitt: Maria Homolkova

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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