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Beauty and the Dogs | Untergrund-Blättle

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Beauty and the Dogs Angst vor dieser Welt

Kultur

Ein unglaublich starker Film über eine unfassbar starke Frau, die sich trotz des Erlebten auf den Beinen hält und der ihr Glaube an Gott und damit an das Gute in der Welt die Kraft gibt, mit Weitblick zu agieren.

Die tunesische Filmregisseurin Kaouther Ben Hania (links) am Carthage Film Festival 2018.
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Die tunesische Filmregisseurin Kaouther Ben Hania (links) am Carthage Film Festival 2018. Foto: Houssem Abida (CC BY-SA 4.0 cropped)

23. Mai 2022
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Sie schürt ein ganz reales und immer noch aktuelles Feuer im Kampf für Gleichberechtigung, ruft auf fürs Aufrechtstehen für die eigenen Rechte und eine bessere Gesellschaft. Ein inspirierendes, wenn auch schwer verdauliches Werk mit grossem Schauspiel, intimem Storytelling und kraftvollen, grossartigen One-Shots, die regelrecht in ihren Bann ziehen.

Die junge Studentin Mariam (Mariam Al Ferjani) lebt fern ihrer Familie in einem Studentenwohnheim in Tunis. Als sie gemeinsam mit Kommilitoninnen und Kommilitonen eine illegale Party veranstaltet, lernt sie den geheimnisvollen Youssef kennen, mit dem sie die Party verlässt. Bei einem romantischen Spaziergang am Strand werden die beiden von drei Polizisten aufgehalten, die anschliessend Youssef in Handschellen legen und Mariam brutal im Polizeiwagen vergewaltigen. Als die beiden entkommen können und versuchen, den Fall zur Anzeige zu bringen, sehen sie sich einer komplexen Infrastruktur aus toxisch-männerdominierten Behörden, konservativ-frauenfeindlichen Gesellschaftsbildern und einem ungerechten Rechtssystem ausgeliefert. Es beginnt ein schmerzhafter Kampf um Gerechtigkeit, nicht nur für Mariam persönlich, sondern auch für einen wichtigen Präzedenzfall von Menschenrecht.

„So kann ich doch nicht ausgehen. Nicht in der Öffentlichkeit.“

Eine grosse, weisse „1.“ vor schwarzem Hintergrund. Augenkontakt mit Mariam. So startet der Film in seine erste Szene. Beatgesteuerte Clubmusik untermalt das allzu vertraute „Auffrischen“ von Make-Up vor dem Spiegel in der Frauentoilette. Mariam wirkt konzentriert und doch ausgelassen, wippt sie doch im Takt mit der dumpfen Musik aus dem Off. Ein erster Blick in das Leben einer jungen Studentin, die in einen farbenfrohen, ausgelassenen Abend startet.

Da Mariams Outfit, ein recht hoch verschlossenes, simples Kostüm für den Abend, einen Riss hat, bekommt sie von ihrer Freundin und Mitbewohnerin Najla einen Ersatz: Ein blaues, schulterfreies und tiefer ausgeschnittenes Kleid. Mariam scherzt, es sähe aus wie ein Nachthemd, als Najla ihr belustigt beim umständlichen Umziehen in das eng sitzende Kleid hilft. „So kann ich doch nicht ausgehen. Nicht in der Öffentlichkeit.“, sagt Mariam noch, als sie sich im Spiegel begutachtet, doch Najla versichert ihr, sie sieht wundervoll aus.

Spürbare Emotionen

Als sie wieder in den Club zurückkehren, klingelt Mariams Handy – ihr Vater ruft an. Dieser darf nicht wissen, dass sie gerade nicht fleissig für ihr Studium lernt, also ignoriert sie den Anruf. Sie will heute Nacht einfach etwas Spass haben, sich leicht fühlen, fern von ihrem eigentlichen Alltag, den Erwartungen und Wertungen der draussen lauernden Gesellschaft.

Regisseurin Kaouther Ben Hania überzeugt mit einem interessanten Konzept – die rätselhafte „1“ auf schwarzem Hintergrund kommt nicht allein, im Laufe des Films begegnen uns die Folgezahlen bis „9“. Jede markiert ein Kapitel in diesem stark inszenierten Film. Beeindruckend auch, dass beinahe jedes dieser Kapitel ohne einen Schnitt auskommt. Lange Kamerafahrten beschreiben die kühle und doch freundliche Stimmung im Club und begleiten gekonnt die weitere Reise durch die Nacht.

Mit der „2“ auf dem Bildschirm ändert sich die Stimmung des Films; Vorbei ist es mit der fröhlichen Stimmung einer schönen Nacht in Tunis, knüpfen wir doch direkt an das grauenhafte (Off-Screen-) Erlebnis der jungen Mariam an: Von Polizisten brutal vergewaltigt, als sie mit dem interessanten Youssef am Strand spazieren war. Wir finden uns plötzlich direkt in einer panischen Flucht vor den Tätern wieder, die Angst und Schmerzen sind zutiefst spürbar.

Was Mariam auf dem Weg durch die Nacht erlebt, weil sie, unterstützt von Youssef, die Täter auf rechtem Wege zur Strecke bringen will, ist ein nicht enden wollender Albtraum. Die wenigen, die helfen wollen, können nicht ohne vorher eingeleitete Ermittlungen der Polizei nach ihrer Anzeige – doch woher soll das Vertrauen in „Vater“ Staat kommen, wo gerade dessen kulturell-historische, frauenfeindliche Männlichkeit sie in diese grauenvolle Situation gebracht haben?

Ein Werk von grosser Relevanz

Dieser lose auf einem realen Ereignis basierende Film dreht sich nicht nur um Mariam und ihren Kampf für Gerechtigkeit, den sie beinahe völlig alleingelassen und hilflos aufnimmt – die Filmemacherin blickt über den Tellerrand ihres Werks hinaus, zeigt sie doch so viele Facetten des Frauseins in einer kaputten Gesellschaft. Als Mensch der westlichen Welt findet man überraschend leicht Zugang in dieses Storytelling, man entwickelt ein rasches Verständnis der erschreckenden Umstände in diesem Land, auch wenn es einem ferner scheint, als es tatsächlich ist: Zwar sind die kulturellen Umstände andere, das Rechtssystem (an manchen Stellen) besser und gerechter und doch geschehen Vergewaltigungen und sexuelle Misshandlungen genauso hier, werden teils auch gesellschaftlich toleriert oder unzureichend verfolgt bzw. deren Opfer nicht ernstgenommen. Bei der psychischen Nachsorge und auch der Prävention und Ursachenfindung solcher Situationen klafft auch in einem hochentwickelten Industrieland wie Deutschland immer noch eine grosse Lücke.

Angst vor dieser Welt

Gerade als Mann ist dieser Film beinahe ein Muss, beleuchtet er auch die Ängste aller Frauen vor der Öffentlichkeit, davor „zu aufreizend angezogen“ zu sein, zu spät draussen unterwegs zu sein und jemandes (eines Mannes) Interesse zu wecken und behandelt zu werden, als hätte sie mit ihrem Auftreten eine Misshandlung „erfleht“. Zustände, wie ein Mann sie nie erleben wird, sie nicht verstehen kann, aber dringlich sein Bestes versuchen muss, dies zu tun.

Sich in eine Frau hineinversetzen, nachts die Strassenseite wechseln oder langsamer zu gehen, um ihr keine Angst durch eine scheinbare Verfolgung zu machen, können ein Anfang sein – „aware“ durch das Leben gehen und Rücksicht nehmen und Verständnis haben.

Einer der haarsträubendsten Aspekte des Films ist dennoch die Tatsache, dass unsere auf Männlichkeit erbaute Welt nicht nur Männern falsche Werte und testosterongesteuerte Handlung beibringt, sondern auch Frauen nach ähnlichen Maximen handeln können – vielleicht nicht, weil sie es wollen, sondern eher, weil sie denken, dass sie es ohne die Toleranz des Macho-Machtgefüges nicht weit bringen können. Das geht dann sogar so weit, dass auch Frauen bei Misshandlungen wegschauen, im Strom des Patriarchats schwimmen und sexuelle Belästigung als Alltag akzeptieren – weil die Alternative dazu oft der schwerere, hoffnungslosere und einsamere Weg zu sein scheint.

Paul Siwasch
film-rezensionen.de

Beauty and the Dogs

Tunesien, Frankreich, Schweden, Libanon, Katar, Schweiz

2017

-

95 min.

Regie: Kaouther Ben Hania

Drehbuch: Kaouther Ben Hania

Darsteller: Mariam Al Ferjani, Ghanem Zrelli, Noomen Hamda, Mohamed Akkari

Produktion: Tanit Films

Musik: Amin Bouhafa

Kamera: Johan Holmquist

Schnitt: Nadia Ben Rachid

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