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Atomkraft Forever Ein Film, der weder Fragen stellt noch nach Antworten sucht

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Der Film ‚Atomkraft forever‘ lässt von der Titelgebung her offen, ob er sich ironisch versteht oder als Aussage begreift.

Luftbild vom Kernkraftwerk Gundremmingen.
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Bild: Luftbild vom Kernkraftwerk Gundremmingen. / Myratz (CC BY 3.0 cropped)

22. Juli 2021

22. 07. 2021

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Vermutlich ist er beides, denn derzeit wird, trotz des Atomausstieges in Deutschland, international fleissig weiter der Bau von Atomkraftwerken betrieben und an einer Verbesserung der Technik gearbeitet.

Regisseur Carsten Rau versucht nun eine Bestandsaufnahme zum Stand der Dinge, zu dem, was Anwohner, Betreiber, Entsorger, Verwalter und vereinzelt auch Gegner zum Thema zu sagen haben.

Los geht der Film in Greifswald, wo das AKW bereits 1991 still gelegt wurde und nun ‚rückgebaut‘ wird, bis 2080 ungefähr. Das heisst, es gibt schon klare Zielvorgaben, bis wann ein Abriss abgearbeitet sein soll, aber man weiss nie, was konkret an radioaktiver Belastung in so einem Betongebäude findet: immer wieder treffen die Arbeiter auf unvorhersehbare Risse, wo Material frühzeitig spröde oder durchlässig wurde, und es zu intensiver radioaktiver Verseuchung von Beton oder Stahl gekommen ist.

Dieser Abriss ist also eine Forschungsarbeit, bei der Erfahrungen gemacht werden, die eventuell helfen, andere Atomreaktoren leichter zu ‚sanieren‘. Vielleicht auch nicht, denn jedes AKW ist ein Einzelfall, mit unterschiedlicher Laufzeit und Strahlenbelastung im Baukörper. Wobei das grosse Problem beim Abriss nicht unbedingt die festen Materialien sind, die lassen sich in Container packen und verschweissen, sondern die flüchtigen, die radioaktiv belasteten Stäube und Flüssigkeiten, die dabei anfallen.

Ständig geht es darum, das diese nicht unvorhersehbar in die Welt entweichen und, ausserhalb des Kraftwerksgeländes, zu radioaktiver Belastung führen. Fest steht, dass sehr viel Abrissmaterial anfällt, dessen Radioaktivität während sorgfältiger Lagerung abklingen muss. Erst wenn die gefährlichste Strahlung abgeklungen ist, kann mit der Endlagerung begonnen werden. Dieses Endlager soll mindestens 500 Meter tief unter der Erdoberfläche liegen, denn bei 1 Millionen Jahren rechnet die Wissenschaft mit 10 Eiszeiten, die in dieser Zeit statt finden werden, und diese bringen 500 Meter Abrieb mit sich, so hat man erforscht.

Wie viel vulkanische Aktivität, wie viele Erdbeben in diesen 1 Millionen Jahren statt finden werden, weiss man nicht, das ist von Wissenschaftlern noch nicht erfasst. Natürlich soll auch das Grundwasser während dieses Zeitraumes vor radioaktiver Belastung geschützt werden. Das ganze Vorhaben ist also eine ‚work in Progress‘. Oder ein Tasten im Dunklen.

Von Greifswald nun wandert der Film nach Gundremmingen, wo sich die Menschen seit der Erbauung an ihr atomares Kraftwerkes gut gewöhnt haben. Die dampfenden Kühltürme sind für sie ein Stück Heimat geworden, und sie finden die Abschaltung des Kraftwerkes nicht so schön, da geht ihnen ein Stück Heimat verloren. Ausserdem hat die ganze Gemeinde dort gearbeitet, der Hotelbetrieb hat durch die Fremdarbeiter bei den regelmässigen Sanierungsphasen kräftig Gewinne eingebracht, und die Gemeinde hat aus den Steuern, die das Kraftwerk zahlte, in die Infrastruktur investieren können.

Davon zeugt das neue Rathaus, das neue Sportzentrum, und der neue Sportplatz. Das es im dortigen Block A 1977 zu einem Unfall kam, der einen Totalschaden hervorgerufen hat, und so der Block (nur B und C gingen in Betrieb) nie ans Netz ging, wird im Film gar nicht erwähnt. Scheinbar wissen dies die dortigen Bewohner auch schon nicht mehr, oder sie haben sich dran gewöhnt, oder es ist eh egal, ist ja ‚nix passiert‘. Oder der Film will dies nicht thematisieren.

Danach geht die filmische Reise nach Brauweiler, in dem sich die ‚Systemführung Netze‘ befindet, also sämtlicher in Europa produzierter Strom organisatorisch verteilt wird. Hier hat man Befürchtungen, das es schwierig wird mit der Netzstabilität ohne Atomkraft. Danach wendet sich der Film nach Cadarache, wo die französische Atomindustrie an der Perfektionierung ihrer nuklearen Energiegewinnung arbeitet. Offenbar gehen Unsummen an Forschungsgelder in die Entwicklung von verbesserter Ausbeute der Brennstäbe, was eine Forschung bedeutet, die nur unter Hochsicherheitsstandards erfolgen kann, denn das Forschungsfeld ist „ausgesprochen gefährlich“.

Es wird an den Problemen der nicht sehr gut verwerteten Brennstäbe und der Steuerbarkeit der Atomkraftwerke geforscht, weil die AKWʼs gut für Grundlast sind, aber schlecht rauf und runter gefahren werden können, wenn Netzschwankungen eintreten. Was ja eine der grossen Kritikgründe am Betrieb der AkWʼs überhaupt ist: Sie sind gut für Grundlast, taugen aber nicht dazu, den sehr unterschiedlichen Bedarf an Strom zu erzeugen. Andererseits ist die französische Atomindustrie ausgesprochen wütend darauf, das Deutschland aus der Atomkraft aussteigt: dies ist ein wichtiges wirtschaftliches Argument gegen diesen Industriezweig.

Und schliesslich schweift der Film ‚Atomkraft forever‘ zur Bundesgesellschaft für Endlagerung ab, die verwalterisch damit beschäftigt ist, Endlager zu finden, die eine Millionen Jahre an Eiszeiten, Vulkanausbrüchen, Erdbeben und Überflutungen überstehen. Wobei derzeit unklar ist, wie lang die Castoren, in denen das stark strahlende Material zwischen lagert um abzuklingen, länger als 40 Jahre halten. Dafür sind sie ausgelegt. Und was eben mit diesen Castoren geschehen muss, nachdem diese 40 Jahre vergangen sind?

Niemand kann voraus sagen, wie die innere Radioaktivität auf den Behälter wirkt. Von aussen hält man sich besser von diesen fern, sie sind recht warm und strahlen stark. Im Zwischenlager sind sie in einer mässig dick gebauten Industriehalle untergebracht, die sie vor Regen schützt, und wo sie unter Beobachtung stehen. Gorleben jedenfalls ist als angedachtes Endlager gescheitert, dafür sind „dessen geologische Bedingungen zu schlecht.“

Der Film hängt diese Informationen alle hintereinander, und lässt den Verantwortlichen und direkt Betroffenen und Mitwirkenden viel Raum, ihre Sicht der Dinge dar zu legen. Dass es Widerstand gegen Atomkraft gab und gibt, dass die Förderung von Uranerz eine wirklich umweltzerstörerische Schandtat ist, dass ein staatlich kontrolliertes Lager wie ‚Schachtanlage Asse‘ ein umweltpolitischer Skandal ist und den Glauben an die Seriosität staatlicher Kontrolle doch wirklich in Frage stellt, das alles findet in diesem Film nicht statt. Gut, Fukushima wird erwähnt.

Trotzdem ist dies ein Film, der weder offensichtlich Fragen stellt noch nach Antworten sucht, sondern sehr meinungsoffen ist. Und auch ein Film über eine Welt, die an der Atomkraft partizipieren, und ein Interesse daran haben, dass diese weiter existiert. Und eben die Risiken ignoriert.

M. Freerix

Atomkraft Forever

Deutschland

2021

-

94 min.

Regie: Carsten Rau

Drehbuch: Carsten Rau

Musik: Ketan Bhatti, Vivan Bhatti

Kamera: Andrzej Król

Schnitt: Stephan Haase

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