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Ali Spuren zu Muhammad Ali

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Michael Mann wagte sich 2001 an die „Boxlegende“ Muhammad Ali, dessen Leben zwischen seinem ersten Aufstieg zum Weltmeister 1964 und seinem Comeback gegen George Foreman in Zaire 1974 im Mittelpunkt des zweieinhalbstündigen Films steht.

Muhammad Ali, 1966.
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Bild: Muhammad Ali, 1966. / Autor unbekannt - Dutch National Archives (CC BY-SA 3.0 cropped)

20. Februar 2021

20. 02. 2021

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Während der „Filmdienst“ Manns Streifen „akuten Mangel an historischer Detailinformation und filmischer Spontaneität“ bescheinigt und besonders im zweiten Teil „entdramatisierte, bis zur Langeweile überdehnte Momentaufnahmen“ bemängelt, analysiert die „Süddeutsche Zeitung“ die vermeintlichen Motive Manns, den die Enthüllung des „wahren Alis“ nicht liefere, „weil Mann an dieses Konzept nicht glaube“, sondern an „Sounds, an Bewegung, an Schnitte“. Der „Tagesspiegel“ meint, Mann habe die Wandlung des Boxers vom „unterschätzten Boxtalent zur politischen Leitfigur rekonstruieren“ wollen. Das sei Mann jedoch nicht gelungen, da der Regisseur zu ängstlich und unkritisch mit der Figur Muhammad Ali umgegangen sei.

Cassius Clay scheint zu wissen, was er will. Was er will, das ist er: The Champ. 1964 steigt er in den Ring und besiegt den bis dato unbesiegten Sonny Liston (Michael Bentt). Clay ist Boxweltmeister im Schwergewicht. Clay, angefeuert von seiner Familie, vor allem seinem Vater (Giancarlo Esposito), unterstützt von seinem Trainer Angelo Dundee (Ron Silver), seiner „rechten Hand“ Drew „Bandini“ Brown (Jamie Foxx) und Howard Bingham (Jeffrey Wright), ist mit dem neben Martin Luther King wohl bekanntesten schwarzen Bürgerrechtler, der mehr als ein Bürgerrechtler war, Malcolm X (Mario Van Peebles) befreundet. Malcolm X ist Mitglied der „Nation of Islam“, die nach dem Sieg über Liston auch Clay aufnimmt. Von nun an nennt er sich auf Geheiss der Nation Muhammad Ali und bekennt sich öffentlich zum Islam.

Nicht nur das: Als die Einberufung zur US-Army ansteht, äussert sich Ali öffentlich gegen den Vietnam-Krieg. Als er von Reportern gefragt wird, was er vom Vietcong halte, erwidert Ali: Warum solle er gegen Leute kämpfen, die ihm nichts getan haben. „Kein Vietcong hat mich jemals Nigger genannt.“

Das alles hat Folgen: Nicht nur, dass Ali wegen seiner Kriegsdienstverweigerung fünf Jahre Haft drohen, zu denen er verurteilt wird, und vom CIA beobachtet wird. Auch die Boxverbände in den Bundesstaaten arbeiten daran, ihm die Lizenz zu entziehen. Alis Karriere als Boxer scheint besiegelt, seine finanzielle Situation wird immer kritischer. Sein Anwalt Eskridge (Joe Morton) will bis zum Obersten Gerichtshof gehen, um Alis Verurteilung zu kippen. Auch sein weisser Freund, der ABC-Journalist Howard Cosell (Jon Voight), der alles für ihn tun würde, ist machtlos. Als Malcolm X auf einer öffentlichen Veranstaltung ermordet wird, scheint Ali endgültig am Boden zerstört.

Ali gibt nicht auf. Der Oberste Gerichtshof spricht ihn einstimmig frei. Erst jetzt will ihn die „Nation of Islam“ wieder aufnehmen, die ihn zuvor – nach der Verurteilung und dem Entzug der Lizenz – ausgestossen hatte. Und er gibt auch nicht klein bei, nachdem er 1971 den Kampf gegen Schwergewichtsboxweltmeister Joe Frazier (James Toney) verliert. 1974 besiegt er Frazier. Kurz danach geht er gegen den jüngeren, unbesiegten George Foreman (Charles Shufford) in Kinshasa (Zaire) in den Ring ...

Manns Inszenierung ist Geschmackssache, sie wird nicht jedem gefallen. Er erzählt in Skizzen, arbeitet mit Brüchen und vehement gegen eine psychologisierende Form von Erzählung, entzieht sich einer Methode kausaler Wirkungslogik. Als Ali im Fernsehen von der Ermordung Martin Luther Kings erfährt, durchkreuzt Mann jegliche Erwartungshaltung: Kein Wort fällt. Keine Erklärung, kein Protest. Es geschieht.

Filmtechnisch heisst dies: Mann setzt auf Zooms, spielt mit Schärfen und Unschärfen. Manchmal erscheinen die Aufnahmen wie Bilder, die auf Demonstrationen, Tumulten oder ähnlichem mit der Handkamera gedreht wurden. Die Kamera wechselt zwischen Bildern in gewohnter Perspektive und anderen, in denen alles „verschoben“ scheint, in denen der Hintergrund im Vordergrund steht, die Person im Vordergrund nur teilweise zu sehen ist. Auch die meinem Gefühl nach grossartig inszenierten Kämpfe im Ring passen sich in diese Art zu drehen ein. Die Grundsätze des Dramas werden immer wieder durchbrochen, einzelne Handlungsstränge abrupt durchbrochen.

Mann arbeitet mit schnellen Szenenwechseln. Der Film „befindet“ sich nicht in der Handlung, sondern kreist um einzelne Lebensstationen, ohne sich in sie im üblichen Sinne hinein zu begeben. Dabei handelt es sich weniger um eine Art Patchwork-Konstruktion, sondern eher um den Versuch, durch das Kreisen um die Erlebnisse Alis eine Art Multiperspektive zu erzeugen, die eben keine Wahrheiten über den Boxer verkündet, sondern es völlig dem Publikum überlässt, Schlüsse zu ziehen. Das beginnt schon in einer der ersten Szenen, wenn Sam Cooke vor begeistertem Publikum seinen mitreissenden Soul in einem Club zum besten gibt. Diese Szene wird immer wieder durchbrochen von anderen Ereignissen, Pressekonferenzen, Kampf im Ring, Training.

Allerdings wird diese Art des „Heraushaltens“ aus Psychologie und Logik durch einen eben auch vorhandenen roten Faden in Manns Dramaturgie konterkariert. Manns Kino setzt auf die Erfahrungen von Menschen, die, wie der Filmkritiker Jean-Baptiste Thoret geschrieben hat, „wenn sie älter werden und von der Zeit gezeichnet sind (von der Geschichte des Kinos wie von jener der USA), direkt oder im Nachhall eines Schlages einen Schock erleiden, der einen Riss erzeugt, mit dem ihre Melancholie beginnt“.

Nach „aussen“ ist Ali der Champ, fühlt sich permanent als der Champ, will der Champ sein – alles in einem. Ali kämpft und so paradox das klingen mag: im wesentlichen allein. Mann zeichnet Muhammad Ali als Einzelgänger, als einsamen Wolf, der nicht nur gegen seine Gegner boxt, sondern gegen sich selbst in den Ring zieht: „to be the champ I want to be, not what you want me to be“. Ali kämpft sich gegen andere und sich selbst durchs Leben, ohne zu wissen, wo er landet. Das bestimmt auch sein Verhältnis zu Frauen: dreimal verheiratet, ungebunden, „flüchtig“.

Mann geht nicht in die Tiefe, was für so manchen Zuschauer sicher als störend empfunden wird. Aber Mann arbeitet nur gegen eine gewohnte Art von „Tiefe“. Die Bilder von Kameramann Emmanuel Lubezki gleiten über die Ereignisse wie über die Oberfläche der Geschichte, ohne in sie hineinzustossen. Bei diesem „Flug“ sammelt Mann sein Material, ordnet es entsprechend seinem „roten Faden“ und überlässt es uns, was mir damit anfangen. Die Bilder fliessen und fliessen, für manche offenbar ermüdend. Mich haben die 156 Minuten nicht ein einziges Mal gelangweilt.

Will Smith – hier einmal nicht Komödiant – ist nicht Muhammad Ali. Auch das wurde dem Film vorgeworfen. Will Smith – so grossartig er spiele – sei nicht Ali. Richtig. Welche Erwartungen stehen hinter solchen Aussagen? Der Wunsch nach einer 1:1-Kopie? Nach einer Art filmischer Dokumentation über den grössten Boxer aller Zeiten? Was Will Smith gelingt, ist eine Annäherung an die Person Alis, eine „Umkreisung“ der Person des Boxers. Und das gelingt ihm meinem Gefühl nach hervorragend. Im Gegenteil halte ich es für sehr überzeugend, dass reale Person und Filmfigur nicht in eins gesetzt werden (können). Das fördert das Interesse an der realen Person. Manns Verzicht darauf, sich einer Lebens-Dokumentation hinzugeben oder zu psychologisieren, ist die grosse Chance, die dieser Film selbst eröffnet: Sich mit Ali zu beschäftigen.

Ein Lob auch an Jon Voight, der den TV-Reporter Cosell überzeugend spielt, ebenso an die drei Schauspielerinnen Jada Pinkett Smith, Nona M. Gaye (die Tochter Marvin Gayes) und Michael Michele, die die drei Frauen Alis verkörpern, ebenso an die Musik.

Ungewohntes Kino, überraschenderweise kein Hollywood-Mainstream, Kino gegen Erwartungshaltungen. Wahrscheinlich stehe ich mit dieser Meinung zu „Ali“ fast gänzlich allein. Ein überzeugender Will Smith, der monatelang für den Job trainierte; und auch wenn Boxfans das eine oder andere an den Kampfszenen im Ring zu bemängeln haben (die übrigens nicht den Film beherrschen, wie einige Filmkritiker meinen), erscheint Boxen nach diesem Film in einem doch etwas anderen Licht.

Alle wollen offenbar wissen, was hinter dem vermeintlichen „Grossmaul“ und „mediengeilen“ Boxer Muhammad Ali steckt. Mann liefert Spuren.

Ulrich Behrens

Ali

USA

2001

-

157 min.



Regie: Michael Mann

Drehbuch: Stephen J. Rivele, Christopher Wilkinson, Eric Roth, Michael Mann

Darsteller: Will Smith, Jamie Foxx, Jon Voight

Produktion: Paul Ardaji, A. Kitman Ho, James Lassiter, Michael Mann, Jon Peters

Musik: Pieter Bourke, Lisa Gerrard

Kamera: Emmanuel Lubezki

Schnitt: William Goldenberg, Lynzee Klingman, Stephen E. Rivkin, Stuart Waks

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