UB-Logo Online Magazin
Untergrund-Blättle

Fehlfarben: Anders geblieben | Untergrund-Blättle

Kultur

Fehlfarben mit neuer CD: «Xenophonie» Anders geblieben

Kultur

Punk steht hier für den ursprünglichen, subversiv-situationistischen Sinn in der Tradition von Malcolm McLaren und John Lydon.

KonzertFoto von Fehlfarben beim Würzburger Hafensommer am 7.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Konzert-Foto von Fehlfarben beim Würzburger Hafensommer am 7. August 2010. / Ulf Cronenberg (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

18. September 2012

18. Sep. 2012

0
0

4 min.

Korrektur
Drucken
Peter Hein, ihr Sänger, hatte sich gleich zu Beginn, kurz nachdem ihr Erstlingswerk "Monarchie und Alltag" mit dem späteren Hausbesetzungs- und Demo-Song "Es geht voran" heraus kam und ein kommerzieller Erfolg drohte, abgesetzt - wider alle Erwartungen von Band, Publikum, Plattenfirma und Tournee-Veranstalter. Und dies, um bei Rank Xerox tatsächlich vom Kopieren zu leben. Heute hängt Peter Hein das Frühwerk nicht mehr länger wie ein Mühlstein am Hals.

Das mag daran liegen, dass, wie er mir sagte, die "Schweine", gemeint ist sein ehemaliger Arbeitgeber, ihn entsorgt hätten. Im besten rheinländischen Dialekt zieht er inzwischen das humorige Fazit: "Ja, gelernt ist gelernt, wir hatten gute Vorbilder, das waren die Strassenkämpfer von damals, denen wir gute Unterhaltungsmusik geliefert haben."

Im Mai haben Fehlfarben mit "Xenophonie" eine neue CD veröffentlicht. Auf ihr hält uns Peter Hein und sich selbst energisch, mal wütend, mal lakonisch und sarkastisch, aber immer irgendwie liebevoll einen Spiegel des Hier und Jetzt vor. Wenn McLaren die Parole des "Cash from Chaos" ausgab und vom "hochromantischen Charme des Scheiterns" sprach, dann erklärt Peter Hein den Klassenfeind zu seinem besten Freund. Ein klassisch-situationistisches Détournement.

Peter Hein entzieht sich oberflächlichen, scheinbar widerspruchslosen Revolteposen, wenn er sich "als Analysten und Anarchisten, den die Welt vergisst" bezeichnet. So in dem Song "Bundesagentur", in dem es weiter heisst: "Ich bin Anti-Anti-Ist, ich bin ein Ich-Ist, dem nicht zu helfen ist."

Reflex seiner Erkenntnis, dass in der Revolte vieles falsch laufen kann.

Peter Hein: "Zugleich ist nicht alles, was versucht wird gegen die Scheisse zu tun, deswegen nicht auch beschissen. Letztlich wird es wahrscheinlich so sein: irgendwas ist immer und gegen irgendetwas kann man dann auch wieder sein. Wenn man da nur drüber nachdenkt, würde man wahrscheinlich rammdösig und depressiv, würde das Fenster verhüllen und nicht mehr rausgehen." Aber darauf habe er keine Lust und denke sich: "Dann lass uns doch irgendwie über manche Sachen lustig machen. Aber nicht zotig oder comedymässig."

Genau das macht die Intensität der Songs von "Xenophonie" aus, in denen Peter Hein die immer beschissener werdende gesellschaftliche und persönliche ökonomische Realität und auch die Verantwortlichen sowie nicht zuletzt sich selber benennt. Auf der Bühne gelingt Fehlfarben eine ungemein druckvoll-intensive Performance, die wieder Lust macht, den Punk neu zu hören und, das muss jede und jeder für sich bestimmen, noch widerspruchsstärker zu leben!

KP Flügel
RICHTIG IN FALSCH (NFS)

Ich sehe dem Feind zum Fenster rein
Ich sehe ein Arbeitsplatz könnte überflüssig sein
Ich sehe nur eine arme Sau
Chef, Kollegen, Finanzamt
Anwalt seiner Frau
Ich höre nach ein paar Verkäufen gerne Lob
Ich höre viel lieber, du machst einen guten Job
Ich höre noch viel öfter als ich brauchen kann
Kennen Sie einen guten Mann Strich Frau?

Der Widerspruch, der Widerspruch, der Widerspruch tut jedem Leben gut
Im Widerspruch, im Widerspruch, da lebt es sich noch mal so gut

Ich höre bei der Arbeit, die es noch gibt, den ganzen Tag Musik
Ich höre im Meeting nichts als Lob, nie Kritik
Ich höre von allen Freunden, Mensch hast du es gut
Key Account, Sanierung, Budget Leveling brauchen Mut
Ich sehe meinen Lieblingssklaventreiber nicht
Ich sehe eh nur noch in wenigen Fenstern Licht
Ich sehe es wieder, was der Angestellte will
Freitags um Zwei steht Europa still


Der Widerspruch, der Widerspruch, der Widerspruch tut jedem Leben gut
Im Widerspruch, im Widerspruch, da lebt es sich noch mal so gut

Ich lebe vom Geld, das niemand hat
Ich lebe zum Glück in der Goldenen Stadt
Ich lebe nur noch für die Einreichung
Ideen, Projekte und Jury
Wettbewerb hält jung
Ich lebe, weil ich lebe, gerne hier mit Dir
Ich lebe noch trotz allem durch die Hintertür
Ich lebe in der besten Zeit, wie sie mir taugt
Ich war selber Feind, hab Freunde ausgesaugt


Der Widerspruch, der Widerspruch, der Widerspruch tut jedem Leben gut
Im Widerspruch, im Widerspruch, da lebt es sich noch mal so gut

Der Klassenfeind, das ist mein Freund
Der Klassenfeind, mein bester Freund
Der Widerspruch, der Widerspruch, der Widerspruch tut jedem Leben gut

Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 370, Sommer 2012, www.graswurzel.net

Mehr zum Thema...

Malcolm Mclaren und der Fabulous Car.
Die Umwertung der Werte in der KulturindustrieMalcolm McLaren: Ein Leben als Provokation

25.06.2010

- Malcolm Edwards, besser bekannt als Malcolm McLaren, ist am 8. April 2010 in einem Schweizer Hospital an Krebs gestorben. Er wurde nur 64 Jahre alt.

mehr...
Die Berliner Undergroundband Mania D im September 1979 auf dem Teufelberg in Berlin.
Filmkritik: Tod den Hippies – Es lebe der Punk!Als Film Scheisse, als Punkfilm völlige Scheisse

30.03.2015

- Mit „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“, der seit vergangenem Donnerstag in Kino läuft, soll Regisseur Oskar Roehler ein teilautobiographisches Stück seiner Jugend als Punk in Westberlin verfilmt haben.

mehr...
John Lydon im Hammersmith Odean in London, 2008.
Interview mit John Lydon (Johnny Rotten)„Leider wurde das Punk-Manifest ohne meine Zustimmung geschrieben“

16.06.2016

- John Lydon über die Vorteile des Alterns, Lampenfieber vor dem Konzertauftritt, Klischeebands und ihre Klischeefans, das Verbrennen von Sex-Pistols-Souvenirs und die Weltpolitik.

mehr...

Aktueller Termin in München

Prekäre Arbeitswelten – Von digitalen Tagelöhnern bis zur Generation Praktikum

Leiharbeit, Werkverträge, Minijobs, Befristungen – fast 40 Prozent der Beschäftigten in Deutschland arbeiten inzwischen in diesen oder anderen prekären Arbeitsverhältnissen. Für die Betroffenen heisst das häufig niedrige Löhne, ...

Dienstag, 17. September 2019 - 18:00

Gewerkschaftshaus München (DGB-Haus), Schwanthalerstr. 64, München

Event in Hamburg

Earsnail 耳蜗

Dienstag, 17. September 2019
- 19:30 -

Gängeviertel


Hamburg

Mehr auf UB online...

Trap