UB-LogoOnline MagazinUntergrund-Blättle

Zur Kritik der Utopie | Untergrund-Blättle

2885

gesellschaft

ub_article

Gesellschaft

Utopisches Denken als ‚subjektiver Faktor‘ Zur Kritik der Utopie

Gesellschaft

Als „Utopie“ wird gerne alles denunziert, was der Einrichtung der Welt widerspricht wie sie heute ist. Mit der ganzen Wucht der „Realität“ wird sich auf Notwendigkeiten berufen, manches Mal gleich auf die „Menschennatur“, die anderes nicht zulasse.

13. Januar 2016

13. 01. 2016

2
0

3 min.

Korrektur
Drucken
Wo die Anklage auf „Utopie“ lautet, stützt sich die Beweisführung noch stets auf unabänderliche Zwänge, die sich wie Naturgesetze nicht ausser Kraft setzen lassen. Mit dieser Verleumdung von Standpunkten als unpassend zur dieser Realität soll die folgende Kritik der Utopie nicht verwechselt werden.

Zur Kritik des utopischen Denkens

Gegen die frommen Wünsche und Träume von einer besseren Welt wird die Wissenschaft gesetzt, die mit Kenntnissen antritt. Die Kenntnisse betreffen eherne Notwendigkeiten, an denen sich blosse Absichten blamieren. Deshalb lohnt es sich allemal, die behaupteten Kenntnisse auf ihre Stichhaltigkeit hin zu begutachten. Und deshalb ist es grundverkehrt, sich auf seine „Phantasie“ zurückzuziehen und mehr oder minder stolz seine Fähigkeit zu utopischem Denken zur Schau zu stellen. Mit dieser Kunst, sich manches oder gar alles ganz anders vorzustellen, ist es nämlich soweit gar nicht her. Wer die Welt nämlich verändern will und seinen Bedürfnissen entsprechend einrichten, der muss verstehen wie sie funktioniert und wissen, welche Gegnerschaft er sich mit diesem Projekt einhandelt.

Die Übung, theoretisch alles ungeschehen zu machen oder wenigstens halb so schlimm, ist in Kunst und Religion seit Jahrhunderten schwer in Mode – und als erbauliche Begleitmusik wird sie von jeher von den Machern der Wirklichkeit geschätzt und genossen. Das aller Utopie innewohnende Bekenntnis, mit der Einbildungskraft die Lasten des jeweils praktizierten Geschäfts zu überwinden, also in der Möglichkeitsform da zu sein, wo noch niemand war, macht ihren Genuss so bequem. Da, wo solches Bekenntnis Programme setzen will, wird es nicht minder bequem für untauglich erklärt, eben mit dem „Realismus“, der weiss, dass für wirtschaftliche und politische Belange noch lange nicht zählt, was das Gemüt beflügelt.

Utopisches Denken als ‚subjektiver Faktor‘

Alexander Neupert betont in seinem Buch über Utopien, dass das utopische Denken nicht zuletzt als Korrektiv gegen einen Marxismus notwendig ist, der im Namen der Wissenschaft argumentiert hat. Die Behauptung dieser wissenschaftlichen Sozialisten: die Geschichte werde schon von alleine zum Sozialismus finden. Das utopische Denken betone den ‚subjektiven Faktor‘ und mobilisiere daher den Willen der Leute, sei daher das richtige Gegengift.

Sich im Einklang mit einer selbständig waltenden historischen Tendenz zu befinden, erinnert aber mehr an die Weltanschauung von Anpassungskünstlern denn an Revolutionäre. Wenn sich wissenschaftliche Sozialisten in die Phantasie retten, „die Geschichte“ sei auf ihrer Seite, dann muss dieses Denken nicht durch noch mehr Phantasie, also „utopisches Denken“ korrigiert werden, sondern schlicht kritisiert. „Die Geschichte“ ist eben auf niemandens Seite, denn sie ist gar kein Subjekt das handelt. Marx, dem Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, war das auch klar: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte“

Es kommt also weniger darauf an, die Wissenschaft noch um die Utopie zu ergänzen, sondern kritisch zu prüfen, ob viele linke „Weisheiten“ tatsächlich etwas mit Wissenschaft zu tun haben.

Dass zur Wissenschaft noch Phantasie kommen müsste, damit die Menschen auch einen Willen zum Sozialismus entwickeln ist ein Gerücht: Der Wille, etwas an seiner schlechten Lage zu ändern ist überhaupt die Grundvoraussetzung dafür, sich mit der Erklärung der Welt zu beschäftigen. Warum sonst, wenn nicht um etwas zu ändern, sollte man sich die Mühe machen und verstehen wollen, wie die Welt heute funktioniert? Der „subjektive Faktor“ kommt vom eigenen Interesse, dass in dieser Gesellschaft ständig unter die Räder gerät – damit sich dieser Wille dann auch dem richtigen Programm widmet um die Welt aus den Angeln zu heben braucht es die Wissenschaft.

Berthold Beimler

Mehr zum Thema...
Published with the permission of VGB Power Tech GmbH Germany Weblink: http:www.vgb.orghome.html
Vom Roman zur DenkfigurPeter Schadt im Gespräch mit dem „Utopie“-Autor Alexander Neupert-Doppler

09.09.2015

- Im Stuttgarter Schmetterling Verlag ist soeben ein ein neues Werk erschienen: „Utopie. Vom Roman zur Denkfigur“. Für Peter Schadt Anlass und Grund genug den Autor Alexander Neupert-Doppler zu interviewen.

mehr...
Polytechnisches Museum in Moskau.
Utopie jenseits von Verbot und WunschtraumKategoriale Utopietheorie

25.02.2019

- Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Buch „Kapitalismus aufheben. Eine Einladung, über Utopie und Transformation neu nachzudenken“, erschienen im VSA-Verlag. Das Buch ist online frei erhältlich unter commonism.us.

mehr...
Luis Argerich
Theorie zwischen Ratio und RationalisierungAkademisierung der Kritik?

15.02.2014

- Der folgende Artikel hält sich nicht an die Spielregeln akademischen Schreibens. Die Sprache ist so kompliziert, wie sie sein muss. Ich zitiere aus dem Gedächtnis, gebe keine Quellen an und es gibt auch keine Fussnoten.

mehr...
Träumt weiter! Visionen für ein Gutes Leben

24.06.2019 - Wir schreiben das Jahr 1516. Aus europäischer Sicht war es gerade mal 24 Jahre her, dass Amerika entdeckt wurde. Die reisserischen Reiseberichte von ...

An das utopische Begehren erinnern: Andreas Spechtl zur neuen Platte von Ja, Panik

27.01.2014 - Es ist der Mangel der Gegenwart, die schäbige gesellschaftliche Wirklichkeit, die das Begehren nach dem ganz Anderen motiviert. Es ist die Utopie als die ...

Dossier: Klimawandel
Propaganda
3eni (  colored)

Aktueller Termin in Amsterdam

Climate Justice Voku X Block Bayer

Yet again ???????????????????? invites you to be a part of the monthly climate justice voku at De Fabrieks Volkskamer.As always we will share a ???????????????????????????????????? ???????????????? (3 courses €6) before we go into the ...

Freitag, 29. Mai 2020 - 14:30

ASEED, Plantage Doklaan 12A, 1018 Amsterdam

Event in Gelsenkirchen

I WANT POETRY

Freitag, 29. Mai 2020
- 19:00 -

Wohnzimmer Gelsenkirchen

Wilhelminenstraße 174b

45881 Gelsenkirchen

Mehr auf UB online...

Trap
Untergrund-Blättle