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Sinnstifter Kornkreis | Untergrund-Blättle

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Negative Dialektik Sinnstifter Kornkreis

Gesellschaft

“Leben, das Sinn hätte, fragte nicht danach” (1) schrieb einmal Adorno – und zeigt sich damit von seiner philosophischen Seite, die er in seinen besten Momenten hinter sich liess.

Luftaufnahme eines Kornkreises in Diessenhofen.
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Luftaufnahme eines Kornkreises in Diessenhofen. Foto: Hansueli Krapf (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

6. August 2014
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Korrektur
Denn die Frage nach einem Sinn des Lebens ist an sich schon der ganze Fehler. Wer sich einen Sinn des Lebens imaginiert, der sucht jenseits seiner Interessen und Bedürfnisse nach etwas Höherem. Die Suche nach dem Sinn entpuppt sich so schnell als devote Lebensanschauung von Christenmenschen, Muselmännern und ihren atheistischen Adepten, die sich ein Leben ganz ohne Herren und höhere Zweckgebung nur als sinnlos vorstellen können – und das als vernichtendes Urteil über sich begreifen.

Das jede Dödelei herhalten kann um sich einen himmlischen Plan zurecht zu lügen für welchen das eigene Leben nur ein Bauer in den unergründlichen Wegen des Herrn ist, zeigt uns auch der Spiegel: “Ausserirdische wollten den Erdenbürgern ihre Liebe zeigen. Ein Kornkreis in einem Feld in Bayern zieht Esoterikanhänger aus dem gesamten deutschsprachigen Raum an. Tausende sind seit Bekanntwerden des Gebildes vor einer Woche nach Raisting in Oberbayern gekommen, um das aus mehreren Ringen bestehende Ornament mit einem Durchmesser von rund 75 Metern zu bestaunen.” (2)

Im Zweifel taugt eben auch ein Kornkreis dafür, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben. Diese geistige Knechtshaltung interpretiert jede Beschädigung des eigenen Lebens kurzerhand um und gibt ihr einen höheren Sinn, wieso die Sinnfragenden auch für alles zu haben sind, ausser einer radikalen Kritik eben der Gründe ihrer Beschädigung. Wer einen Sinn darin sucht, hinter dem Fliessband für die vollen Taschen der Herrschenden vernutzt zu werden oder von einer Krankheit dahingerafft zu werden, der ist eben ganz weit weg davon, seine Lage zu kritisieren.

Und weil die Linksradikalen über Kornkreisspinner eh nur lachen - noch eine Polemik gegen ihre ganz eigene Art der Sinnstiftung: Wo mit Histomat noch jeder Widerlichkeit der höhere Sinn zuerkannt wird, auf dem Weg zum Kommunismus “notwendig” zu sein als “Übergang”, dem ist nur mit Horkheimer zu antworten: “Dass die Geschichte eine bessere Gesellschaft aus einer weniger guten verwirklicht hat, dass sie eine noch bessere in ihrem Verlauf verwirklichen kann, ist eine Tatsache; aber eine andere Tatsache ist es, dass der Weg der Geschichte über das Leiden und Elend der Individuen führt. Zwischen diesen beiden Tatsachen gibt eine Reihe von erklärenden Zusammenhängen, aber keinen rechtfertigenden Sinn.” (3)

Berthold Beimler

Fussnoten:

(1) Negative Dialektik, 369

(2) http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/kornkreise-esoterik-anhaenger-pilgern-nach-weilheim-in-bayern-a-983511.html

(3) GS 2 – 249

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