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Der Soziologe Robert King Merton Zum wissenschaftstheoretischen Leitkonzept unvorhergesehene Handlungsfolgen

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Robert King Merton (1910-2003; folgend RKM) war ein wirkmächtiger US-amerikanischer Soziologe1.

Robert K.
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Bild: Robert K. Merton , Juli 1965. / Eric Koch - Anefo (PD)

24. April 2020

24. 04. 2020

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Er gilt im deutschen Sprachraum als Klassiker.2 Sein oft nachgedruckter, übersetzter und verbreiteter Leitaufsatz erschien 1936.3 Er sprach ein Kernproblem aller handlungsbezogenen Soziologie als unanticipated consequences of purposive social action – unvorhergesehene Handlungsfolgen – an, verdeutlichte verschiedene empirisch beobachtbare Handlungsfolgen, vor allem als Nutzen für ein bestehendes soziales System – als Dysfunktion Konterfunktionales und als Nichtfunktion Nonfunktionales – und diskutierte als indendiert (beabsichtigt) und percipiert (wahrgenommen) zwei Hauptformen von Handlungsfolgen: manifeste Funktionen, die zur Anpassung eines sozialen Systems beitragen und von Beteiligten / Akteuren sowohl beabsichtigt als auch wahrgenommen werden; und latente Funktionen, die von Akteuren weder beabsichtigt noch wahrgenommen, mithin ignoriert werden.

Von Erkenntnisinteresse sind entsprechend des Aufklärungsansspruchs sozialwissen-schaftlicher Aufklärung, gesellschaftlich „Unsichtbares sichtbar [zu] machen“ (Marie Jahoda), vor allem latente, also nicht offen sichtbare, gleichwohl wirksame Funktionen: Was latente Funktionen in ihrer verdeckten Funktionalität mit so unbeabsichtigten wie unerkannten - zugleich paradoxen - Handlungsfolgen unter vorgegebenen institutionellen Bedingungen und ohne grundlegende Veränderungen gegebener Macht- und Herrschaftsverhältnisse bewirken können und empirisch seit den 1980er Jahren (zunächst in der Alt-BRD) bewirkten, hat Ulrich Beck am Beispiel von Frauenbewegungen und ihrer „Forderung nach Gleichstellung der Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen“ so beschrieben:

"Die Existenzform des Alleinstehenden ist kein abweichender Fall auf dem Weg in die Moderne. Sie ist das Urbild der durchgesetzten Arbeitsmarktgesellschaft. Die Negation sozialer Bindungen, die in der Marktlogik zur Geltung kommt, beginnt in ihrem fortgeschrittensten Stadium auch die Voraussetzungen dauerhafter Zweisamkeit aufzulösen ... ein Fall paradoxer Vergesellschaftung. Wer - wie Teile der Frauenbewegung - mit dem besten Recht Traditionen, unter denen die Moderne angetreten ist, weiterverlängert und die marktkonforme Gleichstellung von Mann und Frau einklagt und betreibt, muss auch sehen, dass am Ende dieses Weges aller Wahrscheinlichkeit nach nicht die gleichberechtigte Eintracht steht, sondern die Vereinzelung in gegen- und auseinanderlaufenden Wegen und Lagen."4

In der Neu-BRD wurde 2017 zur Lohngerechtigkeit für Frauen ein grosskoalitionäres Bundes-Gesetz zur Förderung der Transparenz von Entgeltstrukturen bei Unternehmen mit mehr als 200 Beschäftigten und persönlichem Auskunftsrecht veranlasst.5 Dies kann den Stand der Arbeitsmarkt-Individualisung weiter zuspitzen.

Auch wenn die deutschsprachige akademische RKM-Rezeption behutsam beginnt, RKMs wissenschaftssoziologische specified ignorance zu hinterfragten – die von RKM selbst erst später erkannte Unterscheidung von Handlungsfolgen in unanticipated (unvorhergesehen), unintended (unbeabsichtigt) und unrecognized (unerkannt) bleibt weiterhin un(auf)geklärt.

Würde im Sinne fachwissenschaftlicher Wissensarchäologie argumentiert, ginge es bei RKM um den Hauptverantwortlichen scheinbarer Verwissenschaftlichung eines Kernbereichs von Sozialwissenschaft entsprechend seines fiktiven Modells von - wirklich oder vermeintlich exakter - Naturwissenschaft.

In diesem erscheint menschliches Leben zum Zwecke seiner Berechenbarkeit auf „Kern und Schale“ ebenso geschrumpft wie die Vermittlung von Subjekt und Objekt missachtet wird6 – wozu eine soziale Welt als System propagiert wird, in der und in dem Sensualität ausgeklammert ist zugunsten von Systemerfordernissen, die „lebende Menschen in ihrer ganzen Subjektivität“ (Paul Feyerabend) in „tote Registraturnummern“ (Franz Kafka) verwandeln: Damit verweist RKMs Schlüsselwort unanticipated – nicht aber unanticipatable, unforeseeable, unpredictable – nicht nur fachsprachlich-sozialphilosophisch, sondern auch gedanklich-konzeptionell auf die doppelte Verkürzung von Soziologie als antihistorische und antihermeneutische Beliebigkeitsveranstaltung.

Richard Albrecht

Fussnoten:

1 Nachruf E.K. Scheuch; KZfSS, 55 (2003) 406-409

2 http://agso.uni-graz.at/lexikon/klassiker/merton/33bio.htm

3 R.K. Merton, The Unanticipated Consequences of Purpositive Social Action; American Sociological Review, 1 (1936): 894–904

4 U. Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Ffm. 1986: 198-200

5 BT-Drucksache 18/11133: 13.2.2017

6 R. Albrecht, Korntext (2002; 2007²) https://ricalb.files.wordpress.com/2009/07/korntext.pdf ders., Subjektivierung. Die Aktualisierung Goethe´scher sensualer Wissenschaftslehre als Dimension sozialwissenschaftlicher Forschung; Aufklärung und Kritik, 21 (2014) I: 122-126; http://www.gkpn.de/Albrecht_Subjektivierung.pdf

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