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Christentum und Islam im vorderen Orient Ökumene: Der Papstbesuch im Irak

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Papst Franziskus hat in Sachen Eigenwerbung oder Schlagzeilen den Vogel abgeschossen.

Papst Franziskus auf Besuch im Irak, 5.
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Bild: Papst Franziskus auf Besuch im Irak, 5. März 2021. / قناة التغيير (CC BY 3.0 unported - cropped)

2. April 2021

02. 04. 2021

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Während sich die Medien in mehr oder weniger belanglosen Corona-News wälzen, Feindbildpflege gegen China, Russland und die Militärs in Myanmar pflegen und ihre Spalten ansonsten häuslicher Gewalt, Prominenten und Kultur widmen, macht sich der Pontifex auf in dasjenige Land, das vom imperialistischen Westen in den vergangenen 2 Jahrzehnten tatsächlich in eine Art Steinzeit gebombt worden ist.

Man wundert sich oft, dass es den Irak als territoriale Einheit überhaupt gibt, obwohl es damit in der Tat nicht weit her ist. Der kurdische Teil ist de facto getrennt von der Metropole Bagdad, wo ein Konglomerat zwischen iranisch orientierten Schiiten, den USA-Militärs, schiitischen Milizen und iranischen Militärhelfern den Ton angibt, während ein grosser Teil der Bevölkerung von der Hand in den Mund lebt, als Flüchtlinge in Ruinen haust und sich um die Brosamen keilt, die von irgendwelchen Militärstützpunkten und ähnlichem für sie abfällt.

Was bewegt den argentinischen Papst dazu, dieses mehr als exquisite Reiseziel aufzusuchen?

Christentum heute

Für Leute, die nicht religiös sind, mag sich das Christentum als eine verhältnismässig einheitliche Angelegenheit darstellen. Aber das ist völlig verkehrt.

Vor allem die katholische Kirche ist seit Jahrzehnten auf dem Rückzug. Der polnische Papst hat dadurch, dass er sich mit den weltlichen Herren, vor allen den USA, mehr oder weniger ins Bett gelegt hat, viele katholische Gläubige vergrausigt, sowohl in Europa als auch in anderen Teilen der Welt. Die katholische Kirche hat u.a. deswegen ziemliche Nachwuchsprobleme, wovon verödete Klöster und Diözösen Zeugnis ablegen.

Einige Priester-Export-Länder wie Kroatien, Polen oder die Philippinen trotzen dem allgemeinen Trend, aber in den meisten Teilen der Welt fällt es aufgrund des starken Personalmangels schwer, irgendwie einen flächendeckenden Normalbetrieb aufrechtzuerhalten und Taufen, Begräbnisse, Firmungen und Trauungen termingerecht abzuwickeln. Zieht sich die Kirche jedoch aus einer Gegend zurück, weil sie vakante Priesterstellen nicht nachbesetzen kann, so führt das zu weiterem Mitgliederschwund. Die herrenlosen Schäfchen laufen dann notgedrungen zur Konkurrenz und wickeln dort ihr religiöses Leben ab.

Ständig hier und dort auftauchende Missbrauchs-Geschichten tragen weiter zur Unattraktivität der katholischen Kirche bei, und schliesslich fällt auch das Zölibat schwer ins Gewicht: Nicht nur, dass das Eheverbot junge Gottesfürchtige von der katholischen Kirche abschreckt und das weibliche Reservoir ungenützt bleibt, so kann diese Konfession auch nicht für natürlichen Nachwuchs sorgen.

Demgegenüber haben die verschiedenen orthodoxen Kirchen im ehemals sozialistischen Osten regen Zulauf. Sie werden auch von ihren verschiedenen Staatsgewalten gefördert, gegen entsprechende reziproke Dienstleistungen, wie zum Beispiel Wahlwerbung – es beflügelt den politischen Erfolg einer Partei oder Person enorm, wenn der Pope am Wahltag von der Kanzel den einen oder anderen Kandidaten empfiehlt, wie das in Rumänien, der Ukraine, Bulgarien und dem sonstigen Balkan gang und gäbe ist. Viele Arbeitslose aus dem Geheimdienst oder dem restlichen sozialistischen Staatsapparat kamen in den seither eifrig errichteten Klöstern unter, ohne sich mit Arbeit einen Haxn auszureissen oder gross ihre Ideologie zu ändern. Familiengründung ist möglich und oftmals sogar erwünscht.

Die Verpflegung dürfte auch nicht schlecht sein, weil diese ganzen Institutionen werden halbwegs regelmässig mit dem Nötigsten versorgt, und nehmen sich auch der Witwen und Waisen an, machen sich durch Suppenküchen beliebt und bewähren sich dabei auch als Institutionen der Geldwäsche. Sie sind im postsozialistischen Raum also bestens integriert und werden von der Politik hofiert, ganz anders als die römische Kirche, die mit wenigen nationalen Ausnahmen als ultramontane Fremdlinge betrachtet werden, denen eine Staatsführung mit gewisser Vorsicht begegnen muss.

Um so mehr, als nach der Wende 1990 viele katholische und evangelische Gruppen im Osten eine rege Missionstätigkeit entfalteten, um dort Anhänger zu gewinnen.

Dem schob z.B. Jelzin in seltener Einigkeit mit der Duma und sogar den Kommunisten Sjuganows Ende der 90-er Jahre einen Riegel vor, indem er der katholischen und den evangelischen Kirchen den Status einer autochtonen Kirche Russlands verweigerte, im Unterschied zum orthodoxen Christentum, dem Islam und dem Buddhismus.

Als nächstes befinden sich in dem Raum, in den sich der Papst jetzt begeben hat, jede Menge von christlichen Kirchen, die im Zuge des morgenländischen Schismas irgendwie übriggeblieben sind, und sich seither in Ermangelung des byzantinischen Gegenpols mehrheitlich der römischen Kirche angeschlossen haben, wie die maronitischen Christen, die armenische Kirche, die Chaldäer (1) oder die Assyrische Kirche des Ostens. Letztere ist zwar schwer dezimiert, aber als isolierte Kirche vielleicht empfänglich für Lockrufe aus Rom, vor allem, wenn es dazu materielle Unterstützung gibt.

Der Papst sucht also in den Trümmern des Irak nach Anhängern, mit denen er seine schrumpfende Herde wieder etwas aufpäppeln kann. Um so mehr, als die Christen Syriens, des Irak und der umliegenden Staaten durch Krieg, Terror, Pogrome und die jahrelange Drangsalisierung durch den IS inzwischen als Flüchtlinge über die ganze Welt verstreut sind. Die gute Figur, die der Papst inmitten des Schutts und der Trümmer von Mossul macht, schlägt sich möglicherweise als Zulauf der Dependancen Roms in Österreich, Deutschland, Kanada oder Australien nieder. Immerhin wird das medial in alle Winkel der Erde verbreitet, unter dem Motto: Der Heilige Vater vergisst seine Kinder im Elend nicht!

Schliesslich, und nicht als letztes, existieren zahlreiche evangelische und evangelikale Kirchen und Sekten rund um die Welt. Die sind, mit kräftigen materiellen Zuwendungen versehen, als Stosstrupp der USA, sozusagen deren Talibane, in der Heimat des Papstes, in Lateinamerika unterwegs, um dort die Monroe-Doktrin wieder etwas fester zu implantieren. Unter den Eliten wie unter den Armen versuchen sie, die angestrebte Führungsmacht populär zu machen und etwaigen lokalen Souveränitätsbestrebungen entgegenzuwirken. Auch dieser Abteilung gegenüber möchte der Papst möglicherweise zeigen: Die römische Kirche ist hier wie dort zuständig, um seinen Getreuen auch in Lateinamerika den Rücken zu stärken.

Abgesehen von der Absicht, seine Scharen zu stärken und zu vergrössern, möchte der Papst natürlich auch Weltpolitik betreiben.

Mossul

Man muss dem Pontifex zugestehen, dass er ein völlig zerstörtes Gebiet wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt hat.

Mossul, immerhin die zweitgrösste Stadt des Irak, ist nach wie vor ein Ruinenfeld. Es ist schwierig, an Zahlen zu kommen, wieviele Menschen in Mossul vor der US-Invasion 2003 lebten. Wikipedia gibt für das Jahr 1987 eine Zahl von 664.221 Einwohnern an. Eine andere Quelle nennt eine Zahl von 1,084.134 Flüchtlingen für das Jahr 2017. Mossul hatte also vermutlich 2002 zwischen 1 und 1,5 Millionen Einwohner. Sie setzten sich aus vorwiegend sunnitischen Arabern, Kurden, Turkomanen, Christen, Jesiden und anderen Minderheiten zusammen. Eine weitere Website gibt die Bevölkerung des Grossraums Mossul heute mit 1,6 Millionen an. Da sind vermutlich auch diverse Vorstädte und umliegende Dörfer mit einbezogen. Alle diese Menschen leben inmitten von Ruinen.

Es gibt kaum Hilfen für den Irak. Keine Macht der Welt hat viel Interesse an dieser zerstörten Region.

Eine Ausnahme bildet das irakische Kurdistan. Dort haben die USA einen Stützpunkt eingerichtet, Ölfirmen tummeln sich dort, auch ein Teil des syrischen Erdöls wird über den Irak an der syrischen Regierung vorbei, mit tatkräftiger Hilfe türkischer Firmen und Pipelines, auf dem Weltmarkt verscheppert.

Das alles betrifft jedoch Mossul nicht. An dieser Region hat niemand ein Interesse. Auch die Regierung in Bagdad kann oder will nichts für Mossul tun. Es ist gar nicht klar, wer dort das Sagen hat. Der Papst beging jedenfalls seine Messe in der Altstadt von Mossul inmitten der Ruinen von Kirchen und anderen Bauten.

Mossul wurde bereits 2006 ins Visier des IS genommen, bevor diese Organisation ausserhalb des Irak überhaupt zur Kenntnis genommen wurde:

„Im Dezember 2006 riefen sunnitische Extremisten der Terrororganisation Islamischer Staat im Irak und der Levante (ISIS)[19] in Mossul das Islamische Emirat Irak aus, dessen Hauptstadt Mossul werden sollte. Ein sogenanntes Kriegsministerium verkündete seine Anordnungen mittels Flugblättern. Seitdem nahm Terror in Mossul signifikant zu: Polizisten, Journalisten und Frauen ohne Kopftuch wurden ebenso bedroht und ermordet wie Inhaber kleiner Fotostudios (nach Ansicht des „Kriegsministeriums“ widersprach das Abbilden von Lebewesen dem Islam).“ (Wikipedia, Mossul)

Die Eroberung Mossuls durch den IS 2014 wirft viele Fragen auf, die niemand so recht beantworten will. Dem IS fielen damals jede Menge gerade frisch aus den USA an den Irak geliefertes Kriegsgerät in die Hände. Die meisten Offiziere der irakischen Armee flüchteten, die führungslosen Soldaten wurden abgeschlachtet. In den Banken Mossuls lagerte viel Bargeld in Dollars, mit dem der IS seine weiteren Aktionen finanzieren konnte.

Es war die Eroberung Mossuls, die den IS erst zu der grossen Bedrohung werden liess, die er jahrelang für die ganze Region darstellte. Dementsprechend fiel die Rückeroberung Mossuls durch gemischte Streitkräfte – die irakische Armee, schiitische Milizen, kurdische Peschmergas und amerikanische und britische Militärberater und Luftwaffe – sehr langwierig und blutig aus und zertörte auch einen guten Teil derjenigen Bausubstanz, die der IS in seinem bisherigen Wüten gegen alles vermeintlich Unislamische übrig gelassen hatte. Vor ihrer endgültigen Niederlage wurde von den verbliebenen IS-Kämpfern auch die Grosse Moschee des an-Nuri gesprengt, in der 2014 das islamische Kalifat ausgerufen worden war.

Von Mossul und der ebenfalls in Ruinen liegenden Stadt Karakosch begab sich Franziskus nach Nadschaf, um das Oberhaupt der Schiiten, Al-Sistani, zu treffen.

Der schiitische Islam

Die Haupt-Konfessionen des Islam spalteten sich über die Frage, wer der legitime Vertreter Gottes auf Erden sei – die Nachfahren Mohammeds oder seine treuen Schüler? Sollen die Bande des Blutes stärker oder schwächer sein als der Glaube und die Treue gegenüber den Lehren und ihrer gottesfürchtigen Interpretation?

Die Schia sieht in der Abstammung die einzige Garantie für die wahre Lehre. Die Schiiten verfügen über einen Klerus, in dem die Hierarchien relativ genau geregelt sind. Obwohl sie historisch in der Frage des Kalifats unterlegen sind, haben sie sich als Nebenlinie des Islam gehalten, zum Ärger der Sunniten. In der Schia ist das Amt erblich: Nur der Sohn eines Mullahs/Ajatollahs kann zu Amt und Würden gelangen. Die Schiiten gelten radikalen Anhängern des sunnitischen Islam als Häretiker: Sie lehnen den Dschihad, den Heiligen Krieg ab, solange der Mahdi, der 12. Imam, nicht erschienen ist, um zum Endkampf aufzurufen.

Sie sind für Vertreter des Islam wie dem IS daher Abtrünnige und Verräter, die schlimmer sind als die Ungläubigen aller Konfessionen. Der IS war ein willkommenes Werkzeug Saudi-Arabiens und anderer Golfstaaten, die ihn unterstützten, um den schiitischen Einfluss im Nahen Osten zurückzudrängen.

Ali Al-Sistani wurde 1930 in Madschad im Iran in eine Familie von Klerikern geboren. Er stammt also nicht aus dem Irak. Nach Studien in Madschad und in Ghom übersiedelte er 1951 nach Nadschaf, dem Zentrum der Schia. Nach dem Tod seines Lehrers Abul Kassem al-Khoei wurde er das Oberhaupt der Schiiten, dem sich sogar die obersten Ayatollahs des Iran unterwarfen.

Während er die Jahre vor der Invasion der USA 2003 im Hausarrest verbringen musste und wenig politisch-religiösen Einfluss ausüben konnte, bescherte die Lage nach 2003 ihm eine unangefochtene Führungsposition: Erstens wurde der Sohn seines ehemaligen Mentors, Abd al-Madschid al-Khoei, unmittelbar nach seiner Rückkehr in den Irak von einer aufgebrachten Menge gelyncht. Die Iraker nahmen ihm seine Packelei mit der Besatzungsmacht übel. Sie meinten: Wer sich mit Invasoren gemein macht, gehört weg!

Als zweites wurde sein einziger weiterer nennenswerter Rivale um die religiöse Autorität, Muhammad Baqir al-Hakim, durch eine Bombe getötet. Ein weiterer Vertreter der irakischen Schiiten, Muqtada as-Sadr, der Spross einer Familie irakischer Geistlicher, erkennt Al-Sistani als Oberhaupt an. Ähnlich verhält es sich mit den iranischen Notabeln, dem Wächterrat, Al-Khamenei und anderen: Sie erkennen Al-Sistani als oberste Instanz an.

Dabei spielt natürlich auch die politische Kalkulation eine Rolle, dass ein Iraner im Irak als schiitischer Papst den Einfluss des Iran in der Region erhöht. Wenn schon die iranischen Politiker sich ihm unterwerfen, so sollen das andere Politiker in Syrien, im Libanon, im Jemen und Pakistan, usw. auch tun.

Zwei Päpste unter sich

Wenn sich zwei solche oberste religiöse Führer miteinander treffen, so hat das etwas Widersprüchliches an sich: Jeder der beiden beansprucht, der Vertreter Gottes auf Erden zu sein. Und zwar des einzigen und wahren Gottes. Dann soll es den Einzigen auf einmal in zwei Ausführungen geben?

Der eine ein Abstraktum, das man nicht abbilden darf und dem man sich vollständig unterwerfen soll. Der andere ein Typ mit Rauschebart, der auf sehr verschlungenen Wegen einen Sohn gezeugt haben soll und dann dem damaligen Klerus und der weltlichen Macht zur Hinrichtung überlassen hat.

Hmmm. Es ist schwierig, sich vorzustellen, dass der eine und einzige Gott in so verschiedenen Kostümen auftritt. Aber selbst, wenn man sich auch wieder mit etwas Zähne-Zusammenbeissen darauf einigt, dass man dem gleichen Allerhöchsten dient, der sich am Freitag anders gibt als am Sonntag – wie kommt es dann, dass er sich zwei Vertreter genehmigt?

Die Personalpolitik Allahs bleibt uneinsichtig.

Dennoch haben sich diese beiden Päpste jetzt getroffen und beschlossen, sich in die Weltpolitik einzubringen, was angesichts der bescheidenen Performance der heute herrschenden imperialistischen und lokalen Gewalten im Irak ein ebenso begreifliches wie nobles Anliegen ist.

„Wie viele Divisionen hat der Papst?“ fragte Stalin in Jalta Churchill, als ihm von diesem vorgeschlagen wurde, sich mit der katholischen Kirche, hmmm, gut zu stellen.

Stalin hatte recht und unrecht zugleich. Denn die weltliche Macht operiert mit Divisionen – mit schwerem Gerät, mit Waffen aller Art zwingt sie den Gegner in die Knie.

Aber die Herrschaft über die Gedanken der Menschen, die diese Waffen bedienen, wird durch geistige Führer bewerkstelligt, und die möchten die weltlichen Herren gerne als Verbündete auf ihrer Seite wissen. Lange waren in Europa weltliche und kirchliche Macht Konkurrenten – in Zeiten, als die Päpste tatsächlich Divisionen hatten.

Es war eine Errungenschaft der Neuzeit, Religion und Staat zu trennen, und im Islam entstand in den letzten Jahrzehnten eine Gegenbewegung, die diesen Schritt wieder rückgängig machen wollte, weil sie sich dadurch Machtzuwachs versprach. Der Iran, Saudi-Arabien, die Taliban betreiben bzw. betrieben Gottesstaaten, wo die religiöse Oberhoheit und die staatliche Lenkung in einem Gremium vereinigt sind, wie in den muslimischen Grossreichen der Vergangenheit.

Inzwischen will der Papst, wie es aussieht, auch wieder Politik machen, weil es gar nicht klar ist, welche imperialistische Macht eigentlich das christliche Wertesystem vertritt.

Immerhin geht die Unterstützung des Wahhabismus einher mit Schädigung und Vertreibung der Christen des Nahen Ostens, wie der Papst kürzlich im Irak besichtigen konnte. Im letzten Jahrzehnt blieben auch die Aufrufe verschiedener christlicher Oberhäupter Syriens ohne Folgen, die die Politik des Westens in Syrien scharf angriffen und ihre Unterstützung für die Herrschaft Assads aussprachen.

Der IS hat angeblich noch mehr als 10.000 Kämpfer in Syrien und im Irak, nach den Schätzungen des Pentagon und der UNO. Von irgendwoher werden die unterstützt, und der Verdacht liegt nahe, dass es nach wie vor Saudi-Arabien ist.

Der Griff des Papstes nach mehr Einfluss in der Welt ist somit eine direkte Folge der Politik der USA und der EU in Syrien, dem Irak usw., und auch des Niederganges des Westens – Europas, der USA und ihrer Satelliten.

Der sunnitische Islam

Bis zum Ende des I. Weltkrieges waren die Trennlinien zwischen den muslimischen Konfessionen fliessend, von regionalen Machtkämpfen und Bündnissen geprägt.

Das änderte sich, als die wahhabitischen Saudis 1925 den Hedschas eroberten und die angestammten Haschemiten, aus denen beide Haupt-Strömungen des Islam hervorgegangen waren, vertrieben. Dies geschah im Einvernehmen mit dem britischen Geheimdienst und Aussenamt, die ihre vorherigen Verbündeten fallenliessen.

Die Wahhabiten, die bis dahin schon gezeigt hatten, was sie können – ihre Eroberungen gingen stets mit der Zerstörung von Moscheen, Grabmalen und anderen Gebäuden und mit Terror gegen die dortige Bevölkerung einher – wurden damit zu den Beherrschern der heiligsten Stätten des Islam.

Die wahhabitischen Saudis betrachten sich als die einzigen wahren Vertreter des Islam, alle anderen Strömungen sind im Grunde Häresie. Um diese Schreckensherrschaft aufrechterhalten zu können, bedurften sie immer äusserer Stützen. Es ist anzunehmen, dass bereits die Briten ihnen deswegen ihre Expansion ermöglichten. Sie sahen sie aufgrund der geringen regionalen Akzeptanz als treue Verbündete.

Die Allianz mit dem imperialistischen Westen wurde bekräftigt durch das historische Treffen des ersten Saudi-Königs mit F.D. Roosevelt auf einem Schiff im Roten Meer im Februar 1945. Damals war bereits bekannt, dass Saudi-Arabien über grosse Ölvorkommen verfügte. Nach 1945 wurden sie erschlossen, um der schnell ansteigenden weltweiten Ölnachfrage genügen zu können. Erstens wurden die Saudis damit noch wichtiger für die Zentren der westlichen Welt. Zweitens regnete es Geld. Damit konnte der Wahhabismus weiter expandieren, wenngleich nicht unmittelbar durch Grenzveränderungen.

Nur um sich von den Dimensionen des saudischen Ölreichtums einen Begriff zu machen:

„Die Pandemie hat der grössten Ölgesellschaft der Welt, Aramco, ordentlich zugesetzt. Die staatliche saudische Firma verbuchte 2020 einen Gewinn von 49 Milliarden Dollar (41 Milliarden Euro) – 44% weniger als im Vorjahr. … Innerhalb von 2 Jahren sank der Gewinn von Aramco von mehr als 111 Milliarden Dollar auf weniger als 50.“ (El País, 22.3.)

Auf das saudische Geld stützten sich die Mudschaheddin in Afghanistan. Mit saudischem Geld wurden jede Menge Medressen (Koranschulen) in Pakistan finanziert und mit wahhabitischen Lehrern versorgt. Dem verdankt die Welt das Erstarken des Fundamentalismus im ehemals mehrheitlich schiitischen Pakistan und die Entstehung und die Machtergreifung der Taliban. Al-Qaida und der IS wurden von Saudi-Arabien unterstützt und konnten deshalb so weit kommen, wie sie kamen. Das Nachbarland Jemen legt Saudi-Arabien in einem Dauerkrieg in Schutt und Asche, und mit seiner Ölförderung trug und trägt es sehr zum Verfall des Ölpreises bei, und setzt damit andere Ölförderländer unter Druck. Auch der heutige traurige Zustand des Libanons geht zu einem guten Teil auf die Einflussnahme Saudi-Arabiens zurück.

Bei all diesem segensreichen Wirken dieses Lieblings der westlichen Demokratien, der „internationalen Staatengemeinschaft“ hatte auch die Rivalität zum Iran einen hohen Anteil. Saudi-Arabien wird vom Westen unterstützt, um den Einfluss des Iran klein zu halten, seitdem dort die Mullahs 1979 die Macht ergriffen haben.

Ebenfalls ein Dorn im Auge der saudischen Königsfamilie waren säkulare und dem Westen nicht genehme Regierungen wie diejenigen Syriens, Libyens oder des Irak. Die gegen diese Regierungen tätigen fundamentalistischen Bewegungen wurden ebenfalls mit saudischem Geld unterstützt. Man sieht die Ergebnisse heute deutlich, die wahhabitische Dynastie hat ziemlichen Schaden angerichtet und ist in der muslimischen Welt dementsprechend verhasst, kann sich aber aufgrund von Geld und Unterstützung aus den USA und Europa weiterhin fast alles erlauben. (Man vergleiche das mediale Getöse um Navalny mit dem Säuseln im Blätterwald um den zersägten und verschwundenen Khashoggi.) Der sunnitische Islam hat keinen Klerus, es gibt also keine geregelten Hierarchien. Bauunternehmer, Ärzte oder Politiker können Koraninterpretationen vornehmen und Fatwas erlassen.

Jeder, der sich berufen fühlt, kann in einem Hinterhof oder einem beliebigen als Moschee deklarierten Gebäude Prediger werden und zum Dschihad aufrufen. Davon wurde in den letzten Jahrzehnten weltweit reichlich Gebrauch gemacht, was verschiedene religiöse Gelehrte in der muslimischen Welt sehr aufgebracht hat.

Ihnen wäre es recht, auch so etwas wie eine Hierarchie im Islam einzurichten und den Einfluss des Wahhabismus zurückzudrängen.

Amelie Lanier

Fussnoten:

(1) Der Aussenminister Saddam Husseins, Tarik Aziz, entstammte z.B. einer chaldäischen Familie.

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