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Das Politische Moment der Identität Islamismus – eine eurozentrische Position?

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Nach den jüngsten Terrorangriffen, die dem islamistischen Lager zugerechnet werden, wiederholt sich die Geschichte. Wieder einmal verschaffen sich Stimmen Gehör, die die alten Geschichten vom “Clash der Kulturen” zwischen dem Islam und dem Westen heraufbeschwören.

Denkmal in Marseille zu Gedenken der getöteten Kämpfer und Soldaten im Orient.
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Bild: Denkmal in Marseille zu Gedenken der getöteten Kämpfer und Soldaten im Orient. / Tsar HD (PD)

29. September 2016

29. Sep. 2016

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Doch gibt es den Islamismus tatsächlich? Oder ist er eine eurozentrische Erfindung? Der Literaturwissenschaftler Hamid Dabashi unternimmt eine Bestandsaufnahme:

Obwohl es ursprünglich vor dem einschneidenden Ereignis des 11. Septembers veröffentlicht wurde – das inzwischen ebenfalls mehr als ein Jahrzehnt her ist – hat Bobby S. Sayyids Buch A Fundamental Fear: Eurocentrism and the Emergence of Islamism nun eine noch zeitgemässere Wichtigkeit erlangt als im Veröffentlichungsjahr 1997.

In diesem wegweisenden Buch schlägt Sayyid provokativ vor, und man kann noch heute die Logik seines Vorschlages erkennen, dass wir den politischen Islamismus als eine spezielle Phase der Dekolonialisierung der muslimischen politischen Kultur begreifen müssen.

Sayyid verstand den Aufstieg des Islamismus als eine Herausforderung der westlichen politischen Vormachtstellung, vor allem der selbstverherrlichenden Erklärung des Endes der Geschichte. Diese These verlangt noch immer nach Aufmerksamkeit.

Wann genau begann ‚der Aufstieg‘ des politischen Islamismus? Mit der persischen Revolution von 1979? Oder vor dieser, damals in den 1920ern, als Hassan al-Banna die islamische Bruderschaft gründete? Und sogar schon davor, während der Tabakrevolte in Iran um 1890, als eine klerikale Fatwa eine grosse anti-koloniale Bewegung auslöste?

Pan-islamistische Bewegung

Oder vielleicht noch früher, als Jamal al-Din al-Afghani eine gewaltige pan-islamistische Bewegung in den 1860ern startete? Oder etwa in den 1850ern, als die Babi-Bewegung an den Grundlagen der kadscharischen Herrschaft rüttelte? Oder ist es doch nach all diesen Ereignissen doch: in den 1980ern als die Taliban in Afghanistan auftauchten?

Oder in den 1990ern, als Hisbollah und Hamas die politische Landkarte der arabischen Welt ernsthaftig betraten? War es vielleicht doch nach dem 11. September 2001? Sogar noch später, als die Muslimbrüder die Ägyptische Revolution im Januar 2011 übernahmen?

Alle diese Daten und Ereignisse (und weitere) können genutzt werden, um eine spezielle Phase des Islamismus in eine Richtung oder die andere zu markieren, manche von ihnen tatsächlich um die Dekolonialisierung der muslimischen Denkweise zu markieren, andere tatsächlich für das komplette Gegenteil.

Sayyid traf mit seiner Feststellung, dass wir den politischen Islamismus als integralen Bestandteil der Dekolonialisierung verstehen müssen, den Nagel auf den Kopf (wie man so schön sagt). Aber es gibt einen Reifeprozess genau vor dieser Dekolonialisierung, der eigentlich das Zeichen einer zutiefst kolonialisierten muslimischen Denkweise ist, die ihre Identität mit Begrifflichkeiten ihrer Kolonialherren definierte. Soviel war schon bekannt und verstanden von Denkern wie Albert Memmingen bis zu Ashis Nandy.

Die Frage ist nicht länger, warum die Europäer eurozentrisch sind, sondern warum das irgendwen kümmern sollte.

Multiple Formen des Islam

In seinem Buch schlägt Sayyid vor, dass Muslime nun danach strebten einen Gegenpol zum “Westen” anzubieten. Er widerspricht ausserdem jenen kritischen Denkern, die begonnen hatten, von multiplen Islamformen zu sprechen, indem er sich gegen die Theorie, dass ein essentialisierter Islam von Orientalisten fabriziert wurde, stellt.

Sobald wir Sayyids Ansichten über Postmoderne und Poststrukturalismus lesen, wissen wir, dass er an etwas viel kritischerem als der Auslegung eines politischen Islam dran ist, nämlich an den Modi der Wissensproduktion über den Islam. Diese Modi und Momente der Wissensproduktion über den Islam, darauf können wir uns einigen, sind abhängig von zwei Faktoren:

(1) Wer hat dieses Wissen produziert und mit welcher Autorität und welchem Zweck? Und (2) welches regionale oder globale Ereignis, oder Set an Ereignissen, hat diese neue Phase der Wissensproduktion über den Islam ausgelöst?

Anderthalb Jahrzehnte nach Sayyids Erörterungen bleibt vor allem dieser Punkt strittg – mit einer wichtigen Wendung. Seit der Veröffentlichung meines Buches „Post-Orientalism: Knowledge and Power in Time of Terror“ (2006) habe ich mich dafür ausgesprochen, dass das fiktive Wahngebilde “der Westen” nicht länger ein valider oder legitimer Gesprächspartner für die postkoloniale Welt ist.

Wir (Menschen, die bis dahin der Gnade dieses wahnwitzigen Phantasiegebildes an Macht und Beherrschung, das sich selbst ‚der Westen‘ nennt, ausgeliefert waren) reden nicht länger mit “dem Westen”. Wir haben endlich erkannt, was er wirklich ist: ein Trugbild. Er existiert nicht.

Werk der Orientalisten

Im Zuge dieser Erkenntnis unterstützt die Welt nun nicht mehr das Werk der Orientalisten, von denen ein militanter Islamismus produziert wird, sondern sie kehrt den Blickwinkel auf das gleichbleibende Objekt der Neugierde um.

Intellektuelle Strömungen, die sich am Ende der Moderne oder der Krise des Subjekts abarbeiten, sind ein rein europäisches Unterfangen (philosophischer oder moralischer Art – mit geringen oder gar keinen Konsequenzen für den Rest der Welt.

“A Fundamental Fear: Eurocentrism and the Emergence of Islamism” markiert eine kritische Phase in dieser Zeit des Wandels. Eurozentrismus ist nicht länger eine lästige Realität. Er ist auf positive Weise gleichgültig geworden. Natürlich sind die Europäer eurozentrisch. Warum sollten sie das nicht sein? Sie fragten Mullah Nasruddin, wo das Zentrum des Universums sei und er antwortete, dort wo er seinen Esel am Boden festgemacht hatte.

Das gleiche gilt für den Eurozentrismus. Die Frage ist nicht länger, warum die Europäer eurozentrisch sind, sondern warum es jemanden interessieren sollte. Dieses “Euro” in “Eurozentrismus” ist tatsächlich implodiert. Es ist so tief verstört und angstgesteuert, dass es nicht länger die Funktion eines kolonialen Katalysators des Denkens für andere Wissensregimes haben kann.

Das Politische Moment der Identität

Sayyid hatte Recht, als er den Ursprung des Islamismus im Eurozentrismus suchte, obwohl die Quelle dieses Binärs noch zu einer viel früheren Periode als dem Aufstieg Ayatollah Khomeinis zurückverfolgt werden könnte. Zu den intellektuellen Vordenkern Khomeinis wie Jamal al-Din al-Afghani oder sogar Scheich Ahmad Naraqi, der ursprünglich den Gedanken des Velayat-e Faqih formuliert hatte.

Aber Sayyid had noch etwas anderes identifiziert: das Politische Moment der Identität, das besonders schmerzhaft für muslimische Migranten in Europa und den USA geworden ist, wo das Gesicht der fanatischen Islamophobie dieser speziellen Form der Politik noch verbitterter geworden ist.

Es gibt eine steigende (wenn auch begrenzte) Anzahl an entrechteten, muslimischen Jugendlichen in Europa, die sich hingezogen fühlen zu den mörderischen Abenteuern des ISIS, es scheint für sie der einzige Weg zu sein gegen die rassistische Islamophobie – vertreten von Massenmördern wie Anders Breivik bis zu den so genannten neuen Atheisten wie Bill Maher und Sam Harris –, die Europa und die USA verschlingt, zu kämpfen.

Nativistische Mythologien

Dieser politische Aspekt der Identität ist heute bestimmend für die Europäische Union, oder deren Schreckgespenst, in einem Ausmass, dass dieses ‚Europa‘ nur noch sich selbst erkennt, indem es sich seine Alterität als bärtiges Gesicht oder mit Schal bedecktem Kopf einer muslimischen Person vorstellt.

Sayyid hat richtig diagnostiziert, dass der Aufstieg des Islamismus das Ende des Mythos ‚vom Westen als Bestem‘ war. Aber die gleiche Herausforderung hat den Mythos ‚vom Westen‘ selbst überhaupt erst erhärtet. In den Nachwehen der weltgeschichtlichen Ereignisse in der arabischen und muslimischen Welt, markiert durch den Arabischen Frühling und die Grüne Bewegung im Iran, hat sich die hohe Relevanz und Authentizität dieser Wahnvorstellung nun erschöpft.

Bücher wie „A Fundamental Fear“ verzeichnen, wo wir eigentlich stehen. Sie zeigen auf, wie weit oder wie wenig wir uns bewegt haben hin zu einer Geographie der Befreiung, die die Idee “des Westens” hinter sich lässt. Bis wir diese Freiheit erlang haben, ist jedes Buch über “den Islam” auch ein Buch über seinen Doppelgänger, “den Westen”.

Hamid Dabashi
berlinergazette.de

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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