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Zerstörung und Plünderung der Meere Fischindustrie: Raubzug durch die Weltmeere

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Bis zum letzten Fang: Nach dem Dok-Film auf «Arte» kann einem der Appetit auf Fisch vergehen. Und das ist gut so.

Gestrandeter Trawler «Baldvin Thorsteinsson» vor Island.
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Bild: Gestrandeter Trawler «Baldvin Thorsteinsson» vor Island. / Anthony Iusi (PD)

27. Januar 2014

27. Jan. 2014

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Eng zusammengepresst zappeln die Fische im prallvollen Netz, schnappen hilflos nach Luft, ihre Augen quellen hervor, viele sind bereits tot, zerquetscht unter Tonnen ihrer Artgenossen. Dann ergiesst sich die Masse durch eine Luke in den Verarbeitungsraum der schwimmenden Fischfabrik. Hier geht es laut und blutig zu. Am Fliessband werden die Fische ausgenommen und weiterverarbeitet – ohne Betäubung. Tierschutz hat in der industriellen Fischerei keinen Platz. An erster Stelle kommt der Profit.

Der Fisch, der auf unseren Tellern landet, hat oft eine unappetitliche Vorgeschichte. Das zeigt die Arte-Dokumentation «Bis zum letzten Fang» auf eindringliche Weise. Eingeholt mit umweltzerstörenden Netzen und fragwürdigen Methoden. Importiert aus der ganzen Welt. Aus Afrika in solchen Mengen, dass den Menschen vor Ort kaum genug zum Überleben bleibt. Oder aus Asien, wo die Fischindustrie auf Menschenhandel und Ausbeutung beruht, damit Fisch immer billiger wird.

Der Dokumentarfilm von Jutta Pinzler und Mieke Otte deckt die Missstände beim Fang und bei der Verarbeitung von Fisch schonungslos auf. Er macht aber auch deutlich, dass wir unseren Appetit auf Fisch zügeln müssen, wenn sich daran etwas ändern soll.

Zerstörung und Plünderung der Meere geht weiter

Seit den 1960er-Jahren hat sich der Fischkonsum weltweit fast verdoppelt. Um den wachsenden Hunger zu stillen, plündern internationale Fangflotten seit Jahrzehnten die Weltmeere. Jedes Jahr ziehen die Trawler rund 80 Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchte aus dem Meer. Das ist viel zu viel. Die ökonomischen und ökologischen Folgen sind verheerend.

Im Mittelmeer sind laut Experten mehr als 90 Prozent der Fischbestände überfischt, manche Arten wie Dorade und Schwertfisch akut vom Aussterben bedroht. Doch der Raubzug geht unbeirrt weiter. Weil es in Küstennähe kaum mehr etwas zu holen gibt, fischen die technisch hochgerüsteten Trawler weit draussen im Meer. Rund 200 Tonnen Fisch kann ein Super-Trawler pro Tag aus dem Meer ziehen und gleich an Bord verarbeiten. Die Netze werden immer grösser und reichen immer tiefer. Grundschleppnetze durchpflügen den Meeresboden in bis zu 1500 Metern Tiefe und vernichten einen einzigartigen Lebensraum.

Bei dieser rigorosen Fangmethode geraten auch Tiere in Netz, die der Fischer nicht brauchen kann oder offiziell nicht fangen darf. Dieser «Beifang» wird einfach wieder ins Meer gekippt. Meist tot. Schätzungen zufolge fallen jährlich fast 40 Millionen Tonnen Beifang an – eine gigantische Verschwendung an Nahrung. Aber auch an wertvollem Leben in den Ozeanen.

Gemäss Umweltexperten wird der Meeresboden 150-mal schneller zerstört als die tropischen Regenwälder. Doch die Industrie hält die Kritik für übertrieben: «Der Bauer pflügt ja seinen Acker auch um», kontert Claus Ubl vom Deutschen Fischereiverband die Vorwürfe von Umweltschützern. Den Unternehmen geht es hauptsächlich um Profit. Überfischung und Zerstörung der Meere sind für sie offensichtlich kein Thema. 164 Milliarden Euro werden jährlich mit Fisch erwirtschaftet. Ein lukrativer Markt, den die Fischindustrie hart verteidigt. Wenn nötig auch mit illegalen Mitteln.

Unwirksame Kontrollen, harmlose Sanktionen

Das Filmteam von Arte sprach mit Seeleuten, die seit Jahren auf Fisch-Trawlern arbeiten. Sie berichten von zahlreichen unerlaubten Machenschaften an Bord. Eine gängige Praxis ist zum Beispiel das «Aufwerten» des Fangs. Dabei wird ein Teil des eingelagerten Fischs wieder ins Meer gekippt, um im Frachtraum Platz zu schaffen für einen späteren Fang, der sich profitabler verkaufen lässt. So wird nicht nur tonnenweise wertvoller Fisch vernichtet, sondern auch die erlaubte Fangquote regelmässig überschritten. Oder noch schlimmer: Die Trawler fischen illegal in Regionen, die für sie eigentlich tabu sind. Um solche strafbaren Vergehen zu vertuschen, werden laut Insidern systematisch Fangbücher gefälscht.

Doch Kontrollen auf offener See sind schwierig. Die Küstenwachen führen zwar Stichproben durch – die sind aber in der Regel lange zuvor angekündigt. Und: Meist sind die Schiffe Wochen oder Monate weit draussen im Meer unterwegs. Manchmal begleiten unabhängige Beobachter die Crew. Sie sollen auf dem Schiff überprüfen, ob alle Regeln eingehalten werden. Doch Insider erheben schwere Vorwürfe: «Die Beobachter werden bestochen, unter Druck gesetzt und bedroht», weiss Henrique Ramos, Inspektor von Sea Expert. «Die Crew macht ihnen den Alltag an Bord zur Hölle.» Die Kontrolleure würden es kaum wagen, ihre Kabine zu verlassen. Kurz: «Man setzt alles daran, dass der Observer keinen Einblick in die Arbeit bekommt.»

Wirksame Kontrollen sind nicht das Einzige, was fehlt. Selbst wenn illegale Machenschaften aufgedeckt werden, droht den Verantwortlichen meistens nur eine Geldbusse. Die Strafen sind so gering, dass es den Unternehmen kaum wehtut.

EU-Steuergelder für die Fischindustrie

Dass es um den Fischbestand in den Meeren so schlecht steht, liegt auch an der kurzsichtigen Politik der EU. Seit Jahren sind die Länder der Europäischen Union an der extremen Ausbeutung der Meere beteiligt. Jahrelang hat die EU die Aufstockung der Fangflotten mit Subventionen massiv gefördert. Auch die Fangquoten wurden ganz im Interesse der Fischereiindustrie festgelegt – deutlich über den Empfehlungen der Wissenschaftler. Die lokal ansässigen Fischereibetriebe an den Küsten in Frankreich, Italien oder Spanien hatten das Nachsehen. Obwohl gerade solche Kleinbetriebe – in ihrem eigenen Interesse – auf nachhaltigen Fischfang bedacht sind. Heute haben viele lokale Betriebe Mühe zu überleben oder mussten bereits schliessen. Sie können mit der übermächtigen Konkurrenz nicht mithalten.

Die zuständige EU-Kommissarin Maria Damanaki räumt inzwischen Fehler ein und hat eine Minireform auf den Weg gebracht, die diese Entwicklung stoppen soll. Tiefere Fangquoten, weniger Beifang, bessere Kontrollen und schärfere Sanktionen sollen die industrielle Fischerei zu mehr Nachhaltigkeit zwingen. Umweltorganisationen wie WWF und Greenpeace bezweifeln jedoch, dass sich dadurch markant etwas verändern wird. Denn ein Problem bleibt bestehen: Bislang gibt es gibt keinen Plan, die überdimensionierten Super-Trawler zu reduzieren.

Europa fischt Afrika den Fisch weg

Zu den Verlierern im Wettrennen um die letzten Ressourcen der Meere gehören auch die Menschen an der Westküste Afrikas. Sie trifft es ungleich härter, denn hier lebt die Mehrheit der Bevölkerung vom Fischfang. Doch die einst fischreichen Bestände schwinden dramatisch.

Europa, Russland, China – die halbe Welt plündert das Meer entlang der westafrikanischen Küste. Seit Jahren schliesst die EU mit afrikanischen Staaten Fischereiabkommen ab, zum Beispiel mit Mauretanien. Geld gegen Fisch heisst der Deal. Die EU zahlt dem bitterarmen Staat jährlich 70 Millionen Euro und darf im Gegenzug in Mauretanischen Fanggründen fischen. Bis 2012 waren europäische Trawler auch vor der senegalesischen Küste aktiv. Seit dem Regierungswechsel liegen die Verträge auf Eis. Trotzdem landen 60 Prozent der Fische in Europa. Sie werden von einheimischen Fischern gefangen und direkt exportiert. Für die Bevölkerung im Land bleibt kaum etwas übrig.

Oft warten die Frauen auf dem lokalen Markt vergebens auf Kundschaft – und auf Fisch. «Wenn Europa uns schon nicht helfen kann, so soll es uns wenigstens nichts nehmen, damit wir leben können», klagt eine Fischhändlerin. Ihr Sohn sah in Senegal keine Zukunft mehr als Fischer. Vor vier Jahren hat er sich mit seinem Boot davongemacht – als Flüchtling Richtung Europa. Seither hat die Mutter nichts mehr von ihm gehört.

Die legale Plünderung der afrikanischen Fischgründe ist schon schlimm genug. Hinzu kommt noch ein weit gravierenderes Problem: die illegale Fischerei. Immer wieder werden internationale Trawler erwischt, die an der westafrikanischen Küste ohne Fanglizenz ihre Netze füllen. Experten schätzen, dass in dieser Region 40 Prozent des Gesamtfangs aus Piratenfischerei stammen. Das ist der höchste Wert weltweit.

Für die betroffenen Länder ein riesiger Schaden. Nicht nur, weil die Fische den Menschen vor Ort fehlen. Laut Zahlen der Welternährungsorganasition FAO und der WHO gehen Senegal durch den illegalen Fischfang jedes Jahr rund 76 Millionen Euro verloren. Geld, das der Staat dringend brauchen könnte.

Fischerei-Sklaven in Thailand

Besonders erschreckend zeigt sich die hässliche Seiten der Fischerei in Thailand – einem der wichtigsten Exporteure für Meerfisch und Shrimps. Die Thailändische Fischindustrie floriert – doch Menschenrechtsorganisationen zufolge funktioniert diese nur mit Hilfe von Tausenden modernen Sklaven aus Birma und Kambodscha, die auf Fischkuttern und in Shrimps-Fabriken unter menschenunwürdigen Bedingungen gnadenlos ausgebeutet werden.

Das Filmteam von Arte konnte mit einem Augenzeugen sprechen. Der Flüchtling aus Birma sass mehrere Jahre auf einem thailändischen Fischkutter fest. Seine Schilderungen sind schockierend: Mit falschen Versprechen schleusen Menschenhändler die Billigkräfte illegal ins Land und verkaufen sie an die Kapitäne der Fangflotten. Die Männer schuften an sieben Tagen in der Woche bis zu 20 Stunden pro Tag. Oft bleibt nicht einmal Zeit zum Essen und Schlafen. Prügel gehören zum Alltag an Bord. Viele Boote nutzen «Mutterschiffe» zur Versorgung mit neuen Crews und Treibstoff, auf diese Weise vermeiden sie eine Rückkehr an Land. Manche Männer sitzen Monate oder sogar Jahre auf See fest. Nur wenigen gelingt die Flucht.

Natalie Perren / Infosperber

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