UB-LogoOnline MagazinUntergrund-Blättle

Philosophie des Kontakts | Untergrund-Blättle

6198

gesellschaft

ub_article

Gesellschaft

Über die besondere Natur des Tastsinns Philosophie des Kontakts

Gesellschaft

Zwei Körper treten miteinander in Verbindung, wenn sie sich berühren. Aber was bedeutet es, sich zu berühren? Was ist überhaupt ein Kontakt?

18. Januar 2021

18. 01. 2021

1
0
3 min.
Korrektur
Drucken
Giorgio Colli hat eine scharfe Definition davon gegeben, indem er feststellte, dass zwei Punkte in Kontakt sind, wenn sie nur durch eine Leerstelle der Darstellung getrennt sind.

Der Kontakt ist kein Berührungspunkt, den es an sich nicht geben kann, denn jede fortlaufende Quantität kann geteilt werden. Man sagt, dass zwei Objekte in Kontakt sind, wenn kein Medium zwischen ihnen eingefügt werden kann, d.h. wenn sie unmittelbar sind.

Wenn zwischen zwei Dingen eine Beziehung der Repräsentation besteht (z.B. Subjekt-Objekt; Ehemann-Ehefrau; Meister-Diener; Entfernung-Nähe), wird man nicht sagen, dass sie in Kontakt sind; aber wenn jede Repräsentation verloren geht, wenn es nichts zwischen ihnen gibt, dann und nur dann kann man sagen, dass sie wirklich in Kontakt sind.

Dies kann auch dadurch ausgedrückt werden, dass der Kontakt nicht repräsentierbar ist, dass es nicht möglich ist, eine Repräsentation der fraglichen Relation zu machen - oder, wie Colli schreibt, dass "der Kontakt daher der Hinweis auf ein repräsentatives Nichts, auf einen metaphysischen Zwischenraum ist".

Der Makel dieser Definition ist, dass sie, sofern sie auf rein negative Ausdrücke wie "nichts" und "nicht darstellbar" zurückgreifen muss, Gefahr läuft, ins Mystische abzugleiten. Colli selbst gibt an, dass der Kontakt nur annähernd als unmittelbar bezeichnet werden kann, dass die Repräsentation nie ganz ausgeschlossen werden kann. Gegen jede Gefahr der Abstraktion wird es also nützlich sein, zum Ausgangspunkt zurückzukehren und erneut zu fragen, was es bedeutet, "zu berühren" - also diesen bescheidensten und irdischsten aller Sinneseindrücke, die Berührung, zu befragen.

Aristoteles reflektierte über die besondere Natur des Tastsinns, die ihn von den anderen Sinnen unterscheidet. Für jeden Sinn gibt es ein Medium (Metaxie), das eine entscheidende Funktion ausübt: für das Sehen ist das Medium das Durchsichtige, das, durch Farbe beleuchtet, auf die Augen einwirkt; für das Hören ist es die Luft, die, von einem Klangkörper bewegt, auf das Ohr trifft.

Was den Tastsinn von den anderen Sinnen unterscheidet, ist, dass wir das Tastbare nicht wahrnehmen, "weil die Mitte eine Wirkung auf uns ausübt, sondern durch Verbindung mit eben(ama) der Mitte". Diese Mitte, die nicht äusserlich an uns ist, sondern in uns, ist das Fleisch (sarx). Das bedeutet aber, dass nicht nur der äussere Gegenstand berührt wird, sondern auch das Fleisch, das von diesem berührt wird - dass wir also im Kontakt unsere eigene Empfindsamkeit berühren, von unserer eigenen Empfänglichkeit ergriffen werden.

Während wir beim Sehen unsere eigenen Augen nicht sehen und beim Hören unser eigenes Hörvermögen nicht wahrnehmen können, spüren wir beim Berühren unsere eigene Fähigkeit zu berühren und berührt zu werden. Der Kontakt mit einem anderen Körper ist also sowohl und vor allem der Kontakt mit uns selbst. Der Tastsinn, der den anderen Sinnen unterlegen zu sein scheint, ist also in gewissem Sinne der erste, weil in ihm so etwas wie ein Subjekt erzeugt wird, das im Sehen und in den anderen Sinnen irgendwie abstrakt vorausgesetzt wird. Wir machen zum ersten Mal eine Erfahrung mit uns selbst, wenn wir einen anderen Körper berühren, wenn wir unser gemeinsames Fleisch berühren.

Wenn man, wie es heute perverserweise versucht wird, jeden Kontakt abschaffen würde, wenn man alles und jeden auf Abstand halten würde, dann würden wir nicht nur die Erfahrung anderer Körper verlieren, sondern vor allem jede unmittelbare Erfahrung von uns selbst, das heisst, wir würden schlicht und einfach unser Fleisch verlieren.

Giorgio Agamben

Zuerst erschienen auf Sūnzǐ Bīngfǎ

Mehr zum Thema...
Karin Beate Nøsterud  norden.org
Unser Körper als Instrument für einen dritten ZweckKörper und Emanzipation

28.07.2015

- Die gesellschaftliche Emanzipation wird zumeist als eine Sache des Kopfes aufgefasst.

mehr...
Der australische Medien und PerformanceKünstler Stelarc bei einem Vortrag an der Concordia Universität in Montreal, Kanada.
Die Überwindung der OberflächeStelarc: Parasite Visions

05.11.2001

- In meinen früheren Aktionen trat der Körper mit Technologie auf, die an ihm angebracht war (die dritte Hand: betätigt durch EMG-Signale), die in ihn eingeführt wurde.

mehr...
Street Art aus Marseille.
Wie wir den Faschismus des postfaktischen Zeitalters bekämpfen solltenLachen und Politik

14.02.2018

- Die AfD im Bundestag, Hetze im Netz an der Tagesordnung.

mehr...
Fussball - Zwischen Spektakel und Selbstermächtigung

14.07.2016 - Alle reden übers Wetter. Wir nicht. Und wenn die Fussball-EM vorbei ist, dann fangen wir erst an über Fussball zu sprechen. In einem Spezial-Magazin ...

Künstliche Intelligenz | digitalisierte Fremdbestimmung

24.11.2019 - Welche Freiheit verspricht der „Digitalismus“, also die Verbindung von allen mit allem in digitaler Assistenz? Was bedeutet eine permanente Vermessung ...

Dossier: Karl Marx
Propaganda
Jeremy hunsinger Capitalism kills Love

Aktueller Termin in m

Ernährungsrat Bochum

Herzlich willkommen beim Ernährungsrat Bochum!Wir, der Ernährungsrat Bochum, sind ein Bündnis von Engagierten, das sich für eine zukunftsfähige und gesunde Nahrungsmittelversorgung in Bochum und Umgebung einsetzt. Als Netzwerk, ...

Montag, 1. März 2021 - 19:03

Botopia - Raum9, Griesenbruchstraße 9, 44793 m

Event in Zürich

Microwave

Montag, 1. März 2021
- 21:00 -

Hafenkneipe

Militärstrasse 12

8004 Zürich

Mehr auf UB online...

Trap
Untergrund-Blättle