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Gesellschaft

Leben wir in einem Land des apokalyptischen Spiessertums? Dekadenz und Perspektive

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Leben wir in einem Land des apokalyptischen Spiessertums, wie Zukunftsforscher glauben? Ist eine solche Dekadenz auch eine Folge der Perspektivelosigkeit, die sich klammheimlich in unser aller Leben geschlichen hat?

Mo Riza
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Bild: Mo Riza (CC BY-NC 2.0 cropped)

10. Februar 2016

10. Feb. 2016

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Auf der Such nach Antworten portraitiert der Autor Edward Viesel das politische Denken eines der grössten Provokateure unserer Zeit: Philipp Ruch.

„Wir erleben einen nie da gewesenen Aufschwung: Von 1970 bis 2015 hat sich das deutsche Bruttoinlandsprodukt (…) versechsfacht (…). Nie zuvor hatten wir (die Bewohner der westlichen Demokratien) derart viel Zeit, Reichtum und Luxus. Unsere Demokratien erstrahlen im Glanz von Grösse“.

Diese Zeilen lese ich bei Philipp Ruch. Ich bin 1971 in Westdeutschland geboren, habe also die in diesem Zitat genannte Zeitspanne erlebt. Schaue ich mich 2016 in den Dörfern und Kleinstädten Brandenburgs um, sehe ich: Die Gaststätten in den Dörfern haben alle in den letzten paar Jahren zugemacht. Überall stehen die verfallenden grauen Gebäude der ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften leer. Es gibt noch nicht mal Dönerläden und Kioske auf dem Land.

Warum? Das kann man an dem einzigen Wachstumssektor in Dörfern und Städten sehen: Kindertagesstätten (mit „Krippe“ für die Einjährigen), Kindertagesgruppen und Tagesmütter florieren. Jedes Jahr wird in diesem Bereich ein Eröffnungsfest gefeiert.

Arbeitsame Nihilisten

Man könnte ja denken, diese Gesellschaft sei besonders kinderlieb. Aber eher ist es die eiserne Notwendigkeit, die diese Entwicklung treibt: Da beide Eltern meistens den ganzen Tag auswärts arbeiten, kommen die Kinder eben in die entsprechende Einrichtung. Man benötigt in den Dörfern auch keine Gaststätten und Läden, weil sich zwischen 6 und 18 Uhr niemand unter 75 Jahren im Dorf aufhält. „Aufschwung, viel Zeit, Reichtum, Luxus, Glanz, Grösse“? Wir scheinen auf unterschiedlichen Planeten zu leben.

Am Anfang der Beschäftigung mit Philipp Ruchs „politischem Manifest“ – so der Untertitel seines umstrittenen Buches – stand für mich unmittelbar die Frage, warum ich mich eigentlich mit seinem Denken näher beschäftigen sollte. Es gefällt mir überhaupt nicht.

Ich will kurz den Tenor zusammenfassen: Ruch findet Ideen wirkmächtig, Ideen bewegten die Welt; er betont den freien Willen des Menschen; er glaubt, dass jeder Mensch Herr seines Geschickes ist, und hält pessimistische, deterministische, psychologisierende oder „nihilistische“ Denkweisen für „toxisch“: der Mensch vergifte sich dadurch quasi selbst. Er beraube sich seiner Kraft, die Welt nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.

Sein besonderer Intimfeind ist Sigmund Freud. Ihm unterstellt er, er habe mit seiner Psychoanalyse eine Fixierung auf Leid, Vergangenheit und Innenleben in Gang gesetzt, die „uns“ (den Menschen der westlichen Demokratien) heute jedes selbstbestimmte Bewusstsein für Zukunft, Grösse, Gestaltungsspielräume, Selbstbestimmung, Mut etc. raube. Zustimmend zitiert Ruch Winston Churchills Antrittsrede als britischer Kriegs-Premierminister der von allen grossen Parteien unterstützten nationalen Front aus dem Mai 1940:

„Sie werden fragen: Was ist unsere Politik? Ich erwidere: Unsere Politik ist, Krieg zu führen (…). Sie fragen, was ist unser Ziel? Ich kann es in einem Wort nennen: Sieg. (…) denn ohne Sieg gibt es (…) kein Weiterleben für den jahrhundertealten Drang und Impuls des Menschengeschlechts, seinem Ziel zuzustreben.“

Ruch, der sich als „Chefunterhändler“ des Zentrum für Politische Schönheit einen Namen gemacht hat, einer „Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Grossgesinntheit“, bezeichnet diese Haltung als „aggressiven Humanismus“. (Übrigens bezieht sich in Churchills Originalrede das „Weiterleben“ auf das Britische Empire und „alles, wofür das britische Empire bis heute (1940) gestanden hat“. Bei Ruch stehen dort drei Punkte.)

Würdelose, unschöne Postmoderne

Ich erinnere mich noch gut an Besuche in den späten 1970er-Jahren in Churchills letztem Wohnort, dem Herrenhaus Chartwell in London: Grosse Glaskästen voller lebensgrosser Puppen, die in Churchills verschiedene Uniformen gekleidet waren.

Da gab es Churchill in sandfarbener Wüstenuniform in Afrika, Churchill in blauer Marineoffiziersuniform auf allen Weltmeeren unterwegs, Churchill als Kriegsberichterstatter im wilden Afghanistan und so weiter. Und auch Ruch will, dass „wir“ in Afrika und Asien Diktatoren bekämpfen und Flüchtlinge aus allen Meeren fischen. Das nennt er „Grösse“, das soll unserem Leben Bedeutung geben, sogar Schönheit.

Churchill hat übrigens gemalt, Bilder von Seerosen in Herrenhausteichen beispielsweise. Ruch will vor allem im Leben eines jeden Menschen „Schönheit“. Deshalb leitet er auch das „Zentrum für politische Schönheit“, eine künstlerisch-politische Aktionsgruppe, die den Mächtigen auf die Finger klopft und dadurch bekannt wurde, dass sie vor dem Reichstagsgebäude in Berlin symbolisch ein Gräberfeld für ertrunkene Flüchtlinge anlegte.

Ruchs Gedankenwelt ist voll aufrührerischer, nachdenkenswerter Überlegungen zum „Seelenselbstmanagement“ (meine Bezeichnung). Psychologie, Neurologie, überhaupt die ganze aktuelle Wissenschaft und der Medienbetrieb dienen aus Ruchs Sicht einfach nur der Selbstverkleinerung und der Selbstzerstörung jeglicher konstruktiver individueller Perspektive.

Was die meisten Menschen für die ganz normale menschliche Begrenztheit durch Genetik, ihre psychologische Selbstentwicklung und ihre soziale Herkunft halten, ist bei Ruch schlicht das Aufgeben der eigenen Seele und der eigenen Wirkmächtigkeit. Auch bei Ruchs Feststellung, ausgehend von Friedrich Nietzsche, dass dem Leben des Industriemenschen Grösse und Schönheit – ich glaube, er meint eigentlich eher so etwas wie „Würde“ – fehle, erlebe ich Resonanz.

Zivile Perspektive gesucht?

Nur: In Philipp Ruchs politischem Denken fehlt schlicht jede Art von „Normalzustand“. So sehr er sich gegen die Romantiker mit ihrem hermetisch auf das eigene Innenleben gerichteten Blick wehrt, so sehr erscheint mir sein Manifest eigentlich lediglich eine Beschreibung seines eigenen seelischen Zustandes.

Auf mich wirken die blutrünstigen Diktatoren und vom Ertrinken bedrohten Flüchtlinge, die Ruchs Alltag anscheinend bevölkern und seinen Lebenszweck bilden, wie Projektionen eines individuellen Seelenzustandes. Welcher Zustand könnte das sein, in dem man so vollständig von der eigenen Alltagswelt getrennt ist, dass die Welt nur aus Flugzeugbenzin, Bürgerkriegsgedonner und UN-Hochkommissaren besteht, eine Welt, die mich an frustrierte Jungenträume (eher der 1950er-Jahre) erinnert?

Für mich ist das ein seelischer Zustand der völligen Perspektivelosigkeit. Seine Predigt verstärkt aus meiner Sicht genau den verbreiteten seelischen Zustand, den er geisselt: die Unmöglichkeit, sich ein sinnvolles Alltagsleben vorzustellen, will man sein Leben nicht damit verbringen, auf hoher See in einem rostigen alten Schiff Flüchtlinge aus dem Meer zu ziehen oder in Asien und Afrika Diktatoren mit Kanonendonner aus dem Amt zu jagen. Wenn ich Ruch über Schönheit und Grösse predigen höre, denke ich an graue, kleinbürgerliche deutsche Vorstädte, an Enge und an Lieblosigkeit.

Genau da ist Ruch interessant: Er beschreibt implizit das heutige Innenlebens des Menschen sehr gut, nämlich das einer vollständigen Perspektivelosigkeit, wenn man von den alltäglichen zivilen Werkzeugen für das Perspektivemanagement (so will ich es einmal nennen) ausgeht, die den Menschen in Normalfamilie, Schule, Sportverein und Klavierunterricht mitgegeben werden.

Selbstmord oder Fremdenlegion

Nach aussen muss ich so tun, als wäre „die Rente sicher“, der „Aufschwung stabil“ und mit ein paar guten Aktientipps das Leben ein echtes Paradies und letztlich ein lässiger Freizeitpark. Innerlich weiss ich, dass ein Leben mit gesellschaftlicher Dauerkrise wie in Griechenland unser Los sein wird.

Es wird ein ganz kleines, ganz schmales Leben sein, das langsam von einer gewissen Höhe der aufgeputschten Illusion und stolzen Leugnungshaltung in die Tiefen der starren, schäbigen Dauerkrise hinabsteigt, es wird rein äusserlich gesehen eher ein unschönes, ungrosses, unwürdiges Leben sein.

Für grossspurige Gesten werden einfach die Mittel und die Zeit fehlen. Wenn ich Philipp Ruchs Aufruf zu Grösse und Schönheit lese, überkommen mich Depressionen, weil auch bei ihm jede zivile Perspektive für den Alltag des Menschen fehlt. „Selbstmord oder Fremdenlegion“, das scheint dann der einzige Ausweg zu sein, falls Deutschland das Geld oder Personal für Flüchtlingsrettung oder ferne Kriegsabenteuer ausgeht.

Damit ist Ruch aber fest im Mainstream verankert. Auch bei ihm existiert eine scheinbar lebenswerte Zukunft nur jenseits der aktuellen Lebenssituation, „in einem anderen Land“. Wer sich seiner eher extremistischen Lebenshaltung verweigert, den qualifiziert er als selbstverliebten Egoisten oder Drückeberger ab, genau wie das die Politiker machen, die er sonst nicht mag.

Zeit der Dekadenz

Die extreme Haltung Ruchs ist erkennbar eine Reaktion auf die von ihm vorgenommene negative Einschätzung des Gesellschafts- und Kulturzustandes in Europa. Wo er hinschaut, Verweichlichung, Prinzipienlosigkeit, Egoismus, Faulheit, und Verschwendung: Dekadenz eben. Eine Zeit der Dekadenz ist ja eine Zeit, in der in einer Gesellschaft noch Wohlstand, Ordnung und Prinzipien herrschen, sie jedoch durch eine „dekadente“ Haltung von innen heraus bereits zerstört wird.

Im Tragödienformat „Aufstieg und Fall von X“ ist dies der Zeitpunkt kurz vor dem unaufhaltsamen Abstieg. Dekadenz hat auch mit Perspektivelosigkeit zu tun. Es geht nicht mehr höher und weiter, deshalb will man sich auch gar nicht mehr strecken. Das auf „Höher und Weiter“ getrimmte Leben verliert seine – darauf abzielende – Perspektive.

In dieser Situation liegt die Perspektive für mich eher in einer egofreien Liebe zu den Menschen, die mich heute umgeben, egal ob sie aus Syrien oder Saarbrücken kommen. Lasst uns gemeinsam eine Perspektive für unser Leben heute und morgen entwickeln. Ach so, wer ist eigentlich „wir“?

Edward Viesel

Philipp Ruchs Buch “Wenn nicht wir, wer dann? Ein politisches Manifest.” ist im Ludwig Buchverlag erschienen.

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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