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Paradis Perdu: Der Verfall eines Badeortes | Untergrund-Blättle

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Sables d’Or les Pins, Côtes d’Armor, Frankreich Paradis Perdu: Der Verfall eines Badeortes

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Vom Inland aus führt die Rue du Lac in den Badeort hinunter und der Wechsel auf die Allée des Acacias hat für mich immer den Beginn der Ferien markiert: wie ein Pfeil schoss sie genau auf den Horizont zu, wo man schon das Meer sehen konnte.

Für L.

Platz mit altem Gebäude in Sablesd’OrlesPins, Frankreich.
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Bild: Platz mit altem Gebäude in Sables-d'Or-les-Pins, Frankreich. / TCY (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

28. Juli 2015

28. 07. 2015

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Sie war damals so breit angelegt, dass man als Fussgänger nie wusste, wo die karge Strasse nun eigentlich aufhörte.

Heute hingegen wimmelt es von Schildern, Zebrastreifen und Verkehrsinseln, es gibt Fussgängerwege und Strassenbepflanzung, auf den ersten Blick scheint die Allee von einst auf die verkehrsberuhigte Zone einer Kleinstadt zusammengeschrumpft zu sein. Doch nicht nur die alten Villen im anglo-normannischen Stil, vor allem das prächtige Palais des Arcades hält die Erinnerung an die Gründerzeiten wach – von dem goldenen Sandstrand, dessen Anblick mich wie eine Umarmung umfängt, ganz zu schweigen.

Sables d'Or les Pins hat sich kein bretonischer Bauer ausgedacht. Im Jahr 1921 kaufte Roland Brouard das ehemals unbewohnte Gebiet am Strand von Minieu auf und liess in der Folgezeit die grosse Düne hinter der langen Bucht bis zur Bouche d'Erquy abtragen: Hier sollte ein Seebad entstehen, das den Vergleich mit Deauville oder La Baule nicht zu scheuen brauchte. Nachdem die nötige Infrastruktur geschaffen und zahlreiche Hotels errichtet worden waren, erlebte Sables d'Or in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre seine Blütezeit.

Während des allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwungs in Frankreich trumpfte der Badeort mit verschiedenen kulturellen Angeboten auf: Im Paradis des Sport konnte man Polo, Golf oder Tennis spielen, an Reitturnieren und Sportwettbewerben teilnehmen; ein erstklassiges Restaurant des bekannten pâtissier Colombin aus Paris öffnete seine Türen; für die Vergnügungssüchtigen wurden im Casino Bälle gegeben; im Vallée de Diane fanden Jazzkonzerte, Theatervorführungen sowie beliebte Gesellschaftsspiele statt.

Heute lesen wir all das Glück, das uns Unzeitgemässen verwehrt zu sein scheint, in die Bilder jener Zeit hinein: Ein heller Sommernachmittag im Théâtre de Verdure; Sonnenschirme und Männer in Anzügen; eine Freilichtbühne, auf der adrett gekleidete Damen ein musikalisches Stück darbieten – all das im typischen Charme einer körnigen Schwarzweissfotographie. Sind so letztlich die paradis perdu die einzig wahren Paradiese? Die verlorenen Paradiese sind nicht etwa deswegen die wahren, wie Herbert Marcuse in seinen Notizen zu Proust anmerkt, "weil in der Erinnerung die vergangene Lust grösser und ungetrübter erscheint als sie in der Wirklichkeit war", vielmehr nimmt die Erinnerung "dieser Lust die Angst vor ihrem Aufhören und gibt ihr eine sonst unmögliche Dauer. Über das schon Verlorene hat die Zeit keine Macht mehr, und die Erinnerung selbst hebt es aus dem Nicht-Seienden zum Sein." [1]

„Zwei Uhr nachts ... Das Kasino ist verlassen... Das Feuerdiadem der Säulenhalle erloschen... Die Hotels und Villen, schimmernde Auslassungszeichen auf dem riesigen Blatt der nächtlichen Stunde, haben soeben ihre leuchtende Blindenschrift ausgeschaltet. Der rosafarbene Lichtschein aus den Fenstern des Tanzsaals hebt sich nicht länger vom samtigen Blau der Nacht ab.

Dort ist das Geigengezitter erstarrt, Gesang von Bienen, gefangen in Kristall ... Autos gleiten über die Boulevards voller Blumen, mit dem Flüstergeräusch eines Kusses, jenes der Wellen erwidernd, die sich am Gestade brechen, ganz sanft... Lincoln, Voisin, Panhard, Talbot, Hotchkiss, Citroën, Hispano-Suiza, ebenso viele Käfer, die mit glänzenden Panzern und eingefalteten Flügeln, fügsamer als Einhörner von ehedem, zum Ausgang des verzaubernden Balles kommen, um auf alle Feen der Umgebung zu warten.

Aufblitzende Fensterscheiben... das Kleid einer Frau ... diese doppelte Spiegelung bricht bei jedem losfahrenden Wagen auf in den Schatten... Das letzte Kabriolett verschwindet in der Ferne, ein aufheulendes Decrescendo, das nachlässt und verklingt. Diese plötzliche Stille nach dem lärmenden Fest, dieser jähe Übergang von menschlicher Erregung zum grossen Frieden der Nacht, vom Vergnügen zur Ruhe, ist hier vor dem Meer noch ergreifender. Im immergleichen Singsang schlägt der Rhythmus spöttischer Wellen gegen die Seitenwände des Boulevards... Mit einem zischenden, schroffen Rundumschlag treibt der Wind die zerdrückten Rosen weit fort, die in dieser Nacht von einer nackten Schulter gefallen sind, und verweht die Spuren zarter Fersen im Sand...

Einzig der Leuchtturm von Fréhel, ein grünlicher Lichtblitz in der wieder eingekehrten Dunkelheit, bleich und grandios, schickt weiterhin, mit grellen Stössen, ein Rufzeichen in die Unendlichkeit...“ [2]

Am 25. Oktober 1929 bereitet der Börsencrash diesem Traum eines unbeschwerten Lebens ein rasches Ende und auch in den darauffolgenden Jahrzehnten vermochte der Badeort nie mehr an seine alten Glanzzeiten anzuschliessen. Wenngleich er heute immer noch als attraktives Reiseziel für europäische Touristen gilt, so hat die Erfahrung des Scheiterns einen unwiderruflichen Schaden an seiner Ganzheit verursacht: Das Goldene Zeitalter der unbegrenzten Möglichkeiten, der ideale Ort der Metamorphosen und Wunder ist unwiderruflich verloren: Sables d'Or les Pins hat nun eine Vergangenheit.

Früher, ich erinnere mich, bewahrte ihr Körper den Meeresgeruch und die Farbe der Sonne in allen Poren auf; nun, wo er in unendliche Ferne gerückt ist, scheint seine Gestalt in die Weite des goldenen Sandstrandes eingegangen zu sein. Dort hinten im Meer, auf westlicher Seite, wacht die kleine Kappelleninsel wie ein ewiger Zeuge über unser vergangenes Liebesglück. Einmal sind wir bei Ebbe hinübergewandert; da wussten wir, dass der Petit Mont Saint-Michel vom weiten am schönsten aussieht. Adieu celles d'hier. Je vous aime.

Bild: Petit Mont St. Michel / M. A. Sieber

M. A. Sieber

Fussnoten:

[1] Herbert Marcuse: Notizen zu Proust. In: Ders.: Nachgelassene Schriften. Kunst und Befreiung. Herausgegeben von Peter-Erwin Jansen. Lüneburg 2000, S. 151–156, hier: 152.

[2] Marie-Paule Salonne, La Dame au cou de nacre.



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