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Stirner hängt mit mir ab und ärgert mich | Untergrund-Blättle

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Stirner hängt mit mir ab und ärgert mich Suche, Sucht, Sehnsucht

Gesellschaft

Es kann doch wohl nicht wahr sein! Noch nicht mal eine Woche ist es vorbei, dass ich meine Arbeit eingereicht habe und schon fange ich wieder an, über neue Projekte nachzusinnen und produktiv sein zu wollen.

Max Stirner.
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Max Stirner. Foto: Friedrich Engels (PD)

29. April 2022
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Gut, einige Dinge hatte ich auch aufgeschoben. Und am Ende ist die Frage der eigenen Produktivität, ja immer eine von abstrakten Vergleichen mit von aussen gesetzten Massstäben. Aber einfach mal ganz raus zu kommen aus diesem Hamsterrad gelingt mir offenbar nicht. Auch, wenn ich es mir zu grossen Teilen selbst geschaffen habe und auch, wenn das, was ich tue, eben nicht dazu führt, dass ich einen anerkannten Job kriege, mir einen Namen mache oder mein sexuelles Kapital steigern könnte. Im Gegenteil! Eher fühlt es sich so an, als würde ich kontinuierlich an meiner Selbstdemontage schrauben, an der Selbstsabotage meines eigenen Glücks.

Und ein Grund dafür ist sicherlich: Die Angst vor der Leere, die Angst vor dem Nichts. Die Verdrängung des Wissens darum, dass ich nur einmal lebe und dann tot sein werde, führt dazu, dass ich krampfhaft etwas erschaffen möchte – und dabei das Leben selbst verpasse. „Oh ha, der abgerissene Möchtegern-Intellektuelle (von der organischen Art…) hat wieder seinen existenziellen Nachmittag!“, höre ich euch da lästern.

„Kaum kiffen sie mal Gras mit mehr High, schon denken die Bücherwürmer, sie wären Künstler!“. Und doch kann ich euch sagen, dass mich die Frage mit dem Nichts schon ausführlicher beschäftigt hat früher. Es war mit ungefähr 13, als ich das erste Mal in den Ab-Grund geschaut habe, dass ich in die schwärzeste Schwärze der tiefsten Tiefen gefallen bin. Und weil das später noch mehrmals geschah, habe ich mir vermutlich angewöhnt, den Leerlauf und die Leere zu vermeiden…

Ich sitze mit einem Bier in der Hand am Bordstein in einer verhipsterten alternativen Gegend, in der generell viele Leute stranden, die einen Neustart wagen wollten. Stirner setzt sich neben mich und wir stossen an. Komischer Typ, denke ich. Je zu einem Viertel reformpädagogischer Lehrer, rotziger Punker, sensibler Philosoph und narzisstischer Selbstdarsteller. Ich weiss, den Syndikalist*innen und anarchistischen Kommunistischen gefällt es nicht, wenn Stirner auftaucht. Sie wollen ihn auch öfters rausschmeissen, so wie sie selbst aus der ersten und zweiten Internationale rausgeworfen und rausgeekelt wurden.

Es mag den straighten Gewerkschafts- und Politaktivist*innen gefallen oder nicht – Aber ohne Leute wie den unheiligen Max (bzw. Johann Casper) gäb es wohl auch keinen Anarchismus. Und so ist es kein Zufall, dass Stirner die Angewohnheit aufzukreuzen hat, wenn relativ privilegierte Kleinbürgerkinder sich in der Gosse wähnen.

Der egoistische Individualismus ist die letzte Verfallsstufe des Anarchismus. Es stimmt aber eben auch, dass er seine Initialzündung ist. So befinden sich Alles und Nichts, Chaos und Ordnung, mal wieder in einem wunderbaren Spannungsfeld. Es macht blopp und schäumt als Stirner das nächste Bier öffnet und wir wieder anstossen. Ja, die Angst vor dem Nichts und Suchtaffinität liegen eng bei einander, habe ich immer wieder festgestellt. Stirner sagt: „Nichts nährt das Nichts und füllt die Leere mehr als Nikotin“ und zündet sich eine Kippe an. Ich nicke. Und dann fängt er an mich zu ärgern. „Na, heute schon wieder für die soziale Revolution geschuftet, wieder Pläne gemacht für die libertär-sozialistische Gesellschaft??“, sagt er kichernd.

„Scheint ja gut zu laufen mit der Agitation der grossen Massen aktuell – nur eben mehr auf Seiten des liberalen und konservativen Bürgertums“, meint er und ich seufze angestrengt. „Ich mach nur Spass“, fügt er hinzu, um noch tiefer in die Wunde zu stossen: „Fände es nur scheisse, wenn du anderen mit deinem post-humanistischen Weltverbesserungsdrang beglücken würdest. Wenn die Leute sich selbst nicht befreien wollen, brauchen sie auch deine Programme nicht, Meiner“.

Und ich erwidere: „Verdammte Axt, Max, is gut. Niemand von meinen Leuten will die Macht an sich reissen und anderen unsere Gesellschaftssysteme aufdrücken, das weisst du. Wir haben darüber reflektiert und daraus ergibt sich der sozial-revolutionäre Weg – also sei nicht so unfair!“. Doch so leicht lässt er nicht locker.

„Wäre schon mal Zeit, dass du dich um dich selbst kümmerst, um deinen Selbstgenuss. Sonst wirst du ungeniessbar, völlig vertrocknet und einsam für ‚die Sache‘ krepieren. Dagegen ist die Empörung Selbstzweck – und darf sie auch sein. Empörung muss nicht verzweckt überhaupt inhaltlich vorbestimmt werden. Denn die Einzigen, geben ihr ihre Inhalte und Zwecke – welche Milliarden sind.“ Und ich so: „Weisst du, was mich nervt? Dass du so tust, als hättest du das voll geblickt mit dem Nichts, dem Rumgegeistere, der Empörung und der Selbstschöpfung. Wenn ich dich so ansehe, hab ich um ehrlich zu sein nicht den Eindruck, dass du so gut kannst, wovon du faselst.“

Stirner wieder: „Auweia, jetzt wirst du aber plötzlich ganz grantig. Mir geht es halt gegen den Strich, dass Leute als weisse Blätter angesehen werden, auf die alle meinen ihren Kram drauf kritzeln zu dürfen, anstatt das eine jede selbst ihr Leben beschreibt und beschreitet.“

Und so streiten wir noch eine Weile weiter, während sich der Bordstein mit leeren Flaschen und Kippenstummeln füllt. Ab und an geht jemand an uns vorbei und wirft einen erheiterten oder abfälligen Blick auf uns abgerissene Gestalten, denen nichts über sich geht und dann wieder alles über sie. Die ihre Prinzipien haben, nur um sie dann wieder einzureissen; die messerscharfe Kritik üben, nur um sie wieder zu relativieren; die geduldig zuhören und dabei viel Genervtheit in sich reinfressen; die Menschen und Dinge gefunden, und sie wieder verloren haben; die über die Welt und sich darin dauernd nachdenken müssen, obwohl sie sich vor allem wünschen, ungefragt in den Arm genommen und intensiv geküsst zu werden.

Es ist schon lange sehr kalt, wie wir da sitzen und quatschen, streiten, pöbeln, verstehen und missverstehen. Der Frühlingsdurchbruch lässt wie gewohnt auf sich warten und ich bin schon völlig durchgefroren. Wir stehen auf und Max klopft den Staub von seinem fleckigen grauen Mantel, zauselt sich durch die grün gefärbten Haare und rückt seine Brille auf der Nase gerade. Zwinkernd sagt er noch: „Ich hab da neulich diesen Verein gegründet. Komm doch gerne mal vorbei und schau dir eine wirklich freiwillige Assoziation an.“

„Klar, die nächste Kleingruppe, die um sich selbst kreist und nach weniger als einem halben Jahr wieder auflöst“, entgegne ich gähnend, wohl, um unser Zusammentreffen mit dieser Formulierung abzurunden. Stirner geht leise pfeigend, ich aber schweigend meiner Wege. Und ich sage zu mir: Dass es einen Versuch wert ist, die Leere zuzulassen und auszuhalten, um zu erkennen, was denn alles da ist in meinem Leben.

Jonathan Eibisch

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